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Pokerchips im Fachwerkpalast (1)

von | 2020 | 29. August | Die Kurzgeschichten, Quedlinburger Kurzgeschichten, Staffel 3 - Cope

Ich hatte kurz die Idee, Euch an dieser Stelle vor lauter Schreibfaulheit mal so halbgares Zeug zu präsentieren: Einfach mal die Skizze zu einer Kurzgeschichte raushau‘n, und das dann als avantgardistische Soße anrühren:
Modernster Twitterstyle!
Der vollendete Pitch!
Netflix hat schon angerufen,
Robert Pattinson hat bereits
für eine Nebenrolle zugesagt,
die Verhandlungen mit Daniel Radcliff
für die Hauptrolle
laufen auch sehr gut.
Aber, keine Sorge, das ist natürlich keine wirklich gute Idee. Allerdings ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Kurzgeschichte einfach zu lang wird, um sie bequem am Computer oder Handy lesen zu wollen (also mir würde das so gehen). Deswegen folgen an dieser Stelle nur zwei Ausschnitte, jetzt der Anfang und und in ein paar Tagen das Ende. Und Ihr werdet wahrscheinlich (?) nie erfahren, ob ich den Teil dazwischen jemals wirklich geschrieben habe, oder einfach nur zu faul war… 😉
Und, nur um gleich Missverständnisse zu vermeiden, dieses Mal ist es ernst gemeint mit den zufälligen Übereinstimmungen mit wirklichen Personen. Ich habe noch nie Poker gespielt, kenne mich überhaupt nicht mit NBA-Basketball aus und kann auch kein Chili kochen. Gute Unterhaltung!

Als der Brillenräger umblätterte, sah er, dass er am Ende des Romans angekommen war. Es war genau 17 Uhr, er hatte noch zwei Stunden Zeit, bis die anderen da wären. Er atmete tief durch und las die letzten Sätze:

„Immer werde ich für sie ein anderer sein, immer werde ich für sie die blinde Macht des Schicksals sein, immer von ihnen getrennt bleiben. Aber wenn ich nichts weiter tue, als dieses höchste Gut zu verteidigen, das alle Felsen und Steine unschuldig und unbedeutend macht, dieses Gut, das jeden Menschen vor allen anderen Menschen und auch vor mir selber bewahrt: die Freiheit … dann wäre meine Leidenschaft nicht unnütz gewesen. Du hast mir nicht den Frieden gegeben; aber wozu wollte ich Frieden? Du hast mir den Mut gegeben, für immer Angst und Gefahr auf mich zu nehmen, alle meine Verbrechen zu ertragen und auch die Gewissensbisse, die mich unaufhörlich zerreißen werden. Es gibt keinen anderen Weg.
‚Bist du einverstanden?‘, fragte Laurent.
‚Ja‘, antwortete ich, ‚ich bin einverstanden.‘ “

(Simone de Beauvoir: Das Blut der anderen. 1945.)

Zehn schwermütige Minuten vergingen noch, bevor der Brillenträger aufstand und das Buch auf den Stapel für das nächste Schuljahr legte. Auf dem Balkon überlegte er kurz, was es jetzt noch vorzubereiten galt: Den Tisch aufbauen, die grüne Matte war hoffentlich sauber, ein verschlossenes Kartendeck hatte er noch. Das Chili stand seit gestern Abend im Kühlschrank, das könnte er schon mal rausholen. Nebenbei hätte er jetzt eigentlich das erste NBA-Playoffspiel des Abends laufen lassen wollen, aber da wurde seit Donnerstag gestreikt. Da nur drei der vier Gäste Alkohol tranken, und der Brillenträger an so einem Abend auch eher der Cola-Typ war, sollten die zehn Bier im Kühlschrank erst mal reichen, so warm war es ja Ende August auch nicht mehr. Das Almänchen würde eh erst später kommen, und wahrscheinlich schon gut geladen sein.
Der Brillenträger wusste, dass er und alle anderen gespannter als sonst waren, denn das Almänchen war lange nicht beim Pokern dabei gewesen. Wahrscheinlich waren ihm die Einsätze zu popelig. Überhaupt hatten sie ihn etwas aus den Augen verloren. Irgendwer hatte ihn aber vor einigen Wochen mal samstags auf dem Marktplatz gesehen, bei den lokalen Pandemieleugnern. Seitdem hatte der den Namen Almänchen weg.
Für heute aber hatte er sich angekündigt. Gerade heute. Alle wussten, wo er tagsüber gewesen war, sie hatten seinen Facebookstatus gelesen: in Berlin, auf der Straße des 17. Juni. Wie der Brillenträger aufmerksam im Internet verfolgt hatte, war das Almänchen also wirklich auf der gleichen, eigentlich ja verbotenen Demo wie die vollzählige extreme Rechte Deutschlands; von Götz Kubitschek bis zu Benjamin Brinsa waren alle da. Und das Almänchen; das konnte nur spannend werden.

