Gegenwartsliteratur.
Live.
Nur im Internet.
Aus der Provinz.

„This is the sound that we make
We only exist in the noise that we bring
This is the sound that we make
And we can’t unlearn what we’ve learned
I love the sound when it breaks
We try to position our lives on a string
This is the sound that we make
And we can’t unhear what we’ve heard“

(Biffy Clyro: Instant History. 2020.)

Der Brillenträger hatte gerade mal wieder nicht übel Lust bekommen zu provozieren. Irgendwas kluges ins Internet zu schreiben, um danach selbst-zufrieden weiter zu arbeiten, E-Mails zu schreiben, Prüfungen nachzukontrollieren, sich Gedanken zu machen darüber, wie es nach den Pfingstferien weitergehen kann.
Nach dem Morgenkaffee nahm er sich die Zeit, die lokalen Nachrichten zu überfliegen, denn die globalen befanden sich momentan in einem Spannungszustand, der immer schwieriger auszuhalten war. Mal abgesehen von dem täglichen Drahtseilakt, der die Geschehnisse vor Ort halbwegs normal erscheinen ließ, raste der Rest der Welt immer weiter auf den Abgrund zu. In Indien waren es inzwischen drei bis vier Plagen biblischen Ausmaßes gleichzeitig, inklusive Heuschrecken so groß wie zwei Hände. In Südamerika brach das Gesundheitswesen zusehends zusammen und Menschen auf den Straßen Rios wünschten sich offen eine Militärdiktatur. In den USA war die Arbeitslosigkeit auf bald 20% gestiegen und in Minneapolis marschierte die Nationalgarde ein, da die dortige Polizei die Ausschreitungen nach der Ermordung eines Wehrlosen (durch Polizisten) nicht mehr beherrschen konnte.
Ewig hätte sich der Brillenträger in diesen Meldungen verlieren können, immer hin- und hergerissen zwischen Faszination, Depression, Pessimismus, Zuversicht und Oberfläch-lichkeit.
Doch dann stieß er auf eine Verlautbarung der Thalenser CDU. Und das auch nur, weil das Thumbnail dazu eine Aufnahme seiner Schule war, die er vor genau zwanzig Jahren verlassen hatte, und die jetzt scheinbar wirklich abgewickelt werden sollte.

Abschlussklasse 2000. Europagymnasium Richard von Weizsäcker. Abiturdurchschnitt: Na ja. Aber darauf kam es nicht an. Der Brillenträger brauchte keine Sorgen zu haben, dass er jetzt nostalgisch würde, die Erinnerungen waren jederzeit abrufbar; unzählige.
Im Rückblick war es aber doch die Zeugnisübergabe gewesen, bei der alles kulminierte. Er selbst hatte dabei auch keine geringe Rolle gespielt, doch war ihm das damals, mit 18, noch eher unangenehm gewesen, als dass es ihn mit Stolz erfüllt hätte.
Anfangs ging es noch ganz förmlich zu, alle nahmen ihre Plätze ein, alle hatten bestanden, alle hatten ihre Familien dabei. Als dann der Namensgeber der Schule seinen Platz gefunden hatte, wurde der erste Pfeil auf den Spannungsbogen gelegt: Der Schulchor sang. Das Charisma der Leiterin war auf einem weiteren Höhepunkt, und selbst der Ehrengast verblasste kurz. Auf seinem Platz, auf der linken Seite der Aula rutschte der Brillenträger nervös auf seinem Stuhl nach vorne. Die letzten acht Jahre rauschten so schnell an ihm vorbei, dass er es aufgab, sich auf Erinnerungen einzulassen, und so war der Weg für die Melancholie frei. Denn gleich würde er zum letzten Mal mit allen anderen zusammen singen.
Die Zeugnisübergabe selbst war unwichtig geworden, auch der Händedruck des Bundespräsidenten a.D. oder das geflüsterte Lob seiner Lieblingslehrerin waren nur Kulisse.
Als alle Absolventen wieder Platz genommen hatten, und eine letzte Rede geredet war, drehte sich die Chorleiterin zum Publikum um und bat die dort sitzenden Sängerinnen und Sänger, nach vorne zu kommen und sich einzureihen. In einer einzigen Bewegung, mit einem einzigartigen Geräusch standen alle gleichzeitig auf, denn auf diesen Moment hatten alle gewartet. In den Gesichtern wechselten sich Freude und Abschiedsschmerz in hundert Melodien und Farben ab. Es war erhebend. Allen war bewusst, was hier gerade passierte, und alle gaben sich diesem Moment ganz hin. Abschlüsse sind nun mal endgültig und nicht wiederholbar. Die Zeugnisse lagen von allen unbeachtet auf den Stühlen, am Ende saß auch auf denen daneben niemand mehr. Alle hatten sich erhoben und klatschten und sangen, so gut sie nur konnten. Oh happy day!

Das war also tatsächlich zwanzig Jahre her. Und sollte nun zu einer Geschichte werden, die in der Chronik einer Schule schlummert, die es bald nicht mehr geben sollte. Der Brillenträger wollte außer sich sein! Wütend! Auf die da oben schimpfen! Schulplätze reduzieren, mitten in der Pandemie! Wie kackendreist kann man sein? Was das für Thale bedeuten würde!
Doch nachdem in den letzten Jahren genau diese Entwicklung absehbar gewesen war, war die Entscheidung des Landes nur ein Schlussstrich unter eine quälend lange Phase des Kampfes. Alles vergeblich. Gesamtschulkonzept zur Standorterhaltung? Keine Option für das Ministerium. Es war zum Verzweifeln. Der Bürgermeister und zukünftige Landrat kündigte Widerstand an. Vielleicht hätte er Erfolg. Vielleicht ließe sich die Schließung noch hinauszögern. Vielleicht auch nicht.
Vielleicht, das war sowieso das Wort der Stunde.
Vielleicht käme alles ganz schlimm. Vielleicht käme wenigstens hier keine zweite Welle. Vielleicht würde alles wieder normal. Vielleicht bliebe aber alles anders. Und vielleicht war ja auch alles viel leichter. Der Brillenträger musste sich losreißen, die Arbeit würde zwar auch noch ein oder zwei Tage warten können, aber die Welt würde sicher nicht aufhören sich zu drehen. Und vielleicht würde auch er wieder lernen, dass Abschied auch ein Grund zum Feiern ist. I love the sound when it breaks.

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