„Manchmal klingen Worte leer.
Wir gelingen uns viel zu sehr.
Schreib‘ alles fest,
was uns dann
erinnern lässt.“
Viel war nicht mehr geschrieben worden über ihr Video. Deutschlands (Hobby-)Feuilltonist*innen hatten schnell wieder andere Sorgen. Und auch die Wolfsangel war nicht wieder aufgetaucht, zumindest nicht in ihrer Nähe. Vielleicht hatte sich der Buchträger die Gefahr auch nur eingebildet. Maries Töchter wuchsen und lachten um die Wette, nur noch überstrahlt von den glücklichen Eltern und von Karoline Salthusser, die ihre neue Rolle als Tante/Mutter/Schwester/Freundin jeden Tag mit weiter wachsender Freunde annahm. Alles war gut.
Der Brillenträger saß deswegen vergleichsweise selten an seinem Schreibtisch. Denn nur da wurde er im Moment daran erinnert, dass die Zeiten sich weiterhin in die falsche Richtung bewegten. Und ihm war jedes wirkliche Erleben der Gegenwart lieber als dieser sich immer mehr selbst zerfickende Alptraum von Jahrzehnt. Während vor seinem Fenster die Touristen immer wieder baff erstaunt ob der Schönheit des Weltkulturerbes bei bestem „Königstage“-Wetter durch die kühlenden Gassen flanierten, um dann auf dem umgestalteten Markt in der Sonne zur Ruhe zu kommen, las und tippte er frühjahrsmüde in seiner Chronik herum. Als er dabei in einer der letzten Episoden über eine völlig aus dem Ruder gelaufene Halluzination schlidderte, fielen ihm die letzten beiden Silben des Wortes selbst besonders ins Auge. Wie lächerlich er diesen Versuch der Vervölkerung von Menschen doch jedes Mal fand, wenn der sich mal wieder in deren Köpfe zu schleichen hatte. Sein kleiner Bruder, der „positive Patriotismus“ war nicht erst seit Phillip Amthors Ablenkungsversuch wieder en vogue. Dem Brillenträger fiel immer öfter auf, dass inzwischen scheinbar völlig wahllos jedes Thema mit einem „wir“ versehen wurde. Oder eben mit einem „die anderen“, den Hauptzutaten jedes bemühten Denkens in nationalen Kategorien; Fichte und Konsorten wären zufrieden gewesen. Die unheilbringenden zwei Silben fielen ihm dann auch schnell in weiteren Worten auf: Imagination. Halluzination. Prokrastination. Er tippte also einfach weiter: In Sachsen heizte der Ministerpräsident die Asyldebatte weiter an, weniger Geld und Rechte für Geflüchtete, hieß mehr Geld und Rechte für dieses „wir“ als für „die anderen“. Aus dem Erzgebirge wurde sicherheitshalber eine Razzia bei Nazihooligans gemeldet, nicht dass noch jemand rechts mit rechts verwechselte. In Sachsen-Anhalt forderte die AfD-Jugend derweil halboffen den Umsturz, weswegen sie seit kurzem ebenfalls als „gesichert rechtsextrem“ bezeichnet werden durfte. Die Torpfosten waren inzwischen so weit verschoben, dass fast genauso viele Menschen die AfD gewählt hätten (18%) wie es Menschen gab, die noch mit der Ampelkoalition zufrieden waren (20%). Und ausgerechnet jetzt verwandelte sich die so vielversprechend gestartete Innenministerin in einen um so enttäuschenderen Abklatsch ihres Vorgängers, in dem sie vor der steigenden Gefahr eines linken Terrorismus warnte, obwohl die linken Straftaten im letzten Jahr um 31% gesunken waren, während die rechten um 7% zugelegt hatten. Zu allem patriotischen Unsinn gesellte sich dann auch mal wieder die Wehrpflichtdebatte, von der vorerst aber nur die Diskussion um die Wiedereinführung der Musterung blieb. Beängstigend genug, für einige, aber zunächst nur irgendwelche Worte. Aber dass auch aus den schlimmsten Worten dann doch auch schlimme Taten werden können, egal, wie sehr man sie herunterspielt, das hatte das Internet in den letzten Tagen mal wieder ans Licht gezerrt: Eine der international bekanntesten Stimmen Deutschlands, die rund um den Globus seit bald drei Jahrzehnten regelmäßig für Entgeisterung