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57 – oder: Unter den Pflastersteinen wartet der Sandstrand (S5:Ep7)

von | 2021 | 30. Mai | Die Serie, Staffel 5 - How does it feel?

„The sun shone in
the glint in your eye.
Your beautiful face,
your beautiful face.
I held her tight,
close to my heart.
I didn’t know it would break,
I didn’t know it would break.“

Ein Gespenst geht um
in Sachsen-Anhalt.
Eigentlich sogar gleich mehrere.
Denn als die Harzer Provinz noch gar nicht nicht fertig war,
sich über den linksradikalen Besuch in Thale zu wundern,
schlug der nächste Blindgänger
in den hiesigen Gazetten ein:
Die AfD liegt in einer Umfrage vorn!
Leichte Schockreaktionen
bei drei Vierteln der Einwohner.
Dann Erleichterung;
es war eine INSA-Umfrage,
also wahrscheinlich nur heiße Luft.
Wie einfach die CDU es doch heute hat,
das kleinere, und somit wählbare Übel zu sein:
Reflexhaft springen sogar bei Grünenwählern
Überlegungen zum taktischen Wählen an,
die Koalitionsmöglichkeiten
differenzieren sich ins Absurde aus,
aber eigentlich hofft die Landesregierung,
dass sie erst mal so weiter machen kann,
vielleicht nur ein paar Minister austauscht,
und auch gegen Zuwachs durch die FDP
hätten die meisten wohl wenig.
Als dann aber auch seriöse Umfrageinstitute
ihre Zahlen veröffentlichen,
und der Schock wieder weicht,
bleibt die Frage:
Warum eigentlich?
Warum wählt ein gutes Fünftel
in diesem Land die AfD?
Immer noch!?
Was bitte hat diese „Partei“
denn in den letzten fünf Jahren
Parlamentsopposition geleistet?
Welche Veränderungen zum positiven
hat sie denn angestoßen,
oder wenigstens konstruktiv
an solchen mitgewirkt?
Richtig: Null.
Beschränkt sich das Politikverständnis der blauen Wähler
wirklich nur auf völkisches Dagegen-sein?
Ist das der Kartoffel ihr Kern?
Oder sind die Weltanschauungen der Parteiführung
bereits so tief eingedrungen,
dass wir wirklich davon ausgehen müssen,
dass die Zahl der Rechtsradikalen
in diesem Bundesland noch viel größer ist,
als wir befürchten wollen?
Zusatzfrage:
Wie heißt eigentlich
der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt?
Falsch. Er heißt: Oliver Kirchner,
Automobilkaufmann aus Magdeburg.
Wäre es nach ihm gegangen,
wäre der Lockdown schon im Januar (sic!) beendet worden,
und die Anzahl an Gymnasiast*innen würde auf 25% gedrückt.
Das ist noch nicht rechtsradikal,
aber doch schon recht radikal.
Wen wundert es da noch,
wenn sich auch am linken Rand
wieder Aufbruchsstimmung breitmacht,
und die Autonomen wieder Grund genug sehen,
ein bisschen enger zusammen zu rücken.
Alerta!

Passgenau dazu hat sich
die Bundesanwaltschaft gerade entschlossen,
am Oberlandesgericht Dresden
das Verfahren gegen eine Gruppe
von vier „mutmaßlichen Linksextremisten“ zu eröffnen.
Die Presse darf von einer „Anführerin“
und drei Männern sprechen,
denen vorgeworfen wird,
in den letzten drei Jahren
brutale Überfälle auf Nazis
in Sachsen und Thüringen begangen zu haben.
Nicht, dass hier noch einer sein Hufeisen vermisst,
und all zu viel über den NSU 2.0 berichtet wird.
Und außerdem haben dann
die beiden Spitzenkandidat*innen der Bundes-AfD
auch etwas vorzubringen,
wenn die demnächst in jeder beliebigen Talkshow
ihre schönsten Opferrollen vorturnen müssen.

Aber das klingt alles noch nach Zukunftsmusik.
Heute ist heute,
und heute ist
das inoffizielle Ende der Pandemie.
Also noch nicht ganz,
also bald.
Sogar auf der Bild am Sonntag
ist jetzt ein freundlich dreinblickender
Karl Lauterbach zu sehen,
der sagt, das Schwerste liege hinter uns.
Während sich also der Löwenzahn
an den Straßenrändern durch die Bordsteine schiebt,
liegt die Bundesinzidenz
das erste Mal seit Oktober deutlich unter 50.
Sogar im Harzkreis!
Die Schulen laufen ab morgen im Vollbetrieb,
spätestens nächstes Wochenende
geht der Tourismus wieder steil,
und an den Teststationen werden die Scheine gezählt.
Darüber, dass es immer noch zu viele Opfer gibt,
redet man nicht mehr,
das wird sich schon auch noch einpendeln.
Die Bundesregierung schlägt offiziell vor,
demnächst die Kinder (ab 12) impfen zu lassen,
was auch nur noch
bei den ganz Unbelehrbaren
für Schnappatmung sorgt.
Auch das ist sie,
die Neue Normalität:
Ministerkonferenzen, bei denen
zwischen veganem Wasser und Saumagen am Buffet,
durchgeimpft und frisch frisiert,
in Boss-Anzügen und hinter goldenen Brillenrändern
darüber geplaudert wird,
wie viele Millionen/Milliarden von irgendwas
in Umlauf gebracht werden können.
Ach ja, die herrschende Klasse,
was täten wir nur ohne sie?

