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Country Feedback (2) (S9b:Ep9) (Teil 2)

von | 2023 | 12. Juli | Die Serie, Staffel 9b - Blister

 

Teil 2 – (Going) Home

 

Viele Songs haben gefehlt,
gestern Abend,
beim Start
der „Amplified Echoes Tour 2023“.
Zum Beispiel:
„Call it in the Air“,
das mit der oberendgeilsten Rückkopplung beginnt,
die jemals jemand hochgedreht hat.
Zum Konzert selbst
gibt es ein gleich einen kleinen Eindruck;
denn keine zwölf Stunden später
bin ich ein übernächstes Mal angekommen.
In Montana,
im Sommer.
Es bleibt unerträglich schön.

Ich sitze an einer Bank,
mit dem Rücken zum Fluss,
unter zwanzig Meter hohen Pinien,
an einer kleinen Lichtung
mitten im Lolo National Forest.
Das einzige menschliche Geräusch
sind die Schallwellen der Flugzeuge
meilenweit über mir,
die sich in den steilen Hängen
des Waldes
wie flüsternde Echos
wiederholen,
vom Wind in den Bäumen
nicht mehr zu unterscheiden.

Vor mir liegen erneut Tage der Unruhe.
Wo sich der nächste sichere Hafen befindet
(Campground mit Strom und Wasser),
weiß ich noch nicht genau,
nur dass er irgendwo kurz vor Seattle
auf mich wartet.
Immerhin scheint das Funknetz wieder stabil zu sein,
egal wie tief im Wald ich verschwinde.
Vor Missoula habe ich auch gelernt,
wie nervös es doch machen kann,
wenn mensch Strom nur hat,
wenn mensch einen Generator hat.
So knapp
muss es vielleicht nicht noch mal werden…

Mein emotionales Gedächtnis jedenfalls
befindet sich seit spätestens dieser Woche
im permanenten Overdrive Modus.
Vorstellung, Gefühl und Wirklichkeit
fahren mit den zukünftigen Erinnerungen
immer schneller Rollercoaster,
im Dauer Looping.
Jeder Moment,
jedes Bild, jeder Song,
jeder Gesprächsfetzen,
jeder Windhauch
wird überholt
von immer neuen Farbschattierungen und Klangvariationen.
Und von vielen ungeweinten Tränen.

Die erste Nacht
der zweiten Hälfte meiner Reise
werde ich wohl heute hier verbringen,
in der Dämmerung mit Rehen sprechen,
in der Nacht hoffen,
dass die Bärenwarnschilder
für andere Jahreszeiten gelten.
Zeitlich bewege ich mich
ab heute
also wieder in Richtung Heimat,
auch wenn ich morgen bereits
die nächste Zeitzone erreiche
und noch eine Stunde mehr hinterher bin.

Mein Bergfest
habe ich deswegen gestern
mit vielen anderen gefeiert,
die davon natürlich nichts wussten.
Es ist ein unfassbar glücklicher Zufall,
dass ich meine Route schon so gut wie fertig hatte,
als die Ankündigung für diese Show kam:
Zwei meiner fünf obersten Oberlieblingsbands all time
(neben R.E.M., Biffy Clyro und Mogwai),
Manchester Orchestra
und Jimmy Eat World
spielen gemeinsam mit den Middle Kids
in der größten Universitätsstadt Montanas.
Mehr Glück geht einfach nicht.
Doch:
Es ist das erste Konzert der gesamten Tour.
Auf einer Bühne,
deren Kulisse
genau für so etwas erdacht wurde.
Das Ticket habe ich seit Monaten.

Jimmy Eat World sind sogar
meine zweitälteste Liebe.
Vor gut zwanzig Jahren
hatte ich ebenfalls das ungeheure Glück,
die Band in München
in einem ziemlich kleinen Club zu sehen.
Der Bassist feierte an diesem Abend seinen 25. Geburtstag.
In München.
Die Band bierstrotzte nur so
vor Euphorie.

Und Manchester Orchestra
sind unter meinen wirklich lebensprägenden Bands
die jüngsten,
musikalisch dafür schon wieder fast zu reif.
Deswegen war ich irgendwie froh,
als ich erfuhr,
dass sie nicht den Abend beschließen würden.
Immerhin sollte das eine verdammte Rockshow werden.
Aber, was soll ich sagen?
So ein derbes Brett
hatte ich wohl einfach nicht erwartet.
Dagegen waren Jimmy Eat World
dann ja fast schon wieder Pop.

Anyways,
worauf ich hinaus will:
So sehr zu Hause
habe ich mich
auf einem Konzert
noch nie gefühlt.
Jedes Feedback,
jedes Echo im Publikum
waren in perfekter Harmonie.

