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Territorial Pissings (S9b:Ep10)

von | 2023 | 14. Juli | Die Serie, Staffel 9b - Blister

(Foto: Viretta Park, Seattle, 15. Juli 2023)

 

 

Die jetzt im Raum
und in der Zeit
stehende Frage ist naheliegend:
Habe ich mir meine Sinne
nicht eigentlich schon genug abgerieben?
Ist diese Blase nicht schon zu groß?
Und bin ich nur zu stolz,
sie endlich in Ruhe ausheilen zu lassen?
Werde ich zu selbstsicher?
Fange ich an, Fehler zu machen?
Markiere ich zu viel fremdes Revier?
Gefährde ich doch noch
den Erfolg meiner Reise?
Kurzum:
Muss Kalifornien auch noch sein?

Ja, selbstverständlich.
Nur nicht ausgerechnet jetzt
(Wetter-/Klimalage),
denn so lange ich noch die Wahl habe,
kann ich diesen Glutofen
ja auch vermeiden.
Indem ich, zum Beispiel,
einfach am Straßenrand anhalte
und schreibe.

Über Idaho.
Das schiebt sich im Norden
nämlich noch so ein wenig zwischen
Montana und Washington.
Landschaftlich ist der Bundesstaat hier
dem Harz wieder sehr ähnlich,
nur wieder deutlich grüner
und weniger besiedelt,
von einigen ganz hübschen Bergdörfern mal abgesehen.
Wieder stelle ich fest,
dass ich es vermeide,
mir vorzustellen,
wie das Leben im Winter hier sein muss.
Dazu ist dieser Sommer einfach zu schön.

In der größten City im Norden Idahos,
in Coeur d’Alene,
sieht es ebenfalls nach Aufschwung auf,
mindestens nach Stabilität.
Golfplätze, meilenlang Private Property am Bergsee
und viele gemauerte Häuser.
Sicherlich noch nicht Maine,
aber auf einem guten Weg dahin.
Plus: Viel mehr Platz.
Womit sich auch das nächste neue Phänomen erklärt:
Der Treibstoff ist deutlich teurer geworden.
Gestern (Montana) lag er bei 3.70$,
heute (Washington) sind wir bereits
bei knapp 5$ angekommen.
Zum Glück
habe ich fast zwei Drittel meiner Gesamtstrecke
schon geschafft…

Wäre da nicht
das „Fu(e)l“
in „Beautiful“:
Wenn mensch sich hier
mit ca. 55 Meilen pro Stunde im Schnitt
hier an einem Tag
mehr als vier bis fünf Stunden bewegt,
ist landschaftlich
kein Tag wie der andere.
Jedes Mal,
wenn ich die Campertür aufmache,
stehe ich im nächsten Traum.
„America“ hat es jetzt schon
mindestens zehn Mal geschafft,
dass, immer gerade wenn ich denke:
ja, okay, das habe ich jetzt schon mal
so ähnlich gesehen,
das kenne ich schon,
dann lauert hinter dem nächsten Hügel,
hinter der nächsten Kurve,
hinter dem nächsten Pass,
die nächste Keule.
Zwei Dinge weiß ich jetzt schon:
Ich werde ein deutlich besserer Autofahrer sein,
wenn ich zurückkomme,
aber dafür,
werde ich nie wieder so gern Auto gefahren sein.
So viele Gegenden der Erde
habe ich zwar auch noch nicht gesehen,
aber ich bin mir sicher:
Mehr „Beautiful“
geht nicht.

Nächstes Beispiel:
Washington (State of).
Zunächst habe ich kurz das Gefühl,
wieder in Mid-West zu sein:
Felder, Mühlen, Silos, Raststätten, Tankstellen:
Truckercountry,
im Radio nur noch Worship Rock
und Encouragement Botschaften.
Dann fällt mir aber an den Feldern etwas auf:
Kein Mais mehr, kein Soja.
Dafür Weizen.
Riesige, hügelige Weizenfelder.
Und mittendurch eine gerade Straße,
locker fünf Meilen lang.
Und sonst nichts.
Doch!
Strom- und Telefonleitungen
in allen Formen und Größen.
Davon werden es auf einmal auffällig viele,
jeder Hügel ist überwachsen mit Masten.
Ich fahre durch einen kleinen Canyon,
an einem Damm vorbei.
Das Umspannwerk ist mindestens drei Acre groß.
Im Norden blinken die nächsten Berge,
ein soo vertrauter Anblick,
doch im Süden reißen schon größere Canyons auf,
die Wüste sendet erste Zeichen.
Ich werde geradezu müde
vom ständigen Anhalten und Fotografieren.
Der nächste Damm
übertrifft den von gerade eben
natürlich wieder einmal deutlich.
Mindestens ein halber Hoover Damm.
Auf einem Rastplatz unweit der Staumauer
macht eine Familie Mittagspause.
Die älteste Tochter legt sich ins Auto,
Motor und Klimaanlage
bringen ein paar Minuten Abkühlung,
es sind 90°F+.

