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Twin Peaks (S9b:Ep14)

von | 2023 | 27. Juli | Die Serie, Staffel 9b - Blister

 

Ey, West Coast!
Ist das dein Ernst?
In San Francisco ist es ausgerechnet
in diesem heißesten
aller bisherigen Julis
aller Zeiten
kalt?

Bis weit über die Küste und die Bay Area hinaus
wird es hier erst am späteren Nachmittag warm,
würde es denn nicht so derbe ziehen.
Aber der Reihe nach.
Heute verbringe ich die zweite Nacht
auf der etwas anderen Version von RV-Park:
Keine Kinder, keine Bänke, keine Feuerstellen.
Nur dicht an dicht stehende Motorhomes
auf Loose Gravel.

Gestern bin ich nach längerer Fahrt
bereits in Berkeley gewesen,
dazu gleich.
Am Morgen bin ich in Manchester (by the other sea)
aufgebrochen,
um mich erneut mit dem Hwy1 zu messen.
Der noch dazu im dicksten Nebel steckt,
also ja eigentlich in den Wolken an der Steilküste,
die ich ebendrum nicht sehe.
Anyways, ich habe mit Lenken genug zu tun
und bin froh,
sowas auch auf nüchternen Magen machen zu können.
Bis Bodega Beach,
wo ich das erste Mal Surfer*innen in den Wellen sehe,
lausche ich einem Talk im Autoradio.
Eine ältere Dame
interviewt einen noch älteren Anrufer,
bestimmt eine halbe Stunde lang.
Das Gespräch ist,
wie man hier sagt:
wholesome.
Die beiden unterhalten sich
über die Nachrichten
und darüber,
wie die Nachrichten
unsere Weltsicht beeinflussen.
Dazu gehen sie unter anderem
auch die aktuellen Feeds verschiedener Outlets durch
und beweisen ein ums andere Mal,
wie schnelllebig und oberflächlich die Presse geworden ist.
Sogar CNN kriegt zurecht sein Fett weg.
Die Lösung sehen beide,
na, wer kommt drauf?,
in der Bildung.
Selbstzufrieden wechsle ich den Sender
und fahre langsam aus dem Nebel heraus:
In den goldenen Hügeln
stehen prächtige Lodges und Villen auf großzügigen Anwesen,
an jeder dritten Abfahrt
wird für Weinverkostungen geworben.
Das einzige, was schlechter geworden ist,
ist die Straße.
Die vielen Baustellen
gibt es nicht umsonst.
Nach bestimmt dreien davon
finde ich am Hafen ein sehr gutes Frühstückssandwich.

Als es auf Mittag zugeht,
fängt die Umgebung noch stärker an zu glänzen.
Die ersten Palmen stehen
an den Grundstücksgrenzen am Straßenrand.
Die Hügel sind kurz davor,
noch goldener zu werden,
die Klippen sind es endlich auch,
da sehe ich von weiter weg die Golden Gate Bridge,
die aber natürlich
noch im Nebel liegt.
Dort schieße ich ein paar unerwartet triste Aufnahmen,
wobei ich den Hoodie mehr als nötig habe.

Ich passiere die Brücke nicht,
sondern fahre weiter nördlich über die Bay,
direkt nach Berkeley.
Und wem das jetzt gar nichts sagen sollte,
dem*der empfehle ich einfach,
sich mal nach „The Strawberry Statement“
(dt.: „Blutige Erdbeeren“) umzuschauen
oder sich an den Film zu erinnern.
Fortgeschrittenen empfehle ich,
mal wieder Foucault oder Marcuse zu lesen.
Dieser Mythos von Universität
sieht im Sommer 2023
auf dem Hauptcampus so aus:
Weniger beeindruckende Gebäude als bisher.
Es sind auffallend viele Highschoolabgänger*innen hier,
die in Gruppen herumgeführt werden.
Und jede Menge Touristen.
Muss spaßig sein,
hier zu studieren.
Als ob man in Quedlinburg wohnen würde.
Ich überlege kurz,
auf den Glockenturm zu steigen,
habe aber mein Gewehr nicht dabei
(dieser schwarze Gag
wurde Ihnen vom Jahr 1968 präsentiert).
Stattdessen schlendere ich zurück zum Camper,
fotografiere unterwegs noch ein paar freshe Plakate
(„The Left is dead! Long live the Left!“),
schaue nach, wie lange ich den da noch stehen lassen kann
und drehe noch eine kleine Fußrunde
durch das direkt angrenzende Viertel:
Telegraph.
Die Eindrücke prasseln im Morsecode auf mich ein,
alles ist wie es zu sein hat:
Der junge Mann
am Eingang zum Recordstore auf der Telegraph Avenue
kriegt die Auge nur sehr mühsam auf.
Auf der Ecke gegenüber
ist ein Peoples Park,
der breite Bordstein steht mit Schachtischen voll.
An einem davon
packt gerade ein Rentner sein Lunchpaket aus,
während sich sein gerade geschlagener Gegner den Kopf kratzt.
Neben einer Litfasssäule stehen vier tibetanische Mönche,
eins der Plakate sagt wörtlich:
Out of Character.
Es wird schnell zu surreal,
und ich gehe zurück zum Camper,
mein Parkticket ist abgelaufen.

