Teil 2 – joy.discovery.invention
„We have achieved
so much more
than you possibly thought we could;
well now you see me.
You can achieve anything.
Just remember, no I in team.
There’s two in brilliant.“
(Biffy Clyro: Wolves of Winter. 2016.)
Am ersten Morgen in Glasgow, einem Donnerstag, schien unerwartet die Sonne. Und nicht nur über dem East End, wo die beiden untergekommen waren, sondern bereits über der ganzen Stadt. Das Licht spiegelte sich im noch nassen Laub, das zuhauf auf den feucht schimmernden Straßen lag. Die Jurastudentin schlief noch, als der Brillenträger den Wetterbericht für die kommenden Tage checkte. Bis zum Sonntagabend lag die Regenwahrscheinlichkeit nur selten über 50%. Dafür sollte es deutlich kälter werden; die Sonne stand tief über dem Clyde im Süden der Stadt. Den Plan für heute, und grob auch den für die nächsten Tage, hatten sie gestern schon geschmiedet: Verdammt privilegiertes, aber verdammt noch mal selbst verdientes Rumstreunern in einem fremden Revier. Den fremden Geruch, die fremden Geräusche und die fremden Farben instinktiv erleben, das Fremde mit allen Sinnen entdecken. Das Fremde, von dem sie bereits so viele Vorstellungen hatten, dass sie niemals alle auf ihre Wirklichkeit hätten überprüfen können. Und doch wollten sie es versuchen. Ein modernes Abenteuer erleben. Großbritannien. Kultur. Gegenkultur. Natur. Und zwar ohne Krisen, Kriege und Katastrophen. Wenigstens. Für ein paar Tage.
Während die Jurastudentin langsam in der Wirklichkeit ankam, lag der Brillenträger im Bett und machte sich ein paar Notizen auf seinem Notebook für eine Geschichte, die er über diese Reise schreiben wollte. Nach einer Viertelstunde verwarf er die ersten Skizzen aber schnell wieder. Die Referenzen für die Figurenmotivik wollten einfach irgendwie nicht passen. Er hatte über ein klassisches Duett nachgedacht, das ihrer Situation entsprach: Vertreter zweier Generationen. Die aufeinander aufpassen und voneinander lernen, in einer untergehenden Welt nicht den Mut zu verlieren. In den letzten Jahren hatte diese Konstellation vor allem in Computerspielen für die besten Geschichten gesorgt: The Last Of Us (erwachsener Mann, junges Mädchen); God Of War (erwachsener Mann, junger Junge); A Plague Tale (junge Frau und ihr kleiner Bruder); Life is Strange 2 (großer Bruder, kleiner Bruder). Besonders beim letzten hätte sich der Brillenträger gerne bedient. Denn das dort verwendete Motiv (älterer Wolf, jüngerer Wolf (mit Superkräften)) erschien ihm aus nicht wenigen Gründen als besonders passend. Aber irgendwie wollte das ihrer gemeinsamen Reise nicht ganz gerecht werden. Und war darüber hinaus ein bisschen zu sehr on the nose. Also verlegte sich der Brillenträger vorerst nur auf’s Tagebuchschreiben. Einige Highlights hatte er bereits festgehalten, denn es gab keinen Zweifel daran, dass sie so oder so eintreten würden: Pilgerreise zum Barrowland und den Barras. Wandern in den Highlands. Der Willow Tearoom. Plattenläden durchstöbern. Edinburgh. Und das Konzert am Sonntagabend in der größten und modernsten überdachten Arena Schottlands: Biffy Fucking Clyro. Heimspiel. Vor 15.000 text- und melodiesicheren Fans; Stadionrock für Leute mit exzellentem Musikgeschmack. Pure Liebe durch unzählige Verstärker gejagt. The Wolves of Winter. Living in a kingdom of blood.
Da ihre Gastgeberin bereits um kurz vor Neun zur Arbeit musste, beschlossen sie zum Frühstück in die Stadt zu laufen. Die Jurastudentin übernahm für’s erste die Navigation. Die Necropolis ließen sie links neben sich im Sonnenschein liegen und bogen auf die High Street ein, die sie in einer langen Rechtskurve nach Merchant City, dem geschäftigen Zentrum von Glasgow, führte. Ob es daran lag, dass es noch früh am Morgen war, oder sich auch hier schon die Auswirkungen irgendwelcher Krisen zeigten, konnten sie noch nicht einschätzen, aber nicht wenige der dicht aneinander gedrängten Geschäfte und Lokale sahen bis auf weiteres geschlossen aus. Als erstes auf ihrer Liste kam das Lighthouse in Reichweite. Noch ohne wirkliche Orientierung gelangten sie in eine engere Gasse, die beinahe verlassen erschien. An der linken Hausfassade streckte sich ein Neonschriftzug in die Höhe, der allerdings schon länger außer Betrieb zu sein schien und im Schatten der Gasse jeglichen Glanz verloren hatte. Sie hatten das Lighthouse gefunden. An der gläsernen Eingangstür war ein schmuckloses Papierschild angebracht: „Closed to the public.“ Die Jurastudentin schickte der Brillenträgerin, die ihre Brille nicht mehr ganz so ungern trägt, ein Foto von der geschlossenen Sehenswürdigkeit und bekam als Antwort einen traurigen Smiley.
Nach dieser ersten Enttäuschung machten sie sich auf die Suche nach einem Café. Die Jurastudentin schlug das Rose & Grants vor, im Internet kam es ziemlich gut weg. Schon als sie Platz genommen hatten, ahnten sie warum. Die Musik war gut laut. Mehr als Hintergrundgeräusch beim Essen und Trinken. Und sie kannten jeden Song. Der Brillenträger, weil er sie erlebt hatte, die Jurastudentin, weil die 90er im Moment nun mal schwer angesagt waren, zumindest für Leute, die sich für Gegenkultur begeistern können, wissen was Alternative Rock und ein Album ist und Musik am allerliebsten live hören. Noch bevor der Brillenträger sein erstes schottisches Frühstück anrührte, waren sie bereits wieder bei guter Laune. Zur Ausnahme schickten sie Fotos des Essens nach Hause, und die Brillenträgerin, die ihre Brille bestimmt gerade trug, antwortete mit: „Herzhaft.“ Durch das Café schallte das Mandolinenriff von „Losing my religion“.
