„My head is ringing
like it’s never done before.
And I don’t think
I’ll be sleeping anymore.“
Gut.
Heute ist der Vierte Advent;
Alle Jahre wieder;
keine Zeit für Zynismus.
Denn bekanntermaßen geht damit auch
die hektischste Woche
eines jeden Schuljahres zu Ende;
jetzt kommt nur noch der Ausklang,
und ab Mittwoch sind Ferien.
Wir Lehrer*innen
lassen die Tests und Klassenarbeiten
bis nach Weihnachten liegen,
atmen mal ganz tief durch
und machen drei Kreuze.
Und nicht nur deswegen
ist meine Grumpiness
inzwischen wie weggeblasen.
Denn wenn es in der letzten Woche,
außer absurden Nachrichten
vom Fortschreiten des Weltuntergangs
und Hardcore Pädagog*innenstress,
eines genug gegeben hat,
dann war das
der Sonnenschein.
Nichts ist heller als ein Wintermorgen
nach einer scheinbar endlosen Nacht.
Und so sternenklar diese auch waren,
so brachten sie allerdings die Temperaturen
hier im Mittelhochgebirge
auf bis zu -17°C (Mittwoch früh in Friedrichsbrunn).
Das restliche Laub war an den Bäumen festgefroren
und fiel erst heute zur Erde.
Aber meine Laune ist auch deshalb bestens,
weil wir gestern und heute
die Weihnachtskonzerte,
die ersten seit drei Jahren,
erfolgreich bestritten haben.
Und natürlich
war es auf den letzten Metern
dramatischer, als sich das
auch nur irgendein Autor
hätte ausdenken können.
Bereits am Mittwoch sollte
unsere kleine Adventstour starten:
Wir waren eingeladen.
Und zwar auf die Weihnachtsfeier
der hiesigen Stadtführer*inneninnung.
Na, wenn das mal nicht
meine Chance sein sollte,
mal so richtig mit denen abzurechnen,
die hier den ganzen Tag vor meiner Tür
Geschichten erzählen.
Denn mir sollte die Ehre zukommen,
die Ansagen nicht nur zu sprechen,
sondern auch noch zu schreiben.
Alles war fix und fertig:
Nicht zu angriffslustig,
nicht zu steif,
ein bisschen Versöhnung,
ein bisschen Beef,
ein bisschen Vergebung
und ganz viel Schönes;
Weihnachten und so.
Dann aber
die erste dramatische Wendung:
Einen Tag vor dem Auftritt
bricht sich unsere Chorleiterin
das linke Handgelenk;
die Stadtführer*innen können also
schneller ans Buffet.
Die beiden Konzerte am Wochenende
stehen in den Sternen.
Am Mittwoch aber noch Entwarnung:
Wir singen in jedem Fall,
eine Ersatzpianistin wird gefunden,
zweite Generalprobe
zwei Stunden vor dem ersten Konzert
am Samstag.
Die Familien und Freunde
des gesamten Chores
hatten sich angemeldet,
die Johanneskapelle sollte übervoll werden.
Am Freitag dann der nächste Schreck:
Das sind doch wohl bitte keine Halsschmerzen!?
Bis hierhin durchgehalten
und dann am letzten Abend
sogar noch leichtes Fieber?
Vielleicht aber nur Lampenfieber?
Egal.
Apotheke.
Alles, was legal ist.
Heiße Wanne.
Tee.
Tee.
Tee.
Dann einschlafen
und auf den nächsten Morgen hoffen.
Zum Glück geht die Therme.
Samstag Morgen:
Höchstens noch leicht verschnupft.
Achtsamkeit und Hausmittelchen.
Ach, könnte doch alles so einfach sein.
Die Konzerte waren übrigens beide
wunderschön
(eine Reportage entfällt,
wegen Heiligkeit).
Und sie waren unerwartet andächtig.