Als das Chili auf dem Herd warm wurde und der Brillenträger noch einige CDs für den Abend rausgesucht hatte (Dauerbrenner: K.I.Z., RHCP, R.E.M. – Alternativen: Snoop Dog, Dog Eat Dog, Temple of the Dog – Testphase: Biffy Clyro, Norah Jones, Daughter), jedes Mal eine soziopathische tour de force, da klingelte es bereits.
Natürlich war der Sonnenbrillenträger etwas zu früh. So hatten sie noch genügend Zeit, um sich, wie immer, auf dem Balkon über die Weltlage auszutauschen. Der Sonnen-brillenträger hatte die Sonnenbrille natürlich noch in der Hemdtasche, die brauchte er erst beim Spiel. Doch kaum hatten sie Platz genommen, klingelte es erneut. Der Mützenträger war heute auch schon eher gekommen und fügte sich nahtlos in den Gesprächsbeginn ein.
„Na, seid ihr schon bei Trump, oder noch bei der Scheißdemo heute?“
„Du, wir ham noch gar nich richtig angefangen. Du hast noch die freie Auswahl.“
Alle lachten, das Eis hätte nicht früher am Abend bereits gebrochen sein können.
„Ok.“ Der Mützenträger nahm die Mütze ab und setzte sich. „Erstmal: Wie geht‘s euch? Na, gut genug anscheinend, sonst wären wir ja nich hier. Prost!“
Über sich selbst wurde an solchen Abenden, wenn überhaupt erst sehr viel später gesprochen, dafür dann aber umso ehrlicher, wenn alle ihre sonstigen Bubbles gut im Hinterkopf verwahrt hatten und ganz einfach nur Leute bei einem Pokerabend waren.
„Also, was sagt ihr zum RNC?“
„Excuse me?!“ Der Sonnenbrillenträger legte die Stirn in Falten.
„AR-EN-CI? Der Nominierungsparteitag der Republikanischen Partei in den USA?“
Der Sonnenbrillerträger schüttelte nur den Kopf. „Ja, is mir klar. Aber findest Du das wirklich so wichtig?“
Die Augenbrauen des Brillenträgers zogen sich zusammen. „Ach so, sorry. Du nicht? Oder… na ja, wahrscheinlich hast du Recht. Wisconsin ist wichtiger. – Krass alles, oder? Immer genau dann, wenn man beginnt, sich an den neuesten Wahnsinn zu gewöhnen, wird wieder ein Gang hochgeschaltet. 17 ist der Typ, der die Demonstranten da auf offener Straße erschossen hat. Und jetzt: Nationalgarde. Generalstreik bei den populärsten Profi-sportlern. Reale Angst vor einem Bürgerkrieg. Sagt mir einen vergleichbaren Zustand in der jüngeren Geschichte dieses verdammten Landes!“
„Ey, komm mal wieder runter, es is Samstag Abend.“ Typisch Mützenträger. „Is das Chili schon soweit, ich hätte dann gern ein mal Appetit.“ Der Brillenträger nickte in sich hinein, aber der Sonnenbrillenträger legte nach: „Schön, dass Du mir das Erklären abgenommen hast. Aber ja, das finde ich wichtiger. Was willste denn zum RNC sagen? Wie unfassbar grotesk das inzwischen alles ist? Na vielen Dank, das wissen wir doch. Also was jetzt! Meinste wirklich, dass es ganz dicke kommt?“
„Leider ja. Die Grube, die sich die Evangelikalen da in drei Jahren geschaufelt haben, ist einfach zu tief, da kommen die ohne Kampf nie wieder raus.“
Der Mützenträger hielt darauf einen kleinen Monolog über Tucker Carlson, den Meinungsmacher von Fox News, dem Sat.1 der USA, der am Abend nach den tödlichen Schüssen von Kenosha die Tat offen rechtfertigte: Der Junge hätte gute Gründe für seine Tat gehabt. Alle schüttelten lange ratlos mit dem Kopf.
Der Mützenträger sagte dann das unausweichliche: „Bierchen?“
„Ich würd ne Cola nehmen.“
„Haste alkoholfreies Radler?“