sorgte, die von Till Lindemann („Rammstein“), stand in diesen Tagen auf dem nationalen Prüfstand. Wie gingen „wir“ mit so einem Arschloch um? Was hielten wir eigentlich von einer „row zero“? War es noch Freiwilligkeit, oder schon Machtmissbrauch, wenn der 60jährige Laienlyriker vor, während und nach den Konzerten seiner Band extra für ihn gecasteten Frauen (nie älter als 25) im Backstage Sex „anbot“? Besonders die Reaktionen der hartgesottenen Fans waren ernüchternd. Auf YouTube war der „Dunkle Parabelritter“ vorgeprescht, da war noch nicht mal die Hälfte der Geschichte bekannt. Jeder wäre unschuldig, bis seine Schuld bewiesen sei. Demokratischer Rechtsstaat und so. Das System-Lindemann allerdings wurde nur halblaut in verschämten Nebensätzen kritisiert. Ein komplettes Beschweigen wäre einfach zu deutsch gewesen. Der Fall Lindemanns würde sich allerdings noch weiter hinziehen, mitsamt einer auf der Kippe stehenden Solotour im Herbst und endlosen Debatten über falsche Männlichkeit. Nur sein Verlag hatte sich umgehend von Lindemann getrennt. Im ehemaligen Land der Dichter und Denker hatten Arschlöcher ausgedient. Vorerst.
Der Brillenträger sortierte diese Geschichte gedankenlos zu den „Hässlichsten Erinnerungen“ und überflog die restlichen Notizen auch nur noch flüchtig, das Draußen rief, das Leben. Karoline hatte ihm gerade geschrieben, dass sie und Marie ihn in einer halben Stunde abholen würden. Ein spontaner Ausflug. Wohin? Das würde sie ihm dann gleich verraten. Also löschte er die letzten Stichpunkte leichter werdenden Herzens: Bei Jüterbog standen zur Stunde 150 Hektar Wald in Brand, das neue Löschflugzeug seines Landkreises half so gut es konnte. Der Erfinder von ChatGPT, Sam Altman, warnte jetzt auch: „Das Risiko einer Vernichtung durch KI zu verringern, sollte eine globale Priorität neben anderen Risiken gesellschaftlichen Ausmaßes sein, wie etwa Pandemien und Atomkrieg.“ In Florida keimte eine neue Form des Faschismus auf, der „Florida Blueprint“ zierte die Wahlplakate von Ron DeSantis. Und Bernhard Torsch stellte auf Facebook fest: Die Algorithmen von YouTube und Google versteckten inzwischen die Nachrichten über den Krieg. Sollten sie doch.
Kriegsprotokoll. Schreibtisch. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe. Woche 66.
Drohnen über Kiew und Moskau. Ein Gipfeltreffen nach dem anderen. Eine neue Front. Aber auch da nichts neues. Montag: In der Nacht erfolgt der bislang massivste Drohnen- und Raketenangriff auf Kiew, die Luftabwehr funktioniert jedoch. Auch der Hafen von Odessa steht unter Beschuss. In Chmelnyzkij (Westukraine) wird ein nächstes Militärlager schwer beschädigt. Auch am Vormittag schlagen ballistische Raketen in Kiew ein. Es folgen Gegenangriffe auf Belgorod, in Schebekino werden zwei Industrieanlagen getroffen. Selenskyj zum Abend: „Es gibt keine Alternative, als die komplette Befreiung unseres Landes.“ Im Netzt tauchen Bilder von Panzern unter OUN-Flaggen auf (ukrainische Neo-Nazis). Dienstag: Die dritte Nacht in Folge steht Kiew unter Beschuss, ein Hochhaus steht in Flammen. Selenskyj bittet Südkorea um Flugabwehrsysteme. Auch Moskau wird mit Drohnen attackiert, keine Verletzten, Moskau bezichtigt die Ukraine des Terrors. Präsidentenberater Mychajlo Podoljak freut sich über die Angriffe in einer YouTube-Sendung: „Aber natürlich haben wir damit nichts direkt zu tun.“ Der britische Außenminister, ein Mister Cleverly, meint, es wäre Selbstversteidigung, wenn die Ukraine russisches Staatsgebiet angreife. Ganz schiefe Ebene. Russland meldet einen Angriff auf ein Kriegsvertriebenenlager in Belgorod. Bernhard Torsch schreibt am späten Abend auf Facebook: „Der Krieg, der derzeit „nur“ in der Ukraine heiß geführt wird, wird entweder mit einer Demokratisierung Russlands oder mit einer Faschisierung des Westens enden. Dazwischen gibt es nichts mehr.