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Control (S3:Ep16 – the long read)

von | 2020 | 23. Oktober | Die Serie, Staffel 3 - Cope

Und dann auch das noch:
Datenpanne beim RKI,
alle hatten schon aufgeatmet, aber
die heutigen Zahlen aus NRW fehlen
anscheinend größtenteils noch
also der nächste Rekord.
Bei 20.000 Neuinfektionen pro Tag
wurde heute zwischendurch schon mal
der nächste Lockdown lanciert.

„Ich saß da, rauchte, aktualisierte die Webseiten immer wieder und sah zu, wie die Zahlen sich änderten. Ich konnte spüren, wie die Zeitungsberichte meine Erinnerung dessen, was ich gesehen hatte, modifizierten oder ersetzten; gab es ein Wort für dieses Gefühl? Das einzige andere Gefühl, das ich wahrnahm, war Ermüdung.“

(Ben Lerner: Abschied von Atocha. 2011)

Wie muss es eigentlich den Menschen gehen,
die seit März die diversen Liveticker
bei den online Zeitungen
schreiben müssen?
In wie vielen Schichten arbeiten die inzwischen?
Wie frustrierend ist das?
Ich bin ja schon froh,
wenn die Nachrichtenlage es mal zulässt,
und ich nicht jeden Tag das Gefühl habe,
schreiben zu müssen.
Gegen den Kontrollverlust,
gegen die Frustration,
gegen das Aufgeben.
Nicht dazu,
aber hier genauso passend,
hat Prof. Lauterbach heute folgendes
gucken lassen:
„Ein Kontrollverlust ist
nur noch abzuwenden,
wenn wir sofort umsteuern:
Weg von der Einzelfall-Nachverfolgung,
hin zur retrospektiven
Cluster-Aufarbeitung.“
Was man nicht mehr
im Detail kontrollieren kann,
kann nur noch
großmaschig beobachtet werden.

Here. We. Go.

Wir stehen hierzulande momentan
bei 10.000 Toten auf 400.000 Infektionen.
Das ist eine Sterblichkeitsrate von 2,5%.
Die Zahl deckt sich auch
mit dem weltweiten Durchschnitt
(nach 7 Monaten ist diese Zahl
auch ziemlich aussagekräftig).
Die ganzen Eugeniker,
die jetzt immer noch
nach Herdenimmunität rufen,
und davon gibt es einige,
sind also bereit,
allein in Deutschland
ungefähr 1,5 Millionen Menschen
fahrlässig sterben zu lassen,
weltweit dann 120 Millionen …
So sieht das auch die
„Great Barrington Declaration“,
eine international immer wieder bemühte Erklärung,
die hunderte Wissenschaftler unterzeichnet haben,
und die, natürlich auch der US-Präsident befürwortet.

Aber genug vom Faschismus,
hier ist noch Rechtsstaat.
Deswegen ist hier auch Kontrolle,
also zumindest der Anschein davon:
Ganze 1.000 Polizisten kontrollieren
am Wochenende in Berlin,
wer noch alle Latten am Zaun hat.
Und dabei gäbe es ja was zu feiern:
Der BER ist fertig!
Der BER!
Auch egal.
In Berlin punkten immer noch die Schwurbler,
sogar noch über zwei Wochen
nach dem Tag der Einheit.
Jetzt erst ist nämlich rausgekommen,
dass vermutlich Avocadolfs Vandalen
die Museumsinsel heimgesucht haben.
Aber damit die auch was
zum sich erst jetzt drüber aufregen haben,
schiebt die Presse nach:
Schon am 4. Oktober gab es einen
Messerangriff eines gerade erst
entlassenen Islamisten
in Dresden.
In Paris das ganze dann
in richtig bestialisch.
In den Talkshows wird wieder
über Kunstfreiheit, Aufklärung
und Terrorismus diskutiert;
Diskurskontrolle ist so 2019.

Aber versuchen wir es doch auch mal
mit guten Nachrichten:
Jacinda Arderns Labourpartei
kann in Neuseeland alleine regieren.
Die Sozialisten gewinnen deutlich in Bolivien.
Das war‘s schon.
Immerhin.
Und gute Vorzeichen
für die kommenden Wahlen weltweit:
Geht doch!
Aber eben nur in den schönen
Ecken der Welt.
Woanders muss man es
sich eben schön machen:
Die russische Waffenindustrie
heizt die Öfen an:
Der Iran hat das Waffenembargo
einseitig aufgehoben,
der Rubel kann wieder rollen.
Auf der anderen Seite des Kaukasus
ist man auch weiterhin im Geschäft.

Der Stellvertreter Erdogans, Aserbaidschan,
bombadiert inzwischen Krankenhäuser,
fehlen nur noch die Hungerspiele.
Von Kontrolle auch
in Belarus und Thailand
keine Spur,
die Demonstranten lassen sich auch
durch Gewaltandrohung nicht einschüchtern.
Im asiatischen Königreich scheint
das sogar Wirkung zu zeigen.
Dass sich der dortige Monarch
eh nicht mehr so oft im Land befindet,
spricht nicht gerade für eine gefestigte Monarchie
(gerüchteweise verbringt er
einen Großteil des Jahres in,
ja, Deutschland).

Wahrscheinlich weil hier immer
alles so schön unter Kontrolle ist.
Davon können die #Quarantänekinder
inzwischen bestimmt schon
mehrere Lieder singen.
Selbst im stabilen Sachsen-Anhalt
gibt es davon bereits unzählige.
Alleine 220 sind es in Thale,
eine infizierte Lehrerin reicht.
Auf den drohenden Kontrollverlust
wird überall unterschiedlich reagiert:

500 neue Krankenbetten
im Nationalstadion in Warschau,
500 neue Krankenbetten
in den Prager Messehallen
und ein „Mini-Lockdown“
(zwei Wochen) in Tschechien.
Sechs Wochen Lockdown in Irland.
Beinahe europaweit
erneute Kontaktbeschränkungen.
Drohnen liefern Hilfsgüter
in englische Nightingale Hospitals,
große Teile Nordenglands
hängen schon die weiße Fahne raus.
In Belgien und Holland
sind die Krankenhäuser bereits
an der Leistungsgrenze,
die ersten Patienten
werden ins Nachbarland verlegt.
Auch Spanien hat bereits
die Kontrolle verloren
und kann sich nur noch
für den Winter rüsten.

In den USA hat auch keiner
Zeit für Kontrolle,
obwohl die Zahlen
ein drittes Mal in diesem Jahr
mit wachsender Geschwindigkeit steigen.
Denn vor dem Shutdown
kommt der Showdown,
die Wähler übernehmen
in elf Tagen die Kontrolle.
Aber bevor dann
das absolute Chaos losbricht,
werden hier jetzt schon mal
sämtliche Szenarien durchgespielt.
Irgendwas muss man ja machen,
wenn man dann die Kontrolle
nicht verlieren will:
Wer die Demokratie will,
muss auf den Faschismus
vorbereitet sein.

Dazu dann aber im
kommenden Staffelfinale (japp)
noch etwas mehr.
Hier nur kurz eine kleine
Gegenüberstellung,
die doch sehr deutlich macht,
wem da bald die Kontrolle
gegeben werden könnte:

Während Joe Biden
eine seiner wenigen Wahlkampfreden
in einem Autokino abhält,
singt (!) der Frisurensohn
bei einem gut gefüllten Gottesdienst.
Vor ihm, verzückt die Hände
gen Altar streckend: seine Anhänger.
Irgendwie sehen sie aus,
als hätten sie die Kontrolle
schon lange aufgegeben.

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