Der Brillenträger drückte seine Zigarette aus und holte die Bestellungen. Natürlich klingelte es genau in diesem Moment zum dritten Mal. „Hallo?“
„Ey, ich klingel hier seit zehn Minuten, und ans Telefon geht auch keiner.“
„Sorry, warn aufm Balkon.“ Durch die Gegensprechanlage hörte der Brillenträger, wie die alte Holztür hinter dem T-Shirtträger ins Schloss fiel. Vom Balkon wurde ironisch gefragt, wer es denn wohl wäre. „Na, dann fehlt ja nur noch das Almänchen“, sagte der Sonnen-brillenträger, als er dem neu angekommenen die Faust zum Gruß entgegenhielt.
Im Küchenradio verklang leise „Smells like Teen Spirit“ und der Moderator verging sich an den finalen Takten mit den Worten: „Da verfliegt das letzte Haar in den Rhythmen der Luftgitarre.“ Alles nur noch deprimierend, dachte der Brillenträger müde, hier im Elfenbeinturm mit den schwarzen Spiegeln.

Er setzte sich als erstes an den Tisch. Appetit hatte er für die nächsten Stunden noch nicht. Und während die anderen aßen („Schärfe is jenau richtich.“ „Ja, doch, besser als das letzte.“), hätten er und der T-Shirtträger sich gerne über die Playoffs ihres gemeinsamen Lieblingssports unterhalten. Wie super die schon angefangen hatten, überhaupt, wie die NBA aus der Situation einfach mit Abstand das beste gemacht hatte, sportlich wie gesellschaftlich. Wie irre beeindruckend der 21jährige Luka Doncic in den letzten Tagen gegen einen der Titelfavoriten aufgespielt hatte. Wie großartig die Geste der Lakers zu Kobe Bryants Geburtstag gewesen war. Wie sehr sie diesen Sport doch liebten. Und wie viel mehr noch jetzt, als die Spieler etwas taten, das es noch nie gegeben hatte. Und wie sehr sie hofften, dass sich dadurch wirklich etwas ändern würde. Wirkliche Gleichheit, echter Respekt. Frieden.
Der Sonnenbrillenträger hatte aber inzwischen den Youtube-Clip gefunden, nach dem er sage und schreibe fünf Minuten lang gesucht hatte. „So, hier noch mal zum Thema RNC und DNC, enjoy gentlemen! America Endgame.“ Auf dem Bildschirm war die ent-scheidende Schlachtszene aus „Avengers Endgame“ zu sehen, die Momente bevor Thanos mit dem Finger schnipst. Nur waren die Gesichter der Avengers durch die von prominenten Politikern ersetzt. Der Sonnenbrillenträger erklärte: „Da gibt es zwei Versionen von: eine mit Demokraten und eine mit Republikanern. Thanos ist in beiden Fällen natürlich Trump.“ Obwohl die Szenen jeweils sehr kurz sind, verfielen alle sehr schnell in lautes Gelächter; die Zuordnung der Gesichter war einfach zu komisch. „Ach ja, nur blöd, dass das so gar nicht zum Lachen mehr ist.“ Eine kurze Pause entstand, bevor der Mützenträger sein Bier leerte und sagte: „Tja, das Gute aber ist, dass es für uns eigentlich nur im Fernsehen passiert. Und wir hier einfach weiter unser Ding machen können.“ Die anderen kannten die Entgegnung des Brillenträgers schon und blickten ihn erwartungsvoll an, als dieser mehr zu sich als zu den anderen sagte: „Ja, eigentlich.“ Auf dem Bildschirm schloss sich das Fenster und das Hintergrundbild war wieder zusehen. Die Louise Michel, ein Schiff, das von Bansky finanziert auf dem Mittelmeer Menschen rettet.

