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Adaption (Chronicle 9)

von | 2022 | 16. Mai | Chronicle

„Man tut was man kann.
Aber kann man, was man tut?
Man tut was man kann.
Aber kann man, was man tut?“

(Waving the Guns: Man tut was man kann. 2022)

 

Trotz der geschlossenen Fenster vor seinem Schreibtisch konnte der Brillenträger die Amsel auf den Dächern des Schuhhofs klar und deutlich singen hören. Sonntag Morgen. Alte Fenster.
Die letzten Wochen und Monate, die ersten nach der Zeitenwende, dem Epochenbruch, dem letzten Schrei in Sachen Weltuntergang, waren wie erwartet gesellschaftlich zermürbend und ermüdend gewesen, viel mehr noch als die beiden Jahre davor, auch wenn das schon vor einem Jahr nicht mehr möglich erschienen war.
Und trotzdem fühlte sich der Brillenträger, als ob sich die ewigen Gerüchte über den Mai in diesem Jahr schon wieder bestätigen sollten. Eigentlich hatte er sich vor diesen Wochen bereits im Winter, ach, eigentlich schon im letzten Herbst gefürchtet (als an den Krieg eigentlich noch nicht zu denken war). Denn jeden Tag hieß es jetzt: Schreibtischlein, deck dich! Und die Prüfungszeit endete erst in weiteren sechs Wochen. Aber bis heute fühlte er immer noch keine Erschöpfung, obwohl auch die Temperaturen bereits seit Tagen schon wieder hochsommerlich waren. In den Korrekturpausen saß er auf dem Balkon und träumte sich an einen kühleren Ort. Einem endlich fertig renovierten Bungalow irgendwo in den Weinbergen vielleicht. Vor dessen kleinen Fenstern gerade der Blauregen in voller Blüte stand. Wo zweisames Ein- und Ausschlafen (und Träumen) oberstes Gebot ist. Und wo die Zeit wirklich keine Rolle spielt. Nur für eine kurze Zeit.

Aber vielleicht hatte der Brillenträger nicht einfach nur sein Zeitgefühl verloren, sondern seinen Realitätsbezug gleich mit. Oder der war ihm gestohlen worden. Oder schlimmer noch, er hatte ihn zu achtlos aufgegeben. Oder, am schlimmsten: Es gab gar keinen Realitätsbezug mehr. Hatte ihn vielleicht auch nie gegeben. Alles bis heute war nur eine riesige Geschichte gewesen, die sich in diesen letzten Monaten in sich selbst aufgelöst hatte, um von allen Seiten neu beschrieben zu werden. (So ähnlich wie im Marvelmultiversum. Mit pausenlosen Cameos von Doctor Strange.)
Welche Seiten dabei in Zukunft wieder ausgelöscht würden, und welche auch weiterhin gelesen würden, die Antwort darauf war offener als jemals zuvor. Die Optionen waren einfach zu unübersichtlich, alles wurde von allem überlagert. Die Zeit hatte ihren Sinn verloren, und alle suchten wie im Fieber danach. Überall. In der Gegenwart, in der Zukunft und am liebsten in der Vergangenheit, die dabei gleich mitumgestaltet werden sollte. 2022 war wie 1914, war wie 1990, war wie 1881, war wie 1941, war wie 1922 oder wie 2122. Everything. All the time. All at once. Die Zeit schien nur noch zwei Konstanten zu kennen, zwei Seinszustände; wenn die Zeit denn überhaupt jemals wirklich existiert hatte. Nur noch zwei Zustände, die dabei halfen, sich in ihr noch selbst zu verorten: Krieg und/oder Frieden.

Alles andere schien endgültig beliebig und austauschbar geworden zu sein, die Menschen hatten sich an alles gewöhnt. Gewöhnung war zur Standardtaktik geworden. Der Verkaufsschlager unter den gesellschaftlich akzeptierten Krisenbewältigungsstrategien. Nebeneffekt der Schwarzen Spiegel. Ein einziges, tägliches Sich-Anpassen an die Zeit (durch stündlich/minütliche News-Updates auf sämtlichen Knälen). Sich-immer-weiter-Anpassen an die schon lange zur Gewohnheit gewordene Neue Normalität. An die Verhältnisse. An die Narrative. An Work-Life-Balance, an nur noch inszenierte Solidarität, an das postmoderne Leben. An Postdemokratie und Wahlfreiheit. Nichts blieb in alten Bahnen, nicht einmal die deutsche Politiklandschaft, wo die doch sonst immer als Vorzeigebeispiel für Behäbigkeit gegolten hatte. Links-Grün-Versifft war gestern, heute war Rechts-Grün-Versifft. Heute war die SPD die neue CDU, waren Die Grünen die neue FDP. Morgen war die FDP inoffizielle Volkspartei, die Linke war eine Erinnerung an früher. Und die AfD wurde gerade gänzlich abgeschafft. Denn wozu gab es denn jetzt schon noch die CDU?
Aber sogar für diese Verwerfungen hatte niemand wirklich die Zeit, auch nur mehr als einen Krümel Aufmerksamkeit aufzuwenden. Schließlich war Krieg, und für die allermeisten war das anscheinend genauso neu und aufregend, wie alles am Anfang immer ist. Die Gewöhnung allerdings hatte auch hier bereits eingesetzt. Die Geschichte vom Krieg in Europa begann sich schon abzunutzen, wie die Kriegsmaschinerie an den Ost-Fronten des Westens. Nichts wirklich Neues mehr.

Mehr als ein Mal hatte sich der Brillenträger in den letzten Wochen auch bereits gefragt, ob nicht auch das ständige Schreiben, Lesen und Reden vom Krieg uns irgendwie nicht nur daran gewöhnte, sondern auch auf noch schlimmeres vorbereitete. Menschen akzeptieren eine Neue Zeit leichter, wenn sie langsam daran gewöhnt werden. Und langsam, das war ja auch so ein Konzept aus der Vergangenheit. Die Algorithmen bestimmten jetzt das allgemeine Tempo. Und vielleicht hatte die Singularität ja bereits schon vollständig übernommen.
Das allerdings klang sogar für den Brillenträger noch zu verschwörungstheoretisch. Und für solcherlei Gedankenspiele ließ ihm das echte Leben glücklicherweise zu wenig Zeit. Die nutzte er lieber, um Eingeständnisse zu machen, wenigstens einiges einfach zu akzeptieren, und waren es auch nur gescheiterte Ideen, die bei Aufrechterhaltung nur noch mehr Frust erzeugt hätten. Der Wokismus beispielsweise hatte inzwischen seine Unschuld endgültig verloren. Vorbei das gutgläubige Fordern nach progressivem Wandel, die Vorstellung, man könne mit dem Internet, ein bisschen Couchaktivismus, runtergeschraubten Ansprüchen und den letzten Resten der Demokratie die Welt doch noch irgendwie retten.
Auch die Möglichkeit eines wirklich gelingenden Diskurses innerhalb dieses Chaos‘ aus Meinungen, Haltungen, Bubbles, Propaganda, Selfpromotion und Werbung hielt der Brillenträger inzwischen nur noch für eine hübsche Idee.
Seinen literarischen Ambitionen tat das alles zwar keinen Abbruch, verunsicherte ihn jedoch jedes Mal mehr, wenn er sich an die Tastatur setzte. Er versuchte dann einfach, das beste draus zu machen, und seinem Text eben diese Verunsicherung einfach als Leitmotiv aufzuzwingen, in dem Glauben, damit irgendwie doch den Nerv der Zeit zu treffen. Er sagte sich, er würde einen Text schreiben, dem man anmerkt, dass er weiß, dass er nicht mehr genial oder wirklich sinnstiftend sein kann, und es deswegen auch gar nicht erst versucht. Einen Text, der sich dem offensichtlichen Scheitern der Aufklärung, wenn nicht sogar des des Anthropozäns schlicht anpasst. Einen Text, der darunter so etwas ähnliches wie Authentizität versteht. Der gar keine humanistische, gar schöne Literatur sein will, sein kann, sein darf. Der gegen alles anschreibt, nur um wirklich frei zu bleiben. Aber: Frei wovon? Frei wozu?
Wie immer, wenn der Brillenträger glaubte, seine Stimme im Literaturkanon nicht mehr zu finden, tat er das, was wohl viele Brillenträger*innen in solchen Situationen angeblich tun: Er las sich ein. Und zwar in die modernste Literaturtheorie. Nicht ohne dabei in Erinnerungen an sein Studium zu schwelgen, oder gleich in Selbstherrlichkeit. Vielleicht hatte er seine Stimme ja schon lange gefunden und wurde sich ihrer erst nach und nach bewusst; er brauchte nur noch einen literarischen Begriff dafür. Nach kurzem Einlesen war er vielleicht sogar schon fündig geworden:

 

Der Begriff
des .compostmodernismus
umschreibt (…)
die Aufgabe
der post(!)post(!!)modernen Autoren:
Schreiben im Kontext
einer sich universal bewussten Sprache.
Mit Ironie, ja, sogar Zynismus.
Gleichwohl das beschreibende Wahrnehmen
und kritische Anerkennen
genau dieser Umstände.
Mehr noch: Sie sogar bewusst einzusetzen.
Mit dem Ziel,
durch sie hindurch zu schreiben
und den Kreis
der Selbstreferenz
zu durchbrechen.
Um eine konstruktive Welt zu sein.
Um sich mit anderen zu verbinden.“

(Aislinn C. McDougall: .compostmodernism. 2022. Ü.d.A.)

 

Kompostmoderne? Ja, das schien dem Brillenträger nach literarischer Erlösung zu riechen. Alles war doch zu Moder geworden. Alles: Ideen. Geschichten. Regeln. Stil. Botschaften. Wahrheiten. Bedeutungen. Kontext. Referenzen. Alles faulte vor sich hin. Die doppelten Böden waren morsch geworden. Sie forderten entweder Restauration oder Abriss. Radikale Hingabe oder radikale Zerstörung. Was sie stattdessen bekamen, waren nur noch mehr alte Geschichten, immerhin in neuen Formen. Niemand schien sich daran wagen zu wollen, den Haufen einfach umzuschichten, abzutragen und in neuen Beeten zu verteilen, auf das neue Stilblüten blühen konnten. Alle schrieben weiter im Status Quo, auch wenn sie sich vormachten, es wäre nicht so. Kaum jemand wollte den Epochenbruch wirklich vollziehen, niemand wollte noch wirklich provozieren. Außer vielleicht Sibylle Berg. Egal. Alle versuchten nur noch sich anzupassen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Den Anschluss woran? Und wozu?
Der Brillenträger befand sich also in einer permanenten Schreibkrise, nur war sein Problem nicht, dass er nicht wusste, was er denn schreiben sollte, sondern nicht wusste, was er denn nicht schreiben sollte, weswegen er einfach weiterschrieb. Es würde schon irgendwie gehen.

Da schrieben ihm im exakt selben Moment (immer noch Sonntag Morgen) sowohl der Buchträger, als auch Karoline Salthusser.
Die drei hatten seit dem Eklat vor gut zwei Monaten kaum miteinander geschrieben, geschweige denn gesprochen. Jedenfalls nie gleichzeitig. Karoline hatte sich beim Brillenträger über den ruchlosen Buchträger aufgeregt, der Buchträger hatte sich beim Brillenträger über die ruchlose Salthusser aufgeregt. Und der Brillenträger hatte sich bei der/dem jeweils anderen über die/den jeweils anderen aufgeregt. Und so waren auch die Sprünge, jedes Mal einhundert Jahre zurück in der Zeit, bis heute ausgefallen. Jedenfalls für Buch- und Brillenträger. Karoline hatte ihre zurückgewonnene Unabhängigkeit ausgiebig genutzt und hütete sich davor, dem Brillen- oder Buchträger auch nur andeutungsweise irgendwelche Anhaltspunkte zu liefern, was sie in den letzten Zwanzigern denn nun so gefährliches und wichtiges zu tun hatte.
Der Buchträger hingegen war seitdem in eine Art Lethargie verfallen, die niemand so von ihm kannte. War er nicht im Laden, war er selten für irgendjemanden zu erreichen; niemand wusste, was er nach Ladenschluss so trieb, aber hinter den Schaufenstern, weit hinten im Laden, leuchtete ein einsames Schreibtischlicht bis spät in jede Nacht.
Der Brillenträger überlegte nicht lange, wessen Nachricht er zuerst lesen sollte und entschied sich dann kurzentschlossen und ohne irgendeinen bewussten Grund für die des Buchträgers:
„Liebe Freunde, ich möchte wieder gut machen. Ich weiß nicht wie, weiß nicht wozu, weiß nur: Ich muss. Ich wusste bereits, dass es falsch war, ohne Euch zu springen, bevor ich den Orb gestohlen hatte. Aber das Verlangen ließ mir keine Wahl. Die Konsequenzen meiner Ausflüge sind mir bewusst, auch wenn ich denke, keinen großen Schaden angerichtet zu haben. Es gibt allerdings etwas, das ich Euch dringend erzählen muss. Etwas, das mich jetzt auch dazu gebracht hat, nur noch schreiben zu wollen. Und nur Ihr könnt mir helfen, aus meinem Buch keine Tragödie werden zu lassen.
Deshalb schlage ich Euch eine gemeinsame Wanderung vor. Wir können doch schließlich auch Dinge tun, die 1922 getan wurden, ohne in 1922 zu sein. Und ich verspreche, dass ich nie wieder um Zeitsprünge bitten werde, so sehr es mir auch das Herz zerreißt. Bitte hört Euch wenigstens an, woran das liegt. Euer Freund“
Sofort las der Brillenträger die Nachricht von Karoline:
„Habe seinen Entschuldigungsversuch gelesen. Bin dazu bereit. Verspreche aber nichts. Mein Vertrauen braucht lange um zu heilen. Was meinst Du?“
Er konnte nicht lange nachdenken, zu viel Zeit war bereits vergangen.
„Ja, er klingt aufrichtig. Und spannend hat er es auch gemacht. Ich schlage vor, so spontan wie möglich, also am besten noch heute, seiner Bitte nachzugehen. Hast Du Wanderschuhe?“
Karolines Antwort kam nur Sekunden später.
„Selbstverständlich. Festes Schuhwerk ist zeitlos. Mal sehen, was er vorschlägt. Habe ihm bereits geschrieben.“
Simultan erreichte den Brillenträger dann die nächste Nachricht des Buchträgers.
„Sie hat zugesagt! Lass uns jetzt nicht hängen! Bitte! Wie wär‘s damit: In einer Stunde fährt ein Bus vom Bahnhof nach Treseburg. Von da dann zu Fuß durchs Bodetal. War schon 1922 die beliebteste Wanderrute. Für Berliner und Einheimische. Sag bitte ja!“

Da waren sie also wieder mal, die Ungeschriebenen Episoden. Mit ungewohnter Leichtigkeit ließ der Brillenträger seine Notizen also nur Notizen sein, hoffte darauf, dass trotzdem jemand Gefallen und/oder Interesse daran finden konnte, egal wie ungeschnitzt sie noch waren und unterließ auch den Versuch, das ganze irgendwie metafiktional zu rechtfertigen. Es war Mai. Die Sonne schien. Es waren seine Freunde. Es war wichtig. Was gab es da zu zögern? Das Schreiben ist zeitlos, und kann deswegen vor allem eines ganz gut: Abwarten.

 

9. Mai bis 16. Mai (Stand: Sonntag Abend)

 

S7:Ep5(u) – Wandertag im Hamsterrad

– cold open: Sinngebung (for real):
Abi“stress“
vs.
Gruppenwanderung,
an den ersten richtig warmen Tagen
des Jahres eins „nach Corona“
und des 3. Weltkrieges (pretty sure for now)

– nächster großer Waldbrand im Harz (Ballenstedt)
– Eisheilige sind ausgefallen

– 1,5 Grad-Ziel jetzt schon 2026 erreicht, is dann eben so,
willkommen in der Verwüstung der Zukunft
(fun: Gürteltiere jetzt in Illinois heimisch)

Politics as usual:
– NRW hat gewählt: The Rise of Wüst! (Grüne hui, FDP pfui, Linke raus, Große Koalition?)
– AfD bis jetzt nur in Schleswig-Holstein raus (immerhin: first one down!)

Geschichtsrevisionismus/Bellizismus reloaded:
– Taz(!) lässt die Hunde von der Kette:
Der Zweite Weltkrieg war eigentlich Stalins Schuld, und Putin ist wie Stalin.
Klare Rechnung, 1 oder 0
(original bei der Nowaja Gazetta)

– Putin bricht tatsächlich alle Brücken ab (Ein Herr Meister sagt:
„Geschlossene Gesellschaft in Russland“ (er meint: „Faschismus“);
was ein Sherlock…

– Mariupol down? (Asow hat nachweislich über Zivilisten in Azovstal gelogen, Nazis werden in Odessa geehrt, die tagesschau verzichtet inzwischen komplett auf eine Einordnung)
– Elon Musk (Starlink) hat Nazis mit Internet versorgt
– Odessa next?
– original Stellungskrieg im Donbass (Nachspielen von 1914)
– US-Dienste gehen von einem „langen Krieg“ aus (cui bono, woke sheeple?!)
– Kuleba will die Krim zurückerobern, und viele andere Sachen
– wie würde Selenskyj eigentlich zur Abwechslung mal in weiß aussehen?
– ACAB darf den auch mal anfassen,
und verkündet den Energiebruch mit Russland als „für immer“ (face palm),
und hatte einen Tag vorher noch Zeit, ihre Phrasen an der Viadrina in Frankfurt (Oder) zu proben (true story)
– Ukraine lässt 30% weniger Gas nach Europa, ab Mittwoch (weil: russische Eroberung von Luhansk ), aber Habeck: keine Panik!
– EU-Beitrittsfrage: Ukraine möchte am liebsten gestern,
Dobrindt(!): kann noch Jahrzehnte dauern
– Ausbildung ukrainischer Soldaten in D (Howitzer)
– Finnland und Schweden entscheiden sich für die NATO,
Medwedew riecht deswegen schon wieder Atomkrieg,
Erdogan findet ersteres gar nicht gut
– Sicherheitsabkommen zwischen UK, Schweden und Finnland
– dann: das erste Kriegsopfer jenseits der russischen Grenze
– erste Entlassungen russischer Lehrkräfte wegen Pazifismus
– russische Stromlieferungen nach Finnland werden gekappt
– wer hat Schuld an den steigenden Preisen? Putin oder doch auch die Spekulanten?
– Selenskyj (Eröffnungsrede) und Klitschko werden in Davos (WEF) sprechen
– Pussy Riot betouren Europa
– Ukraine sagt Wendepunkt des Krieges für Mitte August und sein Ende für das Ende des Jahres voraus (Ziel: Ukraine erobert alles zurück, auch die Krim, weil: „Russen nur Horde mit Waffen“)
– weitere „pro-russische“ Parteien werden verboten
– Ukraine gewinnt den ESC, Band Kalush Orchestra fordert Freiheit für Asow
– Antwort Russlands: Phosphorbomben auf Asovstal
(angeblich mit der Aufschrift: „Für Kalush, wie gewünscht“)
– US-Howitzer an der Front angekommen, mit der Aufschrift: From America with …
– Charkiw vor der Befreiung

Steinmeier meets Pflastersteine:
– 100 Mann Entourage, pausenlos rauchende Anzugträger*innen vor der Schloßmühle
– Büro im Rathaus, dort deswegen kein Bürgerverkehr
– überall und ständig Landespolente
– volles Programm Bürgernähe (sogar beim Jugendforum in der Reiche!)
– Bürgermeister mahnt finanzielle Engpässe im Radio an
– auch als Privatmann unterwegs, der privat anscheinend gerne wandert, und Bücher liest
– keine sonstigen Zwischenfälle (puh!)

– Scholz schlumpft im Verteidigungsausschuss
– telefoniert dafür aber wieder mit Putin

– 16-jähriger Breivik-Fanboy wollte zwei Schulen in Essen attackieren
– 10 Tote bei Massaker in Buffalo (ebenfalls Nazi)

neue Rubrik(?): In anderen Diktaturen
– Diktatorenerbenduo auf den Philippinen (Marcos meets Duterte)
– Nord Korea 1: Kim hält zu Putin
– Bundeswehr in Mali: nicht etwa weniger, sondern noch mehr Soldaten
– Nord Korea 2: dann doch noch Covid-19 (Omikron), und niemand ist geimpft…
– Massive Ausschreitungen bei Beisetzung einer pro-palästinensischen AJ-Journalistin in Ost-Jerusalem

– Warhol-Madonna für 195.000.000 Dollar verkauft

– Elon Musk macht Insiderdeals mit sich selbst (drückt den Preis von Twitter um fast 20 Dollar)

– Deniz Yücel wird vom PEN fallen gelassen (why oh why? Einordnung notwendig?)

– NBA: Titelverteidiger (Bucks) und Topfavorit (Suns) nicht mal im Halbfinale? The early rise of The Don?

Vor lauter Sehnsucht nach Freiheit,
verlier‘n wir den Verstand:
Wird die Hochzeit von Christian Lindner
(FDfuckingP, Finanzminister von Adam Smith‘s Gnaden)
auf Sylt (!extra dorthin verlegt!) (Anfang Juli)
etwa von der Antifa gekesselt werden?
(#chaostagesylt2022)
Muss gar die Hochzeit von Christian,
Dornige Chance des Turbokapitalismus,
Lindner
vom SEK
beschützt werden?
Bricht gar auf Sylt
(dem beschisseneren Hiddensee
– weniger Möwen, weniger Arschlöcher)
die nächste Deutsche Revolution aus?
Jo doch, warum denn auch nicht?
Anything goes!
Nach uns die Sintflut.

 

Und außerdem wurde in diesen Tagen immer klarer, dass es anscheinend wirklich nur einen Last Exit before mental breakdown gab: Das Walden (aka Draußensein). Der Brillenträger schnürte seine Wanderschuhe, packte nur das nötigste in seinen Rucksack und machte sich auf den Weg zum Bahnhof, nur wenige Minuten nachdem er den anderen beiden geschrieben hatte:
„Freue mich wie selten. Bis gleich an der Flora.“

Bereits am frühen Abend saß er dann erneut und logischerweise erfrischt wieder an seinem Schreibtisch und schrieb die folgende Geschichte. Noch war er sich unsicher, ob er sie den anderen dann wieder vorlesen würde, wie sie es doch sonst nach ihren Sprüngen immer getan hatten. Er traute sich noch nicht so recht, denn schließlich war es sein erster Versuch aus der Ich-Persepktive geworden, eine Erzählhaltung, der er prinzipiell misstraute. Viel zu subjektiv.

