„You got the moves, you got the moves.
You got the moves, bang bang baby.
You got the moves, you got the moves.
I have never felt this strong
dancing to you all night long.
You’re a new song.
You’re a new song, baby.
You’re a new song to me.“
(Warpaint: New Song. 2016.)
Na, wenn das mal keine
erfrischend neuen Töne sind!
Bei der gemütlichsten Gartenparty
im gesamten Landkreis Harz
ist es gestern Abend
zu dem folgendem Dialog gekommen.
Zwei deutsche Cis-Männer,
einmal knapp und einmal weit jenseits der 40,
ihr ganzes Leben lang schon absolute Fußballcracks,
sagen solche Sätze
im Jahr 2022
völlig ohne Ironie
oder Wehmut,
wenn sie über
die heute zu Ende gehende
Fußballeuropameisterschaft sprechen:
„Das is‘ noch richtiger Fußball.“
„Fakt. Nich‘ dieses Rumjeheule.
Keine Spirenzchen.“
„Da siehste keen Rumjerolle auf‘m Rasen.
Die stehn uff, und weiter jeht‘s.“
„Und geile Tore, oder?“
„Janz herrliche sogar!“
Da grillt es sich doch gleich viel entspannter,
wenn wenigstens die Klischees endlich vergangen sind.
Und weil es gerade so unalmännisch zugeht,
hier noch ein Novum:
Ein deutscher Mann
hat bei der gemütlichsten Gartenparty Deutschlands
gestern Abend
das Grillen
den Gästen überlassen
und sich hinterher so dafür bedankt:
„Übrigens noch mal danke
für die Übernahme der Grillung.
Ich appreciate sowas hart.“
Aber bei weitem nicht alle deutschen Männer
können mit Buchstaben so gekonnt umgehen,
wenn es um den Umgang
mit einer sommerlichen Tradition geht
(Beim Grillen über Fußball reden).
Ans untere Ende der Niveauskala
hat sich pflichschuldigst
die BildAmSonntag begeben:
„HEUTE POPPEN WIR ENGLAND.“
Schon krass,
dass es respektvoller gewesen wäre,
wenn sie statt des top notch cringen Wortspiels
mit dem Namen der deutschen Kapitänin
wirklich einfach nur
„F*CKEN“ geschrieben hätten.
Aber Gott sei Dank
schrumpft die Leserschaft dieses Drecksblattes
schneller als die Hoden
jedes alten weißen Mannes,
wenn er auch nur
an das Wort „Gendern“ denkt.
Am Ende der Episode
wird natürlich noch aufgeklärt,
wie viele Wembleytore heute geschossen wurden,
oder ob Elfmeterschießen
zwischen England und Deutschland
wirklich immer schon vorher entscheiden sind.
#DieDoppeltenZwanziger
sind heute aber eh
nur auf der Durchreise.
Erstens,
weil es trotz „Abkühlung“ in den letzten Tagen,
weiterhin um die 30°C hat,
und die Luftfeuchtigkeit
mit den Händen zu greifen ist.
Zweitens, weil, verdammt noch mal,
immer noch Urlaub ist.
Im Sommer 2022,
ein halbes Jahr nach der „Zeitenwende“.
Noch drei Monate
bis zum erneuten Anfang vom Ende.
Nur dieses Mal
for real.
Dazu aber erst zum Schluss,
Motive soll man nehmen, wie sie kommen,
besonders wenn es sich um so traditionsreiche handelt,
wie es heute der Fall ist.
„Das ist schön bei den Deutschen:
Keiner ist so verrückt,
dass er nicht einen noch Verrückteren fände,
der ihn versteht.“
(Heinrich Heine: Die Harzreise. 1826.)
Also, einsteigen bitte!
Maske nicht vergesessen!
Der nächste Halt ist das Ende der Episode.
Rauchen verboten! (Abfahrt!)
Trotz des aktuellen „Bahnchaos“
(siehe: Neue Normalität)
haben sich heute mehr als 1.000 Menschen
auf den Weg nach Berlin gemacht.
Wahrscheinlich wegen „denen da oben“.
Da beginnt nämlich gerade
die „Woche der Demokratie“.
Oder eben das, was Menschen darunter verstehen,
die auf der Eröffnungskundgebung
tatsächlich „Freundschaft mit Russland“
skandiert haben.