Die Prärie wird zunehmend felsiger,
auf den schon abgemähten Feldern
liegen in unregelmäßigen Abständen
sehr große Steinhaufen,
von denen ich nicht weiß,
was sie markieren sollen.
Ein Präriehund kreuzt die Straße,
hinter ihm steigt ein kleiner Staubtornado auf,
wie überall ringsum,
kurz bin ich tatsächlich verzaubert.
Und bemerke erst gar nicht,
dass ich bereits den nächsten,
sehr langen Pass hoch fahre.
Erst als sich das nächste Tal
noch steiler und grüner als das letzte öffnet,
halte ich wieder an.
Die Nachmittagshitze
verstärkt den plötzlichen Aasgeruch.
Im Tal sehe ich bereits Plantagen
und beeindruckende Bewässerungsanlagen.
Beim Durchfahren
lockt alle Meile jemand anderes
mit Kirschen und Aprikosen
oder mit Wein.

Nach einem ungeplanten Schlenker (Navitrouble)
lande ich dann ich Ellensburg,
an einer A+ Truckerraststätte.
Ausnahmslos Brummifahrer.
Große Becher mit Kaffee.
Auffallend saubere Toiletten und Duschen.
Burger, Hotdogs, Beef Jerky in x Varianten.
Vor mir liegen noch gute zwei Stunden Fahrt.
Durch immer höher werdende Berge,
die dicht am Straßenrand fußen.
Vorbei an wieder dichter werdenden Wäldern,
in denen sogar Laubbäume
wieder in der ersten Reihe stehen.
Und dann erscheinen am Horizont
plötzlich Wolken,
die irgendwie
anders aussehen
als die, die sich sonst hinter den Gipfeln ballen.
Irgendwie … maritimer.
Der Pazifik ist keine 50 Meilen mehr entfernt.
Und obwohl ich es doch heute
noch gar nicht sein wollte,
bin ich endlich in Seattle, Dirk.
Aber dazu dann erst später mehr.

Washington ist also so etwas
wie die kompakte Version
meiner ganzen bisherigen Reise.
Nur dass eben jetzt auch noch
der Stille Ozean,
das Ende des Westens,
zum Reinspucken nahe liegt.

 