Ihr nächstes Ziel stand also fest: Ein Plattenladen. Und die Auswahl war riesig. Doch gleich der erste, den sie erreichten, sah mehr als einladend aus. Durch einen unscheinbaren Vorraum mit größtenteils Ramsch schlichen sie weiter ins Hintere des Ladens durch einen schmalen Gang, an dessen rechter Wand sich ankündigte, was sie gleich erwartete: Nebeneinander standen die ersten Schmuckstücke aufgereiht. Mehr als einmal wollte der Brillenträger schon zugreifen, hielt sich aber noch zurück. Denn am Ende des Ganges wartete ein hochatmosphärischer Raum. Ohne zu zögern stürzten sie sich auf die ausladenden Plattentische. In angemessener Lautstärke lief währenddessen „Nevermind“. Das ganze Album. Schnell waren sie sich einig, noch nicht gleich ihr ganzes Geld auszugeben, es warteten noch andere, vielleicht noch bessere Gelegenheiten auf sie. Sie beließen es bei jeweils einem Schatz. Die Jurastudentin hielt eine schicke Joy Division Compilation unter dem Arm, als der Brillenträger den Verkäufer anlächelte, der ihm eine EP von Godspeed! You Black Emperor einpackte und sagte: „That’s gonna be quiet noisy.“
„I do hope so.“
„Yeah right? That’s the idea.“
Durch die dicken Streben der riesigen Stahlkonstruktion unter der gläsernen Decke der Central Station fielen die Sonnenstrahlen auf die große Menge Reisende, die zwischen den Bahnsteigen und den Ausgängen hin und her lief. Das Weitwinkelobjektiv des Brillenträgers reichte nicht aus, um das gesamte Bild einzufangen. Die Bars und Cafés, deren Fassaden alle mit dunklem Holz getäfelt sind, waren überfüllt; es war Mittag. Also schlug die Jurastudentin vor, den nächstgelegenen Waterstone’s zu besuchen. Der riesige Buchladen mit dem halbrunden Jugendstilfenster über dem Eingang ist alles, was sich die beiden unter einem perfekten Buchladen vorstellten. Den Mitchell-Murakami-Test bestand er problemlos, jeweils mehr als vier verschiedene Romane der Schriftsteller waren da, wo sie hingehörten. Sie brauchten bald eine Stunde, bis sie sich zum Tee in der obersten Etage setzen konnten, obwohl sie beinahe an den Regalen vorbei gehetzt waren. Der Brillenträger hatte nur wenige Meter nach dem Eingang schon das perfekte Buch auf dieser Reise gefunden, weswegen er sich bald entspannen konnte, mehr als eins wollte er sowieso nicht mit nach Hause nehmen. Mit seinem knallorangenen Schutzumschlag hatte es ihn schon von weitem angeschrien: „Spaceships over Glasgow“. Er hatte es sofort aus dem Regal genommen und erst beim zweiten Blick erkannt, was er da eigentlich in den Händen hielt: Die gerade erst erschienene, autobiographische Erzählung der Geschichte von Mogwai, der unbestritten besten Band der Stadt (Biffy Clyro sind ja nur Zugezogene). Und als ob das nicht Grund genug gewesen wäre, prangte auf dem Cover auch noch ein Sticker, der behauptete, das Buch sei vom Autor selbst (Stuart Braithwaite, musikalisches Mastermind der Band) handsigniert. Ein kurzer Blick auf die zweite Seite bestätigte diese Ungeheuerlichkeit. Top Notch. Der Brillenträger war glücklich. Für den Tee ließen sie sich Zeit und plauderten, was Bücherwürmer so plaudern, wenn sie in Buchläden Tee trinken und plaudern.
Danach hatten sie immer noch nicht genug entdeckt. Der nächste Plattenladen war nicht weit. Das Missing ist eine von vielen Legenden in Glasgow. Seit weit über einem halben Jahrhundert finden die Menschen hier, was sie bis dahin vermisst hatten. Der Laden ist gleichzeitig antik und modern, von den Plattentischen bis zur Beleuchtung. Nach einer weiteren Stunde hatten sie mehr Platten und CDs für sich gefunden, als sie befürchten konnten. Die Jurastudentin rang noch mit sich, ob sie U2s „The Joshua Tree“ kaufen, oder der Brillenträgerin, die ihre Brille früher ungern getragen hat, abschwatzen konnte, beziehungsweise sollte. Der Brillenträger redete ihr gut zu, dieses Album konnte pro Familie ruhig zwei mal vorhanden sein. Er selbst hatte alleine fünf Scheiben gefunden, über die sich die ab-und-an-Brillenträgerin sehr wahrscheinlich, hoffentlich freuen würde. Der Mix für sich selbst bestand aus fünf weiteren Trophäen: eine Grime Compilation, deren Aufmachung so hässlich ist, dass sie bereits wieder große Kunst ist, die Single-Collection der ersten drei Alben von Biffy Clyro, eine Best of-Doppel Vinyl der Bangels, eine lange vermisste Incubus Compilation und den Soundtrack zur besten Police-Story-Serie aller Zeiten: „Life on Mars“. Alles wurde vom Verkäufer mit einer Vorsicht eingepackt, dass die beiden kurz davor waren, Trinkgeld zu geben.
Sie hatten schnell mitbekommen, dass die Busse in Glasgow eher so fahren wie sie können und nicht wie sie sollten, weswegen sie sich zu Fuß auf den Rückweg ins East End machten. Unterwegs stellten sie sich vor, wie sie zurück in Deutschland gefragt werden würden, was sie denn in Glasgow so gemacht hätten, und antworten könnten: Einen Tag lang durch die Mitnehmkultur der Welthauptstadt der coolen Musik geschnuppert und reichlich fette Beute gemacht. Wie Wölfe auf der erfolgreichen Suche nach Futter, das wirklich, wirklich satt macht. Dass sie noch bis Zuhause warten mussten, um lauschen zu können, machte ihnen nichts aus, als sie gegen Neun erschöpft und zufrieden einschliefen, ganz ohne Musik. Vor ihrem Fenster stand ein bald voller Mond, und durch die Ritzen hörten sie noch die voreiligen Feuerwerksgeräusche; übermorgen war Bonfirenight. Remember, remember.
Am Freitagmorgen schien erneut die Sonne an einem fast wolkenlosen Himmel. Und wie angekündigt war es über Nacht bitterkalt geworden; der Brillenträger konnte den Qualm seiner Zigarette nicht von seiner Atemluft unterscheiden, die beide vom Wind Richtung Süden getragen wurden, während er vor der Tür auf die Jurastudentin wartete. Erst nach einigen Minuten bemerkte er, dass ihre Gastgeberin in ihrem Auto am Straßenrand saß und etwas auf ihrem Handy nachschaute. Als sie ihn bemerkte, lachte sie ihn an, ließ die Scheibe runter und schnell waren sie sich einig, dass es selbst für Schottland, Anfang November, viel zu frisch war, und Handschuhe bereits angebracht gewesen wären. Dann musste sie los, ihre Bäckerei, die wenige Kilometer weiter im East End ist, würde sich nicht von alleine aufsperren, und sie hatte heute die erste Schicht.
Kaum eine Stunde später saßen sie im Zug nach Edinburgh. Sie hatten sich gegen den Ausflug nach Westen, am Clyde entlang bis zum Loch Lomond entschieden, denn auch die schottische Hauptstadt hat ihr ganz eigenes kleines Stück Mini-Highlands. Pure zeitlose Natur, umgeben von jahrhundertealter Kultur. Vor den Fenstern zogen ohne Unterbrechung kleine Wälder und Schafweiden vorbei, auf denen sich der letzte Nebel gerade auflöste.
