Gegenwartsliteratur.
Live.
Nur im Internet.
Aus der Provinz.

# Startseite / Die Serie / Staffel 4 - The times they are a changing / All I want for christmas (S4:Ep7)

Lesen

All I want for christmas (S4:Ep7)

von | 2020 | 20. Dezember | Die Serie, Staffel 4 - The times they are a changing

„Ich glaube,
dass die Welt sich noch mal ändern wird
und dann Gut über Böse siegt.
Dass irgendjemand uns
auf unseren Wegen lenkt
und unser Schicksal
in die Hände nimmt.
Ja, ich glaube an die Ewigkeit
und dass jeder
jedem mal vergibt.
Alle werden wieder voreinander gleich,
jeder kriegt, was er verdient.“

So,
Wunschzettel ist raus.
Bisschen spät, ich weiß.
Aber im Moment
ist es ja eh zu spät für alles.
Und es stand nicht so viel drauf.
Nur das übliche:
Weltfrieden,
Weltgesundheit,
Weltsicherheit.
Ich wünsch mir das jedes Jahr,
vielleicht klappt es ja mal.

Aber ganz oben
steht natürlich was zeitgemäßes:
Nämlich Livestream-Tickets
für DAS Feuerwerk des nächsten Jahres!
In Atlantic City sollen bald
die beiden Trump-Casinos
gesprengt werden,
die er in den 90ern
in den Bankrott gewirtschaftet hatte.
Ja, Casinos.
Muss man auch erst mal schaffen…
Jedenfalls hat sich die Stadt
was nettes einfallen lassen:
Bei jeder Sprengung
muss ja jemand
auf einen roten Knopf drücken.
Und diese Aktion kann man
gerade ersteigern.
Die Erlöse gehen an
die Jugendhilfe des Countys.

Da ich ja nun nicht
selber hinfliegen kann,
wegen Pandemie,
wünsch ich mir wenigstens,
dass dieses Event gestreamt wird,
und danach unendlich viral geht.
Man soll sich schließlich auch mal
was realistisches wünschen.

„Ich glaube,
dass die Menschheit mal in Frieden lebt
und es dann wahre Freundschaft gibt.
Und der Planet der Liebe
wird die Erde sein
und die Sonne wird
sich um uns dreh‘n.“

Ganz realistisch
gehen übrigens auch
die Gastronomen in Quedlinburg
mit dem neuen Lockdown um.
Von Existenzangst keine Spur.
Beim Abholen oberleckerer Pasta
konnte ich dabei zuhören,
wie sich drei davon
darauf einigten,
echt froh zu sein,
dass jetzt mal zu ist,
die Saison wäre echt
stressiger als sonst gewesen.
Und das obwohl
nicht, wie sonst,
die Stadt mit Adventstouristen
nur so zugestopft war.
Manchmal kann ich es
gar nicht fassen,
wie nah die Pandemie
inzwischen ist,
und wie wenig
davon hier zu spüren ist,
wie viel besser einiges sogar ist:
Keine öffentlichen Besäufnisse,
keine orientierungslosen Tourimassen,
keine dementsprechenden
Stadtführungen vor meinem Fenster,
seit Wochen,
und das in der Vorweihnachtszeit.
Hätte ich mir nie zu wünschen getraut,
wäre zu unrealistisch gewesen.

Während ich das schreibe,
wird das erste Pflegeheim in Thale
faktisch unter Quarantäne gestellt.
Zwei Fälle.

Keine 50 Kilometer entfernt
bereiten sich die ersten
Kliniken darauf vor,
Covid-19-Patienten
aus Sachsen und Thüringen
aufzunehmen.
Die Inzidenzwerte gehen
völlig unbeirrt weiter
durch die Decke,
östlich von hier
herrscht großflächig
der Katastrophenfall:
Berichte über Triagen
aus Ostsachsen,
großräumige Straßensperrungen
in Leipzig,
immer noch wegen „Querdenkern“.
Die Kliniken in Berlin
tun für Brandenburg
was sie können.
Selbst in Heidelberg steht man davor,
Menschenleben gegen Menschenleben
abwägen zu müssen.