Egal, es geht wie immer noch x-mal derber:
Europas stolzer Diktator,
Lukaschenko der Letzte,
dem Pandemien und Volksaufstände nichts anhaben können,
rückt die Grenzpfosten der EU
wieder ein Stück weiter zurück.
Ein internationaler Flug von Griechenland nach Litauen
führt, wie ab jetzt alle wissen, direkt über Belarus.
Und wenn in einem solchen Flugzeug
ein Oppositioneller sitzt,
kann man das doch einfach
per Militärjet zur Landung zwingen.
Immerhin ist man ja Diktator,
und Diktatoren machen nun mal Diktatorensachen.
Konsequenz der EU: Harte Sanktionen.
So weit, so richtig.
Aber: Ein näherer Blick
auf das Opfer dieser Flugzeugentführung
lohnt sich ebenfalls.
Ernstzunehmende Verschwörungstheoretiker, aufgepasst,
hier kommt das krasse Zeug:
Raman Pratassewitsch,
den die Welt momentan
als neuesten Youtube-Freiheitskämpfer präsentiert bekommt,
und dem die Erschießung auf den Knien droht,
hat eine sehr interessante Vergangenheit,
sagt jedenfalls der belarussische Geheimdienst.
Zu Beginn des Ukrainekrieges vor sieben Jahren
soll er im „Asow“-Bataillon gekämpft haben,
sprich: als „Söldner des Westens“ gegen
die vermeintliche russische Invasion des Donbass.
Allerdings hat er nur als „Journalist“ gekämpft,
wie auch die Ukraine jetzt bestätigt.
Und nun ratet doch mal,
wie die Hauszeitschrift dieses Bataillons hieß!?
Ganz genau: „Schwarze Sonne“.
„Hakenkreuz“ war wohl schon besetzt.
– Ich sag mal so,
in diesem Fall
will irgendwie so gar keine
Blogger-Solidarität bei mir aufkommen…
Fakt ist jedenfalls,
dass alle europäischen Regierungssprecher
sofort das antirussische Narrativ aufgenommen haben
und Putin nicht lange mit Rückendeckung gewartet hat.
Und für wen das alles noch nicht crazy genug ist,
für den hat die belarussische Begründung ihres „Terrorakts“
noch eine Kirsche on top:
Was sonst, als eine Bombendrohung
der palästinensischen Hamas war die Ursache
für die erzwungene Notlandung.
Da hat wahrscheinlich sogar
Benjamin Netanyahu blöd geguckt,
zu dem aber gleich mehr.

Ganz kurz nochmal rüber in die Ukraine.
Da posierte nämlich in dieser Woche
ein deutscher Grüner im Stahlhelm,
und zwar kein geringerer als Robert Habeck,
dessen Position als Schatten-Außenminister
gleich mal zementiert wurde.
Waffenlieferungen an die Ukraine:
Für Habeck alternativlos.
Der Nato gefällt das.
Was der Nato inzwischen aber
auch weiterhin eher so semi-wichtig ist,
das dürfte der,
inzwischen im zweiten Jahrzehnt angekommene
Bürgerkrieg in Syrien sein.
Das Ergebnis der Präsidentschaftswahl in dieser Woche
war dem Westen schon vor seiner Verkündung bekannt.
95% Prozent für Assad;
so ist das nun mal
in erwachsenen Militär-Diktaturen,
in denen nur noch Menschen wählen,
die niemals die Absicht hatten,
vor dem Krieg zu fliehen.

Weiter südlich, in Jerusalem und Umgebung
ist aber erst mal wieder Ruhe eingekehrt:
Es gab lediglich noch die Erschießung
eines vermeintlich palästinensischen Messerattentäters,
so wie Massenverhaftungen im Osten der Stadt.
Auf dem uralten Pflaster der Altstadt warten alle
nur noch sehnsüchtig auf die Touristen,
die zahlen wenigstens Entschädigung
für den Terror ihrer Neugier,
und das auch noch in Dollar.