Schnell verließen sie den Bahnhof und wanderten geradewegs auf den großen, erloschenen Vulkan zu, der zwischen dem Castle und dem Meer in den Himmel ragt. Der Wind nahm mit jedem Höhenmeter zu. Auf den Pfaden, die sich um den Krater nach oben schlängelten, liefen bereits hunderte Menschen, Familien aus der Gegend, Hobbyfotografen und Schulklassen aus aller Welt. Alle hielten ihre Kopfbedeckungen fest, die Böen waren stürmisch und eisekalt. Der Ausblick auf dem kahlen Gipfel des Arthur’s Seat über den grünen Wiesen war nichts anderes als atemberaubend. Nach Westen und Süden konnten sie kilometerweit ins Landesinnere schauen, im Norden und Osten glitzerte der Firth of Forth, Schottlands größter Fjord, und dahinter erhoben sich die Highlands, deren Köpfe noch hoch in den Wolken steckten. Um an den höchsten Punkt des Berges zu gelangen, musste sich der Brillenträger durch eine Schar Jugendlicher drängeln. Und erst als er das Panorama bereits gefilmt hatte, bemerkte er seine unfreiwillige Fotobombe. Die Gruppe lachte, er lachte zurück, und auch die Jurastudentin konnte und wollte sich ihr eigenes nicht verkneifen. Am Südhang des Gipfels suchten sie eine windgeschützte Ecke für ihre Mittagspause und gaben sich bald mit einem der wenigen Ginsterbüsche zufrieden. Bald danach machten sie sich an den Abstieg, der kurz aber nicht ohne Tücken ist.
Zurück in der Stadt war ihr nächstes Ziel, etwas warmes zu trinken. Sie schlenderten in Richtung des Castles und brauchten lange, bis sie sich für eines der unzähligen Cafés auf der High Street entschieden hatten, und mussten dann auch kurz warten, alle Tische waren besetzt. In der warmen Stube diskutierten sie nur kurz, ob sie das Castle besuchen wollten, und entschieden sich schnell dagegen. Zu viele Touris. Zu wenig Kultur.
Dass man seit einigen Jahren in Museen fotografieren darf, kam dem Brillenträger immer noch seltsam vor. Aber die Bilder in der Scottish National Gallery ließen ihm keine andere Wahl. Das Museum war gut besucht, für ein Museum, das ohne hypermoderne Gimmicks auskommt und wirklich nur Gemälde ausstellt. Alte Gemälde. Weit über die Hälfte davon zeigten herrschaftliche Portraits, Schlachtszenen irgendwelcher Krieg, oder Jesus am Kreuz, in unzähligen Varianten aus mindestens zehn Jahrhunderten. Doch bevor das Betrachten die beiden ermüdete, gelangten sie in den Nationalteil des Nationalmuseums. Die Blütezeit der schottischen Malerei war, wie so oft in Nordeuropa, die Romantik und Spätromantik des 19. Jahrhunderts, was bei der hiesigen Landschaft auch nicht weiter verwundert. Berge und Täler. Wolkenschwere Himmel, ab und an ein Regenbogen. Endlose Wälder und Wiesen. Die Einsamkeit des sehnsuchtserfüllten Menschen auf der Suche nach Frieden und Ruhe in der rauen Natur, während die Kultur vom industriellen Zeitalter verschlungen wurde. Über allen thronte „The Monarch of the Glen“ von Edwin Landseer. Das beeindruckende Portrait eines majestätischen Zwölfenders vor der Kulisse der wolkenverhangenen Highlands. Die perfekte Symbiose aus allen Schattierungen von Grau, Blau und Braun. Die meiste Zeit verbrachte der Brillenträger vorm „Stonehaven Harbour“ von William Fettes Douglas, ein Meisterwerk im Hochformat, auf dem sich das Rot der Dächer der Hafenstadt auf den Segeln der einlaufenden Schiffe bis an den Horizont fortsetzt. Im Museumsshop trafen sie sich wieder, kauften aber nichts, auch keinen der zahllosen Untersetzer oder Beutel mit dem Abbild des berühmten Hirschgemäldes, egal wie schottisch das auch wirken sollte.
Die Princess Street liefen sie einmal rauf und runter, bevor sie sich im hiesigen Waterstone’s niederließen. Sie hatten noch Zeit, denn der erste Zug zurück nach Glasgow, den sie mit ihrem Off-Peak-Ticket nehmen konnten, fuhr erst weit nach Sonnenuntergang. Zwischen Bücherregalen, vollgestopft mit noch mehr Kultur schmökerten sie beim Tee in ausgewählten Seiten. Der Brillenträger hatte sich da bereits in seiner Eroberung vom Vortag festgelesen: Der 13jährige, zukünftige Superstar dessen, was heute allgemein Post-Rock genannt wird, berichtete gerade von seinem ersten Konzertbesuch im Barrowland in Glasgow. The Cure. 1989. Viel legendärer ging es eigentlich nicht mehr.
Die letzten Minuten vor der Abfahrt saßen sie in der imposanten Halle des Bahnhofs von Edinburgh und bestaunten die Jugendstilkuppel, dann stiegen sie in den prall gefüllten Zug und fuhren mit den anderen in ein neues Zuhause weit weg von zu Hause. „Ganz schön straffes Programm haben wir, oder?“ Sie nickten sich zu, ihr Hunger war bis zum nächsten Tag gestillt. Auch an diesem Abend schliefen sie bald ein, die Feuerwerksraketen über Glasgow explodierten weiter unbeirrt unter den Sternen des Herbsthimmels.
„We spirit home before the break
of dawn upon the streets
in which we live and love and breathe.
And half the high-rises
have turned to dust.“
(There will be fireworks: Here is where. 2013.)
Der bereits vorletzte Tag ihrer Reviererkundung begann nach einer unruhigen Nacht mit einem Frühstück im East End, für das sich die beiden Zeit ließen. Spätestens jetzt legten sie sich fest, dass eine wirklich typisch schottische Eigenschaft diese völlig unaufgesetzte Freundlichkeit ist, die nicht selten mit Augenzwinkern gleich die Barriere zur Freundschaft in Frage stellt. Es muss unwahrscheinlich einfach sein, sich hier zu Hause fühlen zu können. Wetter hin oder her. Vor der großen Scheibe, an der ihr kleiner Tisch stand, regnete es seit heute morgen ununterbrochen, dafür war der eisige Wind verschwunden. Ein fröhlich scherzender Mann stellte den Teller mit dem kompletten schottischen Frühstück vor dem Brillenträger ab. „Any extra sauce?“ Der Brillenträger sah kurz nach unten. „No mate, I’m fine.“ „Than that’s a healthy breakfast! Enjoy!“ Charmanter konnte man nicht belogen werden. Das Geheimnis dieser Biowaffe, bestehend aus Fett, Kalorien und Unmengen an Cholesterin, besteht darin, dass es seinen Zweck wie kaum etwas anderes erfüllt. Noch am späten Nachmittag würde er keinen Hunger verspüren. Die Jurastudentin und nicht militante Vegetarierin vermied es, genauer hinzuschauen; der Geruch schien ihr zu reichen.
