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Super Dark Times (S7:Ep13)

von | 2022 | 4. September | Die Serie, Staffel 7 - Half a world away

„Stille, Stille, Stille
in mein Herz hinein.
Stille, Stille, Stille,
alles muss dunkel sein.
Denn erst wenn alles dunkel ist,
und erst wenn alles nicht mehr ist,
dann bin ich da,
da, da, da, da,
da, da, da, da,
da, da, da, da…“

(Betterov: Angst. 2020.)

 

Holy.
Fucking.
Shit.
Diese Woche
war ja wohl
mal wieder
einer der etwas größeren Schritte
ins kommende
Zweite Mittelalter.
Eine dieser Wochen,
über die es in der Belletristik
zu so einem Zeitpunkt der Erzählung
heißen würde:
Und dann geschah alles auf einmal.
Für mich war die Woche
im Grunde aber erstmal top:
schönes Wetter,
der Tank fast noch voll,
in der Schule geben auch alle ihr bestes,
meine erste echte Alte-Herren-Basketballsaison
ist um die Ecke,
und ich hab es fast geschafft,
den Roman des Jahres
(David Mitchells „Utopia Avenue“)
zu Ende zu lesen.
Vielen geht es noch so,
also noch viel zu gut.
Man sieht die Katastrophe
zwar immer deutlicher kommen,
macht aber erst mal weiter;
wird schon irgendwie geh‘n.
Noch ist das Dunkel
nur in neon-schwarz
an die Wände gemalt.
Noch ist alles Gold.

Sehr vielen mehr
geht es seit Mitte der Woche
aber schon nicht mehr so:
Wer die Gespräche
an der Kasse
beim Wochenendeinkauf belauschen,
oder nur die Gesichter
richtig deuten konnte,
weiß was ich meine.
Der nächste Tankpreisschock
(im Schnitt plus 35 Cent
innerhalb von weniger als 48 Stunden,
nach dem Auslaufen des „Rabattes“)
war noch nicht verdaut,
da konnte man sich auch nicht mehr einreden,
dass sich die allgemeinen Preissteigerungen
noch nicht auf dem eigenen Kassenzettel zeigen.
Ganz ehrlich:
Mir egal, was eine
wieder steigende Inflationsrate
von knapp 8% wirklich bedeutet,
gefühlt ist alles 20% teurer geworden,
im Vergleich zu vor dem Krieg.

Und das war jetzt
nur das Vorwort
zur heutigen Episode,
von deren Titel ich wünschte,
er wäre nur eine Hyperbel.
Ist er aber nicht.
Ich bin mir jetzt schon ziemlich sicher,
dass ich es weder schaffen werde,
alles relevante einzubauen,
noch werde ich es schaffen,
dass die Episode
vor lauter Unübersichtlichkeit
nicht einfach irgendwann
nach schwarz ausblendet.
Und es ist erst Freitag;
da kommen noch mindestens
20 Newscycle in altem Zeitempfinden
bis der Text online gehen muss.

Aber auch wenn
der Rest der Episode
wahrscheinlich ziemlich random daher kommt,
weiß ich wenigstens,
womit ich anzufangen habe:
Mit dem Tod.
Am Mittwoch gab es
den dann doch noch eher selteneren Fall,
dass die beiden Topmeldungen der tagesschau
mit Portraitfotos
in schwarz-weiß
versehen waren.
Das eine wegen
hoher nationaler Bedeutung,
das andere wegen
höchster internationaler Bedeutung:
Gorbi ist tot.
Vielleicht der einzige
Staatenlenker der Nachkriegsgeschichte,
der so gut wie alles richtig gemacht hat:
Den Kalten Krieg
beendet.
Die Mauer eigenhändig
umgeschubst.
Die Sowjetunion per Selbstauflösung
vor dem Ruin gerettet.
Und zwei der schönsten Worte der Menschheit
mit meiner Jugend verwoben:
Glasnost und Perestroika.
Klar, mit 91 Jahren darf man gehen,
aber traurig ist das trotzdem.
Wieder ein guter weniger.
Gibt es überhaupt noch welche?
Ja doch, die gibt es.
Beziehungsweise,
gab es.
Denn einer der ebenfalls letzten
glaubhaften UND schwer sympathischen
Bundespolitiker hat uns auch verlassen:
Der letzte wirklich Grüne,
Hans-Christian Ströbele
ist vor seiner Zeit
abgeholt worden;
wenn aus lebenden Legenden
tote Legenden werden.
Besonders schmerzhaft ist es,
dass gerade ihre Stimmen
gerade jetzt
so, so wichtig wären.
So aber
ist es nur wieder
ein wenig finsterer geworden.