In der Zwischenzeit wurde es vor den Fenstern des Fachwerkpalastes langsam dunkel, aber immer noch warm genug, um diese offen zu lassen. Die Nachtwächterführung war früh dran. „Willkommen in der Hölle“, schallte es aus der Gasse empor, „die Frage nach dem Ursprung dieses Namens liegt nahe, denn die stellen sich die meisten sicher nicht so idyllisch vor wie das hier. Der Name Hölle leitet sich aber vom mittelalterlichen Hele ab, was vor 800 Jahren so viel wie …“
„Kannste ma das Fenster zumachen? Der geht ja gar nich!“ Der Sonnenbrillenträger hatte seine Chips inzwischen zu kunstvollen Türmen aufgebaut und wollte anscheinend anfangen, denn die Sonnenbrille prangte bereits auf seiner Stirn. Lauter als beabsichtigt klappte der Brillenträger das Fenster zu. „Zufrieden? Woll‘n wir noch warten?“
„Auf‘s Almänchen?“
„Ach nee, lass mal anfangen. Das macht dem nichts aus, so wie der spielt.“
„Wie ihr meint. Alle bereit? Getränke? Aschenbecher? Glücksbringer? Einsätze?“
„Alles da.“
„Gut. Also: Blinds sind die erste dreiviertel Stunde bei 5 und 10. Danach alle halbe Stunde verdoppelt. Neue Gebote sind entweder so hoch wie das letzte, oder mindestens verdoppelt. Und ja, ein Flush is höher als ne Straße.“
„Gut, das wollt ich gerade noch mal fragen. Na dann, viel Glück die Herren.“