Zwei Blocks weiter passiere ich ein größeres Zeltcamp,
nur der Sonnenschein lässt es
irgendwie romantisch wirken.
Noch zwei Blocks weiter:
Eine sehr nice Neighborhood
und frisches Obst am Straßenrand.
Daran schließt sich eine Radstrecke an,
die ich mir mit den Trainierenden teile.
Es geht steil nach oben raus aus Berkeley,
in die Upper Hills.
Dann noch weiter raus,
an Okaland vorbei
bis hierher nach Pleasonton,
auf einen Campground
direkt an einem riesigen Fairground (Großveranstaltungsgelände),
auf dem es offensichtlich viel und oft um Pferde geht,
die Stallungen sind top in Schuss.

Gestern Abend war es im Camper
übrigens schon wieder deutlich wärmer,
als ob ich tatsächlich doch länger schon
nach Süden gefahren wäre.
Heute jedoch ist das schon nicht mehr so,
was ich nicht bedaure,
denn ich den kommenden Tagen
wird es schon auch nachts noch warm genug.
Die einzigen, die sich noch nicht abgekühlt haben,
das sind meine Füße.
Denn vor etwa zwei Stunden
bin ich von etwas zurückgekommen,
das ich so auch noch nicht gemacht habe,
und wobei sich zwei Hauptmotive
mal so richtig näher kommen können:
Eine Stadtwanderung.
Denn San Francisco schreit geradezu danach,
zu Fuß erkundet zu werden.
Aus mehreren Gründen.
Zum Einen ist das wirklich Wandern.
Man läuft keine 10 Fuß mal horizontal.
Entweder geht es steil bergauf
oder steil bergab.
Noch so ein Sinnbild.
Zum Anderen wäre es einfach nur irre gewesen,
mit dem Camper
durch dieses etwas zu luftige Porto der USA zu fahren,
wofür ich der Eingebung
mehr als einmal dankbar gewesen bin.
Außerdem habe ich gestern ein Meme gesehen,
das verkündete,
Pendler und Besucher verbringen mehr Zeit
im Stau als in der Stadt selbst.

Zunächst fahre ich vom Campground aus
gemütlich mit Bus und einer Art S-Bahn
bis in den Norden der Stadt,
nachdem ich mich
durch die fremde Fahrkartenlogik durchgedacht habe.
Was sich gelohnt hat,
denn ich werde direkt kontrolliert,
von drei Uniformierten.

Als erstes durchquere ich dann Chinatown,
wo so früh noch nicht besonders viel los ist,
und ich die Menge der Tourist*innen
nur selten von den Bewohner*innen unterscheiden kann.
Je höher ich komme,
desto stärker mein Verlangen,
meinen Hoodie anzuziehen.
Im Norden winkt Alcatraz.
Dann sitze ich schnell
am unteren Ende der nächsten Berühmtheit,
stärke mich
mit dem ersten Kaffee und Sandwich des Tages
und zähle schon mal
die verschiedenen Sprachen um mich herum.

Liveticker
vom selbst zusammengebastelten City Trail:
Ich sitze in einem Hauseingang
(dem hübschesten, wie ich gleich feststelle)
an der Lombardstreet,
aber wahrscheinlich
sind die Fassaden hier
eh nur Attrappen,
wohnen will hier nämlich
genau niemand:
Gerade quält sich
ein quietsch-pinker VW-Bully
die Straße runter,
aus den Fenstern gucken drei Handys,
es wird gejuchzt,
vor fast jedem Hauseingang
bleiben Menschengruppen stehen,
um sich, und die Lombardstreet,
zu fotografieren
(es ist Donnerstag Mittag).
Eins muss ich zugeben:
Die Straße selbst ist tatsächlich ein Meisterwerk.
Vor allem, wenn man bedenkt,
dass sie nicht nur eine der berühmtesten
innerstädtischen der Welt ist,
sondern auch dementsprechend viel befahren.
Die acht Serpentinen
(roter Backstein,
auf dem der Gummiabrieb der Reifen
eine eigene Fahrbahn bildet)
führen in einem geschätzten Winkel
von 20-25° nach unten
und können auch nur von oben durchfahren werden;
weshalb hier auch die neuesten Bremsen quietschen.
Das schöne an dieser Straße
sind aber natürlich die Pflanzen,
denn zwischen den Serpentinen
steht ein Garten,
den ich schon
von zwei Blocks weiter unten aus gesehen habe:
Rhododendron, Rosen,
Bäume, deren Namen ich nicht kenne.
Gerade gehen zwei Studentinnen vorbei
und bestaunen die Häuser,
die bis auf wenige Ausnahmen eher so na ja aussehen
(da bin ich in der letzten Stunde
schon an deutlich beeindruckenderen vorbeigelaufen).
Und zwar bestaunen sie sie
auf deutsch.
Inzwischen habe ich hier ähnlich viele Sprachen gehört
wie im Yellowstone.
Gerade ist ein Pick-Up vorbeigefahren,
und ich bin schon wieder so was von froh,
dass ich zu Fuß hier bin.
Und ja,
ich höre wahrscheinlich mehr E-Motoren
als Benziner.
Das 21. Jahrhundert
kommt wohl doch auch aus dem Westen.
Und dann höre ich,
wie jemand zu mir sagt:
„Best office ever! For sure dude!“
Work-Life-Art-Balance?
You bet!