Beim zweiten konnten sich sogar
noch alle daran erinnern,
dass zwischen den Liedern
eigentlich nicht geklatscht wird.
So.
Trotz alledem
hab ich das Erschöpfungsgame
für dieses Jahr durchgespielt
und halte mich
nur noch mit ausreichend Schlaf
und ein paar Nahrungsergänzungsmitteln
am Leben.
Denn #DieDoppeltenZwanziger,
die können es ja nun mal nicht sein,
die auch nur irgendeinen Spirit
auch nur irgendwie noch wachhalten.
Die sind und bleiben
der wirklich allerschlechteste Trick,
den Dr. Doom sich je hätte ausdenken können.
Aber lest selbst.
(Maximal erschöpfte Überleitung? Check.)
„Am I doomed forever?
Will this ending never come?
Can someone give me something
to call it off?“
Für den Rest der heutigen Episode
stelle ich mir,
aus Zeitersparnis- und Edgynessgründen,
einfach vor,
dass alles,
was sich hinter den Lichtspiegelungen
auf meinen Schwarzen Spiegeln
noch erahnen lässt,
dass sich das alles einfach nicht ereignet hat.
Eine einzige, große optische Täuschung.
Ein Zerrbild von etwas,
dass doch bitte mal die Gegenwart
von irgendjemand anderes sein soll.
Ein trügerischer Witz,
der mich über unsere wirkliche Wirklichkeit
nur schmunzeln lässt;
so was gibt es doch nicht mal
in den aller schlechtesten Skripts
für die neuen Black Mirror Episoden,
die nächstes Jahr erscheinen sollen.
Oder?
Anders ist das folgende
einfach nicht mehr zu erzählen.
Und den Kontext,
um diesen Irrsinn doch zu verstehen,
den könnt Ihr Euch heute mal selber schenken.
Die beiden größten Hirnis/Hochstapler unserer Zeit
lieben das Rampenlicht inzwischen so sehr,
dass sie sich für keinen miesen Trick mehr zu schade sind:
Donald Trump
hatte eine riesen Ankündigung diese Woche:
Ein NFT-Kartendeck
mit Selbstportraits des Frisurensohns,
für die sich sowohl Dall-E
als auch Lensa
zu blöd gewesen wären.
Die 45.000 Exemplare, á 99$ das Teil,
waren allerdings in weniger als 24 Stunden ausverkauft,
ohne Quatsch.
4,5 Millionen Dollar mit Stickern,
die man nicht mal aufkleben kann.
Immerhin: Die anstehenden Anwaltskosten
bezahlt Trump doch nicht alleine.
Wozu hat man denn Follower?
Damit zu Hirni/Hochstapler Nr. 2:
Elon Musk wird auf einer Comedybühne ausgebuht,
twittert hinterher aber,
alle hätten nur den einen Typen ausgebuht,
der ihn ausgebuht hat.
Am nächsten Tag sperrt er unzählige (echte) Journalisten,
weil die was kritisches geschrieben hatten.
Am nächsten Tag
hebt er die Sperrung wieder auf,
jetzt hatten alle etwas kritisches geschrieben.
Wenn Kopfschütteln weh tut,
dann war es irgendwas lustiges
mit Elon Musk.
Das Gegenteil von lustig
ist währenddessen, u.a. in China.
Die angesagten Lockerungen
bringen das erwartete Chaos:
Pekings Kliniken kollabieren (zeitweise),
der Anschluss an den Rest der Welt ist vollzogen.
In den USA wütet, wie überall,
die „Tripledemic“,
die Menschen tragen
inzwischen freiwillig Masken.
In Deutschland mangelt es
flächendeckend an Medikamenten,
besonders fiebersenkende Mittel für Kinder sind rar.
In den Kliniken herrscht wieder Notstand,
das Personal fällt reihenweise aus.
Im UK macht die NHS
dennoch unvermindert Druck
auf die Arbeitgeber.