Kriegsprotokoll. On the road. Going west. Alone. Woche 72.
Nato-Gipfel in Vilnius aftermath: Noch viel mehr Geld für noch viel mehr Waffen. Montag: Biden besucht vor Vilnius noch schnelle London. Sumy steht wieder unter russischem Beschuss. Achmat und die russische Armee drängen die Ukraine bei Bachmut wieder zurück. Selenskyj behauptet bei CBS was anderes. Ein neues Bundestagsgutachten sieht immer noch keine Kriegsbeteiligung durch die Nato. In Orichiw (Südfront) sterben sieben Zivilisten nach russischem Artilleriefeuer. Berlin kündigt für den Nato-Gipfel eine „sehr substanzielle“ Ankündigung an. Kuleba weiß schon vor dem Gipfel (auf Twitter), dass die Nato den Weg zum Beitritt verkürzen wird. Russland verdoppelt die Produktion von zwei Kampfjettypen und warnt nochmal vor einer Natomitgliedschaft der Ukraine. Stoltenberg weiß davon wohl noch nichts. Am Nachmittag hat die Ukraine bei Bachmut wieder die Initiative, sagt sie erneut. Scholz möchte übrigens die Streumunitionslieferung an die Ukraine durch die USA nicht bewerten. Man habe sich nun mal auf das Gegenteil eingelassen. Am frühen Abend landet Biden in Vilnius. Selenskyj fordert eine de-facto-Natomitgliedschaft. Dienstag: Der UK erhöht seine Munitionsproduktion um 222 Millionen Euro, 100 neue Arbeitsplätze entstehen. Ein weiterer Drohnenangriff auf Kiew wird abgewehrt. Deutschland verabschiedet ein neues Hilfspaket: 700 Millionen Euro für Waffen und Munition. Frankreich liefert Langstreckenraketen. Cherson steht weiter unter russischem Beschuss, auch ein Hafen bei Odessa wird mit Drohnen angegriffen. Schoigu kündigt an, bei Lieferung von Streumunition an die Ukraine werde Russland ähnliche Waffen einsetzen. Derweil rückt die russische Armee weiter auf Lyman vor. Mittwoch: Wieder nächtlicher Luftalarm in Kiew. In Vilnius denken die G7-Staaten laut über Sicherheitszusagen für die Ukraine nach. Scholz spricht mit Selenskyj, es geht um Luftabwehrsysteme. Stoltenberg findet Waffenlieferungen derzeit am allerwichtigsten. Selenskyj ist mit dem Nato-Gipfel zufrieden, eine Einladung wäre aber ideal gewesen, Scholz ist ebenfalls zufrieden. Dennoch zeigt sich Selenskyj in Fragen der Gebietsabtretungen weiterhin stur. Wagner übergibt Waffen an das russische Militär, das passt gut, denn als Reaktion auf den Gipfel, werden die Fähigkeiten der Streitkräfte weiter ausgebaut. Der Nato-Ukraine-Rat ist gegründet. Donnerstag: Lawrow stuft die geplante Lieferung von F-16-Bomberjets als atomare Bedrohung ein. In Kiew passiert das gleiche wie in zu vielen Nächten davor, so auch in Saporischschija. Deutschland bestellt bei Rheinmetall Leopard2-Munition, für 4.000.000.000 Euro. Italien bestellt auch gleich noch ein paar Panzer. Die US Streumunition ist bereits in der Ukraine eingetroffen. Wagner wird seinem Ruf als Schattenarmee inzwischen voll gerecht. Freitag: Die USA bauen ihre Reserve in Europa („Atlantic Resolve“) um 3.000 Soldaten auf. In der Nacht steht erneut Krywy Rih unter Beschuss, ein Verwaltungsgebäude wird zerstört. Im russischen Woronew und Kursk arbeitet die Flak. Scholz erklärt im Sommerinterview, bis 2027 sei die Versorgung der Ukraine mit Waffen sichergestellt, 17.000.000.000 Euro stünden bereit, im übrigen wusste er über die Lieferung von Streumunition schon vorher Bescheid. Nachdem eine ukrainisch/westliche Drohne nur vier Kilometer neben einem russischen AKW (Kurtschatow) vom Himmel geholt wird, wirft Moskau dem Westen „Nuklearterrorismus“ vor. Die Gegenoffensive frisst weiter Meter um Meter vor. Selenskyj dazu: „Wir müssen ganz klar – so klar wie möglich – begreifen, dass die russischen Streitkräfte in unseren südlichen und östlichen Gebieten alles ihnen Mögliche tun werden, um unsere Soldaten aufzuhalten.“ Die Ukraine schafft den „östlichen Weihnachtsfeiertag“ (7. Januar) ab. Wagner bildet jetzt in Belarus die nächste Generation Söldner aus und bekommt mit Andrej („Sedoi“-Grauhaar) Troschew einen neuen Chef. Samstag: ACAB sieht im Sommerinterview keinen Zusammenhang zwischen enormen Militärhilfen für die Ukraine und deutschen Familien, die nicht wüssten, wie sie ihren Sommerurlaub finanzieren sollen. Kiews Oberbefehlshaber versichert, dass bei den Angriffen auf russisches Staatsgebiet nur eigene Waffen benutzt werden. Die Luftangriffe an der Front gehen weiter. Südkorea steuert jetzt auch 150.000.000$ bei. Sonntag: An der Südfront schießt die russische Armee mit Raketenwerfern auf Zivilisten. Über Sewastopol werden ukrainische Drohnen abgefangen. Die US-Finanzministerin erklärt, ein Frieden wäre auch für die Weltwirtschaft besser. Der russische FSB hat zwei Anschläge der ukrainischen Nazigruppierung „Paragraf-88“ auf zwei Journalistinnen vereitelt. Belgorod steht unter Raketenbeschuss, auch hier sind Zivilist*innen unter den Opfern. In Charkiw ist die Ukraine wieder in der Defensive. ACAB will ab nächste Woche in der UN das Völkerrecht weiterentwickeln, das schärfste Schwert, dass wir zu Verteidigung unseres höchsten Guts, dem Frieden, haben.