Kaum fünf Minuten später
laufe ich die Hyde Street hinunter,
durch Tenderloin:
Fünf Blocks,
durch die ich abends
ganz sicher nicht durchgelaufen wäre.
Das einzige,
das hier an Elend noch fehlt,
ist offener Konsum harter Drogen,
aber ich versuche auch nicht zu auffällig zu schauen,
die Kamera lasse ich durchgehend gesenkt.
In der nächsten Stunde
wird sich das Sinnbild noch mehrfach bestätigen:
In San Francisco
geht es entweder steil bergauf oder steil bergab.
Je höher man steigt,
desto frischer der Wind,
je tiefer man stolpert,
desto düsterer die Blicke.

Auf der Market Street
sind dann auch wieder Touristen.
Und hier wirkt alles wieder
irgendwie zu groß für die Menschen
obwohl es gar nicht wenige sind.
Ich biege bald auf die Haight Street ab,
inzwischen ist es Noon,
die Sonne bricht kurz durch,
ich ziehe den Pulli wieder aus,
stelle fest,
dass ich nichts zu trinken mitgenommen habe,
aber ich bin ja zum Wandern
heute nicht im Wald,
deswegen lerne ich,
dass Hard Seltzer kein hartes Sprudelwasser ist,
denn ich kriege es in einer braunen Papiertüte verkauft,
mittags; super Fettnäppfchen.
Entsprechend gelassen
verstehe ich endlich
das seltsame Verhalten
von US-Amerikaner*innen
an Kreuzungen ohne Ampeln,
denn hier werden sogar die Fußgänger*innen
in dieses Augenkontakt-Nicken Konzept
mit eingebunden.
Auf der Haight Street wird jedenfalls schnell klar:
Was für die Redwoods die Bäume sind,
das sind diese Häuser für San Francisco:
Unglaublich schön.
Und bunt.
Es fehlen nur noch die Regenbögen
auf den Gehwegen.
Das berühmte Haus von Andy Garcia (The Greatful Dad)
hat übrigens eine Besonderheit,
die es von fast allen anderen hier unterscheidet:
Nur zwei Häuser weiter
steht nämlich das exakt gleiche noch mal,
nur in anderen Farben.
In einem Geschäft Ecke Haight Street Ashbury Street
finde ich neben sehr guten Mitbringseln
auch ein sehr lustiges Comic:
„The Idiots Abroad“.
Lustig ist das,
weil ich tatsächlich
auf den vorne auf dem (eingeschweißten) Heft selbst
aufgedruckten Preis (2$) „hereingefallen“ bin,
der richtige war hinten extra etikettiert.

Der Höhepunkt meines City Trails
sind die Twin Peaks,
gleichzeitig auch einer der höchsten Orte der Stadt.
Zwischen den beiden steilen Hügeln
rasen die Wolken durch,
es pfeifen mehrere Füchse,
von San Francisco sehe ich so gut wie gar nichts mehr.
Der Twin Peaks Boulevard ist mir ein Rätsel:
Hier gibt es kein Ziel,
jede andere Straße in der Nähe ist eine Abkürzung,
denn er schlängelt sich nur um die beiden Gipfel
und ist stark becruist:
Der Mulholland Drive von San Francisco.
Ein gutes Viertel des Rundkurses ist dafür gesperrt,
der Asphalt ist mit Grafitti übersäht,
ein paar Jungs fahren Skateboard.

Eine halbe Stunde später
bin ich wieder weiter unten in der Stadt.
In Castro gibt es keine Postkarten mit Fotografien,
nur Regenbögen in allen Varianten
und noch bessere Mitbringsel,
die mir Steine vom Herzen fallen lassen.

Die letzten beiden Meilen
bin ich zwar nicht fußlahm,
aber das Cable Car zurück zum Bahnhof
sieht zu verlockend aus:
Eine Birmingham Electric, 1947.
Warum auch immer,
aber der Fahrer winkt mich ohne dass ich bezahle durch,
die anderen offensichtlich ortsfremden
dürfen fleißig hinblättern.
Nachdem ich dann doch noch gute Postkarten gefunden habe,
finde ich auch meinen Weg zurück,
raus aus der Stadt
und sitze bald wieder in der S-Bahn.

Gut.
Gleich noch eine neue Hiking Unterart klassifiziert.
Ich war übrigens nicht der einzige,
der sich für heute diese Route vorgenommen hat,
unterwegs habe ich einige Leute wiedergetroffen.
Glaube ich.
Der David Lynch in mir jedenfalls,
der hat für heute genug gesehen.
Und deswegen geht es auch morgen wieder
zurück in den Wald.
Denn es soll tatsächlich
noch größere
und noch strangere Bäume geben.
Irgendwo auf der anderen Seite des Valleys.

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