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… Sick Of It All? (S10:Ep3)

von | 2024 | 20. Januar | Die Serie, Staffel 10 - But Here We Are ...

 

„Do you have any idea what’s happening in the world you live in? Do you think that the photo on your screen has anything to do with that world? The world you live in is slowly shrinking. There is a tiny a group of men who are buying it and stripping it naked and selling you what they extract. They’re raping your world and selling you what they take. I mean, they sell you the water you drink, the air you breathe and you line up for it like sheep. They will kill your brother and steal your child and pollute everything you love. And you’ll never notice because you’re so hypnotized by a world that doesn’t exist.“

(Yellowstone. S3:Ep1 – You’re the indian now. 2020)

 

 

So,
das kommt dann inzwischen auch eher selten vor:
In einer Woche
gleich zwei Staffeln einer ausgewachsenen TV-Serie bingen,
außerhalb der Ferien.
Für aufmerksame Leser*innen
dürfte das allerdings,
genauso wenig wie für mich,
nicht überraschend gekommen sein.
Für alle anderen
hier nur ein paar Reminder:
Montana
(was an sich schon genügt),
Paradise Valley,
Yellowstone River,
der Zerfall der Vergangenheit
inmitten von zu viel Gegenwart
und mit ungewisser Zukunft.
Provinz vs. Moderne.
Freiheit vs. Sicherheit.
Liebe vs. Tod.
Und das alles mit einer Dramatik erzählt,
dass ich zwischendrin geradezu froh bin,
dass die Wirklichkeit
doch so tragisch
nicht sein kann.

Der Eskapismus ist also mit Wucht zurück,
schon vor der dritten Episode.
Und das obwohl
sich meine öffentliche Gegenwart
weiterhin mehr als aushalten lässt,
also … kind of.
Es gibt positive Arbeitskampfergebnisse
auf meinem Konto
(Arbeitszeit ist also noch was wert),
immer mehr Unterrichtsstunden,
die sich mittlerweile von selbst planen,
sogar den ein oder anderen Beef im Berufsalltag
kann ich locker sehen,
so bleibt der Auflauf wenigstens würzig.
Über den Winter habe ich
inzwischen die dritte oder vierte kleinere Erkrankung abgewehrt,
kann mich also über meine Gesundheit null beklagen.
Alle geliebten Menschen
schlagen sich ebenfalls beachtlich.
Das Leben ist gut.

Alles andere aber,
alles andere ist wirklich
nur noch zum Speiben,
und die Staffel/das Jahr ist noch keinen Monat alt.
Und deswegen schreibe ich die Episode
auch schon einen Tag eher,
und halte mich möglichst kurz,
sonst krieg ich doch noch Fieber,
and I want that out of my system.
So buckle up!

Die Woche beginnt mit einem Achselzucken:
Schon wieder Unwetter.
Dieses Mal sorgt „Gertrud“
für einen extremen Wintereinbruch.
Die Hälfte des Landes wird von Süden her
mit Eis überzogen.

Passend dazu stellt die Merz-CDU
ihr neues Grundsatz Programm vor,
das erste seit der Ära Merkel.
Was man auch am Titel erkennen kann:
„In Freiheit leben –
Deutschland sicher in die Zukunft führen“.
Na, wenn das mal nicht rechtsoffen ist.

Und schwupps,
sind wir auch schon wieder bei den Faschos.
Die AfD ist dann nämlich endlich
völlig enthemmt,
die Partei-Verbotsdebatte ein riesen Geschenk
(sagt auch Sahra bei Lanz),
die neueste Petition gegen Höcke
(Grundrechtsverwirkung)
nur ein weiterer Grund
für schäumenden Sekt in Schnellroda,
und das frisch gekürte Unwort 2023
der größte PR-Erfolg,
den Martin Sellner bis heute erreicht hat.
Das Berliner Ensemble
reproduziert freiwillig seinen „Masterplan“ als Szenische Lesung,
Welt TV widmet dem Nazi ein ausführliches Portrait,
die Mitteldeutsche Zeitung
schenkt Siegmund die komplette Seite 3,
und Alice Weidel kann sich getrost von Berater Hartwig trennen,
schließlich gibt es in der AfD keine Nazis.
Noch mal: eine Petition fordert die Grundrechtsverwirkung
für Björn Höcke?
Lacht der sich im Landhaus schlapp drüber.
Die Bande muss überhaupt gar nichts mehr machen,
das was alle anderen machen reicht,
denn die Hütte brennt bald von ganz allein.
Und ihre Politik machen eh die anderen:
Das „Rückführungsverbesserungsgesetz“
ist mehr als nur ein Anfang in Sachen Remigration,
egal ob die Bundesregierung einen Tag später
die Erleichterung der Einbürgerung ankündigt.

Hauptsache momentan ist aber,
dass die Bauern und Supporter sich wieder beruhigt haben,
wir haben weiß Gott noch andere Sorgen.
Am Montag durften ein letztes Mal
weit über 5.000 Treckers
(und nicht mal 10.000 Menschen) in Berlin auffahren,
die Regierung bietet einen „Dialog“ an.
Oberbauer Rukwied allerdings scheint sich
für Größeres zu positionieren.
Lindner hält am Brandenburger Tor dagegen,
und später wird ein Plan für Donnerstag angekündigt,
der anscheinend für einen Burgfrieden reicht.
Dafür skippt Lindner einfach das Klimageld
bis zur nächsten Regierung
und erspart den Bauern auch in Zukunft
diese lästige Bürokratie.

Im UK wird es davon auch bald sehr viel weniger geben:
Der „Ruanda-Plan“ wird vom Unterhaus gebilligt,
und ich finde keine Worte dafür,
wie schlecht mir bei dieser Entwicklung wird.
Bei der UNO scheint also auch
akuter Personalmangel zu herrschen.

Ganz anders im Nahen Osten,
zumindest an den Fronten
des dort weiter eskalierenden Krieges:
Der Iran beschießt den Irak und Syrien,
hat jedoch „kein Interesse an einer direkten Konfrontation“.
Der Iran und Pakistan beschießen sich gegenseitig
und in Damaskus sterben iranische Revolutionsgardisten
bei einem Luftangriff.

Wie viel näher wir wieder
vor der Verkündung des Dritten stehen
unterstreicht dann auch noch Nord Korea,
das Süd Korea wieder zum Hauptfeind erklärt.

In den USA nimmt die nächste Tragödie
auch weiter ihren Lauf:
Trump gewinnt die ersten republikanischen Vorwahlen in Iowa
und hat im eigenen Lager nur noch zwei Gegner*innen.
Der Bürgerkrieg beginnt also spätestens
exakt in einem Jahr
(Amtsantritt des bis dahin zu wählenden Präsidenten).

 

Kriegsprotokoll. Schreibtisch. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe. Woche 98.
Als ob der Krieg erst richtig beginnen würde. Montag: Über Kursk werden ukrainische Raketen abgeschossen. Russland und Davos: „Wir nehmen nicht teil. Ohne unsere Teilnahme können keinerlei Gespräche Ergebnisse erzielen.“ (Peskow) Die Ukraine holt zwei russische Militärmaschinen vom Himmel. Die Schweiz will mit der Ukraine einen Friedensgipfel „auf höchster Ebene“ abhalten. Dienstag: Das russische Woronesch wird mit Drohnen angegriffen. Selenskyj ist erneut MVP in Davos und verkündet das nächste Jahr des Sieges. Um Charkiw werden einige Dörfer evakuiert. Außenminister Kuleba kündigt derweil an: „Selbst wenn uns die Waffen ausgehen, werden wir mit Schaufeln kämpfen.“ Von der Leyen weiß, dass Russland strategisch gescheitert ist. Lawrow empfängt die nordkoreanische Außenministerin in Moskau. In Charkiw schlagen am Abend russische Raketen ein. Mittwoch: Russland meldet, in Charkiw hätte es einen Unterschlupf von ausländischen Söldnern angegriffen. Der Bundestag lehnt den Unionsantrag zu Taurus-Lieferungen deutlich ab (485:178). Ansonsten vorerst Nichts Neues. Donnerstag: Über Moskau und St. Petersburg werden Drohnen abgeschossen. Über Cherson und Mykolajiw ebenfalls. In Paris schmieden 20 Länder (darunter auch Deutschland) eine „Artillerie-Koalition). Frankreich fährt die Rüstungsproduktion für die Ukraine hoch (z.B. Caesar-Haubitzen). Moskau meldet die „Befreiung“ von Wesele, einem Dorf in der Nähe von Bachmut, und von Wesjoloje, nahe Soledar. Schon in der nächsten Woche beginnt die NATO das Manöver „Steadfast Defender“, 90.000 Soldaten üben bis Mai. Freitag: Im russischen Brjansk fängt ein Öllager nach ukrainischem Drohnenbeschuss Feuer. Die baltischen Staaten wollen ihre Grenzen zu Russland und Belarus mit Hunderten Bunkern gegen mögliche Angriffe sichern. Olaf Scholz spricht zur Waffenlobby: „Wir brauchen eine starke Verteidigungswirtschaft und auch eine starke Bundeswehr, ein starkes Nato-Bündnis, damit wir gewährleisten können, dass Frieden und Sicherheit in Europa erhalten bleiben und niemand das Territorium der Nato oder unser Land angreift.“ Samstag: Selenskyj lädt Trump nach Kiew ein und will sich dessen Plan anhören, den Krieg binnen 24 Stunden zu beenden. Die Slowakei kündigt ihr Veto für einen Nato-Beitritt der Ukraine an. Biden bettelt bei US-Bürgermeistern darum, die Ukraine nicht fallen zu lassen.

 

Die kriegsbedingten Gründe für flaue Mägen
kommen aber auch noch ganz anders zustande.
Zum Bespiel durch sowas hier:
Seit einigen Tagen zeigt mir mein FB-Algorithmus
Werbung für die neuesten Kriegsmemorabilien an:
Schlüsselanhänger aus T-72 Panzerhülle
für 20 Euro
(runtergesetzt von 45,
wer 5 kauft, kriegt 20% Nachlass).
Pro Stück geht ein ganzer Hryvnia (2-3 Cent)
an Unicef.
Würg.

Schlechter wird mir nur noch
bei den Nachrichten aus dem Gaza-Streifen:
Dort wurden seit Beginn des Krieges
25.000+ Tote gezählt (davon 10.000 Kinder),
600.000 Menschen sind aktuell akut von Hunger bedroht,
300.000 Wohnungen sind zerstört,
fast die gesamte Bevölkerung lebt in Notunterkünften
(knapp 2 Millionen).
Und weil Nord-Gaza weitestgehend befreit/zerstört ist,
machen die IDF einfach im Süden weiter,
egal was der Rest der Welt dazu sagt.

Der trifft sich aktuell wieder in Davos.
Schwerpunkt ist natürlich nicht die Klimakatastrophe,
sondern eine seiner Ursachen:
Westliche Geopolitik.
Wir machen also einfach weiterhin
das absolute Gegenteil
von dem was richtig wäre,
nämlich nicht das „Klima retten“,
sondern industriell aufrüsten
in Größenordnungen,
die die Menschheit bis heute nicht gesehen hat.
Anscheinend streben wir danach
in einem Feuerwerk den Planeten zu verlassen.
Wir tanzen nicht auf dem Vulkan,
wir sind der Vulkan
(solidarische Grüße gehen raus nach Island!).

Und damit hat es auch sich schon fast für diese Woche!
Da hat man einmal am Sonntag was besseres vor,
als den Wahnsinn in Worte zu kleiden,
und schon ist die Episode schon fast überschaubar geblieben.
Und weil das so ungewöhnlich geworden ist,
und weil es den Rest so gut konterkariert,
heute mal die guten Nachrichten ganz am Ende:
Seit letzten Sonntag hat sich hierzulande eine Protestwelle aufgebaut,
die mich zumindest für einen kurzen Moment
meinen überdrüssigen Magen vergessen lässt:
Erst waren es 25.000 gegen rechts in Berlin
(Verletzte gab es nur beim Luxemburg/Liebknecht Spaziergang),
dann gehen ständig in allen Städten immer mehr Menschen auf die Straßen,
gegen die AfD.
#wirsind(mal wieder)mehr:
Köln: 30.000+, Münster: 20.000+,
in Hamburg wurde bei 100.000 aufgehört zu zählen,
und am heutigen Samstag
sind 250.000 bundesweit.
Kommt da etwa Optimismus auf?
Und warum bekomme ich bei diesem Gedanken
gleich wieder Bachschmerzen?

 

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