 

Wanderlust

Wir wanderten trotzdem. Im Bus nach Treseburg trugen die meisten neben Wanderschuhen und Rucksäcken noch einen Atemschutz, auf den paar Metern wollte niemand etwas riskieren, zumal die frische Luft gleich im absoluten Überfluss vorhanden sein würde. Wir wanderten trotz der Verunsicherung, die uns auf jedem Schritt durch das steinige Bodetal begleitete.
Wir redeten zunächst kaum, der Weg wurde zudem bald sehr herausfordernd. Ich hätte sowieso nicht gewusst, wann der richtige Zeitpunkt für eine wirkliche Aussprache gewesen wäre, außerdem war es am Buchträger, den ersten Schritt zu machen.
Am Aufgang zum Kestenbachtal, auf einer ziemlich morschen Bank, machten wir die erste Pause. Und ich hielt es nicht länger aus. Nach nur wenigen eindringlichen Blicken fasste sich der Buchträger ein Herz. Karoline hörte geduldig zu. Als der Buchträger an der Stelle seiner Geschichte angekommen war, an der er letztlich auch zugab, bei seinen beiden Soloausflügen nach Berlin im Jahre 1922 auch noch die wichtigsten Regeln gebrochen zu haben, stand Karoline überraschend langsam auf. Sie sagte, dass das ja wohl nicht hätte ausbleiben können, und dass sie sich das natürlich schon gedacht hatte. Sie hätte allerdings keine spürbaren Auswirkungen auf unsere Zeitlinie ausmachen können. Der Buchträger hätte also noch mal Glück gehabt. Ob er sich denn wirklich verliebt hätte? Er nickte heftig. In nur zwei Nächten? Er nickte noch heftiger, bereits in der ersten! Und sie schien ihm zu glauben. Karoline setzte sich wieder. Nach einigen stillen Momenten, verzieh sie ihm und zeigte kurz Mitgefühl mit seiner Situation. Der Buchträger ließ die Gelegenheit zum Betteln allerdings verstreichen, wollte sein Glück nicht überstrapazieren. Ich saß schweigend zwischen den beiden und suchte nach einem Ausweg.
Da stand Karoline erneut auf, jetzt deutlich entschlossener. Sie kramte in ihrem Rucksack. Dem Buchträger und mir stockte der Atem vor Verblüffung. Sie schaute das Tal hinauf, und erinnerte uns an einen geheimen Treffpunkt weiter oben auf der rechten Seite. Kleine Höhlen in der Felswand, ein versteckter Wasserfall, nur etwas für Eingeweihte.
Der Weg dorthin war schwer, die Schwelle zum Klettern mehr als ein mal überschritten. Aber die Stelle war ideal für einen Sprung. Weder heute noch 1922 war die Chance besonders groß, dass irgendjemand uns hier beobachten würde. Wir sahen uns kurz vor dem Sprung noch einmal an. Unser Erscheinungsbild passte gerade noch so in die lange zurückliegende Vergangenheit, um auch auf dem weiteren Weg in Richtung Ausgang des Bodetals nicht weiter aufzufallen. Dann drehte Karoline am Orb und es veränderte sich alles – und nichts. Nur der Pfad, den wir in 100 Jahren nach oben gestiegen waren, wirkte etwas ausgetretener.
Die Menschen, die wir auf dem weiteren Weg nach Thale trafen, wirkten genauso aus der Zeit gefallen wie wir. Seltsam hingerissen vom zarten Grün der vielen jungen Buchen, berauscht vom Klang der tosenden Bode, entrückt aus ihrem weltgeschichtlichen Alltag, der noch vor wenigen Jahren dem der drei Freunde gar nicht so unähnlich gewesen war.
Auf der Teufelsbrücke, 1922 ein eher wackliges Holzgestell, das bereits knapp fünfzig Jahre früher erbaut worden war, stauten sich die Wanderlustigen und bestaunten die ersten Klippenspringer des Jahres. Nur wenige Meter weiter mischten wir uns unter die Menschen, die sich vor der Königsruhe mit Getränken erfrischten. Alles außerhalb dieses Ortes war außerhalb seiner Zeit.
Am Ausgang des Bodetals war nur unmerklich weniger Verkehr als hundert Jahre später, nur gab es dort noch nichts von dem, was heute die Natur verstellte. Nur ein paar Sitzgelegenheiten und ein paar Gelegenheiten, den Durst und Hunger nach einer Wanderung zu stillen.

