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Abi lookin‘ for freedom (S7:Ep3)

von | 2022 | 1. Mai | Die Serie, Staffel 7 - Half a world away

„Maybe you’re right
I shouldn’t judge
What’s wrong or right
This is too much
I’m not judging you
I’m judging me
My academy
Your academy.“

(Mission of Burma: Academy Fight Song. 1981)

 

 

Aufgabenstellung:

1. Analysieren Sie Argumentationsgang
und sprachlich-stilistische Gestaltung des Textes
und erläutern Sie die Intention. (60%)

2. Setzen Sie sich unter Berücksichtigung Ihres Wissens
zum historisch-gesellschaftlichen Kontext des Textes
mit der Position des Autors auseinander. (40%)

So.
Und ich hoffe jetzt erst mal,
dass ich hier nicht
irgendeinen schulrechtlichen Mist verzapfe.
Immerhin sind
die schriftlichen Abiturprüfungen
in Sachsen-Anhalt
noch nicht abgeschlossen.
Geschichte, Deutsch und Englisch
sind bereits durch,
der Rest folgt in der nächsten Woche.
Aber ich verrate hier
ja schließlich nichts,
was nicht auch in Kürze
frei für jeden
im Internet
verfügbar sein wird.

Womit wir auch schon direkt
ins erste Prüfungsthema
des diesjährigen Leistungskurses Deutsch
eintauchen könnten,
aber wir wollen es
ruhig
etwas
langsamer angehen.

Denn der Realkontext
der momentanen Hochschulreife-,
Real- und sonstigen Prüfungen
kann und darf
hier natürlich nicht
unter den Schreibtisch fallen;
auch wenn sich noch so viele
Schriftliche Arbeiten
nur zu gerne
darauf ausbreiten wollen
(am Montag folgen auch noch
die Deutschprüfungen zur „Mittleren Reife“).

Und während die Welt
der Abschlussjahrgänge 2022
vor den Fenstern der Prüfungsräume
mit jedem weiteren Tag
näher an den Abgrund rutscht,
erschreiben sich die Geprüften
eine (ihre, auch unsere) Zukunft.
Woher sie die Motivation dafür nehmen,
das scheint eines
dieser Geheimnisse der Jugend zu sein,
die man als Erwachsener
schnell vergisst.
Einfach zu viel Kontext.

Apropos:
Nachdem die Klimakatastrophe
ja schon vor zwei Jahren
auch hier im Harz
ihr Stelldichein gegeben hatte
(Band 1, S2:Ep5 – Catching Fire)
hat es jetzt
das erste Mal
den Brocken erwischt.
Wald- und Hochwiesenbrände
auf dem höchsten Berg des Landes.
Ende April.
Touri-Evakuierungen per Brockenbahn,
Sperrung aller Wanderwege,
stundenlange Feuerwehreinsätze.
Am Ende noch mal alles gut gegangen.
Aber wer die Totholzmassen,
die inzwischen große Teile des Berges bedecken
in den letzten zwei Jahren
auch nur ein Mal gesehen hat,
dem kann, mit Blick auf den Sommer,
nur noch Angst und Bange werden.
Wie lange wird es wohl noch dauern,
bis man auch von Quedlinburg aus
die Rauchschwaden sehen wird?
Auf 1.141 Metern Höhe.

Schnell zurück
in die sicheren Prüfungsräume,
wo die Schwarzen Spiegel der Geprüften
ausgeschaltet
in einer Kiste
auf dem Lehrertisch liegen.
Vor den Abschlussjahrgängen
liegt nur noch blütenweißes Papier,
teilweise eng bedruckt,
teilweise noch völlig leer.
Im Fach Deutsch
sollten dann darauf
so um die 1.000
neu geschriebene Wörter,
innerhalb von fünf Stunden,
irgend soetwas wie Sinn ergeben,
was danach, vierfach gewichtet,
einen nicht unerheblichen Teil
ihrer Abschlussnote ausmachen wird.
Also:
Kon-zen-tra-tion!
Keine Zeit für die Schwarzen Spiegel!
Keine Zeit für Doomscrolling!
Keine Zeit für lustige Tiervideos!
Keine Zeit für Stylingtipps!
Keine Zeit für Clash of Clans!
Keine Zeit für niemanden,
außer sich selbst.
The Future is now!

Und so
sieht eben diese heute aus
(in Auszügen):
Schon wieder Flächenbrände
in großen Teilen der USA.
Vernichtete Ernten,
vernichtete Tierwelt,
Unmengen an zusätzlichem CO2
in der Atmosphäre.

Rekordhitzewellen
in Pakistan und Nordindien,
unmögliche Lebensbedingungen
für Hundertausende,
der Smog in Neu-Delhi
reißt nie wieder auf.

Und Europa
hat im Moment
nur eine wirklich wichtige Sorge:
Woher kriegen wir
noch mehr Energie?
Wessen fossile Energieträger
können wir uns noch leisten
zu verbrennen?
Und was sind wir bereit
dafür zu bezahlen?
Und womit?
Mit Euro?,
mit Dollar?,
mit Rubel?,
mit unserem Gewissen?
Immerhin ist die Inflation
so hoch
wie seit 1981 nicht.

Die Verträge aber sind schon vorbereitet,
die Zukunft kann kommen.
Und wenn es sein muss,
dann kommt sogar
die Treuhand wieder zurück.
Denn ab sofort sind hierzulande
Enteignungen(!)
von Unternehmen(!!)
der kritischen Infrastruktur(!!!)
gesetzlich(!!!!)
möglich(!!!!!).
Der Staat als sozialistischer Hedgefond;
der Kapitalismus treibt
doch immer wieder wunderliche Blüten.

Die EU jedenfalls hat sich vorgenommen,
bis 2027 völlig unabhängig
von russischer Energie zu sein.
Also noch knappe fünf Jahre
„Frieren gegen den Iwan“.
Polen und Bulgarien allerdings
kriegen schon ab sofort kein Gas mehr.
Das gibt es
für so „unfreundliche“ Länder
nur noch in Rubel,
oder eben gar nicht.
Denn das passiert,
wenn der Markt alles regelt.
Und für den Markt (und nur für diesen)
ist und war
Krieg
(egal welcher)
eher kein Hindernis.

Genauso kein Hindernis mehr
sind auch europäische Grundsätze
jeglicher Art.
Aktuell dann besonders dieser hier:
Nach Art. 2 III
des Gemeinsamen Standpunkts 2008/944/GASP
des (Europa-)Rates v. 8.12.2008
betreffend gemeinsame Regeln
für die Kontrolle der Ausfuhr
von Militärtechnologie und Militärgütern
verweigern die EU-Mitgliedstaaten
die Erteilung von Ausfuhrgenehmigungen für Militärgüter,
„die im Endbestimmungsland
bewaffnete Konflikte auslösen,
bzw. verlängern würden
oder bestehende Spannungen oder Konflikte
verschärfen würden.“ (verfassungsblog.de)

So weit ich weiß,
ist dieser Grundsatz noch nicht abgeschafft,
weswegen der Deutsche Bundestag (EU)
in dieser Woche
auch kriegslogischerweise
und mehrheitlich
(bis auf Die Linke und Die Nazis)
die Lieferung schwerer Waffen
an die Ukraine
beschlossen hat.
1917 fühlt sich schon wieder
wie vorgestern an.

Russland hat derweil bekanntgegeben,
dass sich im Hafen von Sewastopol (Krim)
riesige Unterwassergehege befinden,
in denen Kampfdelfine (jap!)
auf ihren Einsatz warten;
wie erwähnt:
The future is now.
Medwedew schwimmt zeitgleich
wieder weit über den Badewannenrand hinaus
und vergleicht Deutschland
mit Nazideutschland;
wen denn auch sonst?
Auf der gerade erst neu gegründeten
„Ramstein-Konferenz“
wird in Zukunft regelmäßig
über den Krieg beraten;
Nato and friends
bereiten sich auf weitere Jahre vor,
während sich im Internet die Pseudoauskenner
darüber streiten,
ob das alles denn nun auch vielleicht
ein Stellvertreterkrieg sein oder werden könnte.
Die Ukraine jedenfalls
ist offiziell zum Gegenangriff übergegangen,
der Nachschub ist ja jetzt gesichert:
Beschuss von russischem Staatsgebiet
und medienwirksame Rückeroberungen von Dörfern
durch das Asowbatallion.
In Mariupol harren die Kameraden immer noch aus,
Warnungen vor Cholera eisern ignorierend.
Kiew wird mit Raketen beschossen,
genau zu dem Zeitpunkt,
als der UN-Generalsekretär die Hauptstadt besucht,
womit Moskau auch unter Beweis stellt,
was es von der UNO hält.
Bei dem Angriff soll auch
eine ukrainische Journalistin
des US-Senders „Radio Liberty“
getötet worden sein.
Der Informationskrieg
tobt so real wie nie zuvor.
Weswegen es dann natürlich auch noch
solche Beschlüsse gibt:
„Die Desinformations- und Propagandakampagnen Russlands
haben gezeigt, dass die Pressefreiheit von zentraler Bedeutung
für die Wehrhaftigkeit von Demokratien ist.
Der Deutsche Bundestag
unterstützt das Sendeverbot
von russischen Propaganda-Kanälen.“
Pressefreiheit 2022.

Vor diesem Hintergrund,
dass nämlich inzwischen
der gesamte gesellschaftliche Diskurs,
auf allen Ebenen,
auf allen Niveaus
und auf allen Kanälen
völlig kaputt ist,
und die Zukunft gerade dabei ist,
ihren Kontext zu verlieren,
weil jedwede Wahrheit
im digitalen Äther zerschmilzt,
sitzen also nun die Geprüften
auf Stühlen an Tischen
und müssen sich denkend und schreibend
mit der Vergangenheit auseinandersetzen.
Die erste schriftliche Abiturprüfung
in Sachsen-Anhalt ist traditionellerweise
in Geschichte abzulegen.

Ich räume umgehend ein,
dass die folgenden Kommentare
zu den Prüfungsinhalten
selbstverständlich nur dem Kontext
von #DieDoppeltenZwanziger verpflichtet sind
und darüber hinaus auch nur angerissen werden;
wer viel schreibt,
hat keine Garantie auf gute Noten.
Deswegen
(und weil ich von den anderen noch weniger Ahnung habe)
beschränke ich mich
auch nur auf zwei Fächer (Deutsch und Geschichte).
Einführend sei aber so viel verraten,
dass ich alle (insgesamt 11) Themen
tatsächlich als sehr stimmig,
fast schon zeitgeistig empfinde
(Grüße gehen raus ans Schulamt!).

Die Geprüften
konnten sich in Geschichte
also zwischen folgenden Themen entscheiden:

Thema 1:
Die europäische Industrialisierung im 19.Jh.
(auch bekannt als
das „Lange Jahrhundert (1789 – 1914)“)
Schwerpunkt:
Die Eisenbahn
als erster Verbrennungsmotor
des Kapitalismus.
– Das macht doch schon mal Sinn.

Thema 2:
Der Kalte Krieg.
Aber nur bis 1980.
– Sieh mal einer an!

Thema 3:
Die kritische Analyse
einer politischen Rede.
Von Heinrich Himmler.
(Imaginierte Zusatzaufgabe:
Vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse.)

Das wären dann nämlich aktuell
diese hier:
Sachsen-Anhalts Vorzeigenazi
für Menschen, die in Geschichte
konsequent durchgeschlafen haben, Sven Liebich,
musste in dieser Woche
bei Telegram folgendes schreiben
(Fehler folgen dem Original):
„Hallo liebe Leute,
wer es noch nicht gehört hatte
ich hatte heute eine Razzia.
Komme im Moment
dadurch nicht an meinen Account ran.
Ich bitte Alle Leute
die persönlich mit mir geschrieben haben
unseren Chat zu löschen
und dabei darauf zu achten
ihn auch auf meiner Seite zu lösche,
also beidseitig.
Wobei ich natürlich weiß,
dass wir nie
irgendwelche illegalen Sachen
geschrieben haben.“

Da will sich die NPD vor Scham
sofort umbenennen
(Namensvorschläge lassen aber
noch auf sich warten).
Und in Dortmund hat heute, am 1. Mai,
der vermutlich größte Aufmarsch
von Neonazis stattgefunden.
„Die Rechte“ (DR) mobilisiert
seit Monaten für diese Demonstration.
Im Aufruf ist die Rede
vom „Scheitern von Globalismus,
Kapitalismus und Parlamentarismus“
und es wird auf einen
„souveränen deutschen Volksstaat
auf nationaler und sozialer Grundlage“
gehofft,
so wie auf eine
„Verfassung,
die den Lebensinteressen
unseres Volkes verpflichtet ist.“
Der 1. Mai sei überdies „arbeitsfrei seit 1933.“

An dieser Stelle
sollte jetzt eigentlich
ein kurzer Bericht
über eben diese Demo erscheinen,
aber bis Redaktionschluss (gegen 18 Uhr)
hat sich das Internet dazu
weitestgehend ausgeschwiegen.
Umso besser:
Die Punks in Kreuzberg und Leipzig
(die üblichen Meldungen,
brennende Müllcontainer, Pflastersteine, etc.),
beziehungsweise die Punks
in Dortmund
(CDU-Ministerpräsident Wüst
spricht auf einer DGB-Veranstaltung)
oder in Düsseldorf
(SPD-Bundeskanzler Scholz
spricht auf einer DGB-Veranstaltung)
haben für genug medialen Wirbel gesorgt,
da hatte niemand Zeit
mal nach den Rechten zu schauen.

So viel also noch mal zum Kontext.
Die Überschrift dieser kritischen Textanalyse,
hätte ich sie denn schreiben müssen,
hätte wie folgt gelautet:
„Himmler und der 1. Mai 2022
– Kontext, Bullshit und Aktion“,
und die Abschlusssätze wären diese gewesen:
„No pasarán! – das war früher mal.
Gegen die Nazis von heute
lohnt der Kampf (noch) nicht.
Beschweigen reicht.“

So.
Wer will,
kann jetzt mal kurz auf Toilette
(aber mit Begleitung!),
dann was essen,
was trinken,
und nach der Pause
geht‘s direkt mit
dem Deutschabitur weiter,
Grund- und Leistungskurs!
Oder wie es heute heißt:
Grundlegendes (gA)
und Erhöhtes (eA)
Niveau.

(… frischer Kaffee …)

Thema 1 (eA):
„Twitter-Gewitter“
heißt der
als erstes vor ihnen liegende Text,
den es in den nächsten fünf Stunden
gilt bis auf das letzte Semikolon
auseinander zu pflücken.
Ein dreiseitiges Essay,
das am Ende des vergangenen Jahrzehnts
in der Süddeutschen Zeitung erschienen war.
Gut, die Gen-Zettis,
denen dazu nichts einfällt,
die sitzen auch gerade
nicht vor so einer Prüfung.
(Zum Kontext später noch mehr,
hier nur mal schon eine Zahl:
Vierundvierzig Milliarden
(in Ziffern: 44.000.000.000).

Thema 2 (eA):
„Sprache und Gewalt“.
Auch hier fünf Stunden Zeit.
Am Ende soll ein
ca. fünf- bis sieben minütiger Vortrag entstanden sein,
der als Fließtext ausformuliert ist.
Quellen:
Acht verschiedene.
Auf sechs dicht bedruckten Seiten,
inklusive Bildinterpretation.
Das ist übrigens der Themenblock,
den sich die Schüler*innen
immer als den einfachsten vorstellen,
was er aber natürlich nicht ist.
Wer das zu Beginn der Prüfung
bereits erkannt hat,
die/der/das hat schon mal
zwei bis drei Punkte mehr sicher;
theoretisch.
Denn inhaltlich ist es hier
eben nicht nur die Klasse,
sondern vor allem auch die Masse.
(Leser*innen von
#DieDoppeltenZwanziger
hätten da aber sicher keine Einwände.)
Und inhaltlich wird in diesem Thema
auch ordentlich was aufgefahren:
Sieben verschiedene sprachwissenschaftliche Beiträge
zum Zusammenhang von Sprache und Gewalt
aus den letzten zehn bis fünfzehn Jahren.
Und ein, nicht wirklich falsch zu interpretierendes Bild.
Fehlt eigentlich nur noch ein kurzer Auszug
aus Klemperers LTI;
mindestens ja wohl der Satz
mit den Worten
und dem Schlucken
und dem Gift.
(Fun Fact:
Einer der Prüfungssexte
wurde von der Amadeu Antonio Stiftung herausgegeben.
Die Schwurbler unter den diesjährigen Abiturient*innen
müssen bestimmt schreiend
aus dem Prüfungsraum geflohen sein.
Oder haben endlich aufgegeben.
Das Land Sachsen-Anhalt
nimmt seinen Bildungsauftrag
erfreulich ernst.)

Thema 3 (gA):
Mein Lieblingsthema in diesem Jahr!
Der Text trägt den Titel:
„Reißt die Puppenstube ein!“
Und es geht um nichts anderes
als den Zustand
der jüngeren deutschen Jugendliteratur.
Die sich, laut Autor,
anscheinend vorgenommen hat,
dass ihre Leser*innen für immer
im Wunderland,
in Narnia
oder in Hogwarts
verharren sollen.
Nicht nur attestiert der Autor
Kindern eine „quecksilbrige Wachheit“,
oder adelt genau das richtige Buch
zum besten Jugendroman der letzten 20 Jahre
(Philip Pullmans „His Dark Materials“),
sondern vor allem
haut er solche Sätze hier raus:
„Kinder halten es aus,
wenn die Antworten in Büchern
unzureichend sind.
Es ist nicht die Aufgabe von Literatur,
die richtigen Antworten anzubieten
oder Wissen zu vermitteln.
Wir sind keine Medizin,
keine Beruhigungspille,
kein Erziehungsleitfaden,
sind übrigens auch keine Einschlafhilfe!
Es ist viel gewonnen,
wenn wir nerven.“ (Christian Duda, 2018 in Die Zeit.)
WORD.

Thema 4 (gA):
Hier wird‘s dann wieder lit
für die Gen-Z.
Es geht um‘s Storytelling.
Allerdings mit marktkonformem Anstrich:
„Geschichten erzählen als Kommunikationsstrategie“.
Die Texte sind wieder weit gefächert,
mal geht es ziemlich hochkulturig zu,
mal etwas popkultureller.
Inhaltlich arbeiten sie sich
von der Theorie der Narrativität
von so ziemlich allem
bis zu den Influencern vor,
die das Tool des Storytellings
benutzen, um
die vierte Wand
möglichst nachhaltig zu durchbrechen,
wegen Authentizität und so.
Die prominenten Beispiele könnt Ihr Euch sicher denken:
im Deutschabitur sind allen Ernstes
zwei Instaposts abgebildet.
Einer von Bibis Beauty-Palace
(Werbung für eine Modekollektion,
nach dem Motto:
Wenn ihr wissen wollt,
welche Geschichte
hinter diesem Bild steckt,
dann klickt doch einfach irgendwo hier);
der andere Post ist natürlich von Rezo,
und natürlich narrativ auf einem ganz anderen Niveau:
Mit einem Glas Saft in der Hand
sitzt er locker auf einer Küchenzeile
und nebendran stehen solche Bolzen:
„Ey letzte Zeit ist echt bissl stressig gewesen
und ich geb mit echt Mühe,
nicht tausend Kaffee am Tag zu ballern.“
Ab sofort dann nämlich: Granini Minty-Lemon.
Was eine geile Story.
Weshalb es bei Insta und Co.
also „Stories“ heißt,
dürfte dann auch den letzten
klargeworden sein.
Das ganze Leben ist eine einzige,
sehr lange Geschichte.
In der es um schicke Pullis
und leckeren Saft geht,
und die am besten
jeden Tag wieder
neu erzählt werden muss.

Thema 5 (eA):
Jetzt wird‘s gruselig.
E.T.A. Hoffmans
„Der Sandmann“;
nächstes Jahr
hätten das mit Sicherheit
viel mehr Geprüfte genommen,
denn die Neil Gaiman-Version
dieses Urtextes der Schwarzen Romantik
wird in diesem Sommer/Herbst
der neue Netflix-Hit werden.
Weswegen ich auch nichts weiter schreibe,
sondern den bis jetzt Ungläubigen
das Ding einfach mal wärmstens ans Herz lege.

Thema 6 (gA):
Zum Schluss dann natürlich das Schwierigste,
oder Leichteste,
je nach Höhe des jeweiligen Empathielevels:
Die Lyrik.
Zum Einen hätten wir da
Friedrich Hölderlins
„Des Morgens“ (1799),
eine Ode an den Tag,
also das Gegenteil zum letzten Thema,
aber eben auch Romantik,
bloß halt die Frühe.
Insgesamt drei Sätze,
verteilt auf fünf Strophen,
à vier Verse.
Hier nur eine kleine Kostprobe:
„Komm nun, o komm, und eile mir nicht zu schnell,
Du goldner Tag, zum Gipfel des Himmels fort!“
Als Entschleunigung noch was für Hipster war.

Thema 7 (eA):
Ingeborg Bachmann,
genau, die
mit der brennenden Kippe im Bett,
Gruppe 47,
Nachkriegsliteratur,
Westdeutschland, 1952:
„Die Welt ist weit“.
Das Leben als Reisemotiv.
Und die Lyrik als (Vers-)Fuß,
gesetzt in die schwer wiegende Luft,
die streng noch riecht, nach Betrug.

Puh.
Sowohl für sich genommen,
als auch im Gesamtkontext,
ein ganz ordentliches Programm, oder?
Aber hey,
zwölf bis dreizehn Jahre Vorbereitungszeit,
um dann in fünf Stunden
mal richtig was abzuliefern;
hat doch bis jetzt
noch ziemlich oft geklappt.
Was man sich bei alledem
aber auch immer wieder
bewusst machen sollte:
Sämtliche Abiturient*innen
kennen des gesamte 20. Jahrhundert
nur aus Geschichten.
So wie wir das 19. Jahrhundert.
Aber da wären wir dann
schon wieder bei Geschichte,
und das Abi,
das ist dann für heute
auch erst mal durch.

Abituraufsätze haben
naturgemäß die Angewohnheit,
zum Ende hin fast immer etwas
auszufransen und umständlich
nach einem passenden Schluss zu suchen.
Wovon ich mich dann auch
nur allzu gerne inspirieren lasse,
einen angemessenen Textumfang
hat diese Episode
ja schon lange wieder
hinter sich gelassen
(ja, die durchschnittliche Episodenlänge
hat sich im letzten halben Jahr
schließlich verdoppelt,
Sorry, not sorry,
Kontext und so).

Aber die Freiheit
für zwei Zusatzaufgaben
nehme ich mir noch,
und dann können wir uns alle
erst mal wieder davon befreien;
mal abgesehen davon,
dass irgendwer das alles
ja auch noch beurteilen muss.

Da wäre als Erstes die derzeit
bescheuertste Debatte
des gesamten Internets:
Die Lager haben sogar schon
eigene Spitznamen
für die Gegner:
„Sofapazifisten“
vs.
„Sofabellizisten“,
und dazwischen
gibt es nichts mehr.
Jenen wird vorgeworfen,
auf dem Rücken der Ukrainer*innen
ihr eigenes Nichtstun zu pflegen,
diesen wird vorgeworfen,
auf dem Rücken der Ukrainer*innen
ihr eigenes Nichtstun zu pflegen.
Wer als Unbeteiligter
gegen den Krieg ist,
hat nur noch zwei Möglichkeiten,
beide gleich folgenlos
für die Ukrainer*innen.
Aber Hauptsache,
man kann in Sachen Influencen
seine moralische Überlegenheit rauskehren.
Einige, ehemals sogar Vorreiter
der heiteren Systemkritik
(z.B. Hooligans gegen Satzbau)
sind dabei inzwischen
ganz hinten in der Mottenkiste
der schiefen Vergleiche angekommen:
„Der Ukraine nicht mit Rat,
Tat und Mitteln zur Seite zu stehen,
aus Angst,
es könne auch uns erwischen,
ist etwa so,
wie in der UBahn zuzuschauen,
wenn eine Gruppe jemanden verprügelt,
aus Angst,
selbst was abzubekommen.“
Nur weil die Namen zweier Räume
(U-Bahn und Ukraine)
mit dem gleichen Buchstaben beginnen,
eignen sie sich noch lange nicht,
um irgendwas zu beweisen.
Erst recht nicht,
wenn es sich dabei dann
um diese Küchentischcourage handelt.
Ihr wollt wirklich schlechte Vergleiche?
Könnt Ihr haben:
Euer Vergleich ist in etwa so schlecht,
als würdet ihr
das Giftgasattentat
in der U-Bahn von Tokio (1995)
mit dem Holocaust vergleichen.
Ihr seht, wohin schräge Vergleiche führen.
Verhindert hätten sie übrigens beides nicht.
Dazu hätte es mindestens
eines weltweiten,
Jahrhunderte langen Verbotes
der Herstellung von Giftgas bedarft.
Ich hoffe, die Analogie leuchtet ein.

So, die Zeit ist endgültig abgelaufen,
in spätestens fünf Minuten ist Abgabe;
jetzt kann den Text
eh nichts mehr retten.

Nicht mal Elon Musk.
Aber auch hier noch etwas Kontext:
Der neue, alleinige Besitzer (44.000.000.000 US-Dollar)
von Twitter
hatte folgende Bildungslaufbahn:
Matriculation (vergleichbar mit dem Abitur)
1990 in Pretoria, Südafrika.
Dann Fahnenflucht nach Kanada
und bald darauf College in Philadelphia.
Dann in Stanford(!)
nach zwei Tagen(!!)
abgebrochen(!!!),
wie sich das für Tech-Giganten so gehört.
Was hätten die ihm da
auch noch beibringen sollen?
Anstand?
Moral?
Demut?
Altruismus?

Die Zukunft zwitschert von Freiheit.
Gewonnen hat sie der mit dem meisten Geld.
Die Zukunft stirbt für die Freiheit.
Wer kauft als erstes die ganze Welt?

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