Leute,
ich bin ein bissel mürrisch drauf gerade.
Zum Glück weiß ich aber auch,
woran das liegt;
es ist immer beruhigend,
wenn man eine Erklärung
für ein unangenehmes Phänomen hat.
Ich erwähne das auch nur,
um den knörigen Ton der Episode
im vorweg zu entschuldigen
und um eine literarische Rechtfertigung
für den Abrisskalenderstil zu haben,
der hier gleich folgt.
Samstag war nämlich
der zehnte Tag in Folge
ohne Sonnenschein.
Lediglich an den Vormittagen des 6. und 7. Tages
hätte ich mal die Nase in die Strahlen halten können,
aber da habe ich jeweils über „Faust“ diskutiert,
oder versucht 15jährigen Liebeslyrik näher zu bringen;
durch die Fenster sah es aber auch schön aus.
Der erste Schnee
ist bereits wieder geschmolzen,
es liegt aber schon wieder leichter Puderzucker auf den Dächern,
und das wohl noch eine ganze Woche,
das Thermometer soll die Null demnächst
nicht mehr übersteigen.
Meine Therme hat auch immer noch schlechte Laune
und macht weiterhin, was sie will.
Im Moment aber läuft sie,
und ich frage mich,
woher wir eigentlich wissen,
ob wir noch mit Putins Gas heizen,
oder ob es schon ein internationalerer Mix ist,
und wir kein ganz so schlechtes Gewissen
mehr haben müssen,
wenn wir nicht frieren.
Oder wenn wir durch die Gassen
einer Mittelalterstadt laufen
und uns dabei erwischen,
wie schön
wir den Geruch des Weihnachtsmarktes finden,
der sich zwischen den Häusern verteilt.
Aber grinchsche Gedankenspiele
über ein grünes Wesen,
dass vor lauter Neid und Ungeliebtheit
den Touris ihren Glühweinschwipps versaut,
indem es Hässlichkeiten aus dem Fenster brüllt,
die erspare ich uns (und den Touris) natürlich.
Denn die haben
ihre Empathie und ihre Würde
schon vor Wochen
für dieses Jahr
auf Eis gelegt.
Egal, ich tröste mich wie immer damit,
dass es woanders auch nicht anders ist;
wenn nicht sogar noch schlimmer.
Denn:
Das englische Wort des Jahres 2022 zeigt,
dass mein momentaner Gemütszustand
weit verbreitet scheint,
und ist darüber hinaus
einfach mal cool:
„Goblin Mode.“
Also gar nicht mal so weit weg
von meiner aktuellen Grinchiness:
„A slang term
referring to a type of behavior
which is unapologetically self-indulgent,
lazy,
slovenly,
or greedy,
typically in a way
that rejects social norms or expectations.“
Das deutsche Wort des Jahres 2022
ist übrigens ebenfalls
in dieser Woche verkündet worden.
Zu niemandes Überraschung
ist es die „Zeitenwende“ geworden.
Und der Stern
war dann wieder am schnellsten
mit dem ersten Jahresrückblick,
über dessen Titel
da also auch niemand
lange nachzudenken brauchte.
Viel mehr als sonst,
ist da aber auch wieder keinem eingefallen,
denn der Rest des Titelblattes
ist wie immer geschmückt
mit den Gesichtern des Jahres.
Irgendwann schreibe ich mal
einen Rant gegen Jahresrückblicke,
aber nicht heute,
dazu ist in dieser einen Woche
schon wieder zu viel passiert…
Laut Stern jedenfalls
bestand das letzte Jahr
aus diesen Menschen hier;
von links oben (kleine Portraits)
über die untere Bildmitte (größere Portraits)
nach rechts oben (wieder kleiner Portraits)
schaut das Jahr zurück auf:
Winnetou,
ein Thermostat,
Alexandra Popp,
Kim Kardashian,
Elon Musk,
Robert Habeck,
ACAB,
eine iranische Demonstrantin,
Xi Jinping,
Wolodymyr Selenskyj,
einen ukrainischen Panzer,
ukrainische Kriegsopfer,
Vladimir Putin,
Elizabeth II.,
Charles III.,
Johnny Depp,
Amber Heard,
Harry Styles,
Roger Federer.