 

Schnell das nächste Beispiel
für nordamerikanische Beautifulnes:
The North Cascades National Park,
genauer: Thornton Lakes,
zwei Autostunden von Seattle entfernt
(was sich für mich tatsächlich
nicht mehr nach viel anhört).
Alleine die letzte Anfahrt
zum wahrscheinlich herausfordendsten Trail meiner Reise
war eine Grenzerfahrung.
Allerdings eher für den Camper.
Die war nicht nur steil,
sondern auf der letzten Meile
auch noch purer loose Gravel,
die grobgesteinte Variante.
Und von den Schlaglöchern schreib ich lieber nichts,
man weiß nie, ob der Vermieter mitliest.
Zur Beruhigung,
wir beide haben den Tag unbeschadet überstanden.

Gegen 10 am lasse ich
den Camper am Trailhead zurück,
wo schon einige andere Autos stehen.
Anfangs ist der Weg breit und steigt nur leicht an,
auf der Infotafel eben
habe ich aber gelesen,
dass sich das schnell ändert.
Zunächst schrumpft der Pfad zusammen,
es wird brushy (Pflanzenkontakt, ob man will oder nicht)
und er ist nur noch am Boden wirklich zu sehen.
Der Nadelwald ist hier sehr dicht
und sehr hoch,
bis zu 50 Meter erreichen die ältesten Bäume.
Neben ihnen stehen immer wieder abgebrochene Halblinge;
es sieht schnell nach Urwald aus.
Wären da nicht die kleinen menschengemachten Gimmicks des Trails:
Eine Brücke über einen Wasserfall,
die nur auf einer Seite ein Geländer hat.
Die Bachübersprünge,
die wirken,
als hätte jemand die Steine so angeordnet,
dass es nur einen sinnvollen Weg gibt.
Die halben Baumstämme,
die über sumpfiges Gelände führen,
das allerdings trocken ist.
Und dann beginnt der eigentliche Parcours:
die letzten Reste Schotter liegen hinter mir,
als ich beginne,
den zweiten, deutlich steileren Teil zu betreten.
Waldboden, so weich,
dass man lautlos gehen könnte,
verteilt sich spärlich unter großen, alten Wurzeln
und teils ziemlich großen Steinen.
Stellt Euch die schwierigsten Stellen im Bodetal vor,
die noch unter Wanderweg laufen,
und davon jetzt ununterbrochene ca. fünf Meilen,
immer steiler bergauf.
Es gibt keine Markierungen,
der Weg – lässt sich finden.
Manchmal versteckt er sich so gut,
dass man ihn erst
einen Meter vor seinen Füßen wiederfindet.
Es ist beeindruckend ruhig,
im besten Fall höre ich den ein oder anderen Vogel,
nirgends sind Tiere zu sehen;
Mittagsruhe.
Gegen halb 1 pm erreiche ich den Vorgipfel.
Da der letzte Anstieg
aber noch mal ein Level härter sein soll,
und weil die Alternative der Bergsee ist,
und weil ich in der letzten Stunde
locker schon vier Pausen machen musste,
fällt mir die Entscheidung an der einzigen Wegmarkierung leicht.
Doch vorher überfällt mich noch
das Panorama von hinten,
ich drehe mich um
und schaue auf eine Gipfelkette auf der anderen Seite des Tals.
Mittendrin ein gewaltiger Gletscher.
Ich verstehe, warum die North Cascades
auch gerne mal die „American Alps“ genannt werden,
immerhin bin ich weit über 2.000 Meter.
Das letzte Stück zum See übertrifft dann erneut alles:
Erst geht es genauso steil wie bis eben,
und genauso unwegsam,
nach oben,
nur um dann noch steiler und noch unwegsamer
zum See hin abzufallen.
Das ist eigentlich schon Klettern.
Auf der anderen Seite des Sees erhebt sich aber die nächste grau weiße Bergkette,
und dieses Bild muss ich einfach vom See selbst aus noch einmal sehen.
Unten angekommen verliert sich der Pfad in großen Felsbrocken, die hier am Ufer liegen.
Einer davon, besonders groß und flach,
liegt wie ein kaputter Bootssteg im Wasser.
Fast eine Stunde bin ich hier völlig allein.
Selten habe ich eine Pause so sehr genießen können.
Auf dem Rückweg kommen mir mehrere Wanderer entgegen.
Zwei Pärchen,
ein Dreier Boysclub („What’s goin’ on?!“),
eine einzelne Frau,
die genauso wenig Equipment trägt wie ich.
Alle werden vor Sonnenuntergang
nicht wieder aus dem Wald heraus sein können,
also werden sie wohl am See schlafen,
ich frage mich nur: wo?
Ein entsprechendes Ufer gibt es nicht.