 

***

 

„Ich weiß,
dass das jetzt vielleicht irgendwie
komisch klingt,
aber ich gehe
unwahrscheinlich gerne
alleine auf Konzerte.“

(AMK: Du bist überall. 2018)

 

Ich bin früh
am Big Sky Brewing „Amphitheater“ in Missoula,
aber nicht der erste.
In einer halben Stunde sind doors (Einlass).
Den Camper lasse ich in der Nähe an der Straße stehen
und stehe dann eine halbe Stunde in der Schlange,
während wir Manchester Orchestra
beim Soundcheck zuhören können.
Das Wetter ist immer noch perfekt,
low 80°s, angenehmer Wind,
traumhafte Wolken am blauen Himmel.
Mindestens die Hälfte der Menschen
trägt offensichtlich Profi-Campingstühle bei sich,
viele eigentlich sogar schon eine Weiterentwicklung:
Der Open Air Konzertstuhl
– mit integrierter Kühltasche
und Riemen zum Schultern – ;
ich sehe das Start Up schon vor mir.

Die Middle Kids (Sydney)
sind kurz nach sieben entweder super aufgeregt,
oder irgendwas mit der Technik stimmt nicht.
Nach bald einer viertel Stunde erst
sind die Dreher am Mischpult zufrieden:
„That will sound really good.“
„Yeah“, you bet.
Und es klingt wirklich really good.
Dafür hat sich das Geschraube gelohnt.
So mellow wie nur irgend möglich
dröhnt der Sound
über die riesige Wiese vor der Bühne.
Sängerin Hannah Joy
versucht zu erklären,
warum der Gig so viel für sie bedeutet,
belässt es aber lediglich hierbei:
„This is a dream gig for us.“
Äh?
Same.

Die Umbaupause dauert dann nicht lange.
Beim Merch war ich blöderweise schon
und schleppe jetzt eine Platte mit mir rum,
die ich nicht mehr zum Camper bringen darf.
Das lokale IPA (gutes Bier, weil Brauereigelände)
kostet acht Dollar (halber Liter)
und wird nur an Menschen ausgeschenkt,
die ein orangenes Armband tragen,
das sie nach einem ID-Check
mit als „21 & over“ markiert.
Früher bekamen hier die jüngeren
ein schwarzes Kreuz auf den Handrücken gemalt.
So rum ist es netter.
Soft Drinks gibt es kaum,
Wasser gibt es umsonst aus dem Hahn,
das nutze ich gerne,
die Sonne ist noch nicht untergegangen.
Irgendwie finde ich eine Lösung
für das Plattenproblem und traue mich näher ran.
Direkt vor der Bühne stehen die Menschen aufgeregt
in angenehmen Abstand,
hier ist Platz für jeden,
hinter uns liegen und sitzen
bestimmt noch einmal tausend Menschen in der Sonne
und wippen schon mit den Füßen.
Es wird gut Bier getrunken,
niemand raucht,
einige ziehen unauffällig an kleinen Vapern.

Manchester Orchestra sind gut drauf,
was keine Selbstverständlichkeit ist.
Ich hatte eine halbsphärige Show erwartet,
die letzten Platten waren ruhiger geworden.
Aber:
Rock ist nicht tot.
Die Guten (Alternative) haben wieder überlebt.
Und sie spielen vor einer Menschenmasse,
die sich nicht zum Feiern gezwungen sieht,
sondern es einfach tut.
Ein so altersheterogenes (und schönes)
Publikum habe ich übrigens noch nie gesehen,
der Altersdurchschnitt liegt bei guten 40,
aber nicht weil die meisten gute 40 sind,
sondern weil in beiden Richtungen alle da sind:
Drei Generationen
vieler verschiedener Familien und Freundeskreise,
viele junge Paare, Kinder aller Altersstufen.
Und Fans.
Echte Fans.
Die tanzen,
als ob niemand zuschauen würde,
die alle an den richtigen Stellen
kurz, aber heftig in die Knie gehen,
die auf die zwei nicken,
die alle den Takt halten,
und wenn sie ihn nicht halten,
dann halten sie ihn immernoch cool nicht.
Der Gig dauert gute 75 Minuten,
und ist wie jeder gute Gig
nicht zu beschreiben.
Bei „The Gold“
bricht der Sonnenuntergang
durch die Lücken der Bühnenabdeckung,
Andy Hull ist ganz in Licht und Musik gehüllt,
es ist so gut,
dass ich nicht weinen muss.
Auch perfekt:
Es fühlt sich zu kurz an,
eine Zugabe gibt es nicht.
Mitten im Konzert werde ich angequatscht.
Eine Frau, wahrscheinlich ziemlich genau
der Altersdurchschnitt,
sagt mir, dass ich der größte Fan sei,
den sie je gesehen habe.
Ich zeige auf die Platte,
die unter dem Gurt auf meiner Brust klemmt,
und sage, dass ich einfach nicht nachgedacht habe,
und jetzt nicht wüsste wohin sonst damit.
Sie lacht nur, fragt woher ich komme.
Ah, klar, da will sie dieses Jahr
auch endlich mal hin.
Wohin genau?
Nach Berlin.
Zum Feiern.
Für ein paar Wochen.
Klar.
Dann genießen wir
den Rest des Konzerts.
Die nächste Umbaupause dauert etwas länger,
niemand braucht sich panisch beim Dixie anstellen,
geraucht wird nur ganz am Rand.
Hier laufen so viele verschiedene Typen rum,
dass es kaum auszuhalten ist,
die nicht alle beschreiben zu können.
Und, sie machen alle den Eindruck,
dass sie das nicht irgendwie wollen
– nicht gleich sein – ,
sondern es einfach
schon immer sind.