Am erstaunlichsten daran
finde ich im Moment,
dass man noch niemandem
wirklich ansieht,
was alle eigentlich
schon länger empfinden:
(German) Angst.
4.0.
Oder:
Bei Mäc-Geiz brennt noch Licht.

Womit wir die heutige Ausgabe
der Rubrik „Empörung über Empörung“
betreten:
Diese verdammte Energiesparverordnung1!
Dazu eine kleine Story
aus dem hiesigen Internet:
Am späteren Samstagabend
war ich nochmal in der Stadt.
Ganz normaler Photowalk.
Ja, ich gebe zu,
ich wollte auch mal schauen,
wie es meine Stadt
denn so hält
mit dem Lichtausknipsen.
Und ja, ich habe mich hinreißen lassen,
nicht nur das stockdunkle Rathaus
nicht zu fotografieren,
noch den stockfinseteren Schlossberg,
sondern die einzigen noch verbliebenen,
künstlich beleuchteten Sehenswürdigkeiten
dieser hübschen Stadt:
Die Gassen und die Schaufenster.
Und weil ich das alles so hübsch fand,
habe ich 15 Bilder davon
in der Facebookgruppe „Quedlinburg“ geteilt,
zugegeben mit der leicht als Provokation
zu verstehenden korrekten Datumsangabe:
2. September 2022, 22:22 Uhr –
am zweiten Abend
der „Energiesparverordnung 2022“.
Und dann. ging‘s. ab.
Ich weiß nicht,
ab wann ein Shitstorm
als Shitstorm bezeichnet werden kann,
aber ein Furzstürmchen
war das ganz sicher.
Hier nur eine kleine Auswahl:
„Denunziant!“
„Anscheißer!“
„Petze!“
Auch ein beschwichtigender Nachsatz
hat nichts geändert.
Das ganze ging bis heute soweit,
dass sich Profile unter den Bildern
die übelsten Sachen
gegenseitig auf die Schwarzen Spiegel
gerotzt haben.
Gut, müssen sie wissen,
sind erwachsen.
Aber was mich richtig erschrocken hat,
war der Zynismus einiger Kommentare,
den die Verfasser anscheinend fälschlicherweise
als Sarkasmus verstanden wissen wollen.
Ich meine, man muss schon ziemlich oft
gegen einen Laternenpfahl gelaufen sein,
wenn man so was hier
in der aktuellen Situation
(Energiekrise, Wasserknappheit, Demokratiekrise)
auch noch lustig findet:
„Alle müssten abends das Licht an machen,
und auch Wasser laufen lassen (:D),
wir müssen und nicht alles gefallen lassen
von denen da oben .“ (Fehler im Original)
Hätte ich kein Problem damit,
Heinrich Heine zu zitieren,
um mich damit
über diese Dummheit aufzuregen,
ich würde die Punchline des Absatzes
beginnen lassen mit:
„Denk ich an Deutschland in der …“

Aber, Quedlinburg zeigt sich
dann eben tagsüber
verlässlich von seiner besten Seite:
Ausdauern, Überdauern,
Durchhalten, Weitermachen,
immer kurz vorm Aufgeben,
aber niemals danach.
Die „Hölle von Q“ ist durch.
Wie jedes Jahr
wurde dieser irre Organisationshalbmarathon
akurat gemeistert.
Die letzte Läuferin
(am Sonntag um halb drei)
wurde noch genauso angefeuert,
wie auch schon gestern („Hölle-Spezial“),
jede*r andere, die/der/das
es bis vor meine Haustür geschafft hat.
Auf dem Markt waren die Tische voll,
auf der Bühne wurde „Junimond“ gesungen,
und alle hatten „Hölle“-Merch an.
Und das alles so friedlich,
dass man die Ironie darin
mit großer Freude
einfach übersieht.