Zum Ende des Hikes
gabs dann als Zugabe
noch ein bisschen unfreiwillige Slapstick,
und dieses Mal nicht von mir.
Vor mir taucht ein einzelner Wanderer auf,
der genauso erschöpft läuft
wie ich mich fühle.
Ich hatte ja eben erwähnt,
dass Waldboden auch deshalb so toll ist,
weil er Geräusche so gut schluckt.
Das wird aber in solchen Momenten zum Problem,
weil der vordere Wanderer
den hinteren Wanderer erst sehr spät hört,
wenn der hintere sich vorher
nicht irgendwie bemerkbar macht.
In jedem Fall ist ein Erschrecken aber eigentlich vorprogrammiert,
und vielleicht war mein Geräusch auch nicht das beste:
Da er meine extra lauten Schritte nicht zu hören scheint,
scharre ich einmal mit der Sohle quer über den Pfad.
Der hoch aufgeschossene, schlanke junge Mann
schreckt mit wedelnden Armen
und einem lauten „Wooohhw“ herum.
Wir müssen beide lachen.
Denn eigentlich hat er alles richtig gemacht:
Genau so soll man
bei Auftauchen eines Bären hinter einem reagieren,
sich groß machen und laut sein.
Das ist die beste Chance, die man hat.
Nur dass ich halt kein Bär oder Grizzly,
sondern nur ich bin.
Er erzählt mir,
vor ein paar Tagen habe er
auf einem anderen Hike
einen Schwarzbären gesehen,
keine zehn Fuß von ihm entfernt.
Ich glaube ihm,
beginne aber zu vermuten,
dass einige US-Amerikaner schnell lügen.
Ich laufe an ihm vorbei.
Mein Camper ist nur noch eine Stunde entfernt,
ich hoffe, dass er noch genauso
neben dem Plumpsklo steht
wie ich ihn zurückgelassen habe.
Schließlich müssen wir noch ausprobieren,
wozu man die 2 bei einem Automatikgetriebe
eigentlich braucht.

Nächstes Beispiel:
Seattle.
Nach einer guten Nacht
in der Sicherheit eines Campingplatzes
mit full hook ups (Strom, (Ab-)Wasser und Wi-Fi)
fahre ich erholt,
aber früh zurück an die Hafenstadt.
Schon 40 Meilen vorher wird der Verkehr dichter,
ständig bringen Zubringer
neue Autos auf die Interstate,
die bald vierspurig ist,
mit einer extra Spur (Express Lane),
für die man Maut zahlen müsste.
Im Vergleich zu den letzten Wochen,
kann man hier schon
von einer relativen Tesla-Dichte sprechen.
Überhaupt, das weiterhin traumhafte Wetter
lässt die Gegend schon irgendwie
wie Kalifornien wirken,
aber wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein.
Dass es aber ständig regnen soll
in Seattle, Dirk,
das will mich gerade nicht überzeugen.
Kurz vor Downtown
wird es dann fahrtechnisch wieder etwas schwieriger,
zumindest unübersichtlicher:
Teilweise stapeln sich vier Highways übereinander,
man kann sowohl rechts als auch links abfahren.
Der Camper, das Navi und ich
cruisen durch sowas aber inzwischen freihändig durch.
Kurz nach Mittag
habe ich das Central (1st Ave)
gefunden,
die erste Bar,
die es überhaupt jemals in Seattle gegeben hat,
die aber nicht nur deswegen
eine der berühmtesten der Welt ist.
Ich bestelle schnell etwas zu essen
und frage, ob es okay ist,
wenn ich auch mit etwas anderem als einem Phone
ein paar Bilder mache.
Die Bartenderin benickt mit einem lächelnden „Sure.“
Bis das Pulled Meat (Chicken/Beef/Pork)
in weichen Weizenbrötchen
und mit scharfen Bohnen fertig ist,
fotografiere ich die Bühne,
die voll aufgebaut ist,
die Wände,
die voller Bilder, Fotos und Plakate hängen,
die Uhr über der Theke,
nur den Eingang der Restrooms
den fotografiere ich nicht,
dafür aber den kleinen Schrein an der Wand,
für Hendrix,
Cornell,
und andere Grungegrößen.
Für Kurt Cobain selbst
gibt es keinen extra Platz an der Wand,
er ist einfach auf jedem fünften Bild mit drauf.
Und ich bin tatsächlich nicht der einzige,
der wegen des ersten Nirvana Konzertes in Seattle,
das genau an diesem Ort stattgefunden hat,
gerade hier rumlungert.
An der Theke trinkt ein Mann mittags ein Bier
und sieht sich an den Wänden um;
als ich fast aufgegessen habe,
tritt eine Familie ein,
Mutter und Vater in fast stiller Andacht,
die Kinder so,
als ob ich mit 15 in die Bar gegangen wäre,
in der die Lieblingsband meiner Mutter mal gespielt hat.
Ja, Dirk,
es hat etwas sehr nostalgisches.
Aber dazu gleich noch mehr.

