Um halb elf gestern Abend
waren die vier Vorfeuerwerke der näheren Umgebung
immer noch nicht vorbei.
Und ich wette,
da waren richtige Kanonen dabei,
so wie das gerummst hat.
Hier soll mal jemand ein „Böllerverbot“ vorschlagen.
Oder die haben sich im Tag geirrt,
kann an so einem langen Wochenende
ja jedem mal passieren.
Heute früh,
wieder sehr früh,
steht Omaha
als nächstes auf der Route,
und ich bin ziemlich gespannt.
Größere Städte waren ja bis jetzt
eher so … ernüchternd.
Und dann auch noch
in der hinterletzten Provinz der USA?
Die also größte Stadt Nebraskas,
nur ein bisschen kleiner als Leipzig,
macht allerdings
von den City Limits an
einen ganz anderen Eindruck.
Nach zwanzig Minuten durchcruisen
bin ich kurz davor,
die Stadt schön zu finden.
Irgendwie ergibt hier alles viel mehr Sinn,
passt besser zueinander,
wirkt fast schon wie moderner Stil,
aber in nett.
Zum ersten Mal seit Washington
sehe ich so etwas wie Wohnhäuser,
in denen mehr als zwei Familien leben.
Das sieht ja schon fast nach sozialem Wohnungsbau aus,
und zwar ohne gleich Ghetto zu sein.
Und gleich gegenüber,
leicht den Berg hinauf
liegen die charmanten Wohngebiete,
wo jeder seinen eigenen Rasen zu mähen hat.
Im Sonntag-Morgen-Sonnenschein
leuchten die Holzfassaden weiß.
Und: Hier gibt es so gut wie keinen Verfall.
Entweder räumen die ihre Ruinen einfach schneller weg,
oder sie renovieren rechtzeitig.
Im Vergleich sehen die Straßenzüge allesamt aus
wie aus einem US-Film über schöne US-Cities.
Hier ist das 21. Jahrhundert unbeschadet angekommen.
Im Zentrum der Stadt erheben sich
mächtige Medizinzentren:
Krebsforschung, Spezialkliniken für Kinder,
Medical Schools.
Es gibt ein ernstzunehmendes Univiertel,
es laufen sogar junge Menschen auf den Straßen rum,
Sonntag Morgen.
Aber das liegt wahrscheinlich
alles nur an Conor Oberst.
Denn der hatte bekanntlich
vor guten 25 Jahren
seine Heimatstadt weltberühmt gemacht.
Der am traurigsten klingende
traurigste Junge mit einer Gitarre,
den der Mid-Western-Emo sein eigen nennt,
hatte seine erste Platte genau hier aufgenommen.
Im Wohnzimmer,
Wo sonst.
Alles andere ist Musikgeschichte.
Und auch Literaturgeschichte
Und überhaupt nicht traurig.
Und für blutende Herzen
blieb auch am restlichen Tag
keine Zeit.
Der Sonnenschein an diesem riesigen blauen Himmel
taucht die Felder in schmerzhaft schönes Licht.
Ich zweitfrühstücke am Straßenrand
und werde nach kurzer Zeit wieder gefragt:
„You’re good?“
I am fine, thanks.
Dann fahre ich wieder.
Insgesamt werden es heute 450 Meilen,
auch wenn ich mir weniger vorgenommen habe
und die Straßen auch nicht mehr als 60 Meilen pro Stunde hergeben;
an irgendwas musste ja gespart werden.
Schnell erfüllt mich ein neues Gefühl für Weite.
Der Freeway zieht sich anfangs
über langgezogene flache Hügelketten,
man kann meilenweit ins Land schauen.
Und sieht immer noch nur eins:
Felder.
Nach einer Stunde tanke ich in Norfolk.
Das erste Mal kann ich gar nicht
mit der Karte an der Säule bezahlen.
Und auf meinem Handy
verschwindet mein aktueller Provider im Nichts.
Oder ist die SIM-Karte schon alle?
Das weiß ich bis zum Abend nicht,
denn ab diesem Moment fahre ich im größten Funkloch,
das ich jemals erlebt habe.
Sogar die Radiosender struggeln,
mein Handy ist nur noch ein Kompass (GPS).
Zwischen die Felder
schieben sich immer mehr Weideflächen
und bald sehe ich die ersten Kettle, Viehherden.
Tiefschwarze Rinder grasen in den Hügeln
oder stehen zur Tränke an einem kleinen Teich.
Hinter ihnen sehe ich sogar einen Windpark.
Das Land hat sich drastisch verändert
innerhalb von zwei Stunden.
Ab Mittag geht es nur noch geradeaus,
alle paar Meilen mal eine Kurve,
alle dutzend Meilen ein Dorf.
Der Baumbewuchs wird immer spärlicher,
das Grasland liegt wie eine Decke auf den Hügeln.
