(„In stillem Gedenken“ – Quedlinburg, Anfang November 2023)
„Es erscheint heute schon so weit entfernt, aber es gab ein paar Monate im Jahr 2020, vielleicht ein halbes Jahr, da gab es einen weit verbreiteten Glauben daran, dass die Pandemie ein Katalysator sein könnte für einen großen Teil der strukturellen Änderungen, die unsere Gesellschaften kollektiv aufgeschoben und vermieden hatten. Viele von uns ließen sich dazu hinreißen, davon zu träumen, dass die Leere unserer Highways, die Atempause von den Flugzeugen für unsere Himmel, und all das Gerede darüber, nichts mehr als uns gegenseitig zu vermissen, wirklich zu einem sinnvollen Wandel darin führen würde, wie wir leben wollten, wenn die Pandemie ihren Schrecken verloren hatte. Das waren die Wochen, in denen so viele von uns Arundhati Roys Essay „Die Pandemie ist ein Portal“ geteilt, kommentiert und gepostet hatten, und wir stellten uns vor, dass eine globale Katastrophe uns irgendwohin bringen könnte, wo es nicht nur anders sondern besser wäre.“
(Naomi Klein: Doppelganger. 2023. – Ü.d.A.)
Remember,
remember!
The 5th of November!
Endlich kann ich mal
eine Episode so einleiten!
Der erste Sonntag
von #DieDoppeltenZwanziger,
der auf die Bonfire Night fällt,
wird auch hier in der Provinz
mit einem Feuerwerk der Farben begrüßt,
allerdings geräuschlos;
die Laubblätter in und um die Stadt
erinnern brutal schön
an die Vergänglichkeit.
Also,
erinnern wir uns,
denn es ist nun mal November,
der (deutsche) Erinnerungsmonat,
der beginnende Abschied vom Jahr
und von der Vergangenheit.
Das Problem daran ist aber,
seit nun einigen Jahren schon,
dass niemand mehr weiß,
woran er*sie sich denn nun
eigentlich, also wirklich erinnern soll,
denn die Datenmenge
ist ja selbst für das
(ziemlich große) Internet zu groß,
sonst müsste das ja nicht ständig wachsen…
Und schon wieder
macht mich das schiere Chaos
der Gegenwart
sprachlos.
Und immer wieder
ist meine einzige Verteidigung dagegen
das geschriebene, stumme Wort.
Hier,
auf der untersten Ebene
der Metaautofiktion,
in der Gegenwart,
in der Wirklichkeit,
in der Ernsthaftigkeit,
im Leben,
am Schreibtisch,
da kann ich es hören,
das ohrenbetäubende Beschweigen
des Untergangs.
Denn es stimmt doch,
woran Naomi Klein (the good one)
sich da erinnert:
Von heute aus betrachtet
war die Zeit nach der Ersten Welle,
nach dem ersten Schock
(der erste Winter)
echt eine ziemlich gute.
Alle waren erwacht
(die einen so, die anderen anders),
allen wurde die Verletzlichkeit des Systems klar,
alle hatten Ideen
von einem besseren „Danach“.
Nur einige Monate früher
dachten wir ja noch,
die Welt geht wirklich endlich unter,
aber als die meisten die Situation akzeptiert hatten,
keimte sofort
wieder Hoffnung auf.
– Drei Jahre später
ist nichts besser geworden.
Gar nichts.
Es ist schlimmer als jemals zuvor.
Wem das
nicht die Sprache verschlägt,
der*die hat entweder
ein schlechtes Erinnerungsvermögen,
oder sie*er hat keinen Sinn
für den Ernst der Lage.
Und so kurieren
und therapieren
wir alle unsere
kollektiven
(post-)traumatischen
Belastungsstörungen,
deren Symptome
besonders in ihrer Hochherbstvariante
inzwischen allen auffallen müssen:
Kommunikationsstörungen,
Sprachstörungen,
Erschöpftheit,
Augenringe,
Eskapismus,
Denialism.
Zusätzlich belastend ist auch,
dass wirklich alle wissen,
dass alles ganz schön beschissen läuft,
die Weltlage lächerlich
ernster nicht noch werden kann,
aber:
Wir allermeisten
können nichts dagegen machen,
außer unser Leben gut zu leben,
Petitionen zu unterschreiben,
bewusst zu konsumieren,
zu wählen oder uns wählen zu lassen,
schlaue Bücher zu lesen,
schlaue Serien und Filme zu schauen,
uns kritisch zu bilden,
uns kritisch zu engagieren,
kritisch zu spenden
kritische Blogs zu schreiben,
kritisch auszuhalten,
kritisch weiter zu machen.