“ Mittwoch: Schebekino wird erneut beschossen, die Afipsky-Raffinerie (Krasnodar) gerät nach einem Drohnenangriff in Brand, der bald gelöscht ist. Auf Luhansk fliegen ukrainisch/US-amerikanische Raketen. Moskau sieht davon ab, den Kriegszustand auszurufen, auch wenn Kadyrow das gefordert hatte. Im Oblast Donezk rücken russische Truppen vor. Am Nachmittag wird Belgorod erneut mit Artillerie beschossen. Deutschland schließt so gut wie alle russischen Konsulate, das russische Außenministerium kündigt Folgen an. Die USA kündigen das 39. militärische Hilfspaket an (300.000.000$). Donnerstag: Kiew hatte nur eine Nacht Pause, wieder finden russische Attacken ihre Ziele, dieses Mal sterben Zivilisten. Das selbe gilt für Belgorod, Moskau lässt alle dortigen Kinder evakuieren. Selenskyj ist wieder auf Achse, heute bei einem Europa-Gipfel in Moldau, wo er fordert, was er immer fordert. Später trifft er noch Macron und Scholz. Das EU-Parlament erhöht die Rüstungsausgaben um weitere 500 Millionen. Zeitgleich: Nato-Außenministertreffen in Oslo. ACAB: „Zugleich ist auch klar, dass wir mitten in einem Krieg nicht über eine neuere Mitgliedschaft sprechen können.“ In Belgorod wird der erste Einmarschversuch zurückgeschlagen. Im Zusammenhang mit Nordstream2 wird jetzt auch in Deutschland ermittelt. Blinken kündigt für den kommenden Nato-Gipfel (im Juli, in Vilnius) ein „robustes Paket“ an. Alle NATO-Staaten sind sich nach Angaben von Generalsekretär Jens Stoltenberg einig, dass die Ukraine dem Bündnis beitreten wird. Zuvor müsse aber sichergestellt werden, dass die Ukraine den russischen Angriffskrieg überlebe und als Gewinnerin daraus hervorgehe. Die BRICS-Staaten treffen sich derweil in Kapstadt und bezeichnen die westlichen Waffenlieferungen als nicht ziel(Frieden)führend. Für den BRICS-Gipfel im August bleibt die Einladung an Putin aufrechterhalten und weitere Interessenten werde angekündigt. Die USA schließen endlich offiziell einen Vertrag mit Starlink (Elon Musk) für die Ukraine ab. Die Niederlande wollen in der Schweiz Panzer für die Ukraine kaufen. Freitag: Selenskyjs Fazit nach dem Treffen in Moldau: Russlands Niederlage rückt näher. Wieder Luftalarm über der gesamten Ukraine, Kiew wird mit zwei Angriffswellen überzogen. Über dem russischen Kursk werden mehrere Drohnen abgeschossen, in Belgorod sterben nach Drohnenangriffen zwei Menschen. Dazu die „Russische Freiheitslegion“ (ehemals „Partisanen“): „Freiheit wird durch Blut gewonnen.“ Das Parlament der Schweiz stimmt gegen den Verkauf von Panzern an Drittstaaten. Li Hiu sagt: „Wenn wir Leben retten und einen Frieden erreichen wollen, ist es wichtig für uns, dass wir aufhören, Waffen zum Schlachtfeld zu senden. Ansonsten nehmen die Spannungen nur zu.“ In Saporischschija greift die Ukraine ein Krankenlager an, sagt Russland. Die „Achmat-Gruppe“ (pro-russische Tschetchenen) beginnt eine Offensive in Donezk, wobei auch Wohnhäuser getroffen werden. Die Bundesregierung beschafft 66 Truppentransporter für die Ukraine. Wagner verlässt, drei Tage schneller als angekündigt, Bachmut. In Kiew gibt es zu wenige Luftschutzräume. Selenskyj sieht öffentlich ein, dass die Ukraine kein Nato-Land mit in den Krieg ziehen kann, also momentan selber kein Nato-Mitglied werden kann. Samstag: Weiterer Beschuss von Belgorod. Selenskyj lässt im Wall Street Journal wissen, dass die Ukraine jetzt bereit für die Gegenoffensive sei. Das ukrainische Verteidigungsministerium rechnet mit einem Erfolg noch in diesem Jahr. Sonntag: In dieser Nacht ist es besonders Dnipro, das von Raketen getroffen wird, aber auch in der restlichen Ukraine ist ununterbrochen Luftalarm. Ein Flugplatz im Süden Kiews wird getroffen. Über der Krim werden weitere Drohnen abgeschossen. In Belgorod werden 4.000 Menschen umgesesiedelt, die Angriffe lassen nicht nach. Das „russische Freiwilligenkorps“ bietet die ersten Kriegsgefangenen zum Tausch an. Der Gouverneur von Belgorod erklärt sich zu Gesprächen bereit: „Falls sie leben sollten, von 5 bis 6 Uhr am Kontrollposten Schebekino. Ich garantiere Sicherheit.“