Zurück zum Lichtausmachen.
Außer den Leuten
den sinnvollen Stromverbrauch
zu verordnen,
gibt es ja auch noch
eine ganze Menge anderer Ideen.
Die einen machen Sinn,
die anderen sind eher so
unterbelichtet.
Fangen wir mit denen an
und arbeiten uns dann
zum Licht empor.
Im untersten Höllenkreis
der Querfront
muss jedenfalls
Martin Sellner gewesen sein,
bevor er seine nächste
phänomenal schief gelaufene
„Aktion“ gestartet hat.
Vielleicht war er vorher
auch nur in Sachsen-Anhalt
und hat sich mit Hanns-Thomas Tillschneider
auf dem Rittergut von André Poggenburg
eins hinter die Binde gekippt.
Anyways. Am Dienstag jedenfalls
ist er von der Polizei in Lubmin
festgenommen worden.
Bedrohung der öffentlichen Sicherheit.
Was hatte er vor?
Kommt ihr nie drauf.
Mit der schieren Kraft
seiner immer noch gut definierten Oberarme
wollte er die Energiekrise beenden
und das deutsche Volk retten,
vielleicht sogar erlösen,
indem er den Hahn von Nordstream2
ganz alleine aufdreht.
Hat nicht geklappt.
Keine Pointe.
Eine kaum bessere Idee
hatte Andreas Scheuer,
von dem jetzt anscheinend
wieder Ideen kommen dürfen.
Sie trägt den sexy Namen:
Drei mal drei mal drei.
Dabei würde ja eigentlich 27 rauskommen,
aber mit dem Rechnen hatte es der Andi
ja noch nie so ganz,
denn sein Ergebnis ist Neun.
Drei AKWs bleiben am Netz,
drei werden wieder angeschlossen,
und drei werden neu gebaut.
Im neoliberalen Deutsch
heißt das wahrscheinlich: win-win-win.
Im klassischen Deutsch
aber eher: Ganz tiefer Griff ins Klo.
Nicht soo weit weg davon,
aber schon näher an der Erdoberfläche
ist dann der Fakt,
dass momentan Braunkohle(!)kraftwerke
wieder hochgefahren werden,
die müssen wir wenigstens niemandem abkaufen.
So wie es dann jetzt
mit Windenergie aus Dänemark
geschehen soll.

Beim eigentlichen Mainevent
des Festivals des nationalen Krisenmanagements,
auf der Kabinettsklausur in Meseberg,
wurden dann folgende Ideen
etwas ausführlicher besprochen:
Direktzahlungen an „Bedürftige“,
unterschiedliche Arten von „Preisdeckeln“,
ein höheres „Bürgergeld“ (Grundsicherung),
das Angehen der kalten Progression,
bei gleichzeitiger Einhaltung der „Schuldenbremse“.
Letztere Idee kam von
Christian Lindner und der FDP,
und mehr brauche ich
dazu nicht zu schreiben.
Sonntag dann
schon die Entscheidung:
Das „Dritte Entlastungspaket“.
Und das soll alles drin sein:
Die geplante CO2-Steuererhöhung
wird eingefroren,
Renter*innen kriegen einmalig 300 Euro,
die Debatte über Preisdeckel
soll weitergeführt werden,
und die „Übergewinnsteuer“
hat jetzt erst mal einen neuen Arbeitstitel:
„Besteuerung von Zufallsgewinnen“.
Diese soll das Wirtschaftsministerium
bereits prüfen;
nämlich auf Braunkohle und Erneuerbare Energien;
natürlich nicht auf andere fossile Brennstoffe,
also fast alle.
Kein Wunder also,
dass nicht nur hier vor Ort
ein nie da gewesener Run
auf Brennholz begonnen hat.
Einen Ofen haben hier viele noch rumstehen,
und wenn es in dieser Stadt
von einem nicht zu wenig gibt,
dann sind es Schornsteine.

Muss der Winter dann also kommen,
ready or not.
Vorher kommt jetzt aber noch
der „Konsumschock“.
Das eigentliche Rückgrat
der deutschen Binnenwirtschaft,
nämlich wir,
diejenigen, die den ganzen Kram
kaufen (müssen),
der mit der ganzen Energie,
von der wir immer weniger haben,
hergestellt, transportiert
und betrieben werden muss,
sind plötzlich zu einer
Bedrohung für den Markt geworden,
weil wir nicht mehr genug kaufen können,
um die Maschine in Gang zu halten.
Ist die goldene Sonne des Spätkapitalismus
wirklich schon so weit
hinter dem Horizont verschwunden?
Hat die lange Dunkelheit schon begonnen,
aber alle haben noch so fest die Augen geschlossen,
dass sie denken, sie träumten nicht nur vom Licht?
Ist das zu viel Pathos?