Zur Beruhigung,
oder für Aluhüte
auch zum Gegenteil,
wird unterdes weiter fleißig
über Impfstoffe und Impfstrategien
diskutiert
und von einem
normalen Sommer 2021
geträumt.
Wären da nicht inzwischen
die ersten neuen Varianten des Virus:
Noch schneller,
schwere Verläufe auch bei Jüngeren,
im UK und Südafrika
sorgen die bereits
wieder für Ernüchterung
und noch schärfere
Eindämmungsmaßnahmen,
bis hin zu de facto Abriegelungen
ganzer Gebiete („Tier 4“).
Sogar in Schweden muss jetzt
Einsicht einkehren.
Während der König öffentlich
von Versagen spricht,
schieben sich Regierung und Gesundheitsexperten
gegenseitig die Schuld in die Schuhe.
Konsequenzen?
Ein paar Einschränkungen mehr
und ein bisschen mehr Betroffenheit.
Wäre es nicht kontraproduktiv
und eigentlich ja unmöglich,
würde man die Pandemie anbrüllen wollen,
so wie Tom Cruise seine Crew
beim Filmdreh der 3. Fortsetzung
von Mission:Impossible.
Aber immerhin schön zu sehen,
wie man gleichzeitig Recht haben
und ein unsympathisches Arschloch
sein kann…
Stattdessen senden wir alle
permanent stumme Stoßgebete,
ist auch besser,
wegen der Aerosolbildung.

„Das wird die Zeit,
in der das Wünschen wieder hilft.“

Eins wäre da noch für den Wunschzettel:
ein Unterpunkt zu „Weltfrieden“.
Und zwar:
Kein Bürgerkrieg in den USA.
Oder wenigstens nicht mehr
als da eh schon ist.
Zumindest im Fernsehen.
Denn dort sind neue Fronten
dazugekommen:
Das Fox News Publikum
kann jetzt noch weiter rechts
weitergucken,
macht das auch zunehmend
und besteht bei weitem
nicht mehr nur aus Boomern
und religiösen Fanatikern,
sondern es wird auch erfolgreich
bei den Digital Natives gefischt:
Youtube, Facebook, Instagramm
und Twitter sei Dank.
Mit „Newsmax“ und „OAN“
gibt es dort jetzt gleich
zwei neue Propagandasender
für den Trumpismus.
Mit denen Trump auch
in den kommenden Jahren
als Schattenpräsident
weitermachen kann,
und Ivanka zur neuen Ikone
hochgejubelt werden wird.
Putin hat Biden jetzt auch gratuliert?
William Barr ist sofort zurückgetreten?

Alles nur Feindpropaganda
für die Proud Boys
und die Schafe,
die sie meinen
beschützen zu müssen.

10 Jahre nach dem Arabischen Frühling
bereitet man sich also
auch jenseits des Atlantik
auf die Revolte vor,
beziehungsweise wünscht man sich
eine alternative Wirklichkeit zurecht,
und muss sich die Frage gefallen lassen,
ob es sich nicht doch um einen Failed State handelt.
Das nächste Endgame wartet schon:
Die Senatswahlen in Georgia.
Da es danach möglich ist,
dass die Demokraten
sowohl den Präsidenten,
die Mehrheit im House
UND im Senat stellen,
drehen Newsmax und Konsorten
schon mal auf volle Lautstärke,
als ob nicht schon genug Panik wäre.
Aber wie immer ist es die NBA,
die zeigt, wie es auch gehen kann,
sogar ganz ohne Sozialismus.
Obwohl:
Die Liga schüttet an jedes Team
30 Mio Überbrückungshilfen
für alles aus,
was grad ausfällt:
Abertausende Arbeitsplätze
in regelmäßig vollen Stadien
und die neue Saison
sind vorerst gerettet.
Commissioner Adam Silver
ist einer der besseren Engel
des Kapitalismus.