Gegen elf Uhr regnete es immer noch, der Himmel hatte nur eine einzige Schattierung. Sie warteten rund zwanzig Minuten auf den Bus ins West End, planmäßige Abfahrtzeiten hatten sich generell als vage Vermutungen entpuppt, und scherzten dabei mit einem kleinen Mädchen, das nicht wusste, ob es sich hinter seinem Opa verstecken sollte oder nicht. Der Bus hätte voller kaum sein können, auch in der oberen Etage saßen und standen die Menschen eng an eng. Dabei herrschte weder nervöse Aufgeregtheit, noch grummelige Reserviertheit. Alltag kann auch entspannt ablaufen. Beim Aussteigen bedankte sich jeder im Vorbeigehen mit einem kurzen Blick und netten Worten beim Busfahrer, der zufrieden nickte. Working Class Politeness.
Der südliche Eingang des größten Museums in Schottland sah verdächtig geschlossen aus. Die Jurastudentin aber fand die schnellste Fährte nach Norden und schon standen sie zwischen den beiden Hauptgebäuden vom „Kelvingrove“. Die Sonderausstellung (Französischer Impressionismus) im kleineren Haus lockte sie nicht besonders, auch weil der Eintritt unverschämt hoch war. Der Brillenträger versicherte sich am Eingang des riesigen, roten Bauwerks noch kurz, ob er fotografieren dürfte, was nur freundlich abgenickt wurde. Dann trennten sich die Wege der beiden, für die nächsten Stunden. In der Kunst verfolgt jeder seine eigene Spur.
Das Kelvingrove sind eigentlich zehn verschiedene Museen, allesamt wortwörtlich vollgestopft bis unter die Decke. In zwölf riesigen Räumen, acht kleineren Eckgalerien, sowie auf allen Fluren und über zwei Etagen verteilt, bleibt hier kein Auge unberührt. Naturkunde, Technik, Altertum, schottische Zeitgeschichte, und darstellende Kunst, ganz ganz viel Kunst. Der Brillenträger versuchte einen zielgerichteten Weg zu finden, aber die Ablenkungen waren überall. Also immer an der Wand lang, an den Wänden. Vorbei an ausgestopften Tieren der unmittelbaren Gegend und fernen Kontinenten. Vorbei an ägyptischen Sarkophagen, in einer sogar eine Mumie, vorbei an Raubkunst aus Afrika und Asien, an Ritterrüstungen, an uralten Schwertern und Schilden, unter einer Spitfire entlang, vorbei an Dinoskeletten und wieder zurück in die Gegenwart. In der Abteilung „Tropischer Regenwald“ hielt er das erste Mal wirklich inne. An den Wänden des abgedunkelten Bereiches las er über die Flora und Fauna des Amazonas und bestaunte die knallbunten Gefieder der Papageien. Auf den Bildschirmen dazwischen waren gelbe Bagger zu sehen, die unendliche Holzstapel über den roten Schlamm schoben. Aus den unsichtbaren Boxen, irgendwo an der hohen Decke, dröhnten die Geräusche von Kettensägen und Truckmotoren. Postmoderner Brutalismus. Kunst die weh tut, hat keine Konkurrenz. Bald nahm der Brillenträger seine Fährte aber wieder auf. Sie führte ihn wie von selbst nach oben. Vorbei an einer Churchill-Bronze, einem lebensgroßen Plasteelvis mit Heiligenschein und durch den Raum, der sich nur der Stadt widmete, die draußen immer noch im Regen stand. Und dann ragte ein drei Meter hohes Banner aus Segeltuch vor ihm auf, bis zum Abdrücken brauchte er keine zwei Sekunden: Er hatte das erste Banner des legendären Musikfestivals der Stadt gefunden: „T in the Park“. Wofür das T steht, hatte er bereits gestern gelernt, als er die Mauern der größten Brauerei des Landes studiert hatte. Später würde er der Jurastudentin erzählen, dass er jahrelang ein Sparschwein hatte, auf den er den Namen dieses Festivals gemalt hatte, und sie würde wissend lächeln.
Pünktlich um 1 p.m. hatte der Organist auf der Galerie in der Haupthalle des Kelvingrove vor den Tasten Platz genommen. Schon nach den ersten Pfeifentönen drängte sich allen ein Hauch von Weihnachtsstimmung auf. Diesen Effekt brach der Tasten- und Pedalvirtuose im Laufe seines kurzen Beitrags aber ziemlich schnell und endete mit sehr weltlichen Klängen: Die Hauptthemen der Star Wars– und Harry Potter-Filme wurden von den allermeisten erkannt. Das Zwischenspiel hielt den Brillenträger nicht weiter zurück und er nahm seinen Streifzug wieder auf. Als erstes folgte er der Spur zum Dalí-Gemälde, mit dem das Museum öffentlich warb. Eine weitere Kreuzigungsvariante, nur eben surreal as fuck. Als er den gut versteckten Winkel gefunden hatte, hielt sich seine Enttäuschung in Grenzen; das Gemälde war derzeit ausgeliehen und hing irgendwo im Süden. Er wendete sich dem nächsten Gang zu und sofort witterte er einen ihm bis dahin unbekannten, aber irgendwie doch vertrauten Duft. In der nächsten halben Stunde entdeckte er seinen neuen LieblingsMalereistil; er hatte so etwas schon geahnt. Die Glasgower Schule hatte ihren Höhepunkt einige Jahre nach der vorletzten Jahrhundertwende erlebt. Und war so viel anrührender und ehrlicher, als viele Werke ihrer deutschen Zeitgenossen. Die Bilder der „Glasgow Girls“ und „Glasgow Boys“ bannten ihn jedes auf andere Weise. Besonders die von E.A. Hornel faszinierten ihn: Gerade genug Expressionismus, um die tiefen Wahrheiten nicht völlig zu ersticken. Wunderschön und melancholisch in einem. Beinahe perfekt. Die Jurastudentin schrieb ihm in diesem Moment, sie würde jetzt zu Dalí gehen, ob sie sich dann treffen würden. Er schrieb noch schnell zurück, dass sie sich den Weg lieber sparen sollte, dann schlenderte er noch an den fantastischen Glasgow-Fotografien von Eric Watt und den grandiosen, aber irgendwie schlecht platzierten Großwerken von MacKintosh entlang, zurück zur Haupthalle. Und wieder trafen sie sich im Museumsshop wieder. Und wieder kauften sie nichts, außer ein paar Postkarten, die nicht zum Verschicken gedacht waren.
