Am Himmel über dem Bodetal stand nicht die kleinste Wolke, das Laub der Bäume an den Hängen flatterte im Wind, und das Sonnenlicht wurde von den fallenden Blättern reflektiert, die golden glitzerten, kurz bevor sie in den Fluss fielen. Violetta und Rosa liefen an den Händen ihrer Eltern an den gerade erst neu eröffneten Buden vorbei, blieben mit ihren Blicken an den ausgestellten Süßwaren hängen, suchten kurz die Augen der anderen, lachten sich an und hielten schon wieder nach der nächsten Überraschung Ausschau.
„Na, da hätte ich aber was verpasst, wenn das mit dem Zug vorhin nicht geklappt hätte.“ Der Brillenträger hatte bereits seine Kamera im Anschlag, auch wenn er wusste, dass die Laubfärbung erst in einigen Wochen so richtig spektakulär werden würde, außerdem mussten sie sich noch durch die Massen bis zur Klippe am vorderen Rand des Hexentanzplatzes schlagen, und das würde mit den kurzen Beinen der Mädchen auch noch eine Weile dauern, die seit Wochen darauf bestanden, nicht mehr ständig getragen zu werden.
„Hat es ja aber, in Halberstadt kennen sie sich mit Gleiswechseln doch inzwischen ganz gut aus.“ Der Buchträger blieb kurz stehen, da Rosa auf einen überdimensionierten Lutscher zeigte und erst ihren Vater, dann ihre Mutter, dann Karoline und zum Schluss sogar den Brillenträger mit großen Augen anschaute, worauf er nur sanft mit dem Kopf schüttelte und Marie ihr mit wenigen Worten erklärte, dass sie weiter wollten, um den großen Felsen auf der anderen Seite des Tals zu bestaunen. „Mich hat ja viel mehr diese schreckliche Wandertruppe gestresst, eben im Zug. Ich hatte schon Angst, die würden mit uns an der Talstation anstehen, denn so wie die aussahen, waren das eher Bergab-Wanderer. Hast du gelesen, was auf ihren T-Shirts stand?“
„Jap. ‚Wandergruppe Immervoll‘, ganz spitze! Aber hast du auch gesehen, wer mit denen zusammen unterwegs war?“
„Nee, hätte ich da wen von kennen müssen?“
„Nicht erkannt? Unsere neue Lokalgröße?“
„Nein! Doch nicht etwa …“
„Genau der. Ich kann sein neuestes Werk kaum erwarten.“ Der Brillenträger schob seine Brille nach oben und suchte den Blick von Violetta, die ihre freie Hand nach ihm ausstreckte. Schneller als erwartet erreichten sie die Klippe und kletterten mit den Mädchen die kurze steile Treppe zum unteren Aussichtspunkt hinab. Als sie zwischen den Felsen am Abgrund angekommen waren, die Mädchen sicher auf den Armen, frischte der Herbstwind für ein paar Augenblicke spürbar auf, die Haare der Mädchen wirbelten auf ihren Köpfen.
„Schön, dass es endlich wieder runterkühlt.“
„Ja, wenigstens das.“
„Bitte, mach den Moment nicht mit Untergangskommentaren kaputt, ja?“ Der Brillenträger nickte, auch wenn er zu gerne ihr Glück noch vergrößert hätte, in dem er Vergleiche mit anderen Orten anstellte, weiter südlich und weiter östlich, also genau in der Gegenrichtung zu der, in die sie gerade alle blickten, denn während sie hier standen, stand halb Südosteuropa seit einigen Stunden unter Wasser. In Österreich, Polen, Tschechien und Rumänien bauten sich gerade simultan mehrere Jahrhunderthochwasser auf, die ersten Todesmeldungen hatte er vor wenigen Stunden gelesen, die meisten Dämme standen bereits kurz vorm Durchbruch oder Überlaufen.
Ein paar Minuten später standen sie am Geländer am oberen Aussichtspunkt, hinter ihnen saßen ein paar Gäste im Hotelrestaurant und aßen Eis aus großen Glasschalen. Rosa und Violetta machten sich zeitgleich bemerkbar, sie wollten wieder Boden unter die Füße bekommen. Dann standen sie misstrauisch da und wagten sich erst näher an den Abgrund hinter dem Geländer heran, als sie die Hände ihrer Eltern hielten, die sich, nach nur ein paar Schritten auf das Geländer zu, hinter sie hockten und mit beiden Armen umschlossen. „Und niemals einen Schritt weiter! Geländer heißt: Stehenbleiben. Nur gucken.“ Die Mädchen beugten sich vorsichtig nach vorne und bestaunten die tiefe Schlucht vor ihnen und den steilen Felsen gegenüber. Der Brillenträger deutete mit der Hand in die gleiche Richtung und sagte überdeutlich: „Ross-trap-pe.“ Violetta sah zu ihrer Schwester, die bereits ebenfalls ihre Hand ausgestreckt hatte: „Oetta, da, Osstappe!“ Rosa klatschte in die Hände und trampelte mit den Füßen. Sofort wichen alle einen Schritt vom Abgrund zurück. Neben ihnen waren derweil drei Jugendliche stehen geblieben. „War das etwa hier?!“
„Ja, ganz genau hier. Ich hab doch das Selfie noch gesehen.“
„Ohne Scheiß?“
„Ja, Digger, nur ein paar Sekunden später isser abgestürzt, genau hier, vor genau zwei Wochen.“
„Krass, Digger.“
Ein paar Minuten noch ließen die vier Freunde die Mädchen ins Bodetal gucken, der Brillenträger versuchte ihnen noch die Namen der anderen Felsformationen beizubringen, aber schon bei der Prinzensicht gab er es auf und zeigte nur noch tief runter ins Tal: „Hirsch-grund.“ Dann kletterten die Mädchen über die großen flachen Steine vom Abgrund weg, ohne dass ihre Eltern sie noch festhallten mussten.
