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Union Jackass (S4:Ep11)

von | 2021 | 24. Januar | Die Serie, Staffel 4 - The times they are a changing

The coast is always changing.

Sonntag Abend,
willkommen zurück
im normalen Rhythmus.
Die Welt ist in dieser Woche
anscheinend wirklich wieder
in der Wirklichkeit angekommen,
inklusive Wahrheit,
so ernüchternd die auch ist.
Zuerst eine kurze Coda
zur letzten Folge:
Ein paar Momente noch
die Erleichterung genießen:
So richtig traut man sich noch nicht,
der Sache Vertrauen zu schenken,
aber die neue US-Regierung
macht von der ersten Stunde an Ernst.
In nur wenigen Tagen
sind beinahe alle Horrorentscheidungen
der letzten vier Jahre
rückgängig gemacht worden.
Gleichzeitig werden die Krisen
offen und ehrlich angesprochen,
es werden Pläne präsentiert,
die man auch wirklich so nennen kann.
Bis jetzt hat tatsächlich niemand
was zu meckern,
alles klingt nach verantwortungsvoller
Krisenkommunikation.
Und die zutiefst beeindruckende Jen Psaki
darf die Pressekonferenz neu erfinden.
Da bleibt vor lauter Klugheit
sogar wieder Zeit
für guten Humor:
Bernie Sanders,
wie er einfach nur da sitzt.
Schon jetzt eines der erfolgreichsten
und nettesten Memes aller Zeiten.
Aus Kanada lässt Naomi Klein nachfragen,
was „Bernies Mittens“ denn nun
eigentlich zu bedeuten haben.
Denn die ganzen lustigen Bilder,
auf denen Bernie
inmitten irgendwelcher Szenen sitzt,
eins lustiger als das andere,
haben eine ziemlich komplexe
Hintergrundgeschichte:
Die kuscheligen Handschuhe,
die der Senator bei der Vereidigung
der Welt vorführte,
stammen von einer Lehrerin
im Nordosten der Vereinigten Staaten.
Anfragen für eine Serienproduktion
lehnte sie dankend ab,
gab aber gerne das Rezept bekannt:
Upcycling. Alte Wolle und Plastik.
Die Mittens sind also Symbol
für Nachhaltigkeit,
Initiative und Awareness.

Und sie werden getragen
von einer Ikone
der Beständigkeit,
Integrität und Solidarität.
Der schönste Running Gag des Jahres.

Genug geschwärmt,
denn auch hier bemüht sich die Laune,
irgendwie besser zu werden.
Auch wenn in Berlin und Hamburg
die ersten kompletten Kliniken
unter Quarantäne stehen.
Denn vorerst wird die Pandemie
zumindest nicht noch verheerender:
Die Zahlen scheinen ganz langsam,
aber sicher runter zu gehen.
Jetzt müssten nur noch alle
ein bisschen länger …
Ach, ich sag mal so:
100 Meter lange Schlangen
vor Super-, Lebensmittel- und Asiamärkten
überall in Berlin
stimmen wenig optimistisch.

Oh nein, sorry,
London ruft an.
Erst das vierte Mal heute.
Wenn ich nicht rangehe,
klingelt es ohne Unterbrechung, sorry.
„Hello again. …
Was? … 3-4% höhere Mortalität? …
Sicher? … Was? …
Boris Johnson hat das gesagt? …
Ach so. … Verstehe. …
Sorry? … Das wollten sie aber gar nicht sagen? …
Sorry, könnten sie bitte etwas langsamer sprechen? …
Thank you. … Ihre Nahrung? …
Zu wenig? … Lieferausfälle? …
Verdorbene Lebensmittel vom europäischen Festland? …
Wirklich? … Das ist ja …
Was? … Was sind denn Fischereikriege? …
Etwa gegen die EU? …
Das ist ja …
Was ist mit ihren Bussen? …
Zu Ambulanzen umgerüstet? …
So schlimm? …
Noch schlimmer? …
Wo? … Alte Militärbaracken? …
Als Flüchtlingslager? …
Eine Dusche für wie viele Menschen? …
34? … Das ist ja …
Bitte? … Hungerstreiks? … Suizide? …
Keine Hygiene? …
Sagen sie mal, das ist ja wie
in dieser Serie, die ich gucken sollte! …
Aber die spielt doch in der Zukunft!? …
Ja. … Und was wird dagegen unternommen? …
Nichts? … Was? …
Ohne EU-Unterstützung
sind sie bitte was? …
Ja, ok, sie rufen wieder an. … Ja … Bye!“