Mit Sicherheit.
Denn:
Woanders ist es immer schon
dunkler und noch viel kälter
(letzteres noch metaphorisch).
Im UK muss sich bereits
ein Viertel der Bewohner fragen,
ob es nicht auch ganz ohne zu heizen
gehen muss.
In der Türkei stehen
immer größer werdende Teile der Mittelschicht
in der „Suppenküche“,
der Lohn reicht schon nicht mehr,
um sich selbst ausreichend
mit Nahrung zu versorgen.
Wie schnell es doch wieder
dunkel werden kann.

Und das,
das müssten doch auch die letzten
inzwischen begriffen haben;
wir befinden uns schließlich
im verflixten 7. Monat
des Ukrainekriegs.
Wie beschissen festgefahren
dabei inzwischen alles ist,
zeigt aktuell
der „Durchbruch im Süden“
zu Beginn der Woche.
Schon Mittwoch war klar:
Viel mehr als schlechte Propaganda
und hunderte tote Ukrainer
war das nicht.
Schlechte Propaganda
wie immer auf beiden Seiten.
Die junge welt schreibt
nämlich gleich mal
vom „Angriff auf Cherson“,
als ob das bereits
russisches Territorium wäre.
Das AKW mit dem unaussprechlichen Namen
(Saporisch-schija, you’re welcome)
bleibt aber weiterhin das Toppropaganda-Tool.
An. Aus. An. Aus.
Großes Risiko. Noch größeres Risiko.
Immerhin sind die internationalen Nachgucker
von der Atombehörde vor Ort
und warnen schon mal.
Der Stellungskrieg ist inzwischen soweit verhärtet,
dass Russland 15 – 50.000 Soldaten
ganz weit in den Osten schicken kann,
um dort mit China eins der größten Militärmanöver
der russisch-chinesischen Geschichte abzuhalten.
Auch Wolodymyr Selenskyj
muss weiter vor den Kameras verharren,
dabei bedankt er sich im Voraus
bei den „Informanten auf der Krim“.
Ansonsten ist wenigstens in Kiew
wieder Bewegung drin:
Die Clubs der Stadt
werden wieder betanzt.
Mehr Doom-Rave geht nicht.

 

In other wars

Der Staat Israel
fliegt weiter Angriffe
auf Aleppo.
Afghanistan begeht den ersten Jahrestag
der x-ten Rückkehr des Bürgerkrieges
mit einem Terroranschlag auf eine Moschee,
an einem Freitag.
Joe Biden erklärt der MAGA-Front
offen den Kulturkrieg;
nur noch zehn Wochen
bis zur Wahlschlacht
im Haus der Repräsentanten.
Im globalen Wirtschaftskrieg
muss sich China
jetzt mal langsam Gedanken
über eine Sanktionen konternde Politik machen,
denn jetzt sagt sogar die UN selbst,
dass in Xinjang wohl doch
was faul ist
mit den Menschenrechten
von Millionen von
Menschen.
Und für Polen ist das alles noch nicht kriegsbelastet genug,
denen ist nämlich gerade eingefallen,
dass die Bundesrepublik seinen Nachbarn
noch knapp 1.3 Billionen schuldet.
(in Ziffern: 1.300.000.000.000)
Reparationen.
Zweiter Weltkrieg und so.