Es war inzwischen weit nach Mittag. Der Regen hatte aufgehört, und die Wolkendecke bekam die ersten Risse; sie konnten sich wieder nach draußen trauen. Ganz in der Nähe hatte die Jurastudentin das „Mother of India“ ausgemacht, dessen Ruf bei Fans von indischem Essen einiges versprach. Um diese Zeit erschien es aber unmöglich, einen Platz zu bekommen. Ihr Hunger hielt sich jedoch sowieso noch in Grenzen, weswegen sie einen Spaziergang zur University of Glasgow unternahmen, die etwas höher gelegen, auf der anderen Seite eines Nebenarms des Clyde, über die Bäume, an dessen Ufern, emporragt. Kaum hatten sie die ersten Grünflächen am Wasser erreicht, bemerkten sie die Eichhörnchen. Ziemlich kräftige, mit mausgrauem borstigen Fell. Es stand außer Frage, wessen Revier sie gerade betreten hatten. Und im Gegensatz zu ihnen, waren die Eichhörnchen ausnahmslos mit der Nahrungssuche beschäftigt. Der Winter nahte auch für sie. Bis zum Eingang der Universität sahen sie dutzende weitere, auf dem Gelände mussten es hunderte sein, und wenn sich der Brillenträger hinhockte und seine Hand ausstreckte, scheuten sie sich nicht, auch da nach etwas zu suchen, das sie schleunigst in ihr Vorratslage bringen konnten.
Die Innenhöfe des Hauptgebäudes glichen natürlich dem von Hogwarts, waren vielleicht sogar sein Vorbild. Wo nur möglich, waren kleine Türme an die Mauern gemauert worden, mit runden Spitzdächern, die Spitzbögen der Fenster waren überwältigend in ihrer schieren Anzahl. Zwischen den dicken Säulen des zentralen, offenen Kreuzgangs leuchteten Lichterketten. Von dort drang auch heiteres Lachen und Dudelsackmusik zu ihnen. Nach einigen Minuten stellte sich heraus, dass heute der Abschlussjahrgang 2022 seine Zeugnisse bekam, viele junge Menschen trugen Talare mit weiten Wimpelkragen in den unterschiedlichsten Farben. Ravenclaw, Hufflepuff, Slytherin, Gryffindor. Auf der linken Seite des Kreuzgangs, wurde zudem auch noch eine Hochzeit gefeiert; die Kameras fingen nur glückliche Gesichter ein. Auf der großen, sehr grünen Rasenfläche des rechten Hofes stand die Jurastudentin und betrachtete versunken die riesigen Portraits, die dort aufgestellt waren, die Wanderausstellung von Zanelle Muholi (Südafrika) trug den Titel „Hail, the black lioness“, tiefschwarze Personen auf grellweißem Hintergrund. Sie erzählte dem Brillenträger, was für ein seltsamer Zufall es doch sei, diese Ausstellung ausgerechnet hier ein zweites Mal zu sehen. Die Kultur legt ihre Fährten überall.
Da die Sonne bereits schon wieder tief über dem Clyde stand, versuchten sie es noch einmal bei „Mother of India“, aber jetzt stand bereits eine Schlange vor dem Restaurant. Samstag, später Nachmittag. Kurz darauf warteten sie erneut eigentlich zu lange auf einen Bus zurück in die Innenstadt. Nur einen Block entfernt von der Glasgow School of Art, im MacKintosh Building, fanden sie das „Thairiffic“, das seinem Namen selbstverständlich gerecht wurde. Ohne Hunger bis zum nächsten Morgen besuchten sie dann die letzte Ausstellung des Tages. Hinter dem wokesten Kunstbuchshop, der sich aktuell vorstellen lässt, betraten die beiden zunächst eine Videoinstallation: Ein Stück gefärbtes und besticktes Leinen wurde mit einer Zahnbürste und seifigem Wasser geputzt, in Endlosschleife. Im zweiten Raum waren an gegenüberliegenden Wänden Minipolaroids ausgestellt: Alltagsshots. Vermutlich östliches Mittelmeer. Auf zwei großen Tischen in der Mitte lagen Skizzenbücher verteilt, die allerdings mit weiteren Stickerein gefüllt waren. Irgendwann glaubte der Brillenträger darin Muster wiederzuerkennen, die sich auf den Polaroids erkennen ließen: Ecken und Kanten von Gebäuden, die Linien eines lächelnden Gesichtes. Aber sicher war es sich nicht. Eher verunsichert. Gute Kunst hat diesen Effekt manchmal.
Am späteren Abend war der Brillenträger noch ein letztes Mal auf die Pirsch gegangen. Die Feuerwerkskörper knallten inzwischen an jeder Straßenecke; die Bonfirenight lässt das deutsche Sylvester wie einen Knallfrosch wirken. Rings um ihn zischten die Raketen in den schwarzen Himmel und explodierten ohne Unterlass. Seinen Weg zum Barrowland fand er nichtsdestotrotz, als ob er ihn schon hunderte Male gegangen wäre. Vor ihm glühte die riesige Neonlichtfassade des berühmt-berüchtigtsten Ballsaals der Stadt. Hinter ihm dröhnte laute Rockmusik aus einem Eckpub. Über ihm regnete es bunte Sterne. Am Eingang standen zwei unauffällige Türsteher*innen, irgendein Popmusikcontest hatte gerade begonnen. Als er sich sattgesehen hatte, nahm er seinen ganzen Mut zusammen und traute sich zu fragen, ob er auch noch ein Foto der legendären Stufen zum Innenraum machen dürfte, die übersät waren mit Textzeilen aus dutzenden seiner Lieblingssongs. Mit der erwarteten Freundlichkeit wurde er abgewiesen. Er stahl sich noch ein, zwei Augenblicke, dann setzte er sich auf einen Bordstein und malte sich aus, wie ein Musikfestival aussehen würde, das er hier kuratieren dürfte. Es dauerte nicht lange, und er hatte ein Lineup erfunden, bei dem niemand mal mehr auf die Idee kommen würde, nach Acid zu fragen:
Freitag:
20 Uhr: Mogwai (Glasgow)
21 Uhr: The Appleseed Cast (Kansas)
22:30 Uhr: 65Daysofstatic (Sheffield)
23:45 Uhr: Warpaint (Kalifornien)
1:30 Uhr: Apparat (Quedlinburg, Berlin)
Samstag:
20 Uhr: Godspeed! You Black Emperor (Montreal)
21:15 Uhr: God is an Astronaut (Irland)
22:30 Uhr: Sigur Ros und Björk (Island)
1 Uhr: Mono (Tokyo)
ab 2:30 Uhr: Aphex Twin (Cornwall)
Sonntag:
20 Uhr: Biffy Clyro (unplugged)
21:15 Uhr: mewithoutYou (Philadelphia)
22:30 Uhr: Explosions in the Sky (Texas)
0 Uhr: Mogwai (bis mind. 3 Uhr)
High bis zum Anschlag mit fantastischen Träumen von Musik in ihrer besten Form, schlich er zurück in die Ark Lane, der Himmel ein glitzerndes Farbenmeer, seine Brillengläser die Spiegel der Explosionen. Er träumte lange, bevor er die Augen schloss.
