Der Brillenträger hatte tatsächlich mal ausschlafen können. Die Sonne schien nach einigen grauen und nassen Tagen, die Ferien hatten gerade begonnen. Doch die gute Laune sollte ihm schnell wieder vergehen. Gestern Abend hatte er sein Auto in der Innenstadt in eine Parklücke gequetscht, die sich auch noch auf einer nicht als Parkfläche gekennzeichneten Stelle befindet (wie z.B. am Guts Muths Denkmal am Ende des Mummentals). Nun hatte er gehofft, dass das Ordnungsamt ebenfalls einen späteren Dienstbeginn hatte, und war natürlich um so ernüchterter, als er vor seinem Auto zwei Personen erkannte, die die umständliche Parksituation mit ihren Handys dokumentierten. Das schöne Februarwetter gab ihm zu verstehen, es wie immer mit Humor zu nehmen, um die Zahlung (15€) würde er sowieso nicht drumherum kommen. „Na, da komm‘ ich ja grade richtich!“ Beide richteten ihre Blicke auf den Brillenträger. Offensichtlich waren der Mann und die Frau nicht beim Ordnungsamt angestellt. An die ersten Worte des Mittdreißigers, der nicht zögerte, direkt auf den Brillenträger zuzugehen, konnte dieser sich später nicht mehr so recht erinnern. Ob er sie denn noch alle hätte, wie man so scheiße parken könne! Schuldbewusst wollte der Brillenträger sich entschuldigen, zumal das nebenstehende Auto ebenfalls außerhalb der ausgewiesenen Parkfläche abgestellt war, wozu er jedoch nicht kommen sollte, „Guten Morgen erst mal.“
„Guten Morgen?! Ey, was is’n mit dem Kratzer, hä?!“
„Kratzer?“
„Na sag mir doch mal, wie du da ausgestiegen sein willst. Da is och blaue Farbe dran!“ Vorsichtig versuchte der Brillenträger sich an dem hoch erzürnten Glatzenträger vorbeizuschieben, um den vermeintlichen Kratzer näher zu betrachten. Im Schatten seines blauen Autos konnte er nichts erkennen.
„Na siehste das nich? Da biste uff jeden Fall dran jekommen! Mit deiner Jacke wahrscheinlich.“ Der Brillenträger schaute noch einmal, konnte wieder nichts erkennen und kam wieder zwischen den beiden Autos hervor, zwischen die er gedrängt worden war.
„Du gibst mir jetzt Deine Daten!“, und zu der jungen Frau: „Wenner überhaupt eine hat.“ Der Brillenträger vermutete, dass eine Versicherung gemeint war. Er versuchte erneut, die Situation zu entspannen, ein Fehler.
„Hey, ich bin grad erst aufgestanden.“
„Ja, genau so siehst Du schon aus!“, und wieder zu der Frau: „Der steht bestimmt immer später auf.“ Die ersten Passanten drehten sich um. Viel war noch nicht los, die Frühaufsteher waren schon durch, und die Touristen sammelten sich gerade noch vor den Stadtmauern.
„Ey, du gibst mir jetzt deine Daten, oder ich hol‘ die Polizei!“
Kurz überlegte der Brillenträger, aber ja, das schien ihm angemessen, immerhin wurde er hier zu Unrecht beschuldigt. Würden die Beamten wegen des Falschparkens gleich eine Ordnungsstrafe verhängen? Wäre das falsch? Nein. Würde seine Versicherung für einen Schaden aufkommen, den er nicht verursacht hatte? Den er nicht einmal sehen konnte? Nein. Sein Gegenüber allerdings wurde zunehmend ungehalten. Wieder kam er dem Brillenträger ein Stück näher, eine fast aufgerauchte Selbstgedrehte in der Hand. Der Brillenträger zog es vor, seine Zigaretten in der Tasche zu lassen.