Kurz vor Mittag klingelte es Sturm. „Wir sind da. Und wollen los. Bist du fertig?“
„Einen kleinen Moment noch. Brauche ich irgendwas?“
„Deinen Führerschein vielleicht. Bis hierher war das Risiko minimal, dass die Polizei eine von uns beim Schwarzfahren erwischt. Aber den restlichen Tag bräuchten wir einen Fahrer. Ein Auto haben wir.“
Der Brillenträger steckte sein Portmonee ein, schaute nach, wie viel Bargeld er hatte (genug) und schnappte sich seine Windjacke, er wusste ja noch nicht, wie lange und wo sie heute sein würden. Vor der Tür begrüßte er die beiden mit langen Umarmungen. „Fahren wir zu dritt?“
„Ja, die Mädchen wollen diesen schönen Tag gerne mit ihrem Vater verbringen. Ist auch besser so, der würde heute nur wieder auf falsche Gedanken kommen.“ In diesem Moment schlichen zwei Männer an ihnen vorbei, augenscheinlich Vater und Sohn, offensichtlich tief aus dem Westen. Der ältere klärte den jüngeren auf: „Sitzen, essen, trinken, gehen. Sitzen, essen, trinken, gehen. Das is hier so.“ Bis zu den Stühlen und Tischen auf dem Markt war es nicht weit.
Am Auto angekommen fragte der Brillenträger ungeduldig: „Also, was machen wir?“
„Fahr einfach. Richtung Osten.“
„Wir teilen die Kräfte auf.
Haben uns unter der Haut.
Folgen uns weit ins Niemandsland.
Bleiben unerkannt.
Unter der Hand.“
Leipzig, zu Beginn des neuen Jahrzehnts die Hauptstadt von Mitteldeutschland, befand sich an diesem ersten Juniwochenende in einem schon vorher legendenumwobenen Ausnahmezustand: Der ansässige Fußballerstligaverein war unterwegs in Berlin, um erneut Pokalsieger zu werden, und vor den Leinwänden der Innenstadt klirrten die Gläser. Auch ein paar Klassen weiter unten wurde grölend gefeiert: Lok Leipzig war frischgebackener Gewinner des Sachsen-Pokals, ausgerechnet gegen Wismut Karl Marx Stadt. Und wie in fast ausnahmslos allen Innenstädten der Republik war heute auch noch Stadtfest. Die Öffentliche Sicherheit traumwandelte nur so durch diese Tage. Die eigentliche Gefahr aber lauerte natürlich in der Südvorstadt. Der „TagX“. Denn nachdem am Mittwoch die Hauptangeklagte im „Antifa-Ost“-Verfahren zu mehr als fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden war, kamen die Demoanmeldebehörden gar nicht mehr mit dem Verbieten hinterher. Am Freitag Abend schoss sich der Schwarze Block in Connewitz bereits warm, für Samstag wurden noch heftigere Krawalle erwartet. Lina E., inzwischen unumstrittene local heroine der radikalen Antifa, nicht nur in Leipzig, war da noch auf freiem Fuß, den Rest ihrer Strafe (über zwei Jahre war sie bereits in Untersuchungshaft gewesen) würde sie in Kürze antreten müssen; die nächsten Krawalle waren schon eingepreist. Im Internet wurde dem gesamten „Eisenach-Komplex“ schon die ganze Woche der rote Teppich ausgerollt: Sämtliche Indizien, die zu diesem Urteil geführt hatten, strömten in die Timelines und Newsfeeds des Landes: Beteiligung an Überfällen auf Nazis in Nazikneipen in Thüringen. Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zur Bekämpfung von Nazis. Vermeintliche Rädelsführerin des antifaschistisch-militanten Widerstands. Also eine Schande in Sachsen. Immerhin wurden jetzt auch die überfallenen Nazis angeklagt und Lina E. behielt wenigstens in der Sache recht. Sächsische Verhältnisse blieben stabil.
Als der Brillenträger kurz hinter der Landesgrenze endlich erraten hatte, wohin der Ausflug sie führte, schaltete er das Autoradio ein: „Und die, die die Wahrheit kennen und nur an das bessere denken, sind die, die ins Messer rennen und den Lügnern ihr Leben schenken.“ Er drehte lauter. Beim Refrain setzten alle drei ein: „Die Stadt singt: Rot, rot, rot sind alle meine Straßen. Blau, blau, blau sind all die Menschen, die ich hab. Darum lieb ich alles, was so rot ist, denn meine Straßen werden heute zum Grab.“
„Ihr wollt wirklich da hin?“
„Wohin?“
„Dahin wo es brennt?“
„Inwiefern?“
„Egal. Haben wir vorher noch Zeit für einen Kaffee? Vielleicht irgendwo, wo es ruhig ist. Gohlis vielleicht?“
„Ja, haben wir. Bis zum Sonnenuntergang.“
Eine knappe dreiviertel Stunde später, gegen dreiviertel Fünf, saßen sie im Sonnenschein, und Karoline weihte ihn endlich in ihren Plan ein. „Also, heute haben wir die Wahl. Wir haben eine wichtige Entscheidung zu treffen. Wir stehen an einer Weiche. Marie, wir könnten es wieder tun. Könnten nicht nur abgetaucht in der Provinz das Leben genießen, sondern in der Großstadt für unsere Zukunft kämpfen.“
„Unsere?“
„Ja, unsere. Du hast gesehen, was passieren wird.“
„Und dagegen kämpfen wir? Wieder? Wie damals? Mit dem gleichen Ergebnis?“ Marie rührte in ihrer Tasse und fragte den Brillenträger nach Feuer. „Was ist die andere Möglichkeit?“
Karoline holte aus ihrer Tasche drei Eintrittskarten.
„Grönemeyer? Ist der etwa auch noch in Leipzig?“
„Ja, er gibt nachher ein Konzert im Stadion am Werner Seelenbinder Turm.“
„Werner hat doch noch einen Turm bekommen?“
„Ganze 43 Meter hoch.“
Marie klatschte in die Hände: „Das hätte ihm gefallen.“
„Ich unterbreche euch ja nur ungern, aber wenn ich das richtig verstanden habe, dann stehe auch ich gerade vor der Wahl, entweder brennende Barrikaden in Connewitz oder Row Zero bei Herbert?“ Der Brillenträger zündete sich ebenfalls eine Zigarette an. Marie schaute belustigt zu ihm hinüber: „Jeder, wie er lustig ist.“
„Nein“, Karoline schnitt ihr etwas zu barsch das Wort ab, „ich meine es Ernst. Und wir bleiben zusammen, egal wobei.“
„Sag mal, woher hast du die Karten eigentlich? Ich hätte nicht gedacht, dass du dafür so viel Geld ausgeben würdest.“
„Hab ich auch nicht.“
„Sondern?“
„Ich habe sie von dir.“
„Bitte?“
„Na ja, von deinem Doppelgänger, du weißt schon, Paralleluniversum, Orb, blaues Licht.“
„Du hast mit mir geredet?“ Der Brillenträger suchte nach unentdeckten Veränderungen in seinem Raum-Zeit-Kontinuum, konnte aber nichts verdächtiges finden.
