Ein Märchen in 11 Bildern
mit einem Vorspiel
„Brüderchen, komm, tanz mit mir,
beide Händchen reich ich dir,
einmal hin, einmal her,
rund herum, es ist nicht schwer!“
„Tanzen soll ich armer Wicht,
Schwesterchen, und kann es nicht!
Darum zeig mir, wie es Brauch,
daß ich tanzen lerne auch!“
(Adelheid Wette: Hänsel und Gretel. 1893)
Vorspiel – Lost in frustration
Der Beginn der Weihnachtsferien war für den Brillenträger in diesem Jahr genauso ein Moment zum tiefen Durchatmen wie schon in allen Jahren zuvor. Die letzten Wochen vor dem Jahreswechsel sind immer die anstrengendsten. Die Tage sind kurz, in der Schule sehnen alle die große Pause herbei, die Stunden der Korrektur und Vorbereitung am Schreibtisch beginnen nie vor Sonnenuntergang und das trübe Wetter trägt seinen Teil zur gedrückten Stimmung bei. Die erwartete Herbstdepression und der pandemiebedingte Stress fielen nur langsam und unvollständig von ihm ab, und eine Unterscheidung der beiden war eigentlich sowieso nicht mehr möglich.
Sehr bald aber würden die Tage schon wieder länger werden, und er würde zurückkehren zu dem sich selbst auferlegten Zwang, das alles weiter zu dokumentieren, zu analysieren, sich zu informieren, zu reflektieren und dabei viel zu oft zu deprimieren. Denn die Schlagzeilen waren ausgelutschter denn je, und alle taten so, als wäre keine Zeit vergangen und jede neue Meldung wäre eine neue Sensation. Dabei kam es ihm doch so vor, als hätte er in den letzten zwei Jahren alles schon mindestens ein mal gelesen. Und auch mindestens schon ein mal darüber geschrieben. #DieDoppeltenZwanziger hatten sich zum wiederholten Male festgefahren. Es gab nichts relevantes mehr zu schreiben, ohne es nicht mit einem Vermerk versehen zu müssen, es schon einmal geschrieben zu haben. – Oder täuschte sich der Brillenträger dabei nur? Waren die Nachrichten vielleicht doch einfach nur immer krasser geworden, und ihm war es bloß nicht mehr möglich, irgendeine Form von Entwicklung zu erkennen, geschweige denn eine Entwicklung hin zu etwas besserem. Alles war immer noch wie zu Beginn: Eine Katastrophe in Zeitlupe und Dauerschleife. Auf jede gute Neuigkeit folgen mindestens drei schlechte. Immer wenn der Brillenträger dachte, dass immerhin ein Teil der Krise weniger Gewicht bekomme, belehrten ihn die schwarzen Spiegel und deren Reflektionen in seinem Alltag eines schlechteren.
Kurz vor dem dritten Advent erwischte er sich dabei, wie er die späteren Abende damit verbrachte, seine eigenen Texte zu lesen, die von vor einem halben Jahr, von vor einem Jahr, von vor anderthalb Jahren, von vor zwei. Er täuschte sich nicht: Unsicherheit, Angst, Inkompetenz, Dummheit und Verzweiflung dominierten damals den allgemeinen Diskurs. Damals, als sie alle noch dachten, das wäre nur eine Phase, schlimm, aber auch irgendwie aufregend. Damals, als die Karre noch nicht so lange und bei weitem noch nicht so tief im Dreck steckte. Damals, als auch schon jeder Tag so war wie die dunkelste Stunde der Nacht, die nach der es angeblich wieder heller werden sollte.
Aber jetzt waren sogar schon in Quedlinburg so viele Menschen krank, dass nicht mal mehr die Müllabfuhr funktionierte. Bei aller Sympathie für Kulturpessimismus, bei aller Schadenfreude über die Schwäche des Spätkapitalismus und bei aller Dankbarkeit, so selten privilegiert in so selten aufregenden Zeiten zu leben: Scheiß Pandemie! Und wenn man den anderen Analysten und Auskennern glaubte, hatten sie gerade mal die Hälfte geschafft. Die Hälfte! Noch zwei Jahre: Scheiß Pandemie, Scheiß Querdenker, Scheiß Politik, Scheiß Langeweile, Scheiß Hoffnungslosigkeit, Scheiß Machtlosigkeit, Scheiß Frustration. Und noch zwei Jahre Freundlichbleiben bei maximaler Dunnhäutigkeit: If they go low, we go high; so viel kiffen kann kein Mensch.
