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Nobody wants to be here, nobody wants to leave (S6:Ep6) (Teil 2)

von | 2021 | 14. November | Die Serie, Staffel 6 - Peace or Love

Alles wird gut

Ja. Nee.
Natürlich wird nicht alles gut.
War nur Spaß.
Deswegen,
ohne lange Vorreden:
Winter 2021 –
Nichts wird gut.
Damit wäre auch eigentlich
schon alles wesentliche gesagt.
Aber: Chronik, und so.
Also weiter.
Lustlos.
Ideenlos.
Ratlos.
Und fast schon hoffnungslos.

Nicht so wie Die Welt.
In einem akuten Anfall
von geschichtsrevisionistischer Bösartigkeit
überschreibt die in dieser Woche
eines ihrer Videos
allen Ernstes mit:
„Noch ist Polen nicht verloren“,
also dem Beginn der polnischen Nationalhymne.
Warum macht Die Welt das?
Keine Ahnung,
aber hier der Kontext:
Aktuell stehen an der polnischen Grenze zu Belarus
15.000 polnische Soldaten
und „sichern“ die EU-Außengrenze.
Auf der anderen Seite stehen,
liegen, hungern und erfrieren
8.000 Kriegsflüchtlinge,
die meisten aus dem Norden des Iraks und Syrien,
die über Polen in die EU wollen.
Das Flüchtlingshilfswerk der UN
schickt Zelte und Verpflegung.
Dem deutschen Außenminister aber
ist es wichtiger, den belarussischen Diktator
der Schleuserei zu beschuldigen,
weil der die Flüchtenden einfach so
zur Grenze durchlässt.
Aber als Schleuser würde er sie ja
über die Grenze bringen,
weswegen Heiko Maas mit seiner Anschuldigung
eh schon nicht viel Gutes macht,
aber vor allem inhumanitäre Scheiße erzählt.
Denn auch gar nicht mal so gut ist,
dass von der anderen Seite
bereits russische Kampfjets kommen,
damit die 15.000 polnischen (also auch EU-)Soldaten
nicht noch auf dumme Ideen kommen.
Die EU und Russland am Rande eines Krieges.
Wegen Kriegsflüchtlingen.
Aber ansonsten geht‘s allen noch gut, ja?

Nein.
Natürlich nicht.
Nicht Allen.
Nur wenigen.
Zum Beispiel, sagen wir mal,
Elon Musk.
Der Nummer 1 Posterboy aller
neoliberalen Tunichguts
hat schon wieder den nächsten super Vorschlag gemacht.
Auf Twitter(!) hat er seine Follower(!) gefragt,
was diese davon halten,
wenn er 10% seiner Tesla-Aktien verkaufen würde,
um (Achtung !) Steuern zu zahlen.
Macht der 300 Milliarden Typ
also anscheinend nicht.
Na dann ist ja gut.
Die Reaktion seiner Follower
(„Äh, ja?!“) war ihm dann
keine so große Schnauze mehr wert.

Bleiben wir noch kurz in den USA.
Wenn es um‘s Weiße Privileg geht,
eben immer noch die Topadresse.
Da schauen gerade alle wie gebannt dabei zu,
wie sich der inzwischen 18jährige Kyle Rittenhouse
in die oberste Liga der Nazikiller heult.
Der mindestens wegen zweifachen Mordes
angeklagte Bursche zieht vor Gericht
(und der Weltöffentlichkeit)
einen der unglaubwürdigsten Weinkrämpfe der Geschichte ab,
während sich für die Urteilsverkündung am Montag
schon 500 Nationalgardisten bereitmachen sollen.
Er wollte das alles doch nicht!
Das war doch Notwehr!
Er war doch extra so weit mit seinem Auto gefahren.
Hatte extra sein Sturmgewehr mitgenommen.
Und dann beleidigen ihn diese „Plünderer“ auch noch.
Was hätte er denn machen sollen?
– Und die Krokodilstränen
bleiben im Knopfloch stecken.
Hm.
Nicht gut genug.
Leider nicht mal zum Lachen.
Denkt auch eine der lautesten Stimmen von BLM,
Lebron James (auf Twitter):
„Tränen? Was denn für Tränen?
Ich habe nicht eine einzige gesehen.
Der Typ sieht höchstens aus,
als hätte er in ein paar Zitrusfrüchte gebissen.“

Würde King James wissen,
wer Olaf Scholz ist,
hätte er auch schreiben können,
dass Kyle Rittenhouse heult
wie Olaf Scholz lacht,
nämlich nie.
Schräge Überleitung, ich weiß,
aber irgendwie ist die Luft heute raus,
der Zauber dahin;
zu aussichtslos alles,
um aus sauer wenigstens noch
lustig machen zu können.
Denn: Auch der „Zitruszauber“ ist dahin.
Die unteren beiden Lichter der Ampel
haben ihren Streit ausgetragen:
Seit Wochen schon blinkt die Ampel gelb.
Von grün keine Spur mehr
und auf rot kann man sich
anscheinend nicht verlassen.
Immerhin hat die SPD
bald so was wie eine neue Parteispitze,
Doppelspitze selbstverständlich.
Ein bisschen Soziales mit Saskia Esken
und ein bisschen Talkshow mit Lars Klingbeil.
Dessen aktueller Pandemiebekämpfungsvorschlag
ist deswegen auch so farblos
wie jeder Novemberhimmel:
Schärfere Kontrollen der Gs!
Also: Nichts weiter;
frischer Buchstabensalat von der Phrasentheke.