Wer demnächst auch endlich richtig blechen muss,
das sind die Ölkonzerne.
So wollen es zumindest Justizia
und, Achtung, Aktionäre.
Drei der größten Pyromanen des Klimawandels
müssen wohl endlich ernsthaft den Fuß vom Gas nehmen:
Shell wird von einem holländischen Gericht zurechtgewiesen,
Exxon und Chevron von den eigenen Investoren.
Die wollen ihr Geld in die Zukunft investieren,
und nicht in einen ausgetrockneten, lebensunwerten Planeten.
Fast schon sympathisch und progressiv
dieser Durchbruch,
käme er nicht Jahrzehnte zu spät.
Die Energiefrage bleibt also
eines der zentralen Themen des neuen Jahrhunderts,
und alles, wirklich alles, lässt sich damit politisieren.
Die Pandemie zum Beispiel.
Es liegt in der Natur der Sache,
dass „der Westen“ seinen Feind im „Osten“ sieht.
Und das ist von hier aus nun mal Asien,
konkreter Russland, China und Indien.
Letzteres hat gerade mehr
als genug mit sich selber zu tun,
ersteres muss eh schon länger
den Kopf hinhalten.
China allerdings
ist in der Mitte der Zielscheibe angekommen.
Und nicht selten sogar zu Recht.
Zu den millionenfachen Menschenrechtsverletzungen (mindestens)
gegen die Uiguren und die eigene Bevölkerung,
gesellt sich jetzt auch wieder die Schuldfrage in Sachen „Corona“.
Joe Biden fordert erneute Aufklärung,
die bisherigen Ergebnisse gereichen nicht zum Feindbild.
Ganz ehrlich: Ich glaub, es ist besser,
dass das Ganze ungeklärt bleibt.
Stellt Euch nur mal ganz kurz vor,
was passieren würde,
wenn sich die Labortheorie
doch noch bestätigen würde.
Trumps Wirtschaftskrieg gegen China
würde zu einem unbedeutenden Vorspiel werden.
Dann lieber niedliche Fledermäuse
und/oder Gürteltiere als Überträger.

Zurück zu den guten Nachrichten.
Im UK wird man nicht nur so langsam die Pandemie los,
sondern mit ihr vielleicht auch noch den Kasper,
der alles noch schlimmer gemacht hat.
Boris Johnsons ehemaliger Berater,
Brexiterfinder
und Evil Mastermind der Datenjunkies,
Dominic Cummings,
hat diese Woche seinen Ex-Chef
unter so ziemlich jeden roten Bus geschubst,
der nicht mit Wahlkampfslogans zugeklebt ist.
Die Tory-Wähler und Brexiteers
wird das allerdings wenig stören,
Mavericks wie Cummings eignen sich prima
als Bauernopfer.
Da kann der Stratege der Spaltung
vor dem Untersuchungsausschuss die Wahrheit sagen, wie er will.
Wer ein mal beim Lügen erwischt wird,
und nicht der Premierminister ist,
dem glaubt sowieso keiner mehr.
Vor einem Leben auf den harten Straßen Londons
muss er sich aber wahrscheinlich nicht fürchten;
mit genug Rücklagen und Haus am Strand.

Und apropos Strand!
Die Spatenstiche sind dokumentiert!
Es darf gebuddelt und geklotzt werden.
Quedlinburg bekommt bis zum Sommer 2024
endlich wieder ein echtes Sommerbad.
Der/die/das Klietz feiert ein grandioses Comeback,
also nach allem,
was ich so aus dem letzten Jahrhundert gehört habe…
Und nix mit bloß Teich und Schwimmbecken!
Minigolf, Naherholung, Erlebnis, Gastronomie und Leistungssport.
Aber vor allem:
Quedlinburg bekommt einen Dreier!
Nach meinen Berechnungen
gibt es dann in 5 bis 7 Jahren,
also gegen Ende der Zwanziger
endlich auch in Quedlinburg
so coole Halbstarke wie damals in Thale
bis Ende Nuller,
unter dem strengen, aber gnädigen
Bademeister aller Klassen, Harms-Dieter Harms.
Elegante Cliff-Köpper,
wasserverdrängendste Wannen,
verunglückte Krampen,
neiderregende Salti rückwärts
und ungezählte mutige, erste Kerzen.
Kein Asphalt,
sondern Liegewiesen unter Bäumen.
Keine Pflastersteine,
sondern feinster Sand
auf dem Beachvolleyballfeld.
Her mit dem schönen Leben!

„I don’t believe
there’s love anymore,
it’s all inside.
We always said it’s forever
in this beautiful life.“

(Biffy Clyro: 57. 2002.)

 

Und, ja: Das hier ist wirklich die 57. Episode. Ich hab nachgezählt. 57 mal. Cheers!

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