Ich habe länger darüber nachgedacht,
aber der Titel der Veranstaltung
und diese Parole ergeben zusammen
einfach keinen Sinn.
Für Gesprächsstoff auf social media
wird es aber reichen;
Stupidity runs fast.
Unterwegs ist momentan auch
gefühlt das halbe Bundeskabinett.
Einfach nur ihren Job
macht dabei die Außenministerin:
Schuldbewusst, aber stur
in Athen
immer noch ausstehende Reparationsleistungen ablehnen.
In Ankara ist dieser Job schon schwerer.
Immerhin hat sie
die Menschenrechtslage
und den türkischen Krieg gegen Nordsyrien angesprochen,
auch wenn sie letzteren natofreundlicher beschrieben hat.
Schon weniger sinnbefreit,
dafür aber mit absurden Pressefotostunts
waren Innenministerin Faeser
und Arbeitsminister Heil unterwegs.
Auf einem Balkon in Kiew
auf ein Sektchen mit Bürgermeister Klitschko?
Geschenkt.
Widerlich wird es jetzt:
Bei einem Besuch in Irpin,
kurz nachdem sie ihren Schwipps ausgeschlafen hatten,
stehen Faser und Heil mit gequälten Gesichtern
neben einer blondgefärbten Frau
in Armeehose, Springerstiefeln
und olivgrünem T-Shirt mit diesem Aufdruck:
„Black Rifles Matter“,
die nicht nur aufgesetzt stolz in die Ferne schaut,
sondern Abgeordnete des dortigen Stadtrats ist.
Schräg, dass man
bei so wenigen Nazis in der Ukraine
so schnell eine findet,
mit der man sich als SPD-Politiker*in
fotografieren lassen kann.
In Sachen Menschenrechte
war aber auch der saudische Kronprinz bin Salman
im kühlen globalen Norden unterwegs,
und hat sich beim Essen mit Macron,
die Wortbedeutung nochmal erklären lassen.
Bildungsreise.
Sponsored by OPEC.
Hier, zu Hause
auf dem Balkon/der Terasse/im Garten/im Park
bildet sich der gemeine Bildungsbürger
zu solchen Dingen
im Urlaub natürlich nicht.
Sein intellektuelles Stimmungsbaromater,
Die Zeit widmet sich deshalb
in vorauseilendem Gehorsam
den wirklich wichtigen Fragen:
Unsere Goldstrände – Wie geht guter Urlaub?
Und vor allem: Wie lange noch?
Sieben Tipps,
von wo aus sie den Untergang
noch so richtig genießen können.
Dahin wollen anscheinend wirklich alle
im Moment.
Im UK rollt deswegen
die erste große Reisewelle seit Pandemiebeginn an.
Kommt allerdings nicht weit.
Wegen Brexit und überhaupt
stehen dort zur Stunde
die, die sich noch Urlaub in der EU leisten können,
in kilometerlangen Staus
in der drückenden Hitze,
bis zu 20 Stunden am Stück.
Da wird mir schon wieder ganz anders,
wenn ich an meinen Urlaubsplan für‘s nächste Jahr denke.
Auch weil gerade gestern erst
25 Menschen bei einer Flut in Kentucky gestorben sind.
Kentucky! Im Sommer!
Sollte ich das doch von der Route streichen?
Oder mir die Reise
am besten komplett noch mal überlegen?
Im Trend liegen würde ich damit.
Denn: Die Beliebtheit der USA
in europäischen Ländern
befindet sich im Sinkflug.
Eine Grafik von Morning Consult zeigt das so:
Nach Beginn des Ukrainekriegs
stieg die Beliebtheit
von nicht mal 20%
auf beinahe 30%.
Dann passierte das Uvaldeschooting,
es ging runter auf auf 15%,
dann hatte der rechtskonservative Supreme Court seinen Auftritt,
und jetzt liegt „America The Beautiful“
noch bei 12%.
Und das, obwohl doch sogar Gewerkschaften
das next big thing aus den USA sind.
Egal, der Traum wird geträumt:
40 Tage Mittlerer Westen.
Das Heartland ins Herz schließen.
Nächstes Jahr um diese Zeit
machen #DieDoppeltenZwanziger
ihren ganz eigenen Bildungsurlaub.
Vielleicht.