Den vorerst letzten Höhepunkt der Absurdität hatte er erst vor einigen Tagen erlebt. Umgehend hatte er sein Schwesterherz kontaktiert, wissentlich, dass wenigstens sie noch etwas lustiges daran finden würde. Er traute sich nicht, die Situation zu fotografieren, also tippte er sie in sein Handy: An einer großen, weißen Wand in einem ehemaligen Supermarkt in der Quedlinburger Süderstadt sind zwei große Flachbildschirme montiert. Gegenüber sind auf gut 300 Quadratmetern in großen Abständen circa 50 Stühle verteilt, auf denen insgesamt zwei Personen sitzen. Es ist morgens, halb neun. Vor den beiden Flachbildschirmen stehen zwei Personen in Tarnuniform, Bundeswehr. Beide tragen eine rote Weihnachtsmannmütze mit weißer Bommel. Und beide haben eine Fernbedienung in der Hand, womit sie scheinbar das Programm für die nächsten Stunden einstellen. Auf dem linken Bildschirm sucht eine Soldatin etwas bei Netflix, auf dem rechten ein Soldat etwas bei Youtube. Nach einigen Minuten erscheint links „Schweinchen Wutz“ („Peppa Pig“) und rechts „Tom und Jerry“, nein, es wird nochmal umgeschaltet: „Paw Patrol“.
Das Schwesterherz antwortete umgehend: „Haha. Godot lacht sich grade schlapp. Ist das, wo ich denke, dass es ist?“ Der Brillenträger schmunzelte in sich hinein und antwortete: „Jap. Es geht immer noch einen Takken schärfer.“ Drei Sekunden später klingelte sein Handy, er nahm sofort ab: „Na?“
„Na? Gib denen doch mal nen Tipp, oder sind etwa wirklich schon Kinder da?“
„Ich sehe keine, aber vielleicht kommen ja wirklich schon welche. Oder die Soldaten finden das selber gut.“
„Oder das soll irgendwie deeskalierend sein. Ist denn schon viel los?“
„Nee.“
„Merkste schon was?“
„Von der Impfung? Nee, und das bleibt hoffentlich auch so. Aber du hast dich schon wieder erholt?“
„Ja, war aber nich schön. Geht wieder. … Du, ich wollt dich was fragen: Hast du Samstag schon was vor?“
„Wann Samstag?“
„Vormittags.“
„Nee. Wieso?“
„Erzähl ich dir bei Kaffee und Stolle. Kommst du heute vielleicht?“
„Bestimmt. Krieg ich vorher einen Tipp?“
„Hm, okay. Es ist kalt, anstrengend, ein bisschen gefährlich, und der ein oder andere Prinz spielt auch eine Rolle.“
„Wir klettern durch den Kleiderschrank von Mama nach Narnia?“
„Fast. Komm nach Hause, dann weihe ich dich ein.“
„Klingt gut. Kann ich gebrauchen.“
„Ich weiß.“
Sie legten gleichzeitig auf. Die Laune des Brillenträgers hatte sich schlagartig aufgehellt. Auf seinem Plan für das Wochenende hatte bis eben eine Spezialepisode für seinen Blog gestanden, die er jetzt aber einfach ins nächste Jahr verschob. Eine Art Weihnachtsstory, darüber wie Weihnachten irgendwann früher mal war. Selbst den Titel („Ghosts of Christmas‘ Past“) konnte er ebenso gut im nächsten Jahr benutzen, Zeitlosigkeit macht schließlich den Unterschied zwischen Kunst und großer Kunst aus. Er hatte sich der Frage zuwenden wollen, wann es wohl wieder einfach so Weihnachtskonzerte geben würde, im Pandemischen Jahrzehnt. Dabei wollte er über eines seiner ersten eigenen schreiben, vor gut 30 Jahren, als er den Sandmann aus Humperdincks „Hänsel und Gretel“ gesungen hatte, eine Sopranstimme. Und er hätte darüber geschrieben, welche Umstände dazu geführt hatten, dass sein erster Soloauftritt gleichzeitig sein dramatischster, peinlichster und unvergesslichster gewesen war.
Die Aussicht aber auf ein neues Abenteuer ließ ihn mit einem Schulterzucken davon Abstand nehmen. Er verabschiedete sich von den Soldaten, stieg vor dem Impfzentrum auf sein Rad und fuhr schnell nach Hause, der nächste Zug nach Thale würde bald fahren. Dachte er zumindest. Denn kaum am Bahnhof angekommen, hörte er die Durchsage, der Zug würde aus Krankheitsgründen ausfallen. Also konnte er sich nur noch ein Taxi nehmen. Scheiß Pandemie.
Bild 1 – Schüsse in die Luft
Der Brillenträger sitzt auf dem Rücksitz eines schwarzen Geländewagens. Vor ihm auf dem Beifahrersitz sitzt seine Schwester, am Lenkrad ihr Freund. Alle tragen sehr warme und robuste Kleidung. Draußen ist es kalt, irgendwas um den Gefrierpunkt, die Scheiben sind leicht beschlagen. In seinem Rucksack hat der Brillenträger noch Mütze und Handschuhe.
Er schaut in eine Zeitung, während sie die Kurven zum Hexentanzplatz schneiden. Er betrachtet das große Bild auf dem Papier vor ihm: Eine Frau fährt in einem Minipanzer durch den Schnee, darüber in orangenen Buchstaben: Warum ein Museums-Chef russisches Kriegsspielzeug in den Harz holte. Er tippt seiner Schwester auf die Schulter und zeigt ihr die Zeitung. Sie schaut ihn nur kurz an und zeigt ihm dann einen Vogel.
Bild 2 – Wem der Wald gehört
Die drei stehen an den letzten Resten der Schirmbuche zwischen einer Unmenge an weiteren Geländewagen aus fast allen Teilen des Landes. Am Himmel ist nicht eine Wolke zu sehen, der Morgen ist so klar, wie nur ein Wintermorgen es sein kann, der schneebedeckte Brocken leuchtet im Westen. Die umstehenden Menschen haben bereits kleine Gruppen gebildet, einige haben Warnwesten an, andere sind fein herausgeputzt und tragen Gewehre über ihren Schultern. Seine Schwester zeigt unauffällig auf die vielen Schalldämpfer und schüttelt wieder mit dem Kopf. Ein junger, hoch aufgeschossener Mann in ledernen Kniehosen, mit einem abgenutzten Hut und einem einnehmenden Lächeln in einem glattrasierten Gesicht begrüßt alle Anwesenden. Neben ihm ein unwesentlich kleinerer, dafür aber vollbärtiger Mann in neon orangener Funktionsjagdkleidung. Dann verteilt der Jagdherr Süßigkeiten aus einem Korb. Der Jagdleiter verteilt die Karten an die Treiber.
Bild 3 – Die Rotte zerfällt (1)
Ihre Treiberrotte besteht aus fünf Leuten und einem Hund. Seine Schwester schnürt ihre Schuhe, er tut es ihr gleich. Sie gehen geradeaus in den Wald, die Wege rechts und links ignorierend. Der Brillenträger sucht einen Ast im Unterholz, findet ihn, probiert ihn am nächsten Baum aus. Das Klopfen hallt zwischen den Rufen der anderen umher. „Hee – Hop! Hee – Hop!“ Die Stimme seiner Schwester ist kräftig. Er hört sie als ob sie neben ihm laufen würde, dabei hat sich die Rotte schon über viele Meter verteilt. Der Rottenführer ist schon nicht mehr zu sehen, von abseits des Hanges gibt er Laut. Der Brillenträger erkennt auf einem Hochsitz eine orangene Weste. In der Ferne hört es leise Hufgetrappel. Dann fällt dort ein Schuss. Kurz darauf noch einer. Dann herrscht wieder Stille. Er sieht niemanden mehr, geht weiter, schlägt wieder an Bäume. Irgendwo links neben ihm, hinter einem kleinen Hügel hört er wieder: „Hee – hop!“
Bild 4 – Rotwild nach hinten
Rings um ihn stehen die Bäume jetzt dichter. Seine Rotte hört er nur noch teilweise, seine Schwester aber ist wieder an seiner Seite. Gemeinsam blicken sie schweigend in das kleine Tal unter ihnen, sehen mindestens zwei besetzte Hochstände. Kurz ist es völlig still. Dann ein Ruf, und aus dem Dickicht dicht neben ihnen bricht ein Sprung Rotwild hervor. Das Fell glänzt fast schwarz von Erde und geschmolzenem Schnee. Die Tiere laufen den Hang hinunter, den Jägern vor den Lauf. Der erste Schuss fällt. Die Tiere laufen weiter. Der nächste Schuss, wieder kein Treffer. Die Tiere verschwinden aus seinem Blickfeld, der Brillenträger steht wie angewurzelt, bis seine Schwester ihn ruft.
Bild 5 – Die Rotte zerfällt (2)
An einer Weggabelung treffen sie sich wieder. Der Rottenführer bleibt verschwunden. Keiner weiß mehr, wo lang sie als nächstes gehen. Sie beschließen umzukehren, andere Wege durch die Bäume zu finden, nach Gefühl zu laufen, sie kennen diesen Wald. Vor dem Brillenträger und seiner Schwester taucht eine große Dickung auf, weiter hinten erkennt er einen weiteren Hochstand, kann aber nicht erkennen, ob sich darauf ein Jäger befindet. Die anderen beiden sind inzwischen ganz verschwunden, auf Rufe reagiert niemand mehr. Seine Schwester bedeutet ihm, auf der rechten Seite durch die Dickung zu gehen, sie selbst wendet sich wieder nach links. „Hee-hop! Hee-hop!“
Bild 6 – Im Dickicht
Die Bäume stehen nur noch halbe Meter auseinander, dazwischen struppige Büsche, der Boden ist zentimeterdick mit nassem Laub bedeckt. Immer mehr Brombeeren ranken sich um ihn herum, ständig verfängt er sich darin. Die Stimme seiner Schwester wird leiser. Er klopft öfter an die Bäume. Weit hinter ihm fällt wieder ein Schuss, weit vor ihm der nächste. Hört er Hundegebell? Greifen die Brombeerranken nach ihm? Läuft er im Kreis?
Bild 7 – Kompass
Seine Schwester antwortet nicht mehr. Er ruft ihren Namen. Stille. Irgendwo links von ihm zwei Schüsse kurz hintereinander. Er sieht sich um. Bäume. Sträucher. Brombeeren. Kein Weg. So weit er sehen kann, wird der Wald nicht lichter. Er ist ruhig. Er hat keine Angst. Sie werden sich finden. Sie finden sich immer. Er schließt die Augen, atmet tief ein und aus, hört auf seinen Herzschlag, dreht sich langsam hin und her, beinah als würde er tanzen. Dann bleibt er stehen, öffnet die Augen wieder, sieht einen Pfad durch die Bäume und hört seine Schwester rufen: „Hee-hop! Hee-hop!“
Bild 8 – Blut in der Luft
Am Jagdplatz wartet seine Schwester schon auf ihn. Die Jäger sitzen auf Bänken, stoßen an, klopfen sich auf die Schultern. Auf zwei Holzböcken werden die Tiere aufgebrochen. Das Blut klatscht auf den kalten Waldboden. Die Eingeweide landen in großen blauen Tonnen oder in metallenen Wannen. Immer mehr tote Tiere werden auf Anhängern herangefahren und am Wegesrand abgelegt. Zwei Hirsche, einige Rehkühe, viele Schweine, ein großer Eber. Vor einer Stunde haben sie alle noch gelebt, haben im Dickicht geschlafen. Jetzt dampfen ihren klaffenden Körper in der Mittagssonne. Es riecht nach Blut, wie es der Brillenträger noch nie gerochen hat.
Bild 9 – Das Waldhaus
Sie stehen auf dem Fundament des ehemaligen Waldhauses und beobachten die Treiber dabei, wie sie die dampfenden Kadaver neben das Feuer legen. Vor langer Zeit war das Haus abgebrannt, lange bevor die beiden geboren waren, und lange nachdem ihre Mutter hier die schönsten Sommer ihrer Kindheit verbrachte. Ihren Vater, den Großvater des Brillenträgers und seiner Schwester hatten die beiden nie kennengelernt. Und doch war das hier vor allem ihr Ort, die anderen nur Gäste. Adlig oder nicht. Der Wald gehört allen. Aber sie sind hier zu Hause.
Bild 10 – Strecke
In drei Reihen liegen die toten Tiere zwischen ordentlich ausgebreitetem Tannengrün. Oben die roten Hirsche, dann die grauen Rehe, als letztes die schwarzen Schweine. Zwei Jagdhornbläser setzen ihre Instrumente an, die meisten Jäger behalten ihre Hüte auf. Der Jagdherr hält wieder eine Rede, bedankt sich, nimmt seinen Hut ab, gedenkt seinem erst kürzlich verstorbenen Vater. Jetzt nehmen auch die anderen ihren Hut. Die Jagdhörner schallen über die wenigen umstehenden Bäume. Der Brillenträger riecht immer noch das Blut. Seine Schwester steht dicht neben ihm und legt kurz ihren Kopf an seine Schulter.
Bild 11 – Die kommenden Tage
Auf der Ladefläche des schwarzen Geländewagens rumpelt eine der Metallwannen, als die drei wieder den Berg hinunterfahren. Der Brillenträger reibt sich seine kalten Hände. Der Blutgeruch in seiner Nase wird ihn noch bis in die Nacht begleiten.
Als sie sich verabschieden, bietet ihm seine Schwester an, etwas mit nach Hause zu nehmen. Keinen Braten, den wird es erst zu Weihnachten geben. Sie reicht ihm ein Herz, so groß wie zwei Fäuste und flüstert ganz leise: „Expecto Patronum.“
Ende

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