Womit wir dann auch schon
auf dem Gipfel der Erbärmlichkeit angekommen wären.
Selbst die Kommentatoren der tagesschau
finden für des Ergebnis der Klimakonferenz in Glasgow
kein anderes Wort mehr.
Nichts ist passiert.
Alles wie gehabt.
„Kleine Schritte“ müsse man gehen.
Und vor allem: Unverbindlich.
Sollten sich die Unterzeichner des Abkommens
nicht bemühen,
das gemeinsame, viel zu kleine Ziel zu erreichen,
dann passiert, genau, nichts.
Obwohl doch alles passieren müsste.
Und zwar sofort.
Resignation
ist also die (vorläufige) Antwort
auf die Katastrophe.

Überhaupt scheint das eine beliebte Reaktion zu sein.
Im westlichen Teil des Westens
macht sich nämlich eine neue Bewegung immer breiter:
The Great Resignation.
Millionen von Menschen
haben im letzten Jahr
allein im englischprachigen Raum dieser Welt
ihren Job aufgegeben.
Nicht weil sie mussten,
sondern weil sie wollten.
Weil sie die Ausbeutung satt hatten,
die Sinnlosigkeit ihrer Tätigkeiten.
Weil sie nicht mehr Teil eines Systems sein wollen,
das nicht etwa fehlerhaft,
sondern selbst der Fehler ist.
Ein stiller Dauerstreik.
Und jetzt ratet mal,
wo so was absolut undenkbar wäre!?
Genau.
Denn im deutschesten Qualitätsmagazin
aller deutschen Qualitätsmagazine,
also wo sonst, wenn nicht im Spiegel,
schreibt ausgerechnet Sibylle Berg
dieser Tage über‘s Durchhalten.
Mal wieder.
Alles wird gut.
Solange wir uns selber
nicht im Spiegel sehen müssen.
Auf den Schwarzen Spiegeln
machen derweil Bilder die Runde,
die Millionen von Menschen zeigen,
die im giftigen Yamuna (Indien) baden.
Die toxischen Schaumkronen
umhüllen Frauen in leuchtenden Saris
und für irgendwen soll das wahrscheinlich
nach Erlösung aussehen.

Deutlich weniger grotesk,
aber irgendwie doch auch nicht so gut,
sind die Bilder von der Menschenschlange
gestern vor dem Rathaus in Thale.
Obwohl, doch!
Ungefähr 350 Menschen haben sich
innerhalb von vier Stunden
nicht zwei mal bitten lassen.
Einige haben sogar schon
zum dritten Mal Ja gesagt.
Ja zum Leben.
Ja zum Atmen.
Und das alles ziemlich unbürokratisch und unaufgeregt.
Der Bürgermeister hatte sogar Zeit,
ständig überall zu sein.
Mit Impfwilligen reden,
Einwilligungserklärungen von A nach B bringen,
freundlich zu den drei Polizisten sein,
Ängste nehmen,
Zuversicht ausstrahlen,
nicht einfach nur weiter-,
sondern mitmachen.
Gut sein eben. Ganz einfach.

Und gut ist es auch,
dass die EMA (Europäische Arzneimittelagentur)
in dieser Woche zum ersten Mal zwei Medikamente
gegen Covid-19 freigegeben hat,
die ähnlich erfolgsversprechend sind,
wenn es um die Verhinderung
schwerer Krankheitsverläufe geht,
wie die Impfungen.
Wenn sie rechtzeitig gegeben werden können.
Und dann auch genommen werden.
Es soll ja immer noch Menschen geben,
die nicht wissen, was gut für sie ist.

So. Gut.
Eine kleine Geschichte noch,
bevor alles munter weiter
den Bach runtergehen kann,
denn auch die Provinz kann Groteske.
Und das gar nicht mal so unlustig.
Am Wochenende dachten sich einige HFC-Hools,
die zum Auswärtsspiel in der Gegend gewesen waren,
dass doch das Quedlinburger Schloss
mal einen Besuch wert sein könnte.
Zur Abwechslung mal ein bisschen
Kultur und Geschichte, und so.
Wie alle Touristen wissen sollten,
hat man von der Ostmauer des Schlossberges,
am Rande des kleinen Schlossgartens,
einen ganz schönen Ausblick
über die Dächer der (sehr, sehr alten) Altstadt.
Nicht alle Touristen aber wissen,
dass, wenn man an einer bestimmten Stelle der Mauer
ganz steil nach unten schaut,
dort einen „Wunschbrunnen“ sehen kann.
Eigentlich nur ein einfacher Korb,
der auf dem Dach eines der angrenzenden Häuser steht,
der aber überquillt vor Kupfergeld.
Was machen die HFC-Hools also,
als sie den Wunschbrunnen entdecken?
Logisch, einer klettert runter
und klaut das Teil.
Kurz darauf haben sich die HFC-Hools
dann von der Polizei darüber aufklären lassen,
dass sie das nicht dürfen,
und dass man da Geld reinwerfen kann,
um sich was gutes wünschen zu können.
Also haben die HFC-Hools den Brunnen
wieder zurückgestellt
und insgesamt fünf Euro
in Kupfermünzen reingeworfen.
Wenn sogar HFC-Hools
einsichtig sein können,
dann ist vielleicht doch
noch nicht alles verloren.
Und nur der Kummer
hat wie immer noch ein „aber“.

 

„Ich wär‘ gerne voller Zuversicht,
jemand der voll Hoffnung in die Zukunft blickt.
Der es schafft, all das einfach zu ertragen.
Ich würd‘ dir eigentlich gern sagen:
Alles wird gut.
Die Menschen sind schlecht
und die Welt ist am Arsch,
aber alles wird gut.
Das System ist defekt,
die Gesellschaft versagt,
aber alles wird gut.
Dein Leben liegt in Scherben
und das Haus steht in Flammen,
aber alles wird gut.
Fühlt sich nicht danach an,
aber alles wird gut.“

(Kummer: Der letzte Song. 2021)

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