Teil 3 – howl
Erst in den frühen Morgenstunden waren die Explosionen leiser geworden, und sie hatten noch etwas schlafen können. Gegen halb Neun aber machte sich beim Brillenträger schon die Aufregung bemerkbar. Er lag zwar noch im Bett, saß aber auch schon im Hydro und wartete auf den Beginn der Show. Fast auf den Tag genau vor zehn Jahren war er auf dem Weg nach Dortmund gewesen, zu einem Biffy-Gig, der als letztes Clubkonzert der Band auf dem europäischen Festland in die Musikgeschichte eingehen sollte. Die Karten hätten sie damals für das zehnfache verkaufen können, was aber natürlich nur noch zu einem müden Gag an der Theke des FZW gereicht hatte. Die Setlist an diesem Abend war unvergesslich, aus vollen Kehlen wurde selbst „Folding Stars“ mitgesungen. Er summte den Refrain leise vor sich hin, die Jurastudentin schien langsam aufzuwachen. Ihre Gastgeberin sang um einiges lauter, gerade kam sie aus dem Bad. Ihre Bäckerei öffnete in einer halben Stunde.
Den Weg zu den Barras hätte der Brillenträger nach dem gestrigen Abend auch mit geschlossenen Augen gefunden. Die Stände, Geschäfte und Buden auf einem der ältesten Märkte des modernen Glasgows wurden gegen halb Zehn gemütlich geöffnet. Im Grunde gibt es hier alles. Antikes, Ramsch, Teppiche, Kleidung, Platten, Spielzeug, und den besten Chai der Stadt. Wenn sich die Jurastudentin und der Brillenträger nicht verhört hatten, bot ein älterer Herr auf einem Klappstuhl auch Viagra an. Die Sonne schien durch den rotlackierten, eisernen Torbogen im Süden, und die beiden saßen an einem Klapptisch einem wahrscheinlich sogenannten Unikat gegenüber. Der scheinbare Frührentner trug unter seinem Kilt eine karierte Pyjamahose, an seinen Füßen Crogs. Aus seinen rosafarbenen Kopfhörern drang leise Punkmusik, durch seine quietschbunte Sonnenbrille sah er sie an und prostete ihnen zu. Sie versuchten sich auf sein Gespräch einzulassen, verstanden aber nur vielleicht jedes vierte Wort. Nur dass er der meistfotografierte Mann in Glasgow sei, das gab er deutlich zu verstehen. Beim Abschied wünschten sie einander noch einen guten Tag. Als sie Verkaufshallen hinter dem Barrowland betraten, hatte der Brillenträger sein Fundstück des Tages sofort entdeckt. Eine dunkelgrüne Trainingsjacke von Celtic Glasgow. Relativ günstig, weil wahrscheinlich eine Kopie, aber schick wie nur was. Da sie eigentlich eine Nummer zu groß war, probierte er sie vorsichtshalber an; die Händlerin wartete keine Sekunde: „Perfect.“ Dieses sympathisch offene Lügen begann dem Brillenträger ernsthaft zu gefallen. Außerdem war es zu episch, gerade auf den Barras genau so eine Jacke gefunden zu haben, auch wenn er sie in Zukunft wahrscheinlich nur selten tragen würde. Denn das beste Biffy-Fan-Shirt, dass er besaß, hatte er vor genau zehn Jahren erworben, in XL. Solche symbolischen Kreise schließen sich selbst in den besten Subkulturen nur selten. Ihr letztes Bargeld wollten sie sich für den Abend aufheben, vielleicht würden sie ja doch noch einen Tisch im „Mother of India“ bekommen, und außerdem hatten sie gerade beim Frühstück bei Instagram gesehen, dass es am Abend limitierte Plakate der Show geben würde. Genau nur 100 Stück. Bei 15.000 Fans standen ihre Chancen gleich Null und bisher hatten sie schon mehr als genug Glück gehabt, was die Andenken anging.
Sie packten ihre Sachen noch bevor sie sich ein letztes Mal in die Stadt begaben. Während die Jurastudentin ihren Koffer wog, saß der Brillenträger auf seinem Bett und machte sich die letzten Notizen der Reise: Sonntag Mittag in Glasgow – nichts ist wie immer. Dann warf er noch einen kurzen Blick auf die Notizen, die er sich für die eigentlich anstehende, nächste Episode seines Blogexperiments gemacht hatte und löschte sie; seine Gegenwart hatte nichts damit zu tun. Alles war zu gut.
6. November (Stand: Sonntag Mittag)
S8:Ep3(u) – diary of always
– neuer „Planetenkiller“ (2022 AP7) incoming?
hatte sich wohl im Sonnenlicht versteckt…
in other wars
– offiziell Bürgerkrieg in Somalia (Al-Schabab)
– Nordkorea beschießt Pufferzone, USA schickt Bomberstaffel
– AA fordert Deutsche auf, den Iran zu verlassen
– Scholz in China (great expectations, „gut und richtig, dass ich hier bin“)
– Gaspreisbremse wackelt (CDU stänkert)
– Tafeln mit 50% mehr Nutzern
– Bürgergeld oder mehr Hartz4?
– Lindner will fracken (gibt man ihnen den kleinen Finger…)
– Hunderttausende bei IG Metall Warnstreiks
– Elon spielt Twitter kaputt
Mastodon first in line?,
3.000+ Kündigungen per Mail,
Werbekunden gehen,
Beef mit Stephen King und AOC,
das ganze Internet schüttelt nur noch den Kopf
(die endgültige Entzauberung des Mythos)
i love this game
– Kyrie Irving will follow Kanye?
– Steve Nash lost control over the locker room
– Golden State inzwischen fast schlechter als die Lakers
– Milwaukee kaum zu stoppen
– Britney Griner bekommt Besuch im Gefängnis
– Luka is all smiles!
Ukrainekrieg
– Schiffsblockaden im Schwarzen Meer nach Angriff auf russische Flotte
(Getreideabkommen für einige Tage ausgesetzt,
derweil neuer Megadeal zwischen Russland und Pakistan)
– Kiew vor dem Blackout, Stromabschaltungen sollen Routine werden
– G7 beschließt Winterhilfspaket gegen Hunger und Kälte
– Wagner Gruppe hat die erste offizielle Filiale in St. Petersburg
– Kachowka-Staudamm beschädigt
Burning Democracy
– Lula wieder im Sattel „für alle“, noch keine Aufstände oder ähnliches
Bolsonaro schweigt zunächst, dann (teils brennende) Straßenblockaden im ganzen Land,
dann erkennt er doch an, aber nur die Verfassung
– Bibi is back in the Knesset (nationalkonservative Koalition soll geschmiedet werden)
– Prognosen für die Midterms sind gruselig
– UN-Vollversammlung stimmt zum 30. Mal für eine Aufhebung der Sanktionen gegen Kuba,
egal: USA sind dagegen…
– hessischer Verfassungsschutz stellt Strafanzeige gegen das ZDF Magazin
Tanz mit dem Tiger
– China bereitet Null-Covid-Ausstieg vor (Börsenkurse explodieren jetzt schon)
Klima
– Cop27 in Sharm el-Sheikh ohne Greta (kein Bock mehr auf Greenwashing)
– Lisa Simpson killt in „Treehouse of Horrors 22“ 1000 Klimakiller mit dem Death Note
– CDU fordert harte Strafen für „Letzte Generation“
– ACAB: „Humankind is heading for the abyss“
„We’re on a hellslide.
