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Staffelfinale (S2:Ep16)

von | 2020 | 2. August | Die Serie, Staffel 2 - We didn't start the fire

Teil 1 – rearviewmirror

Um mal eines dieser
zur Mode verkommenen Fachwörter
aus der (poststrukturalistischen)
Erzähltheorie zu benutzen:
Der doppelte Narrativ dieses Textes
ist dem aufmerksamen Leser sicher
nicht entgangen.
Die ein oder der andere
könnte sich auch fragen:
Was hat der nur immer mit den USA?
Jap, genau das habe ich mich auch schon
in genau dem gleich genervten Ton gefragt.
Während sich also
der zweite Teil des Staffelfinales
wieder um das Jetzt und Hier drehen wird,
hier also eine möglichst kurze Antwort
auf die Frage:
warum ich über die USA schreibe.
Der scheinbar kürzeste Kommentar dazu wäre:
Warum nicht?

Aber auch der könnte
mit Kilometern von Büchern
erläutert werden.
Ein Überblick über meine Interessen
als junges Kind
der letzten DDR-Generation:
1. Märchen,
2. Indianer,
3. Tiere (speziell Saurier),
4. Raumschiffe aus Plastebausteinen (Lego),
5. Vorabendserien im ZDF (Westfernsehen, Werbung),
6. Comics (Mosaik (Abrafaxe), Micky Maus).
7. Ach ja, ich war eifriger Thälmannpionier (Leuten helfen und so).
Und Amerikanische Filme (auch viel Western).*

Anfang der 90er war also auch das Kino ein Ort,
an dem ich viel Zeit verbracht habe,
und das sehr gerne.
(Das erste Mal Händchenhalten, ihr erinnert euch.)
Und genau da hat die amerikanische Kultur mich perfekt abgeholt:
1. Zeichentrickmeisterwerke (Disney)
2. Der mit dem Wolf tanzt
3. Jurassic Park
4. E.T.
5. Star Wars (Die Rückkehr der Jedi Ritter)
6. Dirty Dancing
7. Body Guard
… ich denke die Parallelen sprechen für sich.
Ich konnte also gar nichts dafür!

Als sich mir dann noch
die Superheldenwelten von Marvel und DC eröffneten,
war es schon fast um mich geschehen.
Danach kamen noch die NBA und Basketball dazu.
Den Rest gab mir dann die US-Rockmusik
(wobei ich alle Geschmackssünden offen zugeben würde),
weit vor allen anderen: R.E.M.

Tja, das ging dann eine Weile so,
dann kam der 11. September 2001;
der erste geschichtliche Schock,
den ich vollbewusst miterlebt habe,
und der mein gespaltenes Verhältnis
zu den USA begründet.
Ums kurz zu machen:
Sehr schnell ging mir in der Folge auf:
Weltpolitisch haben die Staaten
seit dem Zweiten Weltkrieg
eigentlich nur noch Schei*e gemacht.
Die Liste ist viel zu lang und widerlich,
um sie hier noch einmal zu wiederholen.

Aber gleichzeitig,
aus meiner Sicht auch gerade dadurch bedingt,
hat dieser Kulturraum
eine unbeschreibliche Vielfalt
und Qualität auf jedem Gebiet hervorgebracht.
Für jeden Bereich
ließen sich die besten Vertreter
immer dort finden.
Relevant zu sein, ohne die USA mitzudenken,
geht einfach nicht. Period.

So weit, so widersprüchlich.
Als der nächste historische Schock,
die Präsidentschaft des #Frisurensohns,
Wirklichkeit wurde,
ging es mir so ähnlich
wie dem Butler in „Was vom Tage übrigblieb“.
An dem Abend
bevor etwas,
das als unvorstellbar galt,
und auf Jahre den Weltfrieden
noch viel weiter bedrohen würde,
vor meinen Augen und Ohren Gestalt annehmen würde,
nahm ich von meiner Oma Abschied.**
Die folgenden Tage
verbrachte ich entweder mit meiner Familie
oder wie gebannt im Internet:
Was für eine abgefuckte Scheiße!