Weiter runter auf der First Avenue
ist am frühen Samstag Mittag aber mal richtig Betrieb.
Auf einer guten halben Meile,
rings um den Pike Place Market,
ist jeder Tisch besetzt,
die Sidewalks sind so breit wie die Straßen,
es herrscht Weltmetropolenflair.
Unten am Hafen scheint noch mehr los zu sein,
die Menschen schwitzen nicht nur
wegen der ungewohnten Hitze (high 80s).
Nur einen Block weiter,
am Pioneer Square,
sieht Seattle aber tatsächlich
schon ganz anders aus:
Rund um einen kleinen Park,
mit kleinen Snackbars
und einem belebten Spielplatz,
türmen sich Taschen, Beutel und Tüten übereinander,
neben den verelendende Menschen sitzen.
Wäre es nicht so wirklich,
ich müsste es bizarr nennen.
Noch ein paar Blocks weiter,
in Richtung der beiden Mega-Stadien der Stadt,
wird auf offener Straße
von alt aussehenden Menschen Crack geraucht,
in einem Hauseingang liegen blaue Flecken an einem Fußgelenk.
Es ist Nachmittag, Dirk,
in Seattle.

Auf der anderen Seite von Downtown,
am Washington Lake,
dann die nächste völlig andere Welt.
Das schönste Villenviertel,
dass ich bis heute gesehen habe,
erhebt sich über drei bis vier Blocks
auf der Ostseite der zentralen Halbinsel von Seattle,
mit Blick auf den See,
einem Katzensprung bis zur Strandpromenade
und in naher Ferne der weiße Mt. Rainier.

Hier stehe ich dann
im Viretta Park.
Das Haus,
in dem Kurt Cobain
vor guten 29 Jahren
an einer schweren,
sehr wahrscheinlich selbst zugefügten
Schussverletzung am Kopf
gestorben ist,
steht hinter einer meterhohen,
strahlend grünen Hecke.
Die wenigen Giebel und Mauern,
die zu sehen sind,
scheinen eingerüstet zu sein.
Im Park selbst
steht unter einer hohen, einsamen Pinie
ein lange Bank,
die übersät ist
mit Devotionalien:
leeren Zigarettenschachteln,
in Scherben liegenden Weinflaschen,
unbrauchbaren Vinylplatten,
vertrockneten Blumen,
altem Kerzenwachs,
zahllosen Stickern und Graffiti.
Das ist der öffentliche Altar
für den Antihelden des Rock.
Ich habe selten etwas ehrlicheres gesehen.
Auch hier sind weitere Pilger*innen:
Ein Mann in meinem Alter
raucht andächtig
auf der Wiese
zwischen der Hecke vorm Haus
und Kurts Bank.
Eine Familie macht Selfies.
Und durch dieses Bild
laufen dann fünf junge Menschen,
deren Geschlecht
nicht mehr nur nicht zu erkennen,
sondern endlich völlig egal ist,
und die sich für den Park,
das Haus,
die Bank absolut nicht interessieren,
denn 200 Fuß vor ihnen liegt der See,
und es ist Sommer
in Seattle.
Als ich die wenigen Stufen
zurück zu meinem Camper hochsteige,
atme ich tief ein:
In Berlin würde es in einem solchen Park,
so knapp hinter einer großen, öffentlichen Badestelle,
aber mächtig anders riechen.
Nur, so ein Heiligtum
gibt es ja in Berlin auch nicht.