Und die anderen so?
Nicht so viel.
Die UN bettelt inzwischen
bei den Superreichen um Hilfe,
denn wer denkt,
dass bald alles wieder gut ist,
dem entgegnet sie:
„Nächstes Jahr wird eine Katastrophe.“

Armut,
Hunger,
Krankheit,
Krieg,
Klima,
alles ist immer noch da,
und schlimmer als
sehr sehr lange nicht.
Ein Beispiel:
Wenig überraschend,
aber wieder mal zu früh,
zeigte der nächste Supersturm
im Südpazifik,
dass die Propheten recht behalten:
Die Fiji-Inseln
stehen großflächig unter Wasser.
Hunderttausende werden
von dort wegziehen müssen,
die Klimaflucht beschleunigt sich.
Und natürlich gibt es auch dazu
eine zynische Pointe:
Der derzeitige Zyklon „Yasa“
verdankt seinen Namen
dem sechsten buddhistischen Mönch,
also Follower von Gautama,
dessen Mutter und Ex-Frau
auch gleich noch die
ersten weiblichen Anhänger wurden.
Der Name kommt,
ganz indoeuropäisch,
aus dem Hebräischen
und bedeutet nicht weniger als
„Erlösung“.
Wenn das mal nicht biblisch ist.

„Es wird einmal zu schön,
um wahr zu sein,
habt ein letztes Mal Vertraun.
Das HIER und HEUTE
ist dann längst vorbei,
wie ein alter böser Traum.“

„Es wird ein großer Sieg
für die Gerechtigkeit,
für Anstand und Moral.
Es wird die Wiederauferstehung
vom heiligen Geist
und die
vom Weihnachtsmann.“

So,
und wenn wir einmal
beim Wunschzettel sind,
bleibt es nicht aus,
auch mal politisch werden zu müssen.
Obwohl die folgende Forderung
eigentlich ja ein no brainer sein müsste:
Wo, verdammt noch mal,
bleibt die verdammte Vermögenssteuer?
Dass wir alle
den ganzen Rumms hier
bis an unser Lebensende
zurückbezahlen müssen,
also die Finanzhilfen
für „die Wirtschaft“
und die „Kultur“,
das ist ja klar,
und ist auch okay.
Aber auch an dieser Stelle
sollte mal etwas lauter
über Verhältnismäßigkeit
diskutiert werden.
Denn es kann doch nicht sein,
dass Menschen,
die gerade wegen der Pandemie
zu Millionären geworden sind,
oder die in den Milliardärsclub
aufgestiegen sind,
genauso viel
(nicht selten auch weniger bis gar nichts)
abgeben müssen.
So wie alle anderen.
Wer kann etwas dagegen haben,
dass Vermögen über,
sagen wir mal 500.000 Euro,
mit, sagen wir mal nur 20%
besteuert werden.
Und das nur ein mal.
Ich hole meinen Taschenrechner
gar nicht erst raus.
Davon könnten wir alles,
und unsere Schulden
gleich mit bezahlen.
Und ja, auch eine Steuer
auf online Handel ist gut,
der soll ja boomen.
Dann noch eine
klitzekleine Finanztransaktionssteuer,
und wir können alle
die Füße hochlegen.
Wir könnten die Energiewende
ruckzuck durchziehen,
uns auf kommende Krisen
vorbereiten,
massiv in die Bildung,
Pflege und Kultur
investieren.

Und, verdammt noch mal,
Moria auflösen,
und anfangen unsere Würde
wiederzufinden.

Aber mit diesem Wunsch
ist es wie mit allen großen Wünschen:
Die meisten bleiben unerfüllt.

Und tauchen auf dem
nächsten Wunschzettel wieder auf.
Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt,
sondern nie.
Was aber gerade
ziemlich kränklich aussieht,
ist die Zivilgesellschaft.
Also wir.
Menschen, die es jetzt
nicht grade im Überfluss haben,
in den letzten Jahren
aber nicht immer nur
an sich gedacht,
sondern wenigstens
zu Weihnachten,
nach der Christmesse
Geld in die Kollekte gelegt haben.
Das meiste von diesen Unmengen
(die Kirche bezeichnet das
als ihre Haupteinnahmequelle,
neben den Kirchensteuern)
an Geld von Menschen,
die nur dieses eine mal
im Jahr in die Kirche gehen,
fließt in die Welthungerhilfe,
oder Brot für die Welt,
und trägt also
seit Jahrzehnten dazu bei,
dass der Hunger weltweit
zurückgedrängt wurde.
Aber genau das ändert sich
im Moment wieder.
Und es ist gar nicht gut,
und völlig unchristlich,
dass genau jetzt
diese Einnahmen wegfallen,
weil die Christmessen kaum stattfinden.