Help us! Help us!
We’re on a hellslide!“
(Biffy Clyro: 9/15ths. 2007.)
Über der Necropolis zogen sich die Wolken langsam zusammen. Unter der Brücke, die von Westen her auf den viktorianischen Grabeshügel führt, hatte sich in der Nacht so viel Regenwasser gesammelt, dass sie über den seitlichen Zaun klettern mussten, um ohne nasse Hosen zum Eingang des Friedhofs zu gelangen. Die Spuren der vergangenen Nacht waren auch hier überall zu sehen. Leere Flaschen und verkohlte Feuerwerkskörper lagen auf den Rasenflächen verstreut. Die moosbedeckten Grabmäler standen dicht gedrängt, nicht wenige Steine waren schon vor Jahrzehnten umgestürzt, kaum jemand war zu sehen. Nur ein einsamer Vagabund wanderte die Pfade entlang, einen Weihrauchschwenker in der Hand. Vor dem Grabstein einer „beloved mother“ blieben sie stehen, vier Kinder unterschiedlichen Alters trauerten für immer in Stein gehauen. Am südlichen Fuß des Hügels qualmte die Brauerei ohne Unterlass.
Auf ihrem Rückweg überquerten sie die breite Steinbrücke, unter der sich gerade ein Taxi seinen Weg durch den Teich auf der Straße bahnte. Sie umrundeten das riesige, ebenfalls viktorianische Krankenhaus neben der Necropolis und standen bald vor der St. Mungos Kathedrale. Vor der noch geschlossenen Seitentür warteten schon die ersten Besucher auf das Ende des Gottesdienstes. Die breiten Buntglasfenster verliehen dem inneren ein warmes Licht, auch wenn es draußen bereits immer mehr nach Winter aussah. Sie durchstreiften die Gewölbe von unten nach oben, eine Heiligenkapelle reihte sich an die nächste, vor den meisten lagen frische Blumen. Dann traten sie schweigend zurück in das noch verbleibende Licht des Tages.
Den Weg in die Innenstadt fanden sie inzwischen ohne Karte, das fremde Revier war zu ihrem geworden, die falschen Fährten lockten sie nicht mehr. High Street, George Square, Buchanan Street. Die Weihnachtsbeleuchtung war bereits installiert, die meisten Geschäfte hatten geöffnet, auch die Plattenläden, doch sie waren satt genug; den letzten Hunger würden sie am Abend mehr als stillen. Gegen drei Uhr hatten sie auch endlich die Willow Tea Rooms gefunden. In dem schmalen, dreistöckigen Gebäude wurde ihnen ein Platz in der Zwischenetage zugewiesen, gleich neben dem Giftshop. Die Jugendstil-Stuhllehnen waren absurd hoch, der Tee so gut, wie an jedem anderen Ort der Stadt, und die MacKintosh-Devotionalien zu vielfältig, um sich für eine entscheiden zu können. Da sich die Toilette im obersten Geschoss befindet, durften auch beide nacheinander noch den schönsten Raum des Hauses besuchen: Der „Chinese Room“ ist in so perfektem blau gehalten, dass es etwas länger dauerte, um sich daran satt zu sehen.
Gut gewärmt und wach streiften sie dann ein letztes Mal das West End, wo sie ihre Glückssträhne weiter verfolgen wollten. Und das „Mother of India“ war gegen vier Uhr zwar sehr gut besucht, doch die junge Bedienung am Eingang bot ihnen lächelnd einen Tisch in der hintersten Ecke an. Links neben ihnen waren zwei Männer in ein lautstarkes Gespräch vertieft, in Richtung Fenster wartete eine Familie auf ihr Essen. Und natürlich konnte der Brillenträger hier das perfekte Bier für den beginnenden Abend bestellen: Ein „Brewdog, Punk IPA, postmodern classic“. Übertroffen wurde diese nächste, kaum auszudenkende Fügung nur noch von dem ausladenden Essen, das sie in den nächsten neunzig Minuten mit allen Sinnen genossen. Sein Lammcurry hatte die perfekte Schärfe, nur ein Scoville mehr und er hätte Schluckauf bekommen, die Jurastudentin nickte ihm kauend und ebenfalls sichtlich genießend zu. Es gab nur sehr wenig, das sie zum Weiterziehen hätte antreiben können, das schummerige Licht, die unaufgeregte Betriebsamkeit und die ehrliche Herzlichkeit im Raum waren hochansteckend. Als sie dann nach Sonnenuntergang doch noch das Lokal verließen, standen bereits weit über zwanzig Menschen vor der Tür und warteten auf einen Sitzplatz. Die Menschenschlange leuchtete vor Ausgelassenheit und Vorfreude.
Keine halbe Stunde später standen sie auf der Clyde Arc Bridge und bewunderten das grün beleuchtete UFO am nördlichen Ufer. Das Hydro steht zwischen einem Konzerthaus, das an die Philharmonie in Sydney erinnert und dem Finnieston Crane, einem grotesk großen, stillgelegten Verladekran. Vor der hypermodernen Arena, die erst seit einigen Jahren am Flussufer steht, hatten sich bereits tausende Menschen versammelt und warteten in langen Schlangen auf den Einlass. Über ihnen stand der erste Vollmond des Winters, und leise schallten Fangesänge zu ihnen über den Fluss.
Am westlichen Seiteneingang mussten sie dann nicht lange warten, die Einlasskontrollen waren entspannt, sie hatten noch nichts außer ihren Handys, etwas Klein- und Plastegeld und ihren Pässen bei sich. Kurz darauf bahnten sie sich ihren Weg zum nächsten Merchstand, der überraschend bald vor ihnen auftauchte. Und an der Wand hinter dem Tresen erblickten sie doch tatsächlich noch ein Exemplar der raren Plakate. Mit vorsichtiger Hoffnung stellten sie sich an, und wunderten sich dann doch noch über ihr nicht enden wollendes Glück. Mit Nummer 65 und 66 von 100 konnten sie sich auf die Suche nach ihren Sitzplätzen begeben; der Innenraum war bereits Monate zuvor ausverkauft gewesen. Die riesige Halle vibrierte bereits von Erinnerungen an unvergleichliche Chöre und ohrenbetäubenden, wundervollsten Krach. Die Stimmung war dabei so ausgelassen, als ob hier gleich gar nichts besonderes passieren sollte, nur zwei Stunden Livemusik von der besten Rockband der Gegenwart, vor der größten Menge an Hardcorefans die sich vorstellen lässt. Ganz normal, in Glasgow.
Während sich vor der Bühne die lokale Jugend bei den Architects warm moshte, saßen die beiden mit Bier auf dem ersten Rang und versuchten, dem Metal der Band aus Brighton etwas abzugewinnen. Die Männer an den Instrumenten strahlten wenig Enthusiasmus aus, der Frontmann versuchte das auf seinem Extrapodest wettzumachen, was allerdings eher anstrengend wirkte. Da half es auch nichts, dass er den Anwesenden mehr als einmal einen exzellenten Musikgeschmack andichtete; dessen waren sich die meisten von selbst bewusst.