Eine gute Stunde später saßen alle vier ebenfalls vor Glasschalen mit bunten Eiskugeln, die Mädchen hatten sich für Sauerkirsche und Melone entschieden, allerdings im kleinen Biergarten neben der Selbstbedienungsgaststätte, also mit dem besten Blick auf Thale, das immer noch im Sonnenschein lag. Die Mädchen und ihre Eltern waren schwer mit ihrem Nachtisch beschäftigt, als Karoline und der Brillenträger ein Stück entfernt mit ihren Rücken am Geländer lehnten und rauchten. „Was meinst du, ist es vielleicht doch langsam wieder mehr Zeit, um abzuhauen?“ Karoline überlegt eine Weile: „Ja. Aber wohin denn?!“
„Gute Frage. Also bleiben wir hier, in der Festung Europa?“
„Wir warten erstmal noch das Ergebnis aus Brandenburg ab nächste Woche. Dann reden wir weiter.“ Sie sah dem Brillenträger an, dass er sich Luft machen musste. „Lass es raus, ich schreibe auch nicht mit.“ Er holte Luft. „Sicher? Ich dachte du meidest die Gegenwart inzwischen, so lange sie euch nicht direkt betrifft.“
„Das mache ich auch weiterhin. Aber einmal in der Woche kann ich mir ja auch mal anhören, wie schlimm es schon geworden ist. Leg schon los!“
„Okay. Also, es ist genau so schlimm: Die SPD-Innenministerin ordnet landesweite Grenzkontrollen an, wie das umgesetzt werden soll, weiß sie auch, nämlich smart.“
„Doof ist die nicht.“
„Hm, das übernimmt die CDU. Die sagen erst nach langem Hadern einem Asylgipfel mit der Bundesregierung zu, brechen den dann aber spektakulär ab, das ist denen alles noch nicht hart genug, und keiner ist davon noch überrascht.“
„Trotzdem widerlich.“
„Es geht noch schlimmer.“
„Bei der AfD?“
„Die fordert lautstark, kein Mist: Nur noch Brot, Bett und Seife für Asylanten. In Brandenburg sind sie sogar noch weiter: Kein Zugang zu öffentlichen Veranstaltungen für Asylanten fordern die Faschos da, im Landtag.“
„Und der Führer?“
„Höcke? Pass auf, der ist jetzt endlich richtiger Ossi. Der behauptet auf X, die BRD und die Treuhand haben ‚unsere‘ Wirtschaft zerstört.“
„Haben sie ja auch.“
„Klar. Lustig nur, dass er das sagt, geboren und Abitur gemacht in Rheinland-Pfalz.“
„Na komm, Osterweiterung ist doch Markenkern.“
„Nicht lustig. Aber das verrückteste habe ich ja noch gar nicht erzählt.“
„Nein?“
„Nein. Es gibt neues von Till.“
„Ich dachte du wolltest ihm erstmal nicht mehr nachstellen?“
„War auch nur ganz kurz. Jedenfalls habe ich ihn dabei belauscht, wie er an seinem Schreibtisch Selbstgespräche geführt hat. Und, na ja, das worüber er sich da so aufgeregt hat, das ist eben das verrückte, und zwar in doppelter Hinsicht.“
„Jetzt mach es nicht unnötig spannend!“
„Er saß da, fuchtelte wild mit seinen Armen durch den Pfeifenqualm vor seinem Bildschirm und rezitierte immer wieder Stellen eines Redemanuskriptes, das vor ihm zu erkennen war, nach jedem Satz verfiel er in lautes Fluchen und zeterte, dass er es einfach nicht bereifen kann, wie die Menschen, es wären doch Menschen!, wie sie seine Botschaft nicht verstehen würden, nicht verstehen wollten, nicht konnten, so sehr wären sie schon von den Dämonen besessen, die sie fortführten, fort vom Pfad der Gerechten, fort, immer weiter an den Rand des Abgrunds, in den ihre Seelen stürzen würden, wenn es ihnen nicht gelänge, zurückzufinden, zurück auf den Pfad, den er ihnen zeigen würde, immer wieder, jeden Tag aufs Neue, wie verblendet sie alle wären, wie ignorant, und wie wenig sie seinen Worten noch glauben schenkten, nicht seinen natürlich, Tills Worte waren nicht länger seine eigenen, es waren Gottes Worte, die sie nicht mehr hören wollten, nein, nein, schlimmer noch, Worte, für die sie ihn auslachten, immer nur noch lachten, wie die Dämonen, die von ihnen Besitz ergriffen hätten, Dämonen, sie lachten, mit den Zungen des Teufels verhöhnten sie ihn.“
„Das hast du dir alles gemerkt?“
„Na ja, so ähnlich halt. Und jetzt kommt das doppelt verrückte: Fast jeden Satz des Redemanuskripts hatte ich einen Tag früher, und zwar am 23. August, im Landtag von Sachsen-Anhalt gehört, vorne am Rednerpult. Der bärtige Brillenträger in waldgrüner Jägertracht beschimpfte den Landesbischof als Gottes Widersacher, die AfD kämpfe als Drachentöter auf der Seite des Lichts gegen die Dunkelheit, Gott selbst sei mit der Partei gegen das Böse in der Welt, und er, der Redner in Jägertracht, fürchte die Verfