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… Doublin‘ Down (S10:Ep14) (Teil 1)

von | 2024 | 25. Mai | Die Serie, Staffel 10 - But Here We Are ...

Bild: „80 Jahre Grundgesetz in Thale“. Ende Mai 2024.

 

 

Alerta!

 

Noch bevor die ersten Sommergewitter
am Weltkulturerbe vorbeiziehen,
sitze ich wieder hinter Fenstern in der Altstadt,
aus der ich am frühen Nachmittag geflohen bin.
Mitgebracht habe ich
einige gute Gründe,
aus dieser vorletzten Episode der aktuellen Staffel
eine der eher selten gewordenen Doppel-Episoden zu machen.
Da wären nämlich,
erstens:
Es gibt
in dieser Staffel
einfach noch keine Doppel-Episode.
Zweitens:
Heute wird mein Lieblingsgrundgesetz
75 Jahre alt (Cheers!).
Und drittens nehme ich das zum Anlass,
der „Wehrhaften Demokratie“
einen lyrischen Strauß Nelken
vor’s Gesicht zu halten:

Hopefully
someday,
maybe,
we may
see.

Sorry, not sorry,
aber mehr Optimismus
ist trotz der aktuellen Entwicklungen
noch nicht drin.
Denn jetzt gilt es,
den Spirit
über die EM und Olympia zu retten,
zwei dem Nationalismus
per se
eher zuträgliche Mega-Events,
damit im Herbst nicht doch
noch die Katastrophe eintritt.
Nur,
wenn es weiter so läuft
wie in der vergangenen Woche,
dann können wir zu Weihnachten
wieder unbedarft
über den jämmerlichen Haufen Faschogülle,
der da gerade überkocht ist,
lachen,
als ob die Brandmauer
gehalten hätte.

Na ja,
und dann ist ja aber auch gerade noch Hochzeit
im Europa- und Kommunalwahlkampf.
Auf dem Quedlinburger Markt
sah das heute Mittag so aus:
Nur die prominentesten Bewerber*innen
auf die Sitze in Stadt- und Kreistag,
aufgeschlossen und interessiert ins Gespräch vertieft;
sogar die Touris staunen.
Auf der Rathaustreppe werden nebenbei
Hochzeitsgesellschaften im Akkord fotografiert,
es steht sogar ein extra Kaffee-Stand anbei.
Auf den wenigen Bänken
blättern Kinder und Großeltern im Grundgesetz,
während die Millenials
daneben stehen
und durch ihre Feeds swipen.

So.
Und von da bin ich dann heute abgehauen,
um eine kurze freundschaftliche Autofahrt später
vor dem Antifa-Denkmal in Thale
meine erste Wanderung anzutreten,
seit …
seit Washington (state of)
Auch darüber habe ich fünf Stunden nachgedacht,
allein im Wald.
Das beste am Wandern ist ja,
dass mensch vorher schon weiß,
dass es wirkt.
Dass danach alles,
wirklich alles,
viel leichter ist.
Vielleicht fühlt es sich auch nur so an,
aber das ist so viel mehr
als nichts.

Und mit dieser Leichtigkeit
widme ich mich dann jetzt
ausführlich dem aktuellen Stand
des Neonazistandorts Deutschland,
auch und vor allem,
damit ich am morgigen Sonntag
mal nichts über diese Verbrecherbande schreiben muss
(dann aber leider nur über die ernstzunehmenden,
die im Rest von Europa den Markenkern warmhalten).
Beginnen wir
mit der „Gruppe Reuß“,
Ihro Gnaden höchstselbst,
Prinz von Keineahnunginteressiertauchkeinen,
durfte dem Gericht seine Ehre erweisen.
Das schöne daran:
Es interessiert schon keinen mehr,
auf den Rechtsstaat ist also noch Verlass genug.
Deswegen also schnell weiter
zum schönsten,
weil irgendwie auch peinlichsten
Niedergang einer doch noch so jungen Volkspartei:
Die AfD ist
ob der letzten Skandale
rund ums Faschosein
inzwischen in einem Zustand,
der nur noch Schadenfreude in mir auslöst.
Das lächerlichste an ihrer Reaktion
ist und bleibt aber
ihre Gegenskandalisierung,
die sich in der letzten noch möglichen Echokammer aufhält:
Alles nur Kampagne!!el!f!!11!!
Alles nur „Inszenierung“!!!
Von wem?
Dazu kommt gleich der Meisterclown persönlich zu Wort,
zunächst aber die nackten Fakten:
Sogar der Westen hat jetzt die AfD auf dem Kieker:
Niemand anderes als John Oliver
stellt Björn Höcke als den peinlichen Nazilügner hin,
der er nun mal entschieden hat zu sein.
Im sachsen-anhaltinischen Schönebeck
ist der AfD-Mann Baumann mysteriöserweise verschwunden.
In Dresden gibt der Star der Stunde,
Maximilian Krah Interviews ohne Ende,
wenn er nicht gerade bescheuert Reels für TikTok dreht:
Der Sueddeutschen Zeitung droht er mit Klage,
sogar gegen die Ermittlungsbehörden würde er Strafanzeige stellen!
So sehr in seiner Scheißwelt ist der schon versunken,
dass er entweder gar nichts mehr rafft,
oder ihm eh alles scheißegal ist.
Schampus schmeckt auch Arschlöchern gut.
Die europäische Rechte jedenfalls
geht spätestens dann auf Distanz,
als in der italienischen La Repubblica
ein Interview mit Krah erscheint,
indem er ungefragt die SS relativiert.
Marin LePen platzt daraufhin der Kragen,
und die AfD fliegt aus der ID (Nazi-Koalition im EU-Parlament).
Bei den Schlümpfen wird schon mit neuen Partner*innen geliebäugelt,
aber momentan werden sich selbst Meloni und Kickl
nicht die Hände schmutzig machen wollen,
nicht bevor der Herbst über den Kontinent gegangen ist.
Mitte der Woche werden Krah dann
sämtliche Auftritte für die und von Partei untersagt,
für die er der europäische Spitzenkandidat ist.
Muss man erstmal schaffen,
als „Agent des Volkes“.
Vorausahnend tritt er als AfD-Bundesvorstand zurück.
Währenddessen zerlegt
Volker Weiss Schnellroda-Heulsuse Kubitschek
in der Sueddeutschen Zeitung,
der Titel des Abschiedsgesangs auf einen
der wirklich ganz, ganz großen deutschen Großintellektuellen
heißt: „Wenn Rechte weinen“.

Vier Monate „Wehrhafte Demokratie“,
und die Möchtegern-Faschos
liegen bei hellstem Tageslicht am Boden.
Noch drei weitere Monate, nur noch drei;
die Hälfte der Etappe liegt immerhin
schon hinter uns.
Die Tagesschau kommentiert nüchtern:
„Totalschaden mit Ansage“
und zum offiziellen Rausschmiss aus der ID-Fraktion
fällt die Wahl des Titelbildkandidaten dann auch leicht:
Weint der rechte Mann da auf dem Bild etwa?
Selbst in Thüringen haben es die Neonazis
wieder ein bisschen schwerer:
Die JA-Thüringen gilt ab sofort
als gesichert rechtsextremistisch.
Und am Freitag
dann endlich auch mal was für die ganze Familie:
Ein einminütiger Video-Clip
dreht das deutsche Internet auf links.
Nichts davon denke ich mir jetzt aus:
Auf dem Hof der Sylter Bar „Pony“
feiern zum Jahrestag der Invasion der 9-Euro-Ticket-Punks
gute 50-100 junge adrette Menschen,
denen irgendwer Pullover über die Schultern geworfen hat.
Sichtlich beschwipst
grölen einige, nicht wenige,
einen aktuellen Hit aus den Dorfdiscos der Nation mit,
wohl eine Art Gemeinmachung
mit dem gemeinen Volk
(das nie im Leben 150€ Eintritt
für so eine „Party“ ausgeben würde/könnte).
Kreativ wie es nur das deutsche Jungkleinbildungsbürgertum sein kann,
affen die Jungnazi-Justusse und ihre Püppies
die Dorfjugend nach:
Auf die Beats eines Discohits von Gigi D’Agostino
schmettern sie völlig ungeniert:
„Deutschland den Deutschen!
Ausländer raus!
Ausländer raus!
Deutschland den Deutschen!
Ausländer raus!
Ausländer raus!“
Fast ganz Deutschland
reagiert entsetzt,
der Staatsschutz ermittelt wegen Volksverhetzung,
skrupellose Anwälte reiben sich die Hände,
und die Richkids von Westerland
werden gnadenlos durchs Netz geschleift.
Was nach dem Abitur auf Schloss Salem
so alles schief gehen kann …
Bei den Profis im sich Lächerlichmachen
läuft es ähnlich gut:
Timo Chrupalla darf die Wespe,
die ihn letztens gestochen haben soll,
also auch bloß nicht verklagen,
das Oberlandesgericht in München
soll nur kurz gelacht haben.

Zum krönenenden Abschluss
hier dann also endlich
die wahrhaftig wahre Wahrheit
über Dr. Maximlian Krah,
den am schlechtesten inszenierten Faschoclown
der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Die Bild versucht ihn zwar noch als „Skandalnudel“ für den Boulevard zu retten,
aber selbst diese Wette würde ich noch nicht eingehen,
denn …
Ach, am besten sich selbst entblöden
kann er sich ja wohl immer noch selbst.
Und wo sonst,
wenn nicht im „Compact-Magazin“,
dem „Spiegel“ der deutschen Neu-Faschos?
Das hat den Scheitelträger von Welt
natürlich auf dem Cover der Juniausgabe:
Allen Ernstes als James Bond in Szene gesetzt,
mit übergroßer Kameralinse als Hintergrund,
im gut sitzenden Smoking,
die linke Hand am rechten Manschettenknopf.
„Wie Patrioten als Landesverräter verleumdet werden“.
Das Editorial ist überschrieben mit:
„Der Krah muss krähen“
und endet mit folgender Schreckensvision:
„Vielleicht braucht es einen Anstoß aus dem Ausland,
damit die AfD wieder auf Angriff schaltet.
Wenn Herbert Kickl Kanzler in Wien wird?
Wenn Donald Trump wieder ins weiße Haus einzieht?
Wenn Putin Charkow (sic) oder Kiew erobert?
Der westliche Globalismus ist am Ende.
Will man mithelfen,
das Morsche zum Einsturz zu bringen –
oder sich am Katzentisch des untergehenden Regimes einrichten?“
Hui, ganz schön große Fresse
da hinten am morschen Katzentisch.
Und natürlich auf Seite 18
wartet dann der strahlende Held der Partei
und darf als erstes den Titel des „Spiegels“
von vor zwei Wochen kommentieren,
der ihn als „Landesverräter“ hingestellt hatte.
Er holt seine Kartoffelkäfer-Theorie raus
und brandmarkt im selben Atemzug
„die Verlogenheit des politisch-medialen Komplexes“.
Auch die nächste Frage
dieser Inszenierung von Interview,
die lustigerweise so übertitelt ist:
„Hier wurde zielgenau inszeniert“,
ist Täter-Opfer-Umkehr,
die sich nicht mal mehr verstecken will:
Ob der Herr Dr. Krah denn denke,
dass die Sache mit dem (Doppel?-)Spion
absichtlich so kurz vor der Europawahl
aufgeflogen ist.
Ja, natürlich!
Und außerdem
wusste er von überhaupt gar nichts.
Die nächste Frage
beinhaltet erneut die Feststellung,
dass hier eine „Kampagne“ gefahren wird,
und stellt gleich mal den Rückhalt in seiner Partei infrage.
Aber nein,
immerhin habe er ja selbst angeboten,
was die Lügenpresse
als Strafe der Kameraden hinstellen will.
Dann weiß der Interviewer (Paul Klemm),
wie groß der Rückhalt bei den Wählern aber immer noch ist,
in Zittau hätten neulich erst 1.000 Menschen
auf einer Veranstaltung der „Blauen Wellen“ (Elsässer-Festspiele)
im Chor „Krah“ gekrächzt,
als nur sein Vorname genannt wurde.
Dann folgen zwei irrelevante Detailfragen zum Spionagevorgang,
und dann darf Krah nochmal krähen:
„Dass ich umstritten bin,
beweist eigentlich nur eines:
dass ich mich um relevante Themen kümmere.“
Zum Schluss gönnt er seinen innerparteilichen „Feinden“
selbstredend den Schampus,
mit dem diese bestimmt schon
auf seinen baldigen Ausschluss angestoßen hätten.
Das daneben hin inszenierte Foto
zeigt ein blaues Plakat
vor einem blauen Himmel
irgendwo in Ostdeutschland:
„Volle Krahft voraus“.
Dem ist nichts weiter hinzuzufügen,
außer: Gegen die Wand.

Gut.
Es ist spät geworden am Schreibtisch,
zumal für einen Samstagabend.
Aber wenn es schonmal was zu feiern gibt,
dann fällt zum Ende
auch noch ein Sonderblumenstrauß ab,
für den Lieblingsgrundgesetzartikelabsatz
von #DieDoppeltenZwanziger:
Allet wat Jutet,
Artikel 5,
Absatz 3!

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