Doch schon kurz vor der River-Karte der ersten Runde klingelte es zum letzten Mal an diesem Abend. Alle stöhnten. Es lagen bereits 2500 im Pott, jeder hatte gefühlt eine Anna Kurnikova auf der Hand und nach einem Ass, zwei Königen und einer Dame auf dem Grün warteten alle auf die Auflösung und die letzte Chance noch einmal zu erhöhen.
„Das Almänchen ist da, wollen wir lieber noch mal anfangen?“
„Haste doch schlechte Karten?“
„Nee, aber du vielleicht?“ Der T-Shirtträger gewann den Staredown und die Chips wurden wieder aufgeteilt. „Können wir die letzte Karte noch sehen?“ Alle schauten den Brillenträger verwundert an. „Das fragst du? Mister ‚Regeln sind Regeln‘? Aber ja, ok, ich wills auch wissen.“ Der Sonnenbrillenträger griff auf den Tisch. Karo 8. Alle legten erleichtert ihre Karten verdeckt zurück in den Stapel.
„Ladiadiadiyooo, BVBeee, Hurensöhöne.“ Mit einem seligen Grinsen und einem brandneuen Bayernshirt („Europas Könige“) stand das Almänchen in der Wohnzimmertür.
„Na? Wir freuen uns auch, dich zu sehen. Aber erst mal Händewaschen, ja? Reise-rückkehrer ausm Risikojebiet und so.“
„Wieso?“
Beim Mützenträger machte sich schon leichte Enttäuschung breit: „Du warst doch in Berlin heute, oder?“
„Na logisch. War der Hammer. Übelst viele Leute. Überall Bullen.“
„Und? Nazis?“
„Hä? Was sind denn für dich bitte Nazis?“
Der Brillenträger holte tief Luft. So schnell wollte eigentlich niemand an diesen Punkt gelangen. „Willste gleich einsteigen, oder erst mal was essen? Chili ist noch warm.“
„Ich würd erst ma n Bier nehm.“ Das Almänchen stellte seinen Rucksack im Flur ab und setzte sich auf den letzten, lehnenfreien Stuhl. „Ihr habt doch bestimmt die janze Zeit hier irjendeinen Livestream laufen, oder? Was berichtet denn die Pinochiopresse so?“
Alle zückten ihre Handys. „Nicht nur einen Livestream! Aber erzähl du doch zuerst.“
„Na jut. Also ich war ja jestern Abend schon da.“
„Etwa am Reichstag?“
„Ja. War schon janz schön was los.“
„Hm, hab ich gelesen: Sellner, Nerling, Elsässer. Alle Spendennazis anwesend.“
„Wer? Keine Ahnung. Hab mich doch da mit keinem unterhalten. Was sind Spenden-nazis?“
„Na Nazis, die nur Nazis sind, weil es andere Nazis gibt, die ihnen was spenden, damit die für sie dann öffentlich Nazis sind.“
„Ja? Was auch immer.“ Sein erstes Bier hatte das Almänchen schnell geleert. „Haste noch eins?“
„Klar, im Kühlschrank. Wenn du wieder da bist, fangen wir an, ja?“ Alle nickten eifrig, der Mützenträger stand schon am CD-Regal, etwas neutrales musste her: „Kitschkrieg?“
„Nee, besser nich. Lieber Rammstein?“
„Klar, warum nich gleich die Onkelz?“
„Ok, dann eben doch K-K-K-K-Kitschkrieg!“
Das Almänchen kam mit einem frischen Bier und einer Schüssel Chili zurück an den Tisch. „Lecker! Also. Heute war ja erst mal totale Verwirrung, wie die ganze Woche schon. Habt ihr ja mitbekommen. Erst von den Bullen verboten, dann vom Gericht unter Auflagen erlaubt, und bis kurz vor Beginn war noch unklar, ob der Berufung stattgegeben wird. Na ja, und dann halt Auflösung Unter den Linden, noch bevor wir loslaufen konnten.“