Vor meinem Fenster
wird es gerade langsam dunkel,
die Sonne ist hinter den Dächern verschwunden.
Reicht auch.
Seltsam,
wie das Ersehnen
von Dunkelheit und Kälte
am Ende des Sommers
sich doch ins positive zu verkehren scheint.
Herbst kann so schön sein.
Frische Abende.
Endlich ausreichend Regen.
Alles ist endlich wieder
auf normal runtergekühlt.
Die Winterjacke hängt aber noch am Haken.
Hier brennt es endlich mal
nicht mehr ständig irgendwo, oder?
In Russland schon,
nur als erstes Beispiel.
In der Region Rjasan
ist seit Wochen der Notstand ausgerufen.
Rauchschwaden aus den dortigen Wäldern
erreichen inzwischen auch Moskau.
In Kalifornien ist wie immer
Dauerfeuer.
Die „season of smoke“
hört gar nicht mehr auf.
50°C werden in diesen Tagen bekämpft,
so wie ungezählte Brände
in allen Ecken des Sunshinestate.
In Pakistan herrscht derweil
die nächste Katastrophe biblischen Ausmaßes,
im Grunde steht da
kaum noch ein Stein auf dem anderen,
überall ist dreckiges, braunes Wasser.
Seuchenausbrüche sind nur noch
eine Frage von Tagen.

Aber, aber! Kein Grund zum Schwarzsehen,
die neuesten Gegenmaßnahmen
schlagen richtig ein!
Die Sherlocks for real vom Club of Rome
hauen ein Buch raus.
Darin werden die Vorschläge
der Initiative „Earth4All“
zu einem Wandel
in der internationalen Politik präsentiert:
„Wir stehen am Scheideweg.
Die Menschheit legt derzeit
die Saat für
den Zusammenbruch
ganzer Weltregionen.
Ein Beibehalten des bestehenden Wirtschaftssystems
wird Spannungen verstärken
und den Wohlstand verringern.
Der Umbau muss
noch in diesem Jahrzehnt beginnen.“
Kluge Sätze.
Im Festeinband
für gute 30 Euro.
Lesen gegen die Klimakatastrophe.
Einen Zacken radikaler sind
erneut Extinction Rebellion
aus London.
Die Punkband der Klimabewegung
klebt sich im House of Commons
am Speakers Chair fest.
Nix mehr mit „Order“.
Hilft aber alles nichts.
Auf Hiddensee
geht das mysteriöse Sanddornsterben um.
Ob das Klima wohl was damit zu tun hat?
Im Internet munkelt man bereits.

Und dann,
als wäre es seine verdammte Pflicht,
erzählt uns Jan Böhmermann
bei seiner fulminanten Rückkehr
aus der Sommerpause am Freitag
auch noch,
dass auch wir wohl wirklich ein Wasserproblem haben,
und eigentlich sogar mehrere.

Also, war‘s das doch, oder?
Licht aus.
Tür zu.
Bloß nicht mehr rausgehen.
Und das, wo doch gerade
„Corona“ nicht mehr schlimm ist.
Also für die meisten,
also wenn sie Glück haben.
Sogar die neueste Impfe ist da!
Ja, geil,
aber auch nur ein Grunde mehr für,
und damit kommen wir wieder
zur deutschesten Lösungsstrategie
unter allen deutschen Lösungsstrategien:
den Heißen (aka Deutschen) Herbst.
Hier in Quedlinburg
wird dabei zur Zeit noch
in der Sonne gesessen,
immer noch am Samstag Nachmittag,
auf der Rathaustreppe,
mit Schildern,
gegen „die Regierung“.
Im Schnitt sitzen da momentan
zehn bis fünfzehn Leute,
nur um es mal erwähnt zu haben.
Weitaus rustikaler
geht es, erfreulicherweise,
vor den Waffenschmieden des Landes zu.
Bei Rhein-Metall
und Krauss-Maffei-Wegmann
kam es zu lautstarken
Störungen im Betriebsablauf.
Sogar von einzelnen Warnstreiks
wird berichtet,
dabei ist noch nicht mal Oktober.
Und weil freitags auch wieder Schule ist,
lassen sich auch Fridays for Future
nicht lange bitten:
Der Kampf Lützrath (NRW) gegen RWE
hat begonnen.
Die Welle des Ungehorsams schwappt sogar
bis in die Niederlande:
Generalstreik bei der Bahn.
In Prag versammeln sich Zehntausende
und sind wütend
auf eigentlich alles.
Überall kocht der Zorn.
Auch im Irak,
wo nach der Stürmung des Präsidentenpalastes
dutzende Tote bei den folgenden Unruhen
zu beklagen waren.

