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La La Land 23 (S9b:Ep15)

von | 2023 | 3. August | Die Serie, Staffel 9b - Blister

(The New Temple Missionary Baptist Church, South Los Angeles. 8/1/23)

 

So, jetzt weiß ich endlich sicher,
dass und warum
ich mein Herz
auch nicht
in Los Angeles verloren haben werde.
Im Gegenteil:
Vielleicht habe ich mir sogar
den ein oder anderen Fetzen zurückgeholt.
Mit der Entzauberung der Verklärung
sollte man ja vorsichtig sein,
aber der Realitätscheck
kann nicht ausbleiben.

Mindestens der Lack
ist nämlich ziemlich ab
in Tinseltown.
Also solange keiner
irgendwo eine Profi-Filmkamera draufhält.
Diesen Eindruck
kann selbst das Santa Monica Pier
nicht übertünchen;
dazu dann aber gleich noch einiges mehr.
Aber ja, ja, ja,
Los Angeles ist trotzdem so faszinierend,
wie ich es erwartet habe.
Nur eben nicht in der Art,
in der ich es erwartet habe.
Fakt ist und bleibt:
L.A. ist die allerfilmigste Movie City überhaupt.
Ständig habe ich nicht mehr nur das Gefühl,
das alles schon hunderte, wenn nicht tausende Male
auf Leinwänden oder Schwarzen Spiegeln
gesehen zu haben.
Die Real-Überblendungen jedoch
sind eher schmerzhaft:
Los Angeles ist u.a. auch die dreckigste Stadt,
die ich auf der ganzen Reise gesehen habe.
Wobei ich dazu sagen muss,
dass die Sauberkeit in manchen Städten
aber auch schon wieder verdächtig war.
Dazu kommen unzählige „Unikate“ im Stadtbild,
die vor 30 Jahren
vielleicht noch hip waren,
inzwischen aber groteske Verzerrungen
ihres eigenen Schattens sind;
mehr als einmal bin ich nicht nur ernüchtert,
sondern fast schon lanzartig schockiert.

 

Und auch aus diesem Grunde
vergreife ich mich
pünktlich zum Recherche- und Drehende
gerne noch mal im Stil.
Das folgende Drehbuch
kann mein zukünftiger Verlag
ja dann gerne
als Bewerbung für Hollywood verwenden.
Da werden wohl neue Autoren gesucht,
erzählt man sich hier;
wahrscheinlich.

 

 

Some Twenty and Whatnot Hours in Tinseltown

(Short Documentary / 20-25 min)

 

It’s the end of July
and it’s the start of August 2023.
The place is So Cal.
The days are Monday and Tuesday.

There is one camera
collecting shots all the time.

No artificial Lighting.

No Sound.

No Story.

But Music
(almost all up to production, see lyrics at the end).

And a Voiceover
(german/english subtitles)
(cast pitch: Daniel Brühl).

 

 

Filming-Locations/Scenes
(sunny throughout)

 

Act I

Monday

01 – Acton
(Campground, Trailerpark)
7-9 am

02 – Santa Clarita
(Starbucks)
9-10 am

03 – Calabasas East
(Entrance of some Gated Community)
11 am

04 – Bark Park
(Calabasas West, and up hill)
12 am

 

Act II

still Monday

05 – Reseda/Encino
(Mulberry Street, Encino Park)
1-2 pm

06 – Hollywood Reservoir
2 pm

07 – Hollywood Boulevard
3-5 pm

08 – Santa Monica Boulevard
5-6 pm

 

Act III

still Monday

09 – Santa Monica
(Pier, Beach)
6-7 pm

10 – Some Movietheater
(50 seats, all sold but the front row)
8-10 pm

11 – Mulholland Drive
(Night Shot)
11-12 pm

 

Act IV

Tuesday

12 – South Los Angeles
(The New Temple Baptist Missionary Church – inside/outside)
11 am

13 – Staples Center
(some parking lot, all the monuments, Fan Store)
1 pm

14 – Malibu
(Beach, Pier, Village, Canyon)
3-5 pm

15 – Acton
(Campground – outside, Camper – inside; Night shot)
after sunset

 

 

01

Die offene Tür des Campers.
Füße in Sandalen.
Die Sonne dicht über den Hügeln.
Eine Kaffeetasse auf der Sitzbank,
daneben eine Schachtel Zigaretten
und ein aufgeklapptes Notebook
(Detail: kein Wi-Fi).
Eine Frau führt ihren Hund im Kreis um den Dog Park.
Die meisten Trailer stehen offensichtlich
schon mehr als ein paar Tage hier.
Das KOA-Schild an der Straße ist überklebt.
Ansonsten ist niemand zu sehen.
Vor den Hügeln fährt ein Zug vorbei (Metrolink).