Und was für eine Gelegenheit,
ein Paralleluniversum zu studieren,
dass sich so absurd
niemand jemals
hätte ausdenken können.
Obwohl:
Sebastian Pilz wird sich noch
daran erinnern können, wie wir vor ca. 16, 17 Jahren
des Öfteren darüber spekuliert haben,
wie sicher das mit dem behaupteten Abstieg der USA
wirklich ist.
Am Ende waren wir uns immer einig:
Sehr sicher.
Aber dass es so derbe werden würde,
das konnten sich nur die Simpsons ausmalen
(wer die Folge nicht kennt, you know what to do).
Über die letzten 3 ½ Jahre sind inzwischen
dazu allein in den Staaten mindestens 30
Bücher erschienen.

Der Inhalt eines jeden
wie aus einer Politserie,
deren Autoren auf Ketamin,
Acid, sehr viel Koks,
zu viel Alkohol
und zu wenig Marihuana
gleichzeitig hängengeblieben sind.
Oder:
zu krass, um wegzuschauen.
Alleine die Dramen
um die Neubesetzung des Obersten Gerichtshofes
und das Amtsenthebungsverfahren
werden auch in Jahrzehnten noch
die Historiker verblüffen.
Aber auch die vielen Kinder im Kongress,
als die Demokraten vor zwei Jahren
das House zurückgewonnen haben.
Ohne Mist, ich hab geheult.

Jetzt, drei Monate vor der nächsten Zeitenwende,
die über die erste Hälfte
von #DieDoppeltenZwanziger
entscheiden wird,
ist die Hoffnung zum Greifen nah.
Die #BlueWave
(die Demokraten gewinnen
die Präsidentschaft und den Senat)
könnte alles
in die gute Richtung kippen lassen:
1. Das Märchen vom Impfstoff für alle wird viel wahrscheinlicher
2. Der Nordwesten der USA geht als Gamechanger in die Geschichte ein
3. Mehr Tiere werden vor Folter und Ausrottung bewahrt
4. Die Menschheit sieht ein, dass es
Zeitverschwendung ist, im Weltall rumzufliegen,
solange man da nicht
irgendwelche Freunde besuchen möchte.
5. Darth Vader ist Geschichte
6. Amerikanische Musik und Popkultur ist wieder cool
7. Die USA werden wieder eine wirkliche Schutzmacht
(im Sinne der Freiheitsstatue),
sprich: Sie werden ein bißchen sozialistischer
(aller Anfang ist schwer).
Und: Die Unendliche Geschichte wird neu
(und viel besser) verfilmt.

*Hierzu gibt es noch eine ziemlich komplexe Familienerzählung,
aber das ist zu privat, und würde sich auch auf mindestens
einen Roman erstrecken müssen.

** Hierzu: siehe*, bloß sicher mehrere Romane.

 

Teil 2 – „Tag der Freiheit“ (collapse into now)

Ruckartiger Gleiswechsel:
Kommen wir vorerst abschließend
wieder zu etwas sehr Deutschem:
In den ersten drei Folgen dieser Staffel
ging es um Versammlungsfreiheit,
und darum,
was Attila Hildmann und „Die Gedanken sind frei“
damit zu tun haben.
Die Ereignisse gestern in Berlin
waren die hoffentlich letztmögliche Steigerung
dieser Absurdität von Moralverständnis,
und Attila war höchstens als Gast dabei.
Zur Demo der #Covidioten
(wie man sie jetzt anscheinend nennen soll)
haben schon schlauere Leute das treffende geschrieben,
zum Beispiel die HogeSatzbau.

Aber weil das hier ja das Finale vom Staffelfinale ist,
hole ich eben gerne ein bisschen weiter aus.
Jedem würden bestimmt sofort ein paar Beispiele einfallen,
für etwas, das Deutsche schon mal
entwertet,
umgewertet
und abgewertet haben.

Viktor Klemperer hat darüber in den 30ern und 40ern
des letzten Jahrhunderts schon geschrieben
(Jasmin Schreiber hat es vor ein paar Jahren
in einem grandiosen Blog in die Gegenwart übersetzt).
Ein Beispiel?
1935 wurde auf dem Reichsparteitag
der NSDAP in Nürnberg
der Nachfolger des berühmten
„Triumph des Willens“ von Leni Riefenstahl
aufgeführt:
Ein 28 minütiger Kurzfilm über die Wehrmacht.
Die über 100.000 Menschen
auf der Zeppelinwiese
sahen folgende Inszenierung:

1. Soldatenidylle
(Zeltlager, Kameradschaft, Furchtlosigkeit, Wehrhaftigkeit)
2. Eine Militärkavallerie auf dem Weg zur Zeppelinwiese
3. Adolf Hitlers Rede zum Ende des Versailler Vertrags
4. Eine Militärparade (mit reichlich Waffen)
5. Schaukämpfe der verschiedenen Waffengattungen
Vielleicht der propagandigste Propagandafilm überhaupt.
Sein Titel:
Tag der Freiheit.