Besonders die Auswahl der „Künstler*innen“
sagt dabei ja eigentlich schon alles
über dieses Jahr,
und noch mehr über den Stern.
So viel also zunächst
zum Thema Abriss.
Inzwischen ist bereits Montag.
Und ja, damit haben
#DieDoppeltenZwanziger
zum ersten Mal keinen eleganten Weg gefunden,
ihre Unpünktlich weg zu literarisieren.
Sorry, not sorry.
Es bleibt mir also kaum mehr etwas anderes übrig,
als die Scherben dieser Episode
zusammenzukehren
und einen Haken an die Sache zu machen;
die Notizen für die nächste Episode
sind schließlich schon gemacht.
Und außerdem passt das
immer noch
zu meiner aktuellen Laune.
Also,
Kehrblech und Handfeger
sind bereit.
Bloß weg mit dieser letzten Woche.
Für Überleitungen
besteht keine Notwendigkeit mehr:
Probealarm! (Donnerstag)
Handys,
sogar welche im Flugmodus
schrillen unangenehm,
die Luftschutzsirenen im Harzkreis
funktionieren auch.
Besser als beim letzten Mal.
Und wieder ein bisschen unheimlicher.
Im Iran
nimmt die Konterrevolution
konkrete Gestalt an:
Todesurteile,
Scheinauflösung der Sittenpolizei,
der Generalstreik
des öffentlichen Lebens verhallt
mit der ersten Hinrichtung eines Demonstranten;
die nächsten lassen nicht lange auf sich warten.
Der Westen reagiert
mit gewohnter Härte:
Das TIME-Magazine
kürt die Frauen des Iran
zu den Heros (sic) of the year,
und Deutschland
bestellt den iranischen Botschafter ein.
Was es nach zwei Monaten Revolution
derweil weiter gibt:
Misogynie,
Unterdrückung,
Femizide,
Suizide,
Krieg gegen die Kurd*innen.
Und das nicht nur im Iran.
Der Frisurensohn existiert immer noch.
Inzwischen aber im übernächsten Paralleluniversum:
Trump möchte gerne
die US-Verfassung abschaffen;
der Beginn des Bürgerkrieges
ist nur noch Formsache.
In unserem Universum
ist seine Firma aber endlich
in allen, bisher 17 Anklagepunkten
schuldig gesprochen worden;
die Höhe der Strafe wird am 17. Januar verkündet.
Und in Georgia hat der Demokrat Warnock
die Stichwahl gewonnen.
Der Senat ist gesichert blau.
Das Topthema der Woche (german edition):
Der Staatsschutz hat einen Staatsstreich vereitelt.
Ex-Soldaten (KSK),
AfD-Prominenz
und Heinrich XIII.
hatten in naher Zukunft vor,
die Monarchie wieder ins Recht zu setzen.
Wahrscheinlich als letztes Mittel der Wahl,
denn mit dem „Wutwinter“ will es einfach nichts werden.
Ist ja aber nochmal gut gegangen,
und die Medien wussten sogar schon vorher Bescheid,
der Apparat läuft.
Hauptverlierer bei der ganzen Sache
ist mal wieder die Nazipartei unter Höcke.
Ja, is’ denn heut’ scho’ Weihnachten?
Im UK will die Labourpartei
nach der nächsten Wahl, 2025,
das House of Lords abschaffen.
Was ist das?
Revolution aus der Mitte?
Mit Ansage?
Strange enough.
Die EU beschließt etwas.
Nämlich, dass „die KI“
sich an die Grundrechte halten muss.
Dann hoffen wir mal,
dass die KI nicht lernt,
wie normal es ist,
dass die Menschen
das auch bloß nicht machen.