Wenn der Krieg nicht noch schlimmer wird.
Und dann gar nichts mehr geht.
Was ja nicht weniger wahrscheinlich ist.
Da hilft die heutige Großmeldung
auch nicht weiter:
Wolodymir Selenskij selbst
hat die komplette Evakuierung
des restlichen Donbass befohlen.
Das Schlachtfeld wird geräumt,
bevor sich dann
die noch verblieben Soldaten
auf beiden Seiten
nach und nach
vernichten können.
Waffen dürften ja inzwischen
genug geliefert worden sein.
Und die Wahrheit ist inzwischen
auch schon so oft ermordet worden,
dass es schon nur noch ein labbrige Debatte ist,
wenn sich beide Kriegsparteien
gegenseitig der Bombardierung
eines Kriegsgefangenenlagers beschuldigen,
die am Kriegsverlauf nichts ändert.
Genauso wenig
wie die UN.
Denn, außer Polen
zum x-ten Mal
wegen Doppelstandards
bei der Behandlung
von vor einem Krieg fliehenden
zu rügen,
kriegen die auch nichts hin.
Doch, sorry.
Gerade erst wurde das Recht auf eine saubere Umwelt
zum allgemeinen Menschenrecht erklärt.
Und ich frage mich nur:
Was ist der Superlativ
von „too little too late“?
Breaking News:
2:1 für England,
nach Verlängerung,
per Abstauberin
(inklusive Gelber Karte für Trikotausziehen)
in der 110. Spielminute!
Und nicht mal zwei Minuten Nachspielzeit.
Fußball ist wieder rein!
Für den Moment.
Die wirkliche „Schande“ für Deutschland
ist zweifelsohne,
dass der DFB so gnädig war,
den Termin für die erste Runde des DFB-Pokals
ebenfalls auf dieses Wochenende zu legen,
womit das EM-Finale
quasi im Vorprogramm läuft.
Perfider geht‘s schon bald nicht mehr.
Ich ruf mal lieber mal in London an,
gratulieren und so.
…
…
Hello, this is London speaking.
We are currently out in a pub.
If this is you,
#DieDoppeltenZwanziger:
„Three Lions on a shirt.
Jules Rimet still gleaming.
Thirty years of hurt
never stopped me dreaming.“
(The Lightning Seeds: Three Lions. 1996.)
So.
Bevor auch mein Urlaub
seine Chance bekommen soll,
natürlich noch ein Wort zum Klima.
Regelmäßige Leser*innen wissen,
jetzt kommen wieder schlechte Aussichten:
Während es weiterhin in allen Ecken brennt,
und neue Feuer schneller aufflammen
als die alten gelöscht werden,
stellt der englische Guardian
ein neues Buch vor.
Nach Jonathan Franzens
„Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?“ (2020)
kommt jetzt:
„Hothouse Earth“
von Bill McGuire,
einem emeritierten Professor
der Geophysik der Universität London.
Ich fasse sein Urteil kurz zusammen:
Das Hoffnungsgewaber seiner Kollegen
geht ihm gehörig gegen den Strich,
weswegen er es „climate appeasement“ nennt.
Denn wohin unser aller Reise geht,
das beschreibt er so:
„We have passed the point of no return and can expect a future in which lethal heatwaves and temperatures of 50°C are common in the tropics; where summers at temperature latitudes will invariably be baking hot, and where our oceans are destined to become warm an acidic. A child born in 2020 will face a far more hostile world that it grandparents did.“
Die Zukunft.
Unendliche Schrecken.
Niemand will da hin.
Nicht mal mehr in Zeitreisegeschichten.
Deswegen heute zum Schluss
nur noch ein Geheimtipp
(wenn es sowas denn noch gibt)
für alle, die auch bei trüben Aussichten
noch am Ball bleiben.
Brian K. Vaughans
phänomenale Comic-Reihe
„Paper Girls“
hat es ins Internetstreaming geschafft.
Also nicht wundern,
wenn es hier demnächst
ein paar freshe Referenzen setzt.
Und ich sag mal so:
Ich hab erst eine Episode gesehen,
und die noch nicht mal bis zum Schluss.
Aber: Es ist toll zu sehen,
dass mit „Stranger Things“
wohl doch noch lange nicht
das Ende der Reise
erreicht wurde.

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