„Aber, is alles ruhig geblieben?“
„Klar. Alles friedlich.“
Der Brillenträger schaute auf den tagesschau-Live Ticker: Flaschenwürfe auf die Polizei in der Friedrichstraße.
„Dann war erst mal nix. Bisschen shoppen, nochn Kaffee, und dann zur Siegessäule.“
„Wie viel waren da?“
„Na mindestens ne halbe Million! Der Große Stern war jedenfalls voll.“
Der Sonnenbrillenträger hielt dem T-Shirtträger sein Handy hin: 38.000.
„Und warste auch bei der Russischen Botschaft?“
„Nee, wieso?“
Auf dem Handy des Mützenträgers las der Brillenträger die Schlagzeile: 200 Reichsbürger vor der Russischen Botschaft – Attila Hildmann festgenommen.
„An der Siegessäule wars jedenfalls jut. Irgendwelche Reden, jute Stimmung. N Rapper hattense och da. Bierpreise warn moderat.“
Bevor der Brillenträger sein Handy wieder weglegte, murmelte er noch leise: „Stimmt, Chris Ares war da.“ Jeder bemühte sich, das Almänchen nicht zu vorwurfsvoll anzusehen.
„Und wieso biste nich dageblieben? Grade geht doch der Widerstand erst richtig los! Ganz viele sind immer noch an der Siegessäule.“
„Widerstand? Wasn fürn Widerstand?“
„Na, denkst Du etwa nicht, dass wir auf die Hygienediktatur zusteuern?“
„Was? Was soll das denn fürn Quatsch sein?“
Den Sonnenbrillenträger überkamen die ersten Zweifel: „Sag mal, wieso warst Du dann überhaupt da?“
„Wieso denn nicht? Endlich mal was los! Ich kann Euch sagen, so viele schräge Vögel hab ich seit der letzten Fusion nich gesehn!“
Keiner konnte sich das Lachen verkneifen.
„Ach du Scheiße! Ihr dachtet, ich wäre da hinjefahrn, weil ich meinen eigenen Mund-geruch unter der Maske nicht ausstehen kann und glaube, dass Bill Gates kleine Nanoklone von sich selbst in aus Israel entführte Kinder injiziert?“ Die anderen sahen sich unter lautem Gelächter ratlos an. „Ehrlich? Sorry, aber vielleicht solltet ihr mal aus eurer Bubble rauskommen.“ Das Almänchen stapelte seine Chips, schnell, überlegt und sogar ein bisschen elegant.
„Alter, Du bist mit nich wenigen Hardcorenazis und nem riesen Haufen Gehirn-gewaschener unterwegs gewesen! Mitten in ner Pandemie. In Berlin!“
„Ja, und? Ihr habt hier rumjesessen, und euch in euren schwarzen Spiegeln abjefeiert. Ich habs wenigstens live erlebt. Keene Sorge, von diesen Trotteln lass ich keinen näher als drei Meter an mich ran. Soll ich mir noch mal die Hände waschen gehen?“ Er zwinkerte dem Brillenträger zu. „Ich bin dann fertig. Anfangen?“
„Alter!“ Der T-Shirtträger hatte sein Handy noch in der Hand. „Die Playoffs gehen weiter!“
„Alter, was?“
„Ja. Heute! Also gleich, Ich lese vor: ‚Liga und Spieler haben sich darauf geeinigt, die Playoffs fortzusetzen und gleichzeitig bekanntgegeben, dass sämtliche Arenen im November zu Wahllokalen umfunktioniert werden.‘“
„Ehrlich? Wie geil. Mach an!“