Aber jetzt wird’s dann erst
so richtig finster!
Denn, ja, es geht schon wieder um Dich,
Sachsen-Anhalt!
Beziehungsweise um
Deinen Umgang
mit Rechts.
Besonders zu Beginn
des Heißen Herbstes.
Denn obwohl
die MZ seit dem letzten Wochenende
schon drei mal darüber berichtet hat,
und obwohl es bereits einen Fernsehbeitrag
im Öffentlich-Rechtlichen darüber gab,
und obwohl sogar bei Facebook
ansonsten völlig harmlose Blogger
Alarm schlagen,
ist nichts passiert.
Mit Hans-Thomas Tillschneider.
Seines Zeichens ordentliches Mitglied
des Bildungsausschusses
von S-A.
Denn der war
am letzten Wochenende
auf einer Veranstaltung,
die nichts anderes war
als ein Treffen
des absoluten Who-is-Who
der deutschen, pseudointellektuellen
Pseudo-Nazis.
Nur Höcke und Kubitschek
haben gefehlt
(also zumindest auf den Pressefotos).
Tillschneider war nicht nur Gast
auf dem „Sommerfest des Compact-Magazins“,
bei dem es eigentlich nur
um die offizielle Markteinführung
von Jürgen Elsässers Biographie ging,
sondern er war selbst
einer der Redner.
Mit wem er sich da so das Mikro geteilt hat?
Und warum das ein ernsthaftes Problem sein sollte,
zeigt selbsterklärend die Rednerliste:
André Poggenburg, MdL a. D.,
(ex-AfD-Sachsen-Anhalt, „Aufbruch Deutschland 2020“)
Robert Farle (AfD-Fraktion Sachsen-Anhalt),
Freddy Ritschel („konservativer“ Liedermacher),
Frank Haußner („Patrioten Ostthüringen),
Martin*fckn*Sellner („Identitäre“,
aktuell in U-Haft, siehe weiter oben),
Martin Kohlmann („Freie Sachsen“),
Markus Beisicht („Aufbruch Leverkusen“)
und, last but not least,
einer der godfathers der neurechten Querfrontler:
Anselm Lenz („Demokratischer Widerstand“).
Nur der „Volkslehrer“ war nicht eingeladen.
Mit verurteilten Straftätern
hat man auf Sommerfesten
noch nicht so gerne zu tun.
(Nebenbei:
Über rechte Stöckchen springen:
Check;
immerhin wegen Gründen.)

Aber Nazis können nicht nur
gemütlich auf dem Rittergut
Bierchen saufen
und Dünnschiss fabulieren,
einige machen auch immer noch gerne,
was Nazis eigentlich am liebsten
den ganzen Tag machen würden:
Marschieren.
Jüngstes Beispiel:
Die NSP.
Ausgeschrieben soll das heißen:
Neue Stärke Partei.
Ob Mais- oder Kartoffelstärke,
das bleibt vorerst ungeklärt.
Die waren jedenfalls gestern (Samstag)
in Magdeburg unterwegs.
Anscheinend ohne große Resonanz,
denn im Internet
war nichts wichtiges darüber zu lesen.
Außer antifaschistischer Aufklärung.
Die hat zum Auftakt des Herbstes
letztes Wochenende in Rostock
auch das gemacht,
was sie am besten kann.
Aus der Erinnerung lernen.
30 Jahre Sonnenblumenhaus.
5.000 Demoteilnehmer,
viele davon durchgehend schwarz gekleidet,
fast eine Art Block.
Zeitgleich aber,
in der Leipziger Liliensteinstraße,
brennt eine Asylunterkunft.
Nazis lassen sich überall provozieren.
Sogar noch im tiefsten Rattenloch.
So wie Björn Höcke.
Von da aus nämlich
solidarisiert der sich gerade
per Rattenlinie Telegram
mit Michael Ballweg und Oliver Janich.
Die können zwar nicht viel,
und sind vielleicht sogar keine Nazis,
aber die wissen,
womit man Klicks generiert.
Im Heißen Herbst
braucht es wütende Smileys
und lodernde Emojis.
Und vor allem:
Feindbilder.
Wie erfolgreich das läuft,
der muss nur mal bei der TikTok-Generation nachfragen,
wie so die Meinung zu den Grünen ist.
Warum?
Weil die Grünen „nicht authentisch“ sind,
sondern sich nur
an Challenges dranhängen,
was nun mal total „cringe“ ist.
Die AfD, zum Beispiel,
die ist da einfach glaubwürdiger,
weil ernsthafter.
Verrückte Welt, dieses Internet.