Am Abend stehe ich dann
in einer langen Schlange
vorm Baseballstadion der Mariners,
das nach meinem aktuellen Funknetzanbieter benannt ist.
Vor dem Haupteingang steht wirklich
ein megafonverstärkter Prediger
mit selbstgemaltem Schild,
der die Menschen energisch auf ihre Sünden
und ihre erlösungstechnischen Möglichkeiten hinweist.
Ich betrachte das Publikum,
und wieder fällt auf:
Zwei mal gibt es hier kein Outfit.
Was der Überfluss an Merch
so für Folgen haben kann.
Die Arena selbst ist hypermodern,
hat aber schon gut Patina.
Das gezapfte irische Bier kostet 18$,
dafür kann ich den Becher
aber später so oft mit süßer Brause vollmachen,
wie ich vertragen kann.
Ich bin einer der wenigen,
die alleine hier sind,
die meisten Plätze sind mit Familien besetzt.
Neben mir sitzt eine davon,
die sich in Gebärdensprache unterhält.
Vor dem Spiel wird das Infield
von acht Leuten gewässert,
auf der riesigen Breitbildleinwand
gibt es Fun mit Menschen,
die in Kameras winken,
der Ansager macht pausenlos seinen Job,
über den oberen Rängen
kreisen Möwen
im Sonnenuntergang.
Und dann erheben sich alle zur Hymne,
die von einer jungen Frau
auf dem Spielfeld gesungen wird.
Beim Spiel schauen alle immer
mit einem halben Auge hin,
ansonsten hat man einen guten Samstagabend zusammen,
mit Hotdogs für 10$
und seinen liebsten.
Im Linen Field nebenan
beginnt in dieser Minute ein Soccer Game,
kurz steigt Feuerwerk auf.
Die Mariners verlieren ihr Heimspiel glanzlos (0:6)
an die Tigers aus Detroit,
es wird trotzdem höflich applaudiert.

Als die Massen aus dem Stadion strömen,
und der Verkehr auf den Kreuzungen
von Ordnern mit rot leuchtenden Signalstöcken geregelt wird,
versucht ein weiterer Prediger sein Glück
und liest dabei von seinem Handy ab.
Der von vorhin ist auch immer noch da
und wird mit Sprechchören bedacht:
„No one cares!“
Unweit des Stadions,
auf einem Eventparkplatz
schlafe ich gegen Mitternacht ein,
mit dem Brummen von Straßenverkehr,
dem Schrillen von Zugsignalen
und dem leiser werdenden Heulen von Polizeisirenen.
So ist es in Seattle, Dirk,
in diesem Sommer.

Letztes Beispiel:
The University of Washington.
Am Sonntag Morgen
sitze ich zunächst
vor einem riesigen Apple Store,
der gerade noch auf Vordermann gebracht wird,
schlürfe Starbucks Cappuccino
aus einem Becher, auf dem mein Name falsch geschrieben steht,
und überlege,
wie ich diesen Teil von Seattle beschreiben soll.
Auf einer Fläche,
die mindestens so groß ist
wie die Quedlinburger Innenstadt,
verteilen sich mindestens 150 Geschäfte, Restaurants und Cafés,
alles sieht aus, wie vor weniger als 20 Jahren erbaut.
In den vielen kleinen Gassen und Alleen stehen grüne Bäume,
es ist blitzsauber,
nirgends sind Autos zu sehen
überall gibt es Sitzgelegenheiten,
kleine Parks,
manche mit kleiner Bühne.
Die Boutiquen sind ausnahmslos upper class.
Willkommen in University Village.
Leider sind kaum Student*innen da,
Sonntag Morgen, Summer Holidays.

Nach einer halben Stunde Spaziergang
über das eigentliche Universitätsgelände,
erreiche einen kleinen Yachthafen
am Ufer einer kleinen Bucht.
Im Agua Verde Cafe,
das um halb 11 schon fast voll besetzt ist,
esse ich meinen ersten ernstzunehmenden Burrito.
Am Nebentisch sitzen gut aussehende Männer,
die alle locker zwanzig Jahre älter sind
und die mit Sicherheit
bald auf ein oder mehrere Boote zurückkehren.
Ständig und unauffällig
bedienen bestimmt zehn junge Menschen die Gäste,
Familien im Sommerurlaub
und Student*innen,
die in den Ferien nicht nach Hause gefahren sind.