Die Prairie kündigt sich an
und dann ist sie plötzlich da:
Nicht ein Baum,
soweit ich schauen kann.
Dafür bilden sich am Nachmittag
ringsum am Horizont Wolkengebilde,
wie ich sie eigentlich noch nie gesehen habe.
Kilometerhohe weiße Berge im Himmel,
aufgereiht bis in den nächsten Tag.
Ihre Schatten fließen über die Wiesen
auf denen wilder Lavendel steht,
der alles mit einem unbeschreiblichen Duft erfüllt.
Der warme Präriewind
weht durch die heruntergelassenen Scheiben,
ich fahre kaum noch 50.
Alle Stunde kommen mir Fahrradfahrer entgegen,
die offensichtlich für einen Ultramegaheptalon trainieren.
Zeit und Distanz
haben sich aufgelöst.
Das Jetzt ist absolut,
als mir einen unauffälliges Schild zuflüstert,
ich habe die Mountain Time erreicht.
Zack hat der Tag gleich wieder eine Stunde mehr.
Im Radio läuft wieder was:
Star Spangeld Banner,
in zwei Versionen,
erst auf einer Ukulele
und dann auf einem Xylophon.
Zeitlos.
Gegen halb Acht
erreiche ich Chadron
und entscheide mich das erste Mal
für’s Walmartcampen.
Was soll schon schief gehen?
In Nebraska?
Auf dem Parkplatz
wird nach Acht auch bloß geknallt,
anscheinend aber nur Knallfrösche.
Feuerwerk gibt es
im Walmart übrigens nicht.
Das gibt es nur
an ungezählten Ständen an den Stadträndern.
Und davon gibt es in Nebraska
eben nicht so viele.
Von meinen anfänglichen Ängsten
sind viele bis heute nicht wahr
oder kleiner geworden,
die Nächte waren alle gut,
ich habe ganz normal geschlafen.
Dennoch,
am Ende jedes gemeisterten Tages
überfällt mich die Erkenntnis,
dass der nächste schon ganz anders werden kann.
Aber die Erinnerung an den heutigen
hilft dann dabei,
zu hoffen, dass der morgige
sogar noch schöner werden kann.
Und außerdem bin ich nicht der einzige Walmartcamper.
Keine 100 Yards entfernt sitzt jemand
auf einem Campingstuhl vor seinem Camper
und wirkt,
als ob er bereits schlafen würde.
Und hinter der Kaufhalle
steigt jetzt doch ein Feuerwerk,
gerade ist die Sonne untergegangen,
der westliche Horizont glüht noch orange.
Dort, wo ich morgen dann
irgendwann
die Berge sehen kann.
Habe ich dann dort,
genau zwischen den Rändern der Zeit(zonen),
auch endlich Ruhe
vor den Kanonenschlägen?
Kriegsprotokoll. On the road. Going west. Alone. Woche 70.
Der Putsch war gar keiner. Die Geldhähne werden noch weiter geöffnet. Montag: Prigoschin ist zunächst verschwunden. Odessa wird mit Marschflugkörpern angegriffen. In Saporischschija sind es modifizierte Flugabwehrraketen. Selenskyj und Biden plauschen am Telefon über den Wagner-Komplex. Australien liefert Ausrüstung (militärisch und humanitär) für 67 Millionen Euro. Schoigu besucht die russischen Truppen an der Front. In Moskau ist die Normalität wieder normal. ACAB sieht das Ende des Machtkampfes aber noch nicht gekommen. Pistorius will zusätzliche 4.000 Soldaten an die Nato-Ostflanke (Litauen) schicken. Die russische Staatsanwaltschaft ermittelt weiter gegen Prigoschin. Die EU bewilligt weitere 3,5 Milliarden Euro Finanzhilfe für die Ukraine. Prigoschin taucht wieder auf Telegram auf (er hatte Blutvergießen verhindern wollen). Die USA setzen ein neues Militärhilfsprogramm auf (500 Millionen Dollar). Selenskyj lässt Selfies mit sich machen, irgendwo bei Bachmut. Auch Bulgarien schickt Hilfe, nur wie viel, das wird nicht verraten. Am Abend tritt Putin vor die Fernsehkameras: Alles nicht so wild, die Söldner seien ja überwiegend große Patrioten. Er bedankt sich aber auch bei denen, die sich den Verrätern entgegengestellt haben. Biden versichert, der Westen habe nichts mit der „Wagner-Revolte“ zu tun gehabt. Selenskyj bedankt sich am Abend auch nochmal in der Südukraine. Dienstag: Die ukrainischen Luftstreitkräfte greifen ein Dorf nahe Donezk an. Rheinmetall liefert im Auftrag der niederländischen Regierung 14 „Leopard 2A4“ Kampfpanzer an die Ukraine. Lukaschenko verrät, dass die belarussische Armee während des Wagneraufstandes in Gefechtsbereitschaft war und demnächst von ihnen lernen wird. Wagner darf auf einem verlassenen Militärstützpunkt unterkommen. Wagner übergibt seine Ausrüstung an Moskau, der FSB stellt die Ermittlungen gegen Prigoschin ein, der Geldhahn ist zu. Die Nationalgarde wird mit Panzern ausgerüstet. Die Ukraine beißt sich an Bachmut weitere Zähne aus. Am Abend schlagen Raketen in Kramatorsk ein, eine voll besetzte Pizzeria wird getroffen, elf Tote, darunter auch Kinder. Mittwoch: Der ukrainische Verteidigungsminister Resnikow sagt der „Financal Times“ über die Gegenoffensive: „Wenn es passiert, werden Sie es alle sehen. … Jeder wird alles sehen.