Gerade als wir uns an einen der wenigen Tische auf der Hubertusinsel niederlassen wollten, bückte sich der Buchträger nach einem niedergefallenen Stück Papier, das eine junge Frau, die eben von dem selben Tisch aufgestanden war, vielleicht verloren hatte. Es war ein im Jugendstil gehaltener Gutschein des Gebirgskurortes Thale, in Höhe von 75 Pfennig. Genug für eine komplette Mahlzeit und einen Kaffee.
Der Buchträger wollte uns gerade erklären , dass es sich dabei um eine Art Notgeld handelte, da drehte sich die junge Frau plötzlich um. Der Buchträger wollte ihr den Gutschein reichen, verharrte allerdings in seiner Bewegung, als er die junge Frau wieder erkannte. Das konnte doch nicht sein! Das durfte nicht sein! Auch sie schien sich erschrocken zu haben, kam aber langsam auf uns zu.
Die Reaktion von Karoline allerdings hatte niemand erwartet. Sie lachte beherzt auf, klatschte in die Hände und sagte leise zu uns, dass sich die Frage nach Schicksal oder Zufall wohl endlich beantwortet hätte. Der Buchträger und ich waren genauso fassungslos wie so oft in den letzten einundeinhalb Jahren. Denn nicht nur erkannte der Buchträger in der jungen Frau die Person, nach der er sich seit zwei Monaten jede Nacht verzehrt hatte, sondern auch Karoline war offensichtlich mit ihr bekannt. Die beiden begrüßten sich stürmisch und setzten sich zurück an den Tisch.
Das war der Moment, in dem sich wieder einmal alles verändern sollte. So langsam begann ich, mich daran zu gewöhnen. Bald erfuhr auch ich den Namen der jungen Frau: Marie von Weizenfall stellte sich als mittellose Nachfahrin irgendeines verarmten Landadels vor, die schon auf so einige geheime Aktionen mit Karoline Salthusser zurückblicken konnte, das Berliner Nachtleben in vollen Zügen genoss und zur Entspannung nichts lieber tat, als alleine in den Harz zum Wandern zu fahren. Sehr schnell wurde mir klar, dass unser Abenteuer eine neue Heldin bekommen hatte, deren Geschichte nur so danach schrie aufgeschrieben zu werden, und die noch nichts von dieser Geschichte ahnte.

 

Am späteren Abend saß der Brillenträger immer noch an seinem Schreibtisch und versuchte, die neuesten Entwicklungen zu verstehen. Gedankenverloren spielte er dabei mit dem Gutschein, den er heimlich nach heute geschmuggelt hatte. Unterzeichnet vom ersten Bürgermeister der Stadt Thale, Otto Schönermarck. Auf der Rückseite eine Gesamtansicht der Stadt. Mit Hüttenwerk, Petri-Kirche und Hotel Zehnpfund. Weiter hinten dann nichts. Nicht mal eine Ahnung des Wohngebietes („Auf den Höhen“), in dem er sechzig Jahre später groß geworden war. Nur Weizenfelder und Wald. Und ganz hinten, kurz vor dem Horizont, war gerade noch so das Quedlinburger Schloss zu erkennen. Ein Gruß aus mehr als einer Vergangenheit. Die Zeit passte sich an.

 

P.S.
Ein großer Dank für die Hilfe bei wichtiger Recherche an:
Martin Dunkel und Kinder.

2 Kommentare
  1. Göran

    raw, raw, raw – so sieht es also aus…

    Antworten
    • Mathias

      😀 … bevor die Feder gespitzt wird.

      Antworten

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