Razzia im EU-Parlament!
Korruption!
Alle tun schockiert.
Die Vizepräsidentin wird vorläufig sogar festgenommen.
Noch schockierender:
Quatar ist der Schmiergeldspender.
Und damit zum Fußball:
Nach 18 (seeeeehr langen) Jahren
wird Oliver Bierhoff endlich entlassen.
Warum man wegen einem Tor
so eine Karriere geschenkt bekommt,
ist mir bis heute ein Rätsel.
Bundestrainer Flick
soll aber weiter „führen“,
bis 2024 (Heim-EM).
Die guten Neuigkeiten:
Marokko steht im Halbfinale
gegen Frankreich.
Und während in der Ukraine
die ersten erfrieren,
redet Macron plötzlich
von Sicherheitsgarantien für Russland.
David Arachamija,
Fraktionschef der Selenskyj-Partei „Diener des Volkes“
stellt anedere Bedingungen für Friedensgespräche:
kompletter Abzug,
Reparationen,
Kriegsverbrecherverurteilung
und die „freiwillige Abgabe aller russischen Atomwaffen.“
Abgabe.
Nicht Abschaffung.
Auch im Westen
wird unterdessen die Artilleriemunition knapp,
40.000 Geschosse wurden
in den letzten fast 10 Monaten
pro Woche
verschossen;
so schnell ist kein militärisch-industrieller Komplex –
noch nicht.
Ab Montag ist halb Kiew
wieder ohne Strom
für Tage.
Im Schwarzen Meer
stehen die russischen Öl-Tanker im Stau.
Es gibt Drohnenangriffe
auf russische Flughäfen und Militärbasen,
kaum hunderte Kilometer von Moskau entfernt;
die USA lassen wissen,
sie hätten ihren Segen dazu nicht gegeben.
Es folgt die, wie immer,
extremere Antwort:
Immer heftigere Kämpfe
an der gesamten Front in Donezk,
momentan besonders um Bachmut.
Die gesamte Wärme- und Stromversorgung des Landes
ist schwer beschädigt
Es folgen sogar Drohnenangriffe
auf Odessa,
das dann jetzt auch weiß,
was ein Blackout wirklich bedeutet.
Selenskyj wird immerhin
die TIME-Person of the Year,
nebst dem „Spirit of Ukraine“.
Schön, wenn man nicht
selber der Held sein muss.
Der Papst vergeht sich nebenbei
auch noch an der Holocaustrelativierung.
Wichtiger aber:
Am Donnerstag wird Brittney Griner
doch noch ausgetauscht.
Basketballerin gegen Waffenhändler.
Zum Ausdenken ist das schon lange nicht mehr.
Ach, und die ominösen Briefbomben
kamen übrigens aus Sindelfingen,
von einer Teslaniederlassung.
Keine Pointe.
Scharfe Schüsse gibt es auch wieder
an der EU-Außengrenze.
Diesmal darf Bulgarien
die Grundwerte verteidigen
und die Festung
vor ihren Opfern beschützen.
In Israel wird Bezalel Smotrich
der neue Finanz- und Verteidigungsminister.
Was das für die Palästinenser bedeutet,
zeigt der Umstand,
dass dieser offen bekennende Hardcore-Zionist
unter anderem dafür berühmt ist,
dass er im Westjordanland
Schulen hat abreißen lassen,
an Schultagen.
Die Debatte um die Letzte Generation,
ein Name, der inzwischen
in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist,
hat sich festgefahren
und taugt demzufolge noch für genug weitere Empörungswellen;
auch eine Klimakatastrophenbewältigungsstrategie.
Diese Woche klebten sie auf dem Münchner Stacchus,
auf der A100 (Berlin)
und auf den Flughäfen dieser beiden Städte.
Und weil sie (noch) nicht davon betroffen sind,
dürfen die Sächsischen Sicherheitsbehörden
den Umweltaktivismus als per se „links“ einstufen.