„Ey, die Karre ist zwei Wochen alt! Ich geh dafür arbeiten!“ Und damit verbunden war der erste Schubser. Nichts aufregendes, zehnmal härteren Körperkontakt hatte er erst gestern Abend beim Training erlebt. Dabei musste er schmunzeln, denn er spielt Basketball. Und, na ja, Basketball, harter Körperkontakt, ihr versteht… Beim Schubser blieb es jedoch nicht, denn Sekunden später traf ihn die glimmende Kippe auf der Brust. Ernsthaft? Der Puls des Brillenträgers erreichte kritische 62.: „Ja, ok. Polizei ist ok. Ich hab Zeit.“
Nur einige Augenblicke und weitere Beleidigungen später trat ein junger Vater mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm auf die beiden zu. „T’schuldigung, ich bin Polizist. Und ich wollte sie nur darauf hinweisen, dass sie laut BGB verpflichtet sind, ihre Daten auszuhändigen.“ Der Brillenträger zog unwillkürlich die Augenbrauen zusammen, der andere triumphierte: „Siehste! Gib jetzt deine Daten her!“
Bevor der Brillenträger erklären konnte, wie sich die Situation für ihn darstellte, setzte der Polizist in Zivil nach: „Sie verhalten sich wirklich nicht sehr kooperativ.“ Da war er der Dammbruch.
Der stiernackige, offensichtlich ehemalige Hooligan des QSV oder irgendeines anderen regionalen Bezirksligisten, fing richtig Feuer. Mit Geifer auf den Lippen stieß er hervor: „Genau! Du kannst froh sein, dass ich dir hier nich‘ gleich richtich auf’s Maul haue. Und dann in den Kofferraum stecke und zum Lehof rausfahre!“
Der Brillenträger war hin- und hergerissen. Soviel Lokalpatriotismus fand er schon wieder interessant. Begrub man am Lehof nur Quedlinburger Feinde, um sie aus Angst weit vor die Tore der Stadt zu verbannen? Oder war es eine zusätzliche Schmähung? Wurde man als Quedlinburger entehrt, wenn man am Sandstein abgeladen wurde? Der Polizist gab auf: „Wenn der Herr nicht kooperieren will, dann müssen sie die Polizei holen.“
„Ja, ruf die Polizei an!“ Die Freundin des Vorzeigeprolls holte ihr Telefon hervor, und als sie mit den Beamten auf der Wache sprach, zog der Zivilpolizist mit seiner Tochter von dannen. Bis die beiden Beamten vorgefahren waren, vergingen vielleicht zehn Minuten; Samstag morgen in Quedlinburg.
Inzwischen wechselten die in Streit geratenen untereinander kein Wort. Der Brillenträger wurde allerdings noch Zeuge folgenden Wortwechsels. Ein vorübergehender Kumpel des Paares fragte, was denn los sei. Sie warteten auf die Polizei. Aha, Kriminelle! Er lachte. 20 Jahre Zuchthaus sollten sie bekommen! Und dann ab in ’ne große Grube. Ob sie einen neuen Wagen hätten? Ja, antwortete die Frau, der wäre ganz neu. Ob sie noch was vorhaben, es wäre ja schließlich ein kleiner Bus. Sie verstand das Augenzwinkern, nein, erst mal noch nicht.
Mit großem Zollstock und Kamera bewaffnet stiegen die Polizeibeamten aus und ließen sich in erster Linie vom Brillenträger die Situation schildern und forderten unaufgeregt Ausweis und Fahrzeugpapiere der beiden Fahrzeughalter. Der Brillenträger und die junge Frau überreichten die Dokumente, der Glatzenträger stand schweigend abseits.
„So, dann zeigen sie mir mal den Kratzer.“
Zwischen den Autos stehend blickte der Polizist auf die ihm gezeigte Stelle und drehte sich zum Brillenträger um. „Können sie mal ihr Auto wegfahren?“ Das Sonnenlicht sollte also die Sache erhellen. Der Brillenträger stieg auf der Beifahrerseite in sein Auto und parkte mitten auf der Straße.
Als er wieder ausgestiegen war, standen die Polizisten mit den Geschädigten auf der Beifahrerseite des Kleinbusses. Auf Breite der B-Säule konnte nun auch der Brillenträger etwas blaues schimmern sehen. Er blickte noch einmal genau auf seine Fahrertür. Nichts zu sehen.
„Also, ja, da ist ein Kratzer“, sagte der der Polizist. „Der ist aber überlackiert. Also schon älter.“
„Ey, das Auto ist zwei Wochen alt, ey! Ich geh dafür arbeiten!“
Der Brillenträger hatte wieder Oberwasser: „Ist das ein Neuwagen?“
„Das geht dich gar nichts an, man!“
„Nu bleiben se ma janz ruhich“, sagte der Polizist und händigte beiden ihre Dokumente wieder aus. „Wir haben das hier aufgenommen. Sie können dann da vielleicht noch mal schriftlich zu Stellung nehmen.“
Der Brillenträger bedankte sich, stieg in sein Auto, wendete mit der gegebenen Vorsicht und fuhr zum Wochenendeinkauf.
0 Kommentare