Und dann sieht Jim Adkins übrigens noch genauso aus
wie vor zwanzig Jahren.
Er ringt noch mit den Höhen,
aber hey, Tourstart,
live is live.
Das Publikum
nimmt jeden Vibe
dankbar und gelassen auf.
Niemand steht wirklich still.
Und alle singen,
werden zum vielstimmigen Vibrato der Rückkopplungen,
ein Echo im Chor,
mit geschlossenen Augen.

 

 

„Are you listening?
Whoa-oh-oh-oh-oh-oh.
Sing it back!
Whoa-oh-oh-oh-oh.
So tell me, what do I need?
(Tell me, what do I need?)
Whoa-oh,
whoa-oh.
When words lose their meaning.
(When words lose their meaning.)
Whoa-oh,
whoa-oh.

I was spinning free,
whoa-oh-oh-oh-oh-oh.
With a little sweet and simple
numbing me, yeah.
Stumble ‚til you crawl,
whoa-oh-oh-oh-oh-oh.
Sinking into sweet
uncertainty.“

(Jimmy Eat World: Sweetness. 2002)

 

Die Verstärker brummen.
Keine Zugabe.
Perfekt.

 

***

 

Ich aber gönne mir noch eine.
Hier, am Rauschen des Flusses im Wald.
Und entführe Euch
noch einmal kurz zurück in die Stadt,
der Motivik kann nie genug sein;
auch wenn sie manchmal nervt
wie ein etwas zu langes Gitarrensolo
einer US Rock Band;
das gehört dazu.

Missoula, Montana,
home of the „Knights of Hellgate“
(wie die High School Students sich hier nennen dürfen)
und Sitz der University of Montana,
befindet sich im Aufwind.
Das zu erkennen braucht es nicht mehr viel:
In der gesamten Innenstadt
sind breite Fahrradspuren
(ehemals Autospuren),
der Altersdurchschnitt liegt um die 30,
Erstsemester laufen ausgelassen über den Campus,
die Innenstadt ist belebt
und alles schreit:
Proto Urban funktioniert!
Hier ist nicht eine landesweite Kette zu sehen,
ausschließlich lokale Restaurants,
Buchläden, Boutiquen, Galerien
und eine anschauliche Menge Dispensarys.

Auf einer Bühne am Fluss
hält eine republikanische Gegenkandidatin
zu Ryan Zinke, dem Gouverner von Montana,
eine Rede vor vielleicht 150 Unterstützern:
Heimatstolz mit guten Gründen,
ein Hauch Sozialismus.
Weiter hinten auf der Wiese
versucht ein Dude
mit Joint im Mund,
zwei Collegegirls mit Nerdtalk zu beeindrucken.
Aber die Nuller Jahre sind lange vorbei,
die beiden Frauen verabschieden sich
nach nicht mal fünf Minuten
freundlich aus dem „Gespräch“.

Der Plattenladen
auf der westlichen, ganz hippen Seite des Flusses
(und der Higgins Avenue)
ist eine halbe Stunde vor 6 pm
leer.
Es riecht nach schwerem Parfüm
und Räucherstäbchen.
Von alten Comedy Hörspielen
aus dem Vorzeitalter der Cannabis Legalisierung
(veröffentlicht 1971)
bis zum Deluxe Boxset der „Ten Stories“ (mewithoutyou)
für 80 Dollar,
findet man hier wahrscheinlich alles.

Am Abend läuft, gleich nebenan im Roxy,
der David Bowie Konzertfilm „Ziggy Stadust“,
remastered zum 50. Geburtstag.
One Night only.
Das Theatre ist gut besetzt,
keine Reihe bleibt leer,
die Sitze sind unglaublich bequem,
und alle versuchen bei dieser Rockshow
nicht zu sehr aus dem Sessel zu gehen.
Montana.

Gut.
Morgen heißt es also Abschied nehmen,
den Verstärker wieder runterregeln,
gehen, wenn es am schönsten ist.
Wohin?
Next stop:
Washington (state of).
Der letzte Halt vor Kalifornien.
Wo übrigens gerade ein Hitzedom steht,
der die Temperaturen
in Los Angeles
bereits bis auf fast 120°F bringt.

Und hier, im Wald,
haben sich gerade eben
zwei Männer
auf einem Quad
die Lichtung angeschaut.
Einem Quad mit US Flaggen dran.
Die sind aber wortlos wieder abgedreht.
Property taken.
Just for one more day.

Das Echo der Zukunft,
eine Nacht mit falschen Träumen,
kann gerne noch ein bisschen
auf sich warten lassen.
Der Ruf der Heimat
schallt dafür bereits
über den Wipfeln,
hundert Fuß über mir.

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