„It all would be so ridiculous
– if it weren’t so serious.“
(s.o.)
Oder eben mal ganz (un-)kritisch
nicht weiter zu machen.
In diesem Sinne
teasere ich hier schon mal eine
vielleicht längere Pause an;
der Dezember und ich
wollen in diesem Jahr
dann mal ohne die Chronik auskommen.
Ernsthaft.
Aber bis dahin
werden noch einige Wochen vergehen müssen,
in denen ich versuchen werde,
den Anschluss nicht völlig zu verlieren,
oder wenigstens nicht vollständig im Eskapismus
zu verschwinden.
Aber auch der erscheint dieser Tage
bloß nur noch
als der coolere Doppelgänger
des Denialismus
aka Leugnung.
Und wer weiß,
vielleicht sind ja auch die Kriege
nur eine Form der kollektiven Leugnung
einer gemeinsamen Zukunft,
die niemanden unbeschadet lässt,
wenn es die Gegenwart nicht bereits tut.
(Für später dazugekommene,
oder zukünftige,
oder interessierte Leser*innen:
Denialism/Leugnung
ist der neuesten Definition zu Folge
eine Form der Schockverarbeitung,
bei der die eigentliche Bedrohung
(z.B. Klimakatastrophe)
durch eine noch viel größere,
ebenfalls selbst heraufbeschworene Bedrohung
(z.B. Weltkrieg)
ersetzt wird.
Und, was braucht man zum Heraufbeschwören?
Richtig, Bücher:
„The bible says
that there is a time for peace
and a time for war.
This is a time for war.“
(Netanyahu, 30. Oktober 2023)
In die Wirklichkeit übersetzt
heißt das,
Stand heute:
10.000 Tote
nach vier Wochen Gaza-Krieg.
Seit einigen Tagen sterben
die ersten Frontsoldaten,
in jeder Stunde
fallen 42 Bomben
auf ein Gebiet,
das nicht mal halb so groß ist
wie Berlin.
Immer öfter bricht die Telekommunikation zusammen,
dann erreichen uns wieder Bilder,
das zu Staub bombardierte Flüchtlingscamp Dschabaliya,
das auch eine Hamas-Zentrale war.
Weltweit fordern Milliarden Menschen eine Feuerpause,
viele südamerikanische Staaten
brechen ihre diplomatischen Beziehungen zu Israel ab,
sogar Joe Biden bettelt:
„Wir(?) brauchen eine Pause.“
Gaza-Stadt ist vollständig umstellt,
Fluchtkorridore sind eingerichtet,
die Tagesschau nennt
den beginnenden Tunnelkrieg
„eine besondere Herausforderung“.
Der Iran hat „alle Optionen auf dem Tisch“
und selbst Yad Vashem findet,
der „Judenstern“ beim UN-Botschafter
ist eine Schande.
Und in Deutschland wird doch noch
die Hamas verboten,
während das Solikonzert
in den Neinstedter Anstalten
folgendes Motto hat:
„Liebe als Antwort auf Hass“.
Ich denke,
auf dem Ohr
ist nicht nur Netanyahu
gerade ertaubt.
Und dann, endlich, spricht endlich mal einer
ein paar halbwegs vernünftige Worte,
und wird dafür tagelang abgefeiert,
obwohl sich die meisten
wohl eher so gedacht haben dürften:
Ach nee?
Echt?
Man kann und muss
auch in Ausnahmesituationen
mal differenzieren?
Donnerwetter!
Was für eine Haltung!
Immerhin hat Robert Habeck
mal das gemacht,
was er von anderen erwartet,
nämlich differenziert.
Drei Wochen hat das Team
also an dieser Rede gefeilt.
Aber viel was besseres
hätte ein deutscher Spitzenpolitiker
(immerhin Vize-Kanzler)
eben nicht abliefern können.
Trotz aller deeskalierenden Absicht
sind Novemberpogrome aber weiterhin
nicht ausgeschlossen.
Heute,
zu Allerseelen,
dem ersten von vielen
Trauer- und Gedenktagen im November,
gab es zur Ablenkung
vom Krieg
ein international beachtetes Familien-Geiseldrama,
denn der Vater hatte sich den Hamburger Flughafen
als Ort für seinen Wahn auserkoren.
Den ganzen Tag über
hielt die Welt
mal wegen etwas anderem den Atem an.
Und, Gott sei Dank,
wurde dabei wenigstens
mal keiner erschossen.
Kriegsprotokoll. Schreibtisch. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe. Woche 87.