„Nein, hab ich nicht. Aber er wird sich wundern, wo die Karten abgeblieben sind.“
„Du hast mich beklaut?“
„Nein, hab ich nicht. Ich habe die Karten quasi ungefragt adoptiert. Dein Alterego konnte sie nicht nutzen, er hatte wichtigeres zu tun. Seiner Mutter geht es übrigens wieder besser. Nur das Alter macht ihr zu schaffen. Und seine Schwester ist und bleibt ein wahrer Engel.“
„Woher weißt du? … Ich hatte doch noch gar keine einzige Zeile darüber geschrieben!“
„Hab ihn am Telefon belauscht. Und eins und eins zusammengezählt. Macht unterm Strich: Drei Karten, in guten Händen. Voilá.“
Marie schaltete sich wieder ins Gespräch ein: „Das ist ja alles super spannend. Aber können wir dann langsam mal unsere Entscheidung fällen? Auf Twitter steht: Es geht langsam los in Connewitz.“
Karoline sah sie lange nachdenklich an, dann nickte sie entschlossen. „Wir riskieren nichts. Die Mädchen brauchen ihre Mutter, und am besten eine angstfreie. In diesem Sinne: Ich bin für das Konzert.“
„Ich auch,“ sagten der Brillenträger und Marie gleichzeitig, und er notierte auf seinem Handy: „Nimm das, Entscheidungsmüdigkeit.“ Dann machten sie sich zu Fuß auf den Weg zum Stadion. Der Rasen auf dem Vorplatz verbrannte bereits in der Junisonne.
„Manchmal legt der Tau sich auf mich.
Und dann werd‘ ich leise traurig,
weil ich glaube nicht,
dass alles so schön ist,
wie es ist.“
(Herbert Grönemeyer: Tau. 2023)
Marie versuchte vergebens, das Video, das sie vom Eröffnungslied gemacht hatte, an den Buchträger zu schicken. Vielleicht auch besser so. Sie steckte ihr Handy wieder in die Tasche und genoß das Konzert in seiner ganzen Pracht. Eine nüchterne, aber effektive Lichtshow, eine Setlist, die inzwischen drei Generationen zum Tanzen und Heulen brachte, und ringsumher ausgelassene Menschen auf den Rängen, denen ihr Glück und ihr Leid zeitgleich ins Gesicht geschrieben standen. Den Derwisch auf der riesigen Bühne verstand sie selten, er redete und sang zu schnell, vor allem für die Textunsicheren, von denen es hier aber nur sehr wenige gab, die mussten wahrscheinlich aus einer anderen Zeit sein. Der Chor klang überwältigend. Bei jedem Lied, sogar bei den neuen. Und ständig schwappten Wogen der Euphorie durch die 50.000 Menschen, die ihre Taschentücher gar nicht erst rausholten. Alles war gut. Nichts konnte schief gehen.
Und während Herbert Grönemeyer weiter trotzig die Neuzeit erträumte und unter dem letzten Vollmond des Frühlings, dem gerade aufgehenden Erdbeermond, sein Herz zurückforderte, flogen nur einige Steinwürfe entfernt die ersten Brandsätze der Nacht. Wasserwerfer löschten die Barrikaden. Tausend Antifaschist*innen saßen stundenlang in einem riesigen Polizeikessel und wurden gnadenlos in diesen zurückgeprügelt, wenn sie versuchten auszubrechen. Am frühen Morgen wurden fünf Haftbefehle erlassen (Landfriedensbruch); der Anwalt von Lina E. würde auch in Zukunft schlaflose Nächte haben. Am nächsten Vormittag kritisierte sogar der sächsische Innenminister die sächsischen Verhältnisse, während die Bundesinnenministerin die linksextremistischen Chaoten bei den Presseangenturen meldete. Und kaum wenige Minuten später brach der nächste Damm: Im thüringischen Apolda war bei einem Brand in einer Flüchtlingsunterkunft ein neunjähriger Junge aus der Ukraine ums Leben gekommen. Nur 100 Kilometer von Eisenach und Leipzig entfernt. Brandursache zunächst unklar.
Von all dem aber bekamen die drei nichts mit. Noch nicht. Nur diese paar sorglosen Stunden noch. Und in Thale schliefen die Mädchen, während ihr Vater über sie wachte.
„Wir schlagen wie wild mit den Flügeln,
dass uns der Absturz verschont.“
(Herbert Grönemeyer: Chaos. 1993.)

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