Der gestrige „Tag der Freiheit“
oder auch „Das Ende der Pandemie“
lässt sich aus der Ferne
und mit einem Newscycle Abstand
so analysieren:

1. Zwischen 17.000 (sagt die Stadt Berlin)
und 1.5 Millionen (sagt der Veranstalter)
Menschen
(ca. 5000 davon allein aus Stuttgart und Umgebung)
spazieren friedlich durch Berlin.
Sie haben Kostüme an,
unlustige und wütende Schilder dabei,
tragen keinen Atemschutz,
kuscheln sich im Gedränge aneinander
und tanzen zu Queens „Who wants to live forever“.

2. Am Nachmittag füllen sie nach und nach
die Straße des 17. Juli
(seit 2006 eigentlich „Fanmeile“)
und versammeln sich
bei bestem Hochsommerwetter
an der Siegessäule.
Von Pace- bis Reichskriegsfahnen ist alles dabei.

3. Der Brandenburger Lokalmatador Heiko Schrang,
ein prominenter Gast aus Dresden (Torsten Schulte, Pegida),
und andere „Corona-Rebellen“ verkünden,
dass es nicht mehr nur um die Coronapolitik geht!

4. Gegen 17.00 Uhr wird die Versammlung
erwartungsgemäß deeskalierend aufgelöst,
die Polizei spricht von nur 18 Verletzten,
drei müssen stationär behandelt werden.
Vor dem Reichstag bildet sich eine Spontandemo.
Bis in die Abendstunden gibt es
gut dokumentierte Wortgefechte in Hülle und Fülle.

5. In Neukölln wird eine Solidaritätsdemo
von mehreren Hundertschaften der Polizei
gewaltsam aufgelöst,
die Zahl der Verletzten ist unbekannt.

Hach, denkt der Patriot,
hätte die Leni das noch miterleben können!
Dass dabei der Begriff Freiheit
auf mindestens fünffache Weise entwertet,
umgewertet und abgewertet wurde,
das zuckt er im besten Falle mit den Schultern weg.
Aber so war und ist er:
Kann man irgendwas Gutes in den Dreck ziehen,
wird er richtig kreativ.

Zum Glück war heute reichlich Gewitter,
womit der Dreck
sich nicht lange auf den Straßen
gehalten haben dürfte.
Fakt ist aber:
Der Deutsche Herbst wird mal wieder heiß!
Nach Dresden haben jetzt auch
Berlin und Stuttgart ihre Patriotenparty,
auf der weiter entwertet,
umgewertet und abgewertet werden kann,
oder, Neusprech: Geschwurbelt.

Und dabei gäbe es so viel anderes
zu sagen und zu schreiben:
Die globale Unwettersaison hat bereits begonnen
(Brände, Überschwemmungen, Stürme)
Die Schule soll wieder losgehen.
Die NBA setzt wirklich ihre Saison in Florida fort
(mit Monitoren auf den Rängen, auf denen Fans zugeschaltet sind)
und alle Mannschaften knien geschlossen vor jedem Spiel.
Mit Sarrazin, Infantino und Salvini
müssen die nächsten old white men abtreten.
Und Sonnenbrillen als Gesichtsschmuck sind endgültig out.

Bis zum Ende von #DieDoppeltenZwanziger (1. Januar 2030)
sind es keine 4000 Tage mehr.
Also viel zu wenig Zeit für alles.
Trotzdem zieht ein Staffelfinale
eine längere Pause nach sich.
Ich hoffe, Ihr schaut dann mal wieder rein.
Im Herbst vielleicht.
Sollte es bis hierhin noch nicht spannend genug gewesen sein:
Der Bundestagswahlkampf beginnt auch langsam,
die Pandemie ist nicht am Ende,
und die Welt versucht,
die letzten Zuckungen des #Frisurensohns
möglichst unbeschadet zu überstehen.

Danke für‘s Lesen, hier geht‘s weiter,
wenn der Kanal wieder voll genug ist.

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