Vielleicht kapieren ja jetzt endlich alle,
dass ein funktionierendes Gesundheitssystem
keine Selbstverständlichkeit ist.
Klatschen hilft immer noch nicht.
In Peru klatscht ebenfalls
niemand mehr Beifall.
Nach tagelangen Unruhen
hat die Welt
ihren nächsten nationalen Ausnahmezustand.
Und bei den ansässigen,
sowie auswärtigen Waffenherstellern
gehen die nächsten Verträge in die Post.
Einen anderen Weg gehen die Tunesier:
10% Wahlbeteiligung
bei der Parlamentswahl.
Die Demokratie
sucht jemanden,
der das Licht wieder ausmacht.
In der Türkei bleibt es derweil weiterhin finster:
Istanbuls Bürgermeister
wird wegen Beleidigung verurteilt;
Erdogan hat wieder einen Konkurrenten weniger.
Nein, keine Sorge,
im Kriegsblock kommt es heute
nicht zu Stromausfällen im Oberstübchen,
launige Lichtmetaphern
kommen erst später wieder.
Selenskyj jedenfalls weiß schon,
wie er nach Kriegsende
seine ganzen Auszeichnungen
(diese Woche ist noch der Karlspreis hinzugekommen)
feiern will:
Am Meer mit einem Bier.
Aber frühestens erst nächstes Jahr.
Die angebotene Waffenruhe über Weihnachten
wird abgelehnt,
sogar ACAB findet das richtig.
Also weiter Feuer auf Donezk (Stadt)
und auf Cherson.
Unzählige Explosionen in Kiew.
Die gesamte Ukraine ist im Notfallmodus,
Strom, Wärme und Licht gibt es nur auf Zuteilung,
wenn überhaupt.
Der Stellungskrieg an der Front
tobt unvermindert weiter,
und im Hinterland schlagen allein am Freitag
70 russische Raketen ein.
Die gerade bestellten Patriotssysteme
(US Luftabwehr Bestseller)
sind für Russland
jetzt schon das nächste „legitime Ziel“.
Deutschland gibt derweil
den nächsten größeren Batzen des „Sondervermögens“ aus
und kauft (ebenfalls in den USA)
35 F-35 Tarnkappenjets
für 10 Milliarden Euro.
Und Rheinmetall beginnt
mit dem Bau eines neuen Megamunitionswerkes.
Das Kriegsende scheint also noch nicht näher zu rücken,
und doch macht Bundeskanzler Scholz klar,
nach dem Krieg
wären auch wieder ökonomische Beziehungen
mit Russland möglich.
Russland antwortet darauf nicht einmal.
Gut, denkt sich Scholz,
dann eben an anderer Front gute Ideen haben:
Der „Klimaclub“ ist gegründet.
Irgendwelche ramdom Staaten
nehmen sich irgendwas vor.
Das ist so vielversprechend,
dass sich die Letzte Generation
gleich mal auf einer Zufahrt zum Bundestag
festklebt;
stabil.
Und stabil, nun ja,
auch dazu hat die Woche
noch ihre ganz spezielle Geschichte;
Achtung, es wird maximalst absurd:
In den frühen Stunden
des Freitagmorgens
erwachten die Gäste
des Radisson Hotels am Berliner Alexanderplatz
zu ohrenbetäubendem Lärm.
Wenige Stunden später
waren alle evakuiert worden.
Das 16 Meter hohe Riesenaquarium
in der Hotelhalle
war geplatzt.
Eine Million Liter Salzwasser
auf die eiskalten Hauptstadtstraßen gespült,
auf denen 1.500 Tropenfische erstickten.
Mitten in Berlin.
Ein anderer Brillenträger hat dazu nur noch geschrieben:
„Was soll das alles?“
Ebendrum!
Komm, komm, selige Zeit!
Senk Deine weißen Flügel.