Die nächsten Stunden im Fachwerkpalast waren gefüllt mit Gesprächen über alles, das außerhalb geschah. Die Märsche auf Washington, London, Berlin. Einer davon würde vorerst Geschichte machen, die anderen beiden hoffentlich für immer als unangenehme Lachnummern in Erinnerung bleiben. Nach einer Stunde wurden die Musik (John Legend) und das Thema gewechselt. Sich über Serien zu unterhalten machte immer Spaß und war aufschlussreicher als viele Küchentischgespräche bei Sonnenaufgang, wenn man denn die Zwischentöne wahrnahm.
An diesem Abend traten in der Kategorie Beste Aktuelle Serie (letzte Staffel nicht älter als 2 Jahre) gegeneinander an: „Pose“, und noch ein paar andere. Für den Brillenträger stand sein Vorschlag von an Anfang als Sieger fest. Nichts konnte besser sein als der ultimative Kampf der Häuser Evangelista, Abundance, Ferocity und Wintour. Mit einem erneuten „Excuse me?!“ setzte der Sonnenbrillenträger daraufhin zu einer flammenden Ver-teidungsrede für „Game of Thrones“ an. Da hatte er natürlich viele gute Argumente. Der T-Shirtträger sagte dazu nur lapidar: „Chernobyl.“ Alle zogen die Mundwinkel nach unten, er war anscheinend der einzige, der tapfer alle Folgen gesehen hatte. Mützenträger und Almänchen stellten fest, dass sie ihre Bildschirmzeit eher mit Sport verbrachten.
Schwups, war das nächste Thema auf dem Tisch, und schwups war der Brillenträger aus dem Spiel; er nahm‘s sportlich, übernahm das Mischen und Austeilen und setzte sich so, dass er gleichzeitig das Spiel der Bucks gegen die Magic sehen konnte. Gerade war Halbzeit. Die Mannschaft, welche den folgenreichen Spielerstreik begonnen hatte, führte zur Halbzeit deutlich.
Der Abend plätscherte dahin. Ohne dass es jemand aussprechen musste, war allen klar, wie gut sie es hatten, auch wenn es nur einer dieser Abende war. Drei, vielleicht vier mal im Jahr einfach da weitermachen, wo man beim letzten Mal aufgehört hatte. Der Brillenträger funktionierte weiter als Kartengeber und driftete mit den Gedanken ab und an davon: Rituale befrieden. Wenn sie kein Ziel verfolgen, sondern nur dem Moment verpflichtet sind. Und wenn sie nicht nur der Selbstbestätigung dienen. Auch das Stapeln von Pokerchips ist wie Hesses Glasperlenspiel: sinnlos und sinnstiftend im gleichen Moment.
„All in!“ Das Almänchen schob seine Chips in die Mitte und erhob sich von seinem Stuhl. Ein doppeltes „Call“ von Mützenträger und T-Shirtträger schreckte den Brillenträger auf.
„Schon? Es ist erst elf!“
„Eben, der blufft!“
Das Almänchen grinste. „Sicher?“
Auf dem River erschien erneut die Karo 8. Mützen- und T-Shirtträger traten von einem Bein auf das andere. Entspannt legte das Almännchen seine Karten auf den Tisch. Herz und Kreuz 8.
„Fuck!“ Wieder im Duett. Das Almänchen setzte sich wieder und bereitete sich auf das Heads-Up mit dem Sonnenbrillenträger vor. Die anderen waren zufrieden. Immerhin war das das bestmögliche Finale.
Und während die anderen auf dem Balkon rauchten, blieb der Brillenträger noch kurz sitzen und dachte sich alternative Enden für diesen Abend aus. Was wäre gewesen, wenn das Almänchen wirklich so gewesen wäre, wie alle vermutet, sogar erwartet hatten? Was wäre passiert, wenn es dann immer mehr Oberwasser bekommen hätte, und am Ende „Sieg Heil“ grölend auf dem Tisch getanzt hätte? Oder wenn es sich auf dem Klo eingeschlossen hätte, weil es das Chili nicht vertragen hatte? Oder wenn der Sonnenbrillenträger es am Ende gewinnen lassen hätte, weil eine Niederlage nur zu Gewalt geführt hätte?
Wie voreingenommen dann doch alle waren, und wie schnell sich diese Vorurteile dann wieder nur als Blase herausstellten, die mit der selben Leichtigkeit zerplatzen kann wie der größte Bluff.
Das Almänchen verlor souverän nach einer halben Stunde Hin und Her, und endlich konnte der persönliche Teil des Abends, die Nacht, beginnen.
„Einen Toast, bitte!“
„Is dir etwa schlecht?“
Der Sonnenbrillenträger schnaufte: „Alter, nein, einen To-host!“ Er erhob sein Glas: „Freunde, es war mir ein Vergnügen, euer Geld zu gewinnen. Nein, Spaß. Freunde! Hier und heute, im Fachwerkpalast zu Quedlinburg, nur einem unter vielen, erhebe ich mein Glas auf die Zeitlosigkeit dieses Momentes. Unzählige Male haben die Menschen in diesen Häusern ihr Glas erhoben, haben gespielt, gewonnen, verloren, haben geliebt und gelebt. Die Pest ist über die Stadt gegangen, der Dreißigjährige Krieg, und alles was sonst noch so war, danach. Und immer noch, und immer noch erheben sich hier und da ab und an und immer, immer wieder die Gläser! Friede den Hütten und Krieg den Palästen!“
„Auf den Elfenbeinturm! Und die Schwarzen Spiegel!“
„Auf die Zukunft! Und möge sie in Farbe sein.“
„Auf den FC Bayern!“
Alle prusteten ihr Getränk wieder aus. Das Almänchen grinste. „Sorry, einer musste noch sein!“
Die Erleichterung war greifbar. Der Brillenträger umarmte das Almänchen. „Super Bluff heute Abend! Schön, dass Du wieder dabei bist. Wo warst du die letzten Male eigentlich?“
Die anderen stimmten ein: „Ja, los, jetzt geht der serious talk los, wir sind ja fertig mit spielen.“
Alle schenkten sich nach, der Aschenbecher wurde vom Balkon geholt und sie redeten die ganze Nacht. Vom wirklichen Leben, von der Zukunft und von der Liebe.

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