Spielt aber alles keine Rolle mehr.
In Kansas verseuchen gerade
zwei Millionen Liter Rohöl einen Fluss
(die Keystone-Pipeline hat ein Leck),
und die Kohle für die Brockenbahn
wird aus Bolivien importiert (it’s absurde because it’s true).
Und während das alles passiert,
gewöhnen wir uns alle
gerade wieder ein bisschen mehr
an den allgemeinen Ausnahmezustand:
Infektionswellen forever!
Die Schulen sind immer noch
nur im halben Modus.
Aber Bayern und Sachsen-Anhalt
kippen die letzten Maskenregeln (im ÖPNV).
Absurdität, dein Name ist Gegenwart.
On the bright side:
Dann sind zu Weihnachten
die Kinder wieder oben auf,
und stärker als vorher,
wie nach jeder überstandenen Erkrankung.
Stille Nacht?
T’schuldigung, wenn ich lache.
Übrigens auch
über die Gesundheitswesensrevolution
von Karl Lauterbach,
die er diese Woche verkündet hat
– „mehr Qualität, weniger Kosten“ –
haha.
Deutsche Familien haben die Schnauze voll
und flüchten auf’s Land,
laut irgendeiner Erhebung
gab es eine solche Stadtflucht
zuletzt 1994.
Ach ja, die 90er…
Die Prügelknaben der Woche
waren die Phoenix Suns.
Erst kriegen sie von Luca Doncic auf’s Dach
(der ein Spiel später von den Bucks eingenordet wurde),
dann werden sie gleich zwei mal
vom neuen Top-Team im Westen rasiert
(ich hatte ausnahmsweise mal recht, für’s erste):
Die New Orleans Pelicans
führen die Conference an,
und ich denke fast
zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte.
Und allen voran:
Zion Williamson.
Endlich ist das Wunderkind so richtig fit.
Und ich meine so richtig richtig.
Sein full 360-Windmill-Dunk
in den letzten Sekunden des Hinspiels
ist jetzt schon das Highlight des Jahres.
Erstens, weil es so unfassbar geil aussieht,
und zweitens,
weil ungeschriebene Gesetze zu brechen
manchmal auch richtig ist.
In den letzten 14 Sekunden
war das Spiel nämlich bereits entschieden,
weswegen es sich eigentlich verbietet,
noch einen Korbversuch zu unternehmen.
Haben sich auch die Pelicans gedacht.
Chris Paul von den Suns allerdings
brauchte wohl noch etwas für den Statistikbogen.
Und wer so provoziert,
der braucht sich beschweren,
wenn es dann auch
im eigenen Korb noch mal einschlägt.
Und wie!
Mit Elon Musk hat endlich
wirklich niemand mehr Mitleid.
Und arbeiten will für den auch keiner.
Auch nicht bei Tesla.
Und erst recht nicht in Grünheide.
Bei 20% weniger Lohnangebot
als im Rest der Branche
irgendwie auch verständlich.
Ich bin schon gar nicht gespannt,
was ihm dazu noch einfallen wird.
Wahrscheinlich irgendwas mit Robotern.
So.
Ich denke und hoffe,
ich habe keinen Splitter übersehen.
Ich schau aber gerne noch mal nach…
Und tatsächlich:
Unterm Küchentisch
hat sich noch ein kleiner Scherbenhaufen versteckt:
Die „Leipziger Erklärung“ –
der schon wieder letzte Versuch,
Die Linke (die Partei)
irgendwie noch zu retten.
Sarah Wagenknecht
kann sich schonmal warm anziehen!
Was für eine frustige Scheiße.
Zum Glück
war meine Laune
ja aber eh schon
sehr nahe des Gefrierpunktes.
Ich drehe jetzt meine Heizung wieder hoch
und hoffe in dieser Woche einfach
auf ein paar Stunden mehr Sonne.

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