Bereits beim abschließenden Soundcheck hielt es die beiden nur noch schwer auf ihren Sitzen. Das Rund unter ihnen war so gut wie voll, die Bühnenstrahler waren in Position gebracht, ihr Bier war leer, die Plakate lagen hoffentlich sicher zwischen ihnen. Und dann, zehn Minuten zu früh, erloschen alle Lichter und ohrenbetäubender Jubel mischte sich in das Intro. Was danach folgte, war alles, was sie sich erträumt hatten. Vom ersten bis zum letzten Ton, der das ausverkaufte Hydro erzittern ließ. Glitter and Trauma – Here we. Here we. Here we. Fucking. Go!
„Somebody help me sing!
Can anybody hear me?
Liars and lovers combine tonight.
We’re gonna make a scene!“
(Biffy Clyro: The Captain. 2009.)
Teil 4 – my recovery injection
„I am going home
forever and ever more.
No I was never born.
And there’s no such thing as home.
We used to stand so strong.
That′s why the others have gone.“
(Biffy Clyro: Different People. 2013.)
Erst knapp zwei Monate später wagte sich der Brillenträger an eine abschließende Beschreibung dieses in Erfüllung gegangenen Traums. Bis dahin konnte er die Auswirkungen der Reise überdeutlich fühlen, sobald er die Erinnerungen wachrief, was jedes Mal einem tiefen Luftholen gleichkam, das seinen Körper mit allen erdenklichen Endorphinen flutete. Die Wirkung hielt länger an, als er es sich zu wünschen gewagt hätte, vielleicht scheute er auch deshalb noch so lange davor zurück, ihre Kulturkur im doch ziemlich hohen Norden abschließend zu den Archiven hinzuzufügen. Aber mit jedem Mal des Erinnerns wurden die Erlebnisse wieder traumwirklicher, was umso bezaubernder schien, denn schließlich hatten sie diesen Traum mit offenen Augen durchwandert. Realer Surrealismus. Surrealer Realismus. Ein Zuhause in einem Traum von einem Zuhause. Eine mondbeschienene Fährte in einem Wald voller Un-Bedeutungen. Und eine Blutspur zu mehr als einem rot-blauen Herzen, das schlägt und schlägt und schlägt…
Die grüne Jacke, die der Brillenträger in den Barras aufgespürt hatte, war wenig überraschend zum dauerhaften Wohlfühlstück für Wohn- und Arbeitszimmer geworden. Zuhause war es egal, wie zu groß die Jacke war, und sogar beim Pokern hatte sie ihm schon zum Glück verholfen (eine halbe Tankfüllung haben oder nicht haben…); das Logo der Celtics aus Glasgow ist wahrscheinlich nicht zufällig ein vierblättriges Kleeblatt.
Die nachhaltigsten Erinnerungen aber waren von gleich dreierlei Art: Ein gesellschaftliches Phänomen; eine davon beeinflusste gesellschaftliche Stimmung; und zu guter Letzt eine wichtige Lektion. Das gesellschaftliche Phänomen war die Grundfreundlichkeit, die er in Glasgow erlebt hatte. Wahrscheinlich kommen uns die Umgangsformen an vielen Orten der Welt freundlicher als zu Hause vor, schließlich sind wir Deutsche. Was den Brillenträger aber beeindruckte, waren die spezifischen Erscheinungsformen dieser Freundlichkeit. Der grundsätzliche Respekt vor dem/der anderen war spürbar höher als er es gewohnt war, ohne dabei verordnet oder pflichtschuldig zu wirken, sondern ganz selbstverständlich, wie bei jedem Thank You für die Busfahrer*innen, oder jeder halb augenzwinkernden Geste der Gastfreundschaft. Dadurch entstand eine Grundstimmung, die tatsächlich entspannt war, und die nicht nur versuchte, diesen Anschein zu erwecken, ein Umstand, der dem Brillenträger in seiner Heimat allzuoft unterkam. Die Jurastudentin war es dann, die diesen moralischen Imperativ, diese stille Übereinkunft zur Wahrung des gegenseitigen Respekts in Worte kleidete: Beim ersten Versuch des Brillenträgers, ein irgendwie (ab-)wertendes Urteil über einen fremden Menschen zu fällen, der gerade zufällig auf dem George Square an ihm vorbei gelaufen war, hatte sie ihn nicht mal lange angeschaut, bevor sie ihren Rat formulierte: „No judgement.“ Sofort hatte der Brillenträger begriffen, dass er gerade eine sehr wichtige Lektion lernte, die er schon so lange hatte lernen wollen. Und er hoffte, dass er sie so schnell nicht vergessen würde. Da die nächsten Tage aber ein überdeutlicher Beweis für die Rechtmäßigkeit dieser Haltung und für ihre nur positiven Folgen gewesen waren, war er auch noch Monate später eine etwas bessere Version seiner selbst. Und Freundlichkeit war wieder ein bisschen weniger und wieder ein bisschen mehr selbstverständlicher geworden.
Es war also schon nach Weihnachten, als der Brillenträger bereit war, diesen Traum endlich gegen einen nächsten einzutauschen: Die letzten Tage des Jahres waren glücklicher als alle anderen davor. Das nächste konnte und sollte also kommen, mehr Zuversicht anzuhäufen war mit Sicherheit nicht mehr möglich. Noch wollte er sich nicht vorstellen, wie er sich diese Kraft würde einteilen müssen .
Das Mogwai-Buch hatte er übrigens schon kurz nach der Rückkehr zu Ende gelesen, aber die gesamte Diskographie der Band lief seitdem fast ununterbrochen. Kurze oder lange akustische Zeitausschnitte, die ihn bis auf die Knochen berührten und aufwühlten. Wozu sollte er andere Musik hören, wenn es auch Mog-fucking-Wai sein konnte? Er hatte also seine dritte all time Lieblingsband endlich gefunden. Nach jahrelanger, vorsichtiger Annäherung waren nicht nur sein Musikverständnis, sondern auch seine Liebe zur Musik noch mal mehr gewachsen, etwas das ihm eigentlich schon seit langem unvorstellbar erschienen war. Das Leben ohne Musik ist kein Irrtum, es ist kein Leben. Denn das Leben wird mit jedem Lied, mit jeder Erinnerung, mit jedem Gefühl, mit jeder Melodie, mit jedem Akkord, mit jedem Einstimmen in seinen Chor der Ewigkeit, erst zu dem, was es über seine Existenz hinaus erhebt: Kunst. Kunst, die sich nicht sehen lässt, die sich nicht festhalten lässt, die immer wieder neu entsteht. Überall. Zu jeder Zeit.
„Cause music can put a human being
in a trance like state
and deprive it for the sneaky feeling of existing.
Cause music is bigger than words
and wider than pictures.“
(Mogwai: Yes! I am a long way from home. 1997.)

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