Voiceover:

Den Camper nehme ich mit. Die Leute hier scheinen okay zu sein, aber. Hoffentlich stehe ich nicht zu lange im Stau; L.A. soll ja the worst sein; der Tag wird sich auch so schon länger anfühlen als die meisten bis jetzt. Aber wenn schon, denn schon.

 

02

Zwei Daumen tippen
und wischen
auf einem Handy,
das Notebook steht aufgeklappt
auf dem Tisch eines Diners.
Daneben ein kalter Kaffee
in einem Plastebecher.
Drinnen ist es so gut wie leer,
hinter dem Tresen
arbeiten fünf junge Menschen,
zwei davon tragen Headset.
Draußen rauscht in einiger Entfernung
der Verkehr auf dem Highway vorbei,
und Autos befahren und verlassen den Parkplatz
wie Drohnen vor einem Stock.

Voiceover:

Hey Voiceover, sonst bist du doch auch immer so redlesig, jetzt sag schon: Soll das wirklich der Plan für meinen allerersten Los Angeles Besuch sein? In der Reihenfolge? Nicht vielleicht doch ein Touch too much? Was? Ach ja, stimmt, es geht ja um Los Angeles. Too much ist da ja wohl der default mode.

 

03

Der Camper
steht in einer Schlange
vor einem weißen Tor.
Die Hecken sind hoch.
Der Fahrer schaut verwirrt auf sein Handy.
Es geht langsam voran,
jeder muss sich ausweisen.

Voiceover:

Hier kann es nicht sein. Google Maps hatte wieder mal seinen täglichen Aussetzer. Ich werde umdrehen müssen. Aber wohin dann?

Der Pförtner schreibt etwas
auf einen Zettel
und reicht ihn in den Camper.
(Detail: „Bark Park“)

 

04

Ein eingezäunter Dog Park,
dahinter erheben sich Hügel.
Einige Rentner schauen
ihren Hunden beim Spielen zu
und unterhalten sich
im Schatten der Bäume.
Links neben dem Park
schlängelt sich ein kleiner Pfad in die Hügel.
Nirgends ist ein Schild zu sehen.

Voiceover:

Hier wird es irgendwo sein.

Mitten in den Hügeln
steht ein Holzkreuz,
das ein Basketballjersey trägt.
Davor liegen einige Blumen
und kleine Fanartikel in purple and gold.
Ein einziges Foto
zeigt zwei der hier Verstorbenen.
Die Absturzstelle ist noch zu erahnen.
Ein Jogger läuft vorbei.

 

 

Act II

 

05

Eine Pizzeria an der Mulberry Street,
der Camper direkt davor.
Gegenüber im Park werden Bälle geworfen,
Familien essen auf Bänken,
Ferienkurse spielen Socialising Games.

Voiceover:

Strange irgendwie, dass ausgerechnet Daniel LaRusso und John Connor hier gewohnt haben.

Im Inneren der Pizzeria:
die Wände sind übersät mit Filmplakaten
(sehr exquisite Hollywood-Auswahl)
und gewidmeten Autogrammkarten
(ebenfalls sehr exquisite Auswahl).
(Detail: Der kleine Gangster aus Home Alone)
Der Pizzaboden ist zwei Daumen dick,
Tomatensauce gibt es nochmal extra dazu.
An dem Glas voller Eiswürfel und Cola
laufen Tropfen hinab.

Voiceover:

Hmm. Pizza.

 

06

Ein enger Turnout
am Ende einer kurvigen und steilen Straße,
Die weiterführend für Autos gesperrt ist.
Zwei Frauen stehen
auf der sich anschließenden Staumauer
und fotografieren.
Auf der anderen Seite des Sees
steht Hollywood
in blank geputzten und frisch weiß überstrichenen Großbuchstaben
auf dem Hügel.

 

07

Die Kamera schaut nur nach unten,
verweilt auf jedem zehnten Stern,
Namen und Legenden liegen im Asphalt.
Die Kreuzung ist überlaufen mit Menschen,
die sich für den nächsten Walk entscheiden müssen.
Die Kamera schaut langsam auf.
Eine endlose Souvenirmeile.
Portraitzeichner alle zwanzig Fuß.
Nur wenige Meter weiter unten
mitten auf dem Boulevard
liegen Elend,
Verzweiflung,
Trostlosigkeit
und zerbrochene Träume
neben und zwischen
den Touristen,
Händlern
und Ganoven.

Voiceover:

Hollywood ist tragisch geworden. Oder war es wohl schon immer. Nicht mal Passolini hätte das hier einfangen können, nicht mal in den 60ern. Wer putzt eigentlich die Sterne? Und warum nicht alle gleich gut? Und überhaupt, gehen die Leute auf der Straße eigentlich absichtlich so langsam?

 

08

Ein zehn Meilen langer Stau
auf einem drei- bis vierspurigen Highway,
der nur durch die grünen Wellen
für jeweils ein paar Sekunden in Bewegung kommt.
Ellenbogen und Unterarme schauen aus Autofenstern.
Auch auf der Gegenseite geht es kaum voran.

Voiceover:

Wo sind meine Zigaretten? Warum habe ich mich vor dem Verkehr in L.A. eigentlich gefürchtet? War doch klar, dass es die ganze Zeit verstopft ist. Was braucht es eigentlich für einen Smogalarm?

Ein Parkplatz neben einem Kino,
das Schild verspricht 25$ Maximum,
zum Strand sind es drei Minuten zu Fuß.
Die Straßencafés und Bars sind voll besetzt,
Menschen laufen über die Straße,
die Autos fahren langsam.
Die Seitenstraßen sind sauber.

Voiceover:

Sobald ich aus dem Auto steige, riecht es nach Gras. Fast überall. Bis zum Film habe ich noch zwei Stunden. Wenigstens das Pier soll ja so schön sein.

 

 

Act 3

 

09

Ein junges Paar
sitzt im Schatten eines der Häuser
auf dem Pier;
er dreht.
Die Kamera versucht
in der Menge
Mehr- oder Minderheiten zu unterscheiden
und scheitert.
Riesenrad,
Achterbahn,
Autoscooter und Megaschaukel
begrüßen das kurze Abendlicht.
Am Ende des Piers
hängen die Angeln von der unteren Etage.
Auf dem Oberdeck
spielt ein Stoner
Stonersolos auf bekannte Harmonien.
Der Wind zersaust Haare,
Mützen werden festgehalten,
Kapuzen werden aufgesetzt.

Voiceover:

Noch am Ende des Piers lagen Menschen neben ihrem Hab und Gut und haben wenigstens mal nicht unter der Brücke versucht zu schlafen. Und ich sitze hier, am Ende vom Pier, neben dem Mülleimer, versuche darüber zu schreiben und mich dabei nicht schlecht zu fühlen.

Unten am Strand,
zu beiden Seiten des Piers,
ist Normalbetrieb:
Viele Menschen verteilen sich
auf sehr viel Sand.
Auf der Promenade fahren keine Autos,
nur Fahrräder, Skate- und Longboards
und Rollschuhe.
Rettungsschwimmer*innen
machen Rettungsschwimmsachen:
Menschen aus der zweiten Welle zurückpfeifen,
mit der roten Boje Zeichen zum nächsten Turm senden,
posieren für die wenigen Touristen,
mit dem Fernglas Strand und Horizont abchecken.
Ab und an ziehen Verkäufer*innen mit einem Wagen vorbei,
Stände sind verboten,
das Rauchen auch;
es ist unglaublich sauber.
Weit über dem Strand schweben Helis.
In zwei Stunden wird es dunkel sein.
Eine Familie prägt den jüngsten um:
Der Toddler erschreckt sich
auf dem Arm seiner Tante
vor der Kraft der Wellen.
Die anderen kommen alle langsam auf ihn zu
und stecken ihn mit Lachen an.
Es funktioniert,
aber „nochmal“ will er noch nicht.

Voiceover:

Wo is sie denn, die erwartete Künstlichkeit?! Gibt es die hier jetzt schon weniger als gedacht? Wie seltsam, dass die Schönheit sich doch noch durchgesetzt hat, zumindest hier.

 

 

10

Der Kinosaal
verfügt über 45 unfassbar bequeme Sessel.
Bis auf die in der ersten Reihe
sind alle besetzt.
Es wird während des Films geklatscht
(auch am Ende)
und sehr viel erleichternd gelacht.
Am Ende des Abspanns
sitzt nur noch ein Pärchen
in der letzten Reihe.

Voiceover:

That must be it: Die Wiedergeburt (oder das Ende) des Kinos (wahrscheinlich aber wieder beides gleichzeitig). Das Ende (oder die Wiedergeburt) des Patriacharts. Oder nur ein weiteres Sommerspektakel. Aber war das da gerade wirklich der Strand genau hier um die Ecke?

 

11

Die Kurven sind eng,
die Laternen spärlich.
Die Turnouts alle besetzt.
Im Dunkel
erkennt die Kamera
keine Gesichter.
Die Lichter der Stadt
glühen wirklich bis zum Horizont.

Voiceover:

„Hollywood is under me…“ Hey, Voiceover, don’t be scared!