Stellungskrieg? Bewegungskrieg? Hurra! Der zweite Kriegswinter beginnt. Montag: Luftalarm über der Zentralukraine, Explosionen in Cherson, Odessa und um Kiew. Die Krim wird ebenfalls angegriffen. Selenskyjs Wohnung auf der Krim wird versteigert. Die antisemitschen Ausschreitungen in Dagestan seien durch Ukrainer und westliche Geheimdienste provoziert worden, sagt Putin. Selenskyj sieht dabei eher einen Kontrollverlust Russlands. Dienstag: Selenskyj: „Mittlerweile werden die kolossalen Leistungen unseres Volkes, aller unserer Soldaten, einfach als gegeben angesehen. Der Erfolg der Ukraine im Kampf um das Schwarze Meer wird in die Geschichtsbücher eingehen, auch wenn das derzeit nicht mehr so oft diskutiert wird.“ Die UN stellt fest: 18 Millionen Ukrainer benötigen humanitäre Hilfe. Mittwoch: Luftalarm über Sewastopol. Dann: Größter russischer Angriff seit Jahresbeginn, 118 Städte in 10 Regionen. Boris Pistorius verlangt von den Deutschen, wieder wehrhaft werden zu müssen. Der ukrainische Oberbefehlshaber Saluschni sieht die Gefahr eines Stellungskrieges (jetzt erst?) und fordert die weitere Aufstockung der Truppen. Donnerstag: Papst Franziskus will sich nicht an den Krieg gewöhnen. In und am Awdijiwka nichts Neues. Die russische Armee rückt weiter auf Wuhledar vor, auch Cherson wird weiter beschossen, in Charkiw werden weitere Kinder zwangsevakuiert. Selenskyj lobt die „Macht der Sanktionen“. Freitag: Der Beschuss von Charkiw wird fortgesetzt, in zehn weiteren Regionen arbeitet die Luftabwehr die ganze Nacht. Awdijiwka wird weiter belagert. Kuleba trifft sich mit Rhein-Metall in Berlin. In Cherson schlagen russische und ukrainische Raketen ein. Die USA beschließen Militärhilfen, dieses Mal im Wert von 425 Millionen Dollar. Samstag und Sonntag: Von der Leyen besucht Kiew und macht erneut Aussichten auf EU-Beitritt. Die Krim wird mit Raketen angegriffen, ein russisches Kriegsschiff wird getroffen.
So.
Gefühlt bin ich erst bei der Hälfte der Episode,
aber schon wieder so sehr
aus der verstummten Puste,
dass zunächst nur noch die zynische Verkürzung
aller anderen Entwicklungen
möglich ist.
Wie sich das für diese
gegenwartsliterarische Möchtegern-Farce hier
nun mal gehört.
Am besten geht das
immer noch in den USA.
Und von dort
wird auch immer noch die mögliche Erlösung gepredigt,
nur eben von den falschen Leuten:
„The great awake from woke has happened.
This is a good for civilization.“
(Elon Musk)
Die wirkliche „Migrantenkarawane“,
die sich gerade aus Südmexiko
auf den Weg gemacht hat,
wird an der Wall darben,
darüber braucht schon niemand mehr diskutieren.
Oder über das nächste Level
der Opioidkrise,
das dieses Mal
Xylazin heißt.
Ein Hardcoreschlafmittel auf Opiumbasis
und eigentlich aus der Veterinär-Anästhesie („Tranq“)
lässt Ketamin wie Baldrianbonbons aussehen
und verursacht schon nach kurzer Zeit
hässliche Entzündungsnarben
am ganzen Körper,
weswegen es natürlich „Zombiedroge“ genannt wird.
Wie passend,
leugnen Zombies doch
ihren eigenen Tod.
Und apropos:
Donald Jr. und Eric Trump
standen gerade vor Gericht.
Aber bevor ich im Darknet nachschaue,
ob es nicht doch noch
was noch krasseres
zum Abschalten gibt,
rette ich mich in die
zumindest relative Belanglosigkeit
der deutschen Innenpolitik,
denn die gibt es ja
zu allem Übel auch noch.
In den eigentlich ja bereits einstimmigen Chor
der Abschiebefans
mischt sich jetzt auch endlich CDU-Hopeful
Hendrik Wüst
und darf dann auch gleich das fordern,
für das sich die anderen noch zu schade sind.
Asylanträge sollen am besten gleich
außerhalb von Europa gestellt werden.
Da fällt dann auch gleich
der Bürokratieaufwand weg,
und nichts hasslieben Bürokraten so sehr
wie abgebaute Bürokratie.
Vor dem Büro des Kanzlers
kam es in dieser Woche denn auch
zu ernsthaften Rangeleien.
Der Kanzler ist unbeschadet,
statt seiner hat sich Polizei mit der Letzten Generation geprügelt.
Als Aufreger/Ablenkstory aber mehr als günstig,
da bleibt weniger Platz
auf den Medienportalen
für das mysteriöse Verschwinden
irgendwelcher Cum-Ex-Laptops.
Was niemand mehr lesen kann,
darüber wird geschwiegen.
Und damit dann zurück
zur aktuell massiv um sich greifenden Sprachlosigkeit,
die ja aber vielleicht auch Hoffnung
auf einen, wenn schon nicht guten,
so doch wenigstens
leiseren Winter macht.
„Warten auf den Regen und den Sturm. Der Wetterbericht klingt ominös: ‚Es beginnt ein Starkregenereignis, wie es selten vorkommt.‘ Diese Vorhersage der meteorologischen Abteilung des Österreichischen Rundfunks könnte ein Kommentar zur Weltlage sein. Ich habe mich eingeigelt. Schöne Musik spielt gegen Gefühle an, die ich nicht haben will, aber habe. Angst, Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Wut, Verachtung. (…) Ich verliere meine Sprache. Das also steckt hinter der Phrase, man sei sprachlos. Mit jeder unverschämten Unsäglichkeit atrophiert meine Fähigkeit, Sinnvolles zu sagen oder zu schreiben. Zwei bei mir bestellte Texte habe ich abgesagt. Mir fehlen nämlich die Worte. Ich warte auf das ‚Starkregenereignis, wie es selten vorkommt‘.“
(Bernhard Torsch. Facebook. 2. November)
Dieses „Starkregenereignis“
heißt übrigens Ciarán
und hat in den letzten Tagen
über Europa getobt.
Tote in mehreren Ländern,
biblische Verwüstungen,
die es in keine Newsfeeds mehr schaffen.
Ebenso wenig wie
das Erdbeeben in Nepal,
das wieder mehr als 100 Menschen
das Leben genommen hat.
Wohl an denn,
die Episode hat ihre letzte Pointe erreicht.
Denn wer dachte,
ich dokumentiere hier
nur mein eigenes Doomscrolling,
um mich nicht
mit irgendwas anderem beschäftigen zu müssen,
dem*der sei gesagt:
Haste gedacht!
Denn Doom-Scrolling
ist jetzt schon
aber so was von 2023!
Es gibt zwar keine Alternative,
dafür aber eine alternative Perspektive.
Und die heißt:
Hope-Questing!
Wo bitte sonst,
als unter all den lächerlich ernsthaftesten Nachrichten
sollen sich denn die ernsthaft guten Nachrichten
noch finden lassen?
Und vielleicht gibt es solche ja auch bald wieder
abseits der unverwüstlichen Klassiker der Zuversicht
in diesen Zwanzigern:
Basketball und Musik.
Diese NBA-Saison dürfte wohl
eine der spektakulärsten aller Zeiten werden,
wie jedes Jahr,
weil NBA eben.
Die Liga macht endlich ernst:
Es gibt jetzt einen zweiten Pokal zu gewinnen,
einen NBA-Cup sozusagen.
Maximal kompliziert in den normalen Spielplan eingewoben
wird das „In-Season-Tournament“ ausgetragen,
wobei diese Spiele quasi doppelt zählen.
Herrlich.
Noch mehr Action.
Der erste „Battle of L.A.“ jedenfalls
war dabei natürlich historisch.
Overtime!
Austin Reaves.
Coldblooded.
Fan-Herzen stehen ernsthaft in Flammen.
Wie ebenfalls die Herzen
aller ernstzunehmenden Musik-Fans
der letzten 70 Jahre:
The Beatles veröffentlichen
ihren letzten Song,
sogar die KI durfte dabei eine hilfreiche Rolle spielen,
und das dazugehörige Video ist tatsächlich
lächerlich schön.
Lennons Stimme
schallt aus der Vergangenheit
und leiht allen gebrochenen Herzen
ihren Klang.
„And now and then,
if we must start again,
well, we will know for sure
that I love you.“
(The Beatles. 1979/2023)
Die Hoffnung bleibt sich also treu.
Und die Worte,
weil bislang ungesprochen,
sind noch neu. Kind of.
„Was man besaß, weiß man,
wenn man’s verlor.
Der Winter sitzt schon auf den Zweigen.
Es regnet, Freunde.
Und der Rest ist Schweigen.“
(Erich Kästner: Der November. 1955)

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