Zurück auf dem Hauptcampus
höre ich eine junge Frau zu ihren Eltern sagen:
„This looks just like the Harry Potter Library.“
Und damit hat sie Recht.
Das schönste Gebäude auf dem „Red Square“
könnte so tatsächlich auch in Glasgow stehen.
Kurz dahinter,
nur ein paar Stufen einer breiten Freitreppe weiter oben,
liegt dann das eigentliche Herz der Uni:
The Quad,
eine Footballfeld große topgepflegte Wiese,
die von drei Dingen umringt
unter dem leicht bewölkten Himmel schlummert:
Der äußere Ring besteht aus
weiteren Halls (Instituten),
vier Stockwerke hohen, braun gemauerten Palästen
in schönster Neo-Gotik.
Der innere Ring,
der Rand des Rasens,
steht voller uralter Kirschbäume;
im Frühling muss es hier aussehen
wie einem rosaroten Steam Punk-Film.
Ab und an laufen ramdom people
über die ebenfalls braun gepflasterten Wege,
oder sie fahren Fahrrad
oder joggen.
Im Schatten der Bäume
gibt sich ein halb nackter Sportstudent mit weißen Earpods
dem Yoga hin.
Zwei Jungs mit Lacrosse Ausrüstung überqueren eilig den Platz.
Ein junger Mann spaziert barfuß über den Rasen,
dann meditiert er unter einem der Bäume.
Weit und breit
befindet sich keine einzige öffentliche Toilette;
Besucher sind zum Verweil wohl nicht vorgesehen.
Und auf dem mittleren Ring,
zwischen Halls und Bäumen,
ist die Hälfte der vielen großen Bänke besetzt.
Jede davon ist von Alumni der UW gestiftet.
Auf meiner steht:
„In fond memory of
Lee Dirks and Judy Lew
who brought their daughters Esme and Lila
to see the Cherry Blossoms each year
From your many friends at Microsoft Research
and the UW iSchool“

Ich klappe mein Aluminium Notebook auf.
Einen Tag werde ich noch in Seattle bleiben,
nicht nur weil es so beautiful ist,
sondern weil ich mir das so vorgenommen hatte.
Morgen steht allerhand Post-Grunge auf dem Plan:
Die vor wenigen Jahren
ganz kurz mal autonome Zone der Stadt,
ein Tätowierstudio
und am Abend eine Post-Rock Show
einer kleinen Band aus der kleinen Schweiz,
die gestern Abend noch in North Carolina und eben gerade in Atlanta gespielt hat,
also mit dem Flugzeug anreist.
Ihr Name ist Hubris,
und die Ironie darin ist erschreckend klar zu erkennen.
Ach, und Dirk,
dann denke ich auch noch mal darüber nach,
ob ich den Gag mit den zwei Teilen
Deines einsilbigen Namens machen sollte.
Aber weißt Du was?
Fuck being humble!
Welcher Name
besteht zu gleichen Teilen
aus „Dick“ und „Jerk“?

Gut.
Genug rumgestreunt.
Ich suche mir jetzt einen ordentlichen Campingplatz
mit Duschen und sauberen Restrooms,
was nahe Seattle nicht schwer ist.
Die Stadt jedenfalls
ist als Revier markiert;
sollte ich doch noch jemals in eine Metropole ziehen,
dann in diese hier.
Da kann es noch so viel regnen wie es will,
was es übrigens, seit dem ich hier bin,
noch genau null mal getan hat.
Das erste Mal seit fast vier Wochen
fühle ich mich nicht mehr nur
wie ein Fremder unter vielen.

Was eine lustige Parkplatzstory
von gestern Abend (Baseballspiel downtown)
abschließend noch einmal bebildern soll:
Nur eine Fußminute vom Stadion entfernt
betreibt ein Mann mit weißem Rauschebart
einen 24 Stunden Parkplatz.
Als ich mit dem Camper drauf fahre,
kommt er direkt auf mich zu;
er ist sich nicht sicher,
ob ich hier gut stehe.
Ich frage ihn,
ob der aktuelle Preis (Event Night)
von 40$ (plus Gebühren und Steuern)
bis morgen früh gelten würde.
Er antwortet,
es wären ja eigentlich zwei Events.
Kurz bin ich verwirrt,
aber er meint nur,
dass der sonstige Tagespreis (10$)
heute halt nicht gelten würde.
Er selbst aber wäre heute Nacht
wahrscheinlich sowieso nicht hier,
weswegen er so tut,
als hätte er meine Frage gar nicht gehört.
Ich parke noch einmal um,
so dass ich keinen der profitträchtigen Plätze unnötig blockiere.
Wir verabschieden uns mit einem einvernehmlichen Lächeln.
Downtown Resident for the weekend.
Mit eigenem Restroom.

4 Kommentare
  1. Nancy

    Bin jeden Tag gespannt auf den nächsten Blogeintrag!!

    Antworten
    • Mathias

      oh no, no pressure please… I’ll try to keep them coming

      Antworten
  2. tobias

    Mathias das macht so einen Spass das alles zu lesen. Bitte fahr beruflich zukünftig weiter. Dann sind wir auch immer ein bisschen weg.
    Aber das Berlin keine heiligen Orte der Musikgeschichte hat…. tsstsss….

    Antworten
  3. Mathias

    🙂 keine soo heiligen Orte.

    Antworten

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