Also, ohne hier groß zu übertreiben,
aber London hält momentan
die Arschkarte.
Alles ist mindestens doppelt so beschissen
wie im Rest von Europa,
sorry for sounding rude.
Pandemie,
die katastrophalen Folgen des Brexits,
die sofort sichtbar wurden
und ein Premier,
dem das gleiche Schicksal
wie seinem Ex-Vorbild gilt,
sind das, was man
liebevoll als „fucking mess“
bezeichnen muss.
Kein Wunder,
dass da keiner mitmachen will,
alles besser als das.
Die Unabhängigkeitsbewegungen
im Vereinigten Königreich
sind inzwischen so zahlreich,
dass es nur noch
eine Frage von wenigen Jahren ist,
bis dieses endgültig zerbricht.
Seien es Gibraltar,
Schottland,
Nord-Irland,
oder aktuell (Nord-)England selbst:
Keiner will mehr abnehmen,
wenn London anruft.

Das einzige,
das die Inseln noch zusammenhält,
ist das NHS (britisches Gesundheitssystem).
Und in welchem Zustand
sich das gerade befindet,
kann sich jeder denken.
Biffy Clyro legen
schon T-Shirts neu auf
(„Mon the NHS!“),
alle Einnahmen werden gespendet.
Im inneren aber
herrscht die gleiche Sezession
wie überall:
Menschen, die im NHS arbeiten
und darüber versichert,
aber keine Briten sind,
kriegen keine Impfung.
Britains first.
(Nicht zu abfällig schauen,
in Deutschland gilt das gleiche,
nur ohne Nationalismus,
dafür mit Kapitalismus:
Aushilfspflegekräfte und Zeitarbeiter
haben ebenfalls
keinen automatischen Anspruch.)

Schönes neues Europa.

„Wenn man auf einer Europakarte alle politischen Grenzen, die es im Laufe der geschriebenen Geschichte je gegeben hat, mit einem schwarzen Stift einzeichnet, dann liegt am Ende über diesem Kontinent ein so engmaschiges schwarzes Netz, dass es fast einer geschlossenen schwarzen Fläche gleichkommt. Welche schwarze Linie auf dieser schwarzen Fläche kann da augenfällig als natürliche Grenze gelten?

(Robert Menasse: Der Europäische Landbote. 2012.)

 

Aber wir haben ja noch
das Friedensprojekt EU.
Da ist alles prima,
die Grenzen bleiben auf.
Sagt jedenfalls der Landesvater
von Sachsen-Anhalt in dieser Woche.
Wir sind hier doch nicht in Neuseeland!
Nebenan aber wettert schon
der Obersachse gen Tschechien.
Wenn die das da nicht hinkriegen,
dann wird‘s schwer für Pendler.
Jenseits der Grenze machen derweil
die Kneipen auf, aus Protest.
Und werden punktum
zum Treffpunkt für Bürgerbewegungen;
der Brauhauspatriotismus feiert seine Rückkehr
an die böhmischen Stammtische.

Auf der anderen Seite
tritt die niederländische Regierung zurück,
wegen einem Kindergeldskandal,
von dem ich noch nie etwas gehört habe.
Und die Ausgangssperren werden
mit klassischer Musik eingeläutet,
damit die Leute beruhigt
den Heimweg antreten können.
In Italien zerbricht die Koalition.
Und der EU-Abgeordnete Nico Semsrott
tritt aus der PARTEI aus,
woraufhin ein Rosenkrieg im Internet ausbricht,
bei dem sich alle mit Naturdünger beschmeißen.
Wer sonst keine Sorgen hat.

„Wenn man auf dieser Karte für jeden Krieg, der in Europa je stattgefunden hat, mit einem roten Stift eine Linie zwischen den kriegführenden Parteien zieht, Schlachtfelder und Frontverläufe markiert, dann verschwindet das Netz der Grenzen völlig unter einem rotgefärbten Feld.“

(ebenda.)

 

Keine Sorge, hier spricht
noch lange niemand von Krieg.
Was auseinanderfällt,
kann wieder zusammengesetzt werden.
Was in der EU (noch) funktioniert,
kann auch im Vereinigten Königreich (wieder) gelingen.
Zähe Verhandlungen, ermüdende Debatten,
also erfolgreicher Parlamentarismus;
nichts wofür die Briten nicht bekannt wären.
Für‘s erste allerdings
spielen die Inseln
mit sich selber Quartett,
während die EU
weiter die Rommé-Punkte zählt,
und jedes Land auf einen Joker hofft.

Zum Abschluss für heute:
Der Atomwaffenverbotsvertrag der UNO
ist endlich in Kraft getreten.
Es gilt ab jetzt, in 9 Staaten
über 13.000 Bomben zu verschrotten.
Das ist nicht nichts.

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