“ Pistorius sieht ein „entscheidendes Jahr im Ukrainekrieg“, in dem wichtige Weichen gestellt würden. Artilleriebeschuss in Charkiw. Die Schweizer Regierung bleibt hart: Es wird keine Panzer aus Schweizer Besitz für die Ukraine geben. Polen erhält die ersten Abrams-Panzer aus den USA. Scholz sagt bei Maischberger, Putin sei geschwächt. Donnerstag: Der Feind der Ukraine „erleidet erhebliche Verluste“, bei Bachmut habe man die Initiative. Polen kauft offiziell „Patriot“-Raketen und plant eine Verstärkung der Ostgrenze. Im russischen Staatsfernsehen badet Putin in der Menge. Scholz beteuert, ein Regierungswechsel in Russland ist nicht unser Ziel. Moskau meldet die Tötung von zwei ukrainischen Generälen in Kramatorsk, die Pizzeria war ein provisorischer Kommandoposten gewesen. Sumy wird evakuiert, Cherson weiter beschossen. Mike Pence besucht Butcha: „Der Krieg hier in der Ukraine ist nicht unser Krieg, aber Freiheit ist unser Kampf.“ Die USA lassen durchsickern, dass sie Langstreckenwaffen liefern werden. Der russische Schlüssel-General Sergej Surowikin wird festgenommen, er soll von Prigoshins Plan gewusst haben. Greta Thunberg ist zu Gast in Kiew und bezeichnet die Dammsprengung als Ökozid. Freitag: Der IWF bewilligt eine nächste Tranche: 890 Millionen Dollar gehen instant in die Ukraine. Die Weltbank schießt weitere 1,5 Milliarden Dollar dazu. Human Rights Watch sieht den Einsatz von Anti-Personen Minen auf beiden Seiten. Der ukrainische Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyi bewertet den bisherigen Verlauf der Gegenoffensive: „Viele Menschen sterben jeden Tag – viele. Und das nur, weil keine Entscheidung getroffen wurde.“ Russland erhöht die Militärgehälter ab Oktober um 10% und sperrt größere Teile des Internets. Selenskyj begeht den Jahrestag der Verteidigung der „Schlangeninsel“: „Die Ukraine und die Ukrainer sind viel stärker als irgendjemand das von uns erwartet, manchmal stärker als wir das von uns selbst gedacht haben.“ Samstag: Außenminister Kuleba warnt Deutschland davor, den Weg der Ukraine in die Nato zu behindern. Die Atombehörde hat in Saporischschija noch keine Minen gefunden. Selenskyj sieht weiterhin eine „ernste Bedrohung“. In Cherson hat die Ukraine einen Brückenkopf am Ostufer der Dnipro errichtet. Der CIA-Chef ist zu Geheimgesprächen in Kiew. Wagner macht es sich in Belarus bequem. Rund um Donezk gehen die Kämpfe brutal weiter. Sonntag: In der Nacht wird das erste Mal sein fast zwei Wochen erneut Kiew beschossen. Kuleba stellt fest, dass die russische Lufthoheit und die vielen Minenfelder ein großes Problem sind. In Deutschland erinnert Sachsens Kretschmer daran, dass man sich doch nicht ganz von russischem Gas lossagen kann. Polen verstärkt die Grenze zu Belarus mit zusätzlichen 500 Polizisten. Prigoschins Haussende RIA FIN wird geschlossen. Im russischen Krasnodar explodiert es gewaltig gleich neben einem Militärübungsplatz. Bei Bachmut rücken die ukrainischen Truppen wieder einige Meter vor. An der gesamten restlichen Ostfront übernimmt Russland wieder die blutige Initiative.
Sorry, not sorry,
aber es ist Sonntag.
Und noch haben #DieDoppeltenZwanziger
ihren Pflichten noch nicht ganz abgeschworen;
die Gegenwart ist kein Spiel.
Ringsum knallt es dann auch wieder gewaltig.
In Nebraska.
„No, I don’t want to play.
It’s a shell game,
it’s a shell game.“
(Bright Eyes: Shell Games. 2011)

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