Lass das alles
für einen Moment noch
nur eine Einbildung sein.
Blende mich Zukunft;
auf dass ich endlich wirklich sehe:
Die USA verkünden die Erlösung:
Ab 2050 hat die Welt die künstliche Kernfusion.
Nahezu kostenlose,
wirklich saubere Energie im Überfluss.
Mein Sehnsuchtsland
hat im Nebengang
sogar noch die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert.
Auf Bundesebene.
Eine letzte Unterschrift von Joe Biden hat gereicht.
Ab dem nächsten Jahr
wird die Welt auch noch multipolarer:
Die Ostafrikanische Föderation wird gegründet,
ein Superstaat unter dem Äquator,
der die Welt wieder ins Gleichgewicht bringt.
Roboter bekommen endlich Gefühle!
In Japan wurde mit „Erica“
die erste KI programmiert,
die wirklich Humor hat
und ausschließlich an den richtigen Stellen lacht.
In Spanien gibt es bald echten Feminismus:
Das Wort dafür klingt ungut,
aber genau deswegen endet es auch auf Urlaub.
Frauen bekommen endlich ihre gerechten Pausen,
und zwar dann, wenn sie sie brauchen.
Millionen britische Alkoholiker*innen
bekommen ein wirklich wirksames Medikament,
sein Name ist:
Ketamin.
Man wird noch Pferde
vor der Apotheke kotzen sehen.
Die mRNA-Profis von Moderna
melden einen Durchbruch
bei der Impfung gegen Hautkrebs.
Jetzt sind sogar die Rentenanwärter in Florida dafür.
Und, last but not least:
Unsere „Suse“ triggert
im Landtag von unserem Sachsen-Anhalt
unseren Vorzeigenazi Hans-Thomas Tillschneider.
Und verwendet ab sofort
nur noch das generische Femininum.
Nice Move!
Hoffnung,
Deine Farbe bleibt ja doch Grün.
„Don’t you wake me up
I’m dreaming out.
And I swear it’s always
just a trick of the light.“
(Lonely the Brave: Trick of the light. 2014.)
Zurück in der Wirklichkeit,
jenseits jeglicher Fata-Morgana,
nämlich im hell erleuchteten
Lusail Iconic Stadium,
kurz vor den Toren von Doha,
der Hauptstadt von Katar,
ereignet sich doch noch eines der besten
WM-Endspiele aller Zeiten.
Und zwar ganz in echt.
Neben den Vereinskameraden (Paris)
und Weltsuperstars (Messi und M’Bappé)
war es aber ein Spieler besonders,
der zum Helden wurde,
am Ende sogar zu einem tragischen.
Der Franzose Kingsley Coman
läuft beim Stand von 2:1 für Argentinien
dem argentinischen Kapitän Lionel Messi
in der 80. Spielminute
den Ball ab.
Das erste Gegentor war gerade eben gefallen.
Er spielt eine lange Flanke quer über den Platz
in Richtung Strafraum.
Nur einen Doppelpass später
steht es 2:2.
In der Verlängerung fallen
dann noch einmal zwei Tore.
Und im Elfmeterschießen
ist es eben Kingsley Coman,
dessen Schuss gehalten wird.
Messi aber ist auf dem Olymp angekommen.
Vielleicht bestellt er dem Fußballgott ja schöne Grüße,
den scheint es ja doch noch zu geben.
So,
und wenn WM Finale
zu Weihnachten
in der Wüste
doch noch irgendwie cool sein können,
dann kann ich auch
zu Weihnachten
ans Meer fahren.
Und wenn ich das nächste Mal schreibe,
dann haben die Tage
bereits wieder begonnen,
länger zu werden.
Das Licht wird wieder mehr.
Und ich war am Strand.
Sonnenaufgang vor Stralsund.
Kalte Wärme,
die sich auf dem Wasser spiegelt,
und Herzen,
die noch füreinander schlagen.

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