 

 

Act IV

 

12

Die Sidewalks sind oberflächlich gefegt,
der Müll liegt vor den Fassaden und unter den Bänken,
auf denen niemand schlafen darf.
Die Menschen bewegen sich langsam,
einige gehen sehr gebückt.

Voiceover:

Der einzige weiße weit und breit.

Die Kirche scheint verschlossen zu sein.
Dann wird die Tür geöffnet,
eine alte Dame
lässt den Pilger ein.
Der große Raum ist leer,
das Gemälde hinter dem Altar
nur leicht verblichen,
das Schlagzeug steht,
als ob es gestern gespielt wurde.

Voiceover:

Nein, Voiceover, ich höre kein Echo hier. Niemand tut das mehr. Nur drei bis vier mal im Jahr verschlägt es jemanden hierher, der/die nicht am Sonntag zum Gottesdienst geht und/oder nicht hier um die Ecke wohnt.

 

13

Das Staples Center heißt jetzt anders.
Die Statuen stehen noch.
Bis auf eine.
Die Parkplätze sind halbleer,
heute ist hier ausnahmsweise
keine Veranstaltung.
Die Wächter versuchen trotzdem
60$ für zwei Stunden zu nehmen.

Voiceover:

Abzocke, dein Name ist also auch L.A. Hätte es doch ein Austin Reaves Jersey gegeben, dafür hätte ich sogar zu viel bezahlt.

 

14

Rechts des Piers
werden die ewigen Wellen geritten,
die heute aber flach sind.
Rechts davon
trauen sich auch die letzten ins Wasser,
der Ozean scheint lauwarm zu sein,
die Brandung ungefährlich.

Voiceover:

Endlich.

Das Village ist gut besucht,
die meisten schauen nur,
in den Schaufenstern stehen nirgends Preise.

Voiceover:

Sylt, reich und schön und jung zu sein is auch hier ganz schöner Druck.

Die Straße durch den Canyon
glänzt fast zu sehr wie die Felsen.
Die Stoßstangen blitzen
im Abendsonnenschein.

 

15

Die Tür des Campers steht noch offen,
drinnen ist noch Licht,
der Rest des Campgrounds
liegt in Dunkelheit.
Unter dem Vollmond
glimmt eine letzte Zigarette.

Voiceover:

Ein Bett, ein Bett, ein ganzes tragisches Königreich nur für ein Bett! Muss auch nicht mal King Size sein.

 

 

 

So,
Los Angeles,
ich nehme mein Herz
also heile wieder mit,
und du brauchst nicht behaupten,
du hättest es nicht wenigstens versucht.
Ich lass dir auch was da,
allerdings in New York:
Die Nachrichten am Mittwoch Abend im Hotelbistro
kennen nur ein Thema:
Zur Primetime wird auf den Donnerstag eingestimmt.
Donald Trump wird zum dritten Mal
innerhalb von vier Monaten angeklagt.
Inzwischen drohen ihm bereits 700 Jahre Haft.

Und ich verabschiede mich auch wieder
von der großen Freiheit.
Der Camper ist sauber und ordentlich
wieder bei seinen Besitzern
(der kaputte Seitenspiegel war kein Thema),
ich weiß jetzt,
warum ein Hilton Hotel auch angenehm sein kann
(obwohl ich mich direkt auf den Fluren verlaufen habe)
und habe meine allerletzte Fahrt in den USA
natürlich nicht mit irgendwem unternommen,
sondern mit Jeff, einem Uber Driver.
Der aber eigentlich mal was ganz anderes gemacht hat.
Nämlich Fotos
auf Konzerten.
Damals, Ende der 80er, Anfang der 90er,
auch in West-Berlin,
bei Pink Floyd.
Während der Fahrt zum Hotel
zeigt er mir dutzende Fotos,
als ob ich danach gefragt hätte.
Auch eines von der Villa
zu der er im Anschluss fährt,
die seinem Freund gehört,
einem Milliardär,
der aber total nett sein muss,
denn er lässt Jeff da gerne wohnen.
Ich glaube ihm alles.
Warum auch nicht?

Aus dem Zimmerfenster
schaue ich dann direkt auf den Pool,
Flugbegleiter*innen versuchen
ihren Feierabend zu genießen.
Die Dusche ist kaputt,
der Lampenschirm hängt
beim dritten Blick
auf halb Neune.
Sehr bald schließe ich
ein letztes Mal
in den USA
die Augen
und warte
auf die nächsten Träume.

 

„Your eyes are burning
holes through me.
I’m not scared.
I’m outta here.

I’m not scared.
I’m outta here.“

(R.E.M.: Electrolite. 1996)

 

… and that,
my friends,
is a wrap!

 

 

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