Aber hey, wir sind vielleicht
nicht in den neuen
Goldenen Zwanzigern gelandet,
dafür aber in den Doppelten,
mit Internet, Globalisierung
und funky Wörtern für woke people.
Social Warriors,
Democratic Socialists
oder:
Rage donating.
Also das Spendenverhalten
von Menschen, die sich zwar mehr
von ihren Regierungen erwarten,
aber die, nur weil diese zu wenig tun,
nicht gleich auch die Segel streichen,
sondern eben auf eigene Faust mithelfen,
und sei es nur mit Geld.

Und dann gibt es da noch
die radikalen Idealisten,
die nicht nur spenden,
sondern nur noch helfen.
Ja, auch diese Geschichte
gehört in #DieDoppeltenZwanziger:
Nach vielen Jahren im Tourismusbuisness
ist eine Freundin,
mitten in der Pandemie
nach Indonesien ausgewandert.
Bestimmt auch, weil das Wetter da
ganz schön sein soll,
und ein paar Strände
noch ziemlich atemberaubend sein dürften,
aber vor allem,
um wirklich zu helfen,
und zwar gegen den Hunger.
Also, falls jemandem schon
aufgefallen sein sollte,
dass er sonst immer,
nach dem Krippenspiel
und „O Du fröhliche“
einen Zehner in der Kirche gelassen hat:
Unten der Link.
Brot für die Welt
oder eine Charity Eurer Wahl
würden sich aber sicher genauso freuen.

Hach, jetzt ist mir schon
fast ganz weihnachtlich zumute.
Vielleicht ein paar
nette Nachrichten,
wenn es schon mal so herzlich zugeht?
Zwei hätte ich im Angebot:
Die Chance auf Weiße Weihnacht
soll in diesem Jahr besonders hoch sein,
auch wenn sich das gerade nicht so anfühlt.
Aber über den Atlantik
ziehen wohl gerade große Schneemengen
Richtung Europa,
das wäre ja toll.
Vor zehn Jahren hatten wir die letzten
flächendeckenden Schneefälle
an Heiligabend,
das wäre ja …

Breaking News:
Neue Mutation des Sars-Cov-2 Virus
sorgt inzwischen für harte Grenzen.
Flüge aus dem UK werden
von einem Festlandsland
nach dem anderen
gesperrt.
Zeitgleich stauen sich ohne Ende
die LKWs auf der Insel.
Nicht nur der Lockdown
wird verschärft,
sondern nebenbei
schon mal mit dem harten Brexit begonnen.

… stellt Euch das mal vor:
Von allen Jahren ist es ausgerechnet 2020,
in dem es zu Weihnachten wieder schneit.
Vielleicht haben sich das ja mal
genug Kinder gewünscht,
den die schreiben ja noch richtige Wunschzettel,
die glauben noch dran.
Und sogar für die Skeptiker unter ihnen,
die sich logischerweise fragen,
ob es wegen der Pandemie
dieses Jahr mal keine Geschenke gibt,
gibt es gute Neuigkeiten:
Dr. Fauci höchstpersönlich sagt,
er war am Nordpol
und hat selbst
den Weihnachtsmann geimpft.
Zu irgendwas muss die ganze Wünscherei
ja auch mal gut sein.

„Das wird die Zeit,
(Ho-Ho-Ho)
in der das Wünschen wieder hilft.“

(Die Toten Hosen. Wünsch Dir was. 1993.)

 

Also bleibt mir gar nichts anderes übrig,
als hier und jetzt ein besinnliches Weihnachtsfest zu wünschen,
was nicht schwer ist,
denn das wird es ganz ganz sicher.
Eine Episode hat das Jahr noch,
dann ist erst mal Staffelpause.
Danke für‘s Lesen.
Bleibt gesund!

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert