„Wohl dem,
der sich einreden könnte,
die Kultur sei imstande,
eine Gesellschaft
gegen die Gewalt zu feien.“
(Hans Magnus Enzensberger:
Aussichten auf den Bürgerkrieg. 1993.)
Heller noch als der Weihnachtsbaum,
strahlt auf dem Quedlinburger Markt
eine riesige Adventspyramide.
Ihr wisst schon,
die Miniausgabe hat jeder
noch irgendwo rumstehen:
dieses kleine,
kerzenbetriebene Karussell,
meistens aus Fichtenholz,
nicht selten aus dem Erzgebirge.
Vor dem Rathaus aber
stehen an Stelle der Kerzen
die Menschenmengen,
so dass es aussieht,
als würde allein der Dampf ihrer Glühweintassen
die riesige Windmühle
in knapp fünf Metern Höhe antreiben.
Der Aufbau überragt den gesamten Markt
und ist mit mehr Glühbirnen versehen,
als alles um ihn herum;
der Baum daneben
wirkt geradezu blass.
Das Gewusel zwischen den Buden allerdings,
das wirkt, wie so oft vor Ort,
als wäre keine jüngere Vergangenheit geschehen:
Tausende von Menschen
tragen stündlich ihre Bratwürste
und Süßigkeiten vom Markt,
Kopfschmuck mit maximalem Wiedererkennungswert
leuchtet über das Meer der Touristen.
Sämtliche Sicherheitsbedenken
werden spätestens
am Bahnhof abgegeben,
auch wenn da, wie immer, Chaos herrscht:
Es kann momentan nur ein Gleis betrieben werden.
Dafür aber
ist die Dauerbaustelle vor der Stumpsburger Brücke
allerhöchstpünktlich am Mittwoch
fertig gewesen:
Freie Fahrt für alle in die Innenstadt,
um dort dann vergeblich
nach einem Parkplatz zu suchen.
Anwohnersein hat auch mal was gutes…
Am ersten Wochenende war es voll wie eh und je,
für die neuesten Herrnhuter Sterne
(Edition 2022: eisfarben, mit Glitzer)
musste man bereits am Vormittag länger anstehen.
Nur die traditionellen „Höfe“,
mit denen will es noch nicht wieder so richtig laufen.
Daran scheint vor allem
ein Streit zwischen den hiesigen Krämern schuld zu sein;
interessiert mich aber noch weniger
als der Weihnachtsmarkt selbst.
Jedenfalls gibt es (offiziell) nur noch 11 Höfe
(zu Hochzeiten waren es mehr als die logischen 24),
die sind dafür aber besonders hübsch
und versteckt
und exklusiv
und überlaufen.
Kurioserweise gibt es aber einen Hof 24.
Und in dem gibt es alles auf einmal:
Kunsthandwerk,
die größte Auswahl an Glühweinen,
alles, was der Magen dann noch vertragen kann
und jeden Abend Live-Musik.
Das Weltkulturerbe kann eben mehr
als nur einen Weihnachtsmarkt.
Denn je mehr Kultur,
desto mehr sozialer Frieden,
oder so.
Und deswegen:
Rrrrrummmss!,
rein in die nicht enden wollende
Kriegsberichterstattung.
Im Donbas herrschen inzwischen
schon seit Monaten
Zustände wie in der Champagne, Anfang 1915.
Bachmut, Lyman, Saporischschija
und sämtliche umliegenden Dörfer und Städte
sind meilenweit von einer Feuerpause entfernt.
Der ukrainische Präsident
hat das Ziel jedoch schon ausgegeben:
Alle verbliebenen 2.000 Orte
werden zurückerobert,
koste es, was es wolle.
In der Restukraine habe man
4.000 high end „Wärmestuben“
(aka „Stabilitätspunkte“) eingerichtet:
Internet, Wasser, Strom und Heizung
für alle, die davon zu Hause nichts mehr haben;
und das sind viele:
Nach dem massiven, landesweiten Beschuss am Mittwoch
(u.a. eine Entbindungsklinik)
dauert es bis heute,
bevor die Infrastruktur wieder halbwegs läuft.
Tagelang waren in Kiew Hunderttausende
ohne Grundversorgung.
Die internationale Diplomatie
sieht sich also erneut zum Handeln gezwungen,
wieder wird heftiger gefordert,
der Petersburger Dialog allerdings
wird beendet.
Selenskyj fordert die Nato auf,
Russland zum Terrorstaat zu erklären,
auch der angekündigte Gaspreisdeckel
für russische Importe sei noch viel zu hoch.
Außenminister Kuleba gibt derweil
ganz offen illegale Waffenlieferungen zu,
die „hinter den Kulissen“,
über Drittländer eingefädelt werden;
Doppelmoral, dein Name bleibt „Westen“.
Das hat sich jetzt auch Bodo Ramelow gedacht
und fordert dann eben auch endlich mal Waffenlieferungen.
Passend dazu
ist der Titel der aktuellen konkret:
„Totalausfall –
die deutsche Linke in der Krise“,
womit das Magazin ungewöhnlich
euphemistisch unterwegs ist.
Auffällig ist auch,
dass es in diesem Monat
nicht einen expliziten Beitrag zu den USA gibt.
Sowas muss man erst bei POLITICO suchen:
“The fact is,
if you look at it soberly,
the country that is most profiting from this war
is the U.S.
because they are selling more gas
and at higher prices,
and because they are selling more weapons,”
zitiert das Magazin einen US-Kongressabgeordneten,
der nicht namentlich genannt werden will.
In diesem Sinne:
Bis zur nächsten Runde
„Jüngste Erfolge
des Militärisch-Industriellen Komplex“;
kabOOm!
So.
Alle wieder wach?
Dann mal zum Rest der Woche.
Denn es gibt sie doch noch,
die Blitzmerker von der Anti-Imp-Nazi-Querfront.
Allerdings inzwischen nur noch
als Lachnummer für den Samstagabend:
Da war die Antifa noch nicht ganz fertig mit Feiern,
weil am Donnerstag die AfD
mit 10:0 in Halle geschlagen wurde,
schon folgt der nächste Kantersieg:
Die groß angekündigte „Ami go Home-Demo“ in Leipzig
(#DieDoppeltenZwanziger, S8:Ep1)
war der erwartete Erfolg.
Jürgen Elsässer hatte 15.000 Teilnehmer
aus ganz Europa angemeldet.
Gekommen sind tausend,
die meisten aus Ostsachsen und Thüringen.
Und weit gekommen
sind die auch nicht:
Nach nur ein paar hundert Metern war Schluss,
der Schwarze Block stabil,
wie man das aus Leipzig kennt.
3.000 Menschen
hatten auf den Straßen Platz genommen.
Inklusive Krankenschein am Montag,
wegen Blasenentzündung.
Dafür zahl ich doch gerne
in die Gesetzliche ein.
Schön daran ist,
dass sich das deutsche Klein- bis Großbürgertum
ausnahmsweise mal nicht sinnloserweise
über den Schwarzen Block aufregt,
denn es gibt eine neue,
viel ernster zu nehmende Gefahr
für den schwindenden Wohlstand:
diese brandgefährlichen „Klimaterroristen“
mit ihrem brandbeschleunigenden Klebstoff.
Mitte der Woche hatten die sogar den BER blockiert;
der Flugverkehr war für Stunden zum Erliegen gekommen.
Der Staat reagiert mit aller Härte:
In Leipzig werden bei Hausdurchsuchungen
hochentzündliche IPCC-Berichte beschlagnahmt.
Nimm das Klimaforschung!
Und für Lützerath
wird der Räumungstermin festgelegt:
Noch im Januar soll das Dorf,
das Garzweiler II im Weg rumsteht,
mit allen nötigen Mitteln
zur Ausbeutung gesäubert.
An der Klimafront
liegt also weiterhin
genug Zündstoff.
Der Notstand in Buffalo,
die inzwischen routinemäßige
Aktivierung des Flutschutzes in Venedig,
die tödliche Schlammlawine in Ischia
sind nur wenige Beispiele
allein aus den vergangenen Tagen.
Hinzu kommen zwei verheerende Erdbeben.
Eines in zehn Kilometer Tiefe
vor Indonesien,
das immerhin über 300 Opfer gefordert hat.
Das andere, im türkischen Düzce,
lässt große Massen bis auf weiteres ohne Obdach.
Aber die Menschen kriegen sich auch weiterhin
ohne Hilfe der Natur
um die Ecke:
Bang, bang, bang –
in den USA haben es in der letzten Woche
gleich zwei Shootings in die Newscycle geschafft.
Erst sechs Morde
in einer queeren Bar
in Colorado Springs,
zwei Tage später
mehrere Tote
in einem Walmart in Cheasepike, Virginia.
Täterprofil wie immer:
Opfer.
Und auch auf anderen Kontinenten hat es geknallt:
In Jerusalem wurde standrechtlich
die Adventszeit eröffnet,
und im brasilianischen Aracruz
weiß jetzt auch jeder,
wie Massaker geschrieben wird.
In other wars
wissen das alle Beteiligten schon viel zu lange.
Es herrscht offener Krieg gegen die Kurden.
Europa schweigt;
keine Phrase.
Der Iran greift unvermindert
Ziele im Nordirak an.
Die Türkei bombardiert, u.a. Kobane,
bis Ende der Woche 700+ Ziele.
Mit dem Zählen der Toten
wird erst gar nicht angefangen.
Sogar Russland mahnt zur Zurückhaltung.
Aus Nord-Syrien kommt leichte Gegenwehr.
Im Nord-Iran spielen sich
„bürgerkriegsähnliche Szenen“ ab,
wie die hiesigen Medien untertreiben.
Lieber werden neue Heldengeschichten erzählt:
Der ehemalige iranisch-kurdische
Fußballnationalspieler Ghafouri
wurde inhaftiert,
nachdem er auf Insta ein Foto von sich gepostet hatte,
das ihn in kurdischer Tracht in Kurdistan zeigt.
Symbolik lässt sich anscheinend
leichter verkraften.
Und vor allem,
wenn sie etwas mit Fußball zu tun hat.
Es scheint sich zwar
kaum noch jemand daran zu erinnern,
aber die WM ist in vollem Gange.
Die Kneipen sind nicht voller als sonst,
über die Ergebnisse
weiß man im besten Falle noch Bescheid.
Denn um Fußball geht es bei dieser WM
eigentlich überhaupt nicht mehr.
Danke für nichts, FIFA.
Profi-Fußball kaputt gemacht
UND gesellschaftlich irrelevant bis schädlich sein,
das muss man als Sportverband
auch erst mal schaffen.
Und so sieht deswegen
die moderne Fußballberichterstattung aus:
Der Iran singt (nur vor dem ersten Spiel)
keine Hymne.
Dänemark droht mit dem Austritt aus der FIFA
Der DFB
knickt beim Tragen der „1-Love-Kapitänsbinde“ ein,
die Innenministerin darf die
auf der Tribüne allerdings tragen,
Infantino steht grinsend daneben.
Der DFB (und andere)
prüfen eine Beschwerde bei der FIFA.
Der DFB verliert mit REWE
seinen größten Sponsor.
Und „Die Mannschaft“
lässt ein Symbolbild schießen
(alle halten sich die Münder zu)
und verliert danach gegen Japan.
Und dort, und nur dort,
gibt es deswegen noch Fußballmärchen:
„Das Wunder von Doha“
soll zum Nationalfeiertag
erklärt werden.
Und wie alle vier Jahre
werden im Schatten dieses Schauspiels
mal wieder die unpopulären
(aka ungerechten) Gesetze verabschiedet;
kleine Sprengsätze
an den Säulen
des Sozialen Friedens.
Die FDP hat mit der Union gekunkelt,
und aus dem neuen „Bürgergeld“
ist ein, von „Hartz4“ nicht mehr
zu unterscheidendes Überlebensminimum geworden.
Sanktionen können genauso schnell
und brutal durchgesetzt werden,
es gibt sogar ein paar neue,
und vom „Schonvermögen“
ist auch so gut
wie nichts übrig geblieben.
Dafür möchte die die FDP
aber dann den Immobilienbesitzern helfen,
neue Freibeträge kommen immer gut an,
wenn man Wohngebiete kaufen möchte.
Da kann man es sich sogar erlauben,
mal kurz wieder über
eine „Übergewinnsteuer“ zu diskutieren,
tut ja keinem weh.
In Italien ist man schon einen Schritt weiter:
Das Bürgergeld wurde einfach
direkt wieder abgeschafft;
Faschisten haben immer leichtes Spiel,
wenn sie an der Macht sind.
Und keines, wenn sie es nicht sind.
Wie in Brasilien.
Bolsonaro hat tatsächlich noch
das Wahlergebnis angefochten,
das Oberste Gericht hat die Klage
aber sofort abgewiesen:
Wer keine Beweise hat,
der kann woanders rumheulen,
und vier Millionen Dollar Strafe
wegen Belästigung abdrücken.