Und in dem
bin ich jetzt
lange genug falsch abgebogen.
Zwei, drei Breaking News noch,
ein bisschen Basketball,
und dann suche ich mal langsam
den Lichtschalter.
Also:
Die neueste Nasa-Mission zum Mond
kommt gleich zwei mal nicht vom Fleck.
In Cape Canaveral bleibt man
auf 300 Milliarden Entwicklungskosten sitzen.
Für eine Mondmission.
Da haben wohl einige zu lange
in die unendlich dunklen Weiten geguckt.
Gleich nebenan,
in Mar-a-Lago,
wurden vom FBI doch tatsächlich
Top-Secret Dokumente gefunden,
die der Frisurensohn
einfach mit nach Hause genommen hatte.
Wie sehr ich doch hoffe,
dass sie den ins finsterste Loch stecken,
das der New Yorker Untergrund zu bieten hat.
Rykers Island ist noch zu gut für Trump.

Und?
Was bleibt uns
jetzt noch?
Hier, in dieser Finsternis,
die immer noch so schön nachglüht?
Wieder mal nur die Musik.
Und die Liebe.
Und die Hoffnung.
Und die Akzeptanz des Unvermeidbaren,
die Kunst des Dazwischenseins,
Balance, not Symmetry.
Und,
ich hatte ja
grobe Schrittfehler
bei den Überleitungen angekündigt:
Und Basketball.
Die Eurobasket hat begonnen!
Alle Favoriten liefern wie erhofft.
Alles umsonst im Internet
zu bestaunen.
Oder in den Hallen
von Köln bis Mailand.
Auch der NBA-League-Pass
gehört jetzt zu den sehr wenigen Dingen,
die mal günstiger werden.
Nicht mehr 240 Dollar!
Für 100 Dollar
jeden Spieltag
nichts verpassen.
Eskapismus,
Dein neuer Preis gefällt mir.

Und apropos Basketball:
Eine kleine Gute-Nacht-Geschichte
noch zum Schluss für heute,
damit den Albträumen nicht der Stoff ausgeht.
Auf der Rückfahrt
von meiner Schiedsrichterfortbildung,
am Samstag Nachmittag,
so gegen 15 Uhr,
aus Richtung Aschersleben
sehe ich,
wie immer, wie jede*r,
die/der A36 nach Westen fährt,
den Brocken.
Die Sonne scheint,
das Basecap sitzt mir tief im Gesicht.
Am Brocken aber,
entdecke ich einen Schatten,
der da so nicht hingehört,
nicht bei diesen Lichtverhältnissen;
ich bin die Strecke oft genug gefahren,
um das nicht nicht zu sehen.
Ich frage meinen Mitfahrer:
„Sag mal, brennt‘s da vorne etwa?“

In diesem Moment,
Sonntag Abend, halb Neun,
ist die Antwort darauf die folgende:
Ja, und zwar inzwischen
150 Hektar Waldfläche
am Südhang des Berges.
Außer Kontrolle. Katastrophenfall.
Trotz massivstem Löschaufgebot.
Der Brocken brennt
zum zweiten Mal in diesem Sommer,
und dieses Mal kann man
den Rauch
bis Aschersleben sehen.
Aus Südtirol kommen zur Stunde Löschflugzeuge,
der Regen frühestens am Dienstag,
und jetzt erst mal
die nächste
flammenhelle Nacht.

 

(langsam nach schwarz ausblenden)

 

„Ein wahres Wunder,
wie die Vögel
auf der Stromleitung da sitzen.
Ein wahres Wunder ist das.
Aber irgendwie
ist es auch egal.

Ein Skandal,
dass sie das Haus dort vorn abreißen.
Ein waschechter Skandal ist das.
Was war dort vorne eigentlich noch mal?
Eine Stadt geht demonstrier’n.
Nur mir ist es egal.

Als ich zum ersten Mal
bei dir zu Hause war,
wir lagen auf dem Teppich.
Es war Viertel vor irgendwas.
Ich weiß nicht mehr genau, wie’s dazu kam.
Doch ab da war alles andere egal.
Alles andere egal.“

(Betterov: Dreiviertel irgendwas. 2020.)

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