Anders wieder,
wenn sie es immer noch sind.
Wie in Ungarn,
wo Orban allein mit dem Tragen eines Schals
(in den Farben von „Großungarn“)
für die nächste diplomatische Krise sorgt.
Oder wie in Nord-Korea,
wo Kim rumtrompetet,
jetzt dann auch noch
die größte Atommacht aller Zeiten zu werden.
Nur in Schottland,
da hat wieder keiner Macht:
Eine Neuabstimmung über die Unabhängigkeit
wurde von London schlicht untersagt.
Jap, auch mir sind das alles
schon wieder zu viele Detonationen
im Kleinhirn;
der Schwarze Spiegel ist mal wieder reif,
um an die Wand geschmissen zu werden –
Klirr! – keine schlechten Neuigkeiten mehr.
Lieber ein paar gute.
Wie diese hier:
Social Media
hat die nächste Entwicklungsstufe erreicht:
den Zerfall.
Und Twitter ist erst der Anfang,
die für morgen angekündigte „Generalamnestie“
wird daran nichts ändern.
Das Humankapital der Digitalkonzerne
ist nicht weiter auszureizen,
und außerdem kriegen inzwischen auch die letzten mit,
wie verrottet alles ist.
Auf allen Kanälen.
Sogar Zoom steckt wieder in den roten Zahlen,
die Menschen treffen sich lieber wieder im real life,
ansonsten reicht auch das Telefon.
Also zumindest träume ich
mir das gerade so zurecht.
Und wo ich gerade dabei bin,
bin ich auch wieder fest davon überzeugt,
dass die Lakers wieder alle schocken.
Mit einem lauten Knall ist der Knoten geplatzt,
und der nächste Titel nur noch Formsache:
Anthony Davis ist wieder voll da
(mal schauen wie lange unverletzt)
und haut eine Statline raus,
die die NBA noch nie gesehen hat:
35+ Punkte/20+ Rebounds/5+ Steals/5+ Blocks
in einem Spiel
sind einzigartig.
LeBron (38) knallt im nächsten Spiel
auch mal lockere 39 Punkte raus,
die Wende ist geschafft,
ab jetzt wird kein Spiel mehr verloren!
Und apropos Trendumkehr,
zwei Newsbomben zünde ich heute noch,
dann ist die Deadline für diese Woche erreicht,
und ich kann in Ruhe die nächste Lunte legen.
Während hier vorm Fenster
also die unbekümmertsten Weihnachtsmelodien
vom Markt über die Dächer schallen,
steigen die Covid-19-Infektionszahlen
endlich wie vorhergesagt.
Der dritte und hoffentlich letzte
„Corona-Winter“ hat begonnen.
Und weil der viel weniger schlimm werden soll,
ist eben noch Zeit
für eine die brutalsten Grippe- und Erkältungswellen
der letzten mehr als drei Jahre.
Jede*r, die/der gerade in einer der vielen
unterbesetzten Branchen arbeitet (also in allen),
weiß, was ich meine;
Für die Krankschreibungen fehlt bald das Papier.
Die größt(-mögliche) Explosion
hat sich diese Woche
aber für den Schluss aufgehoben.
Denn sollte dieses Pulverfass hochgehen,
dann ist diese Welt endgültig verloren:
Nach vier Tagen mit jeweils neuen Infektionsrekorden,
kocht der Topf in China über:
Nach einem Brand in Urumqui (Xinjiang)
kommt es am Sonntagmorgen nicht nur dort
zu so etwas ähnlichem wie Massendemonstrationen,
und im Westen dürfen Videos veröffentlicht werden,
die zeigen und hören lassen,
wie öffentlich der Rücktritt von Xi gefordert wird.
1,4 Milliarden Menschen,
die fast drei Jahre lang
nur Lockdowns oder harte Maßnahmen gewohnt waren,
müssen sich jetzt entscheiden:
Freiheit oder Weltmacht.
Gut.
Die Tür zum Arbeitszimmer fliegt zu,
in
3,
2,
1,
…
Rumms!
„If you wanna make the move
then you better come in.
It’s just the ability to reason
that wears so thin.
Living and dying
and the stories that are true.
Secret to a good life
is knowing when you’re through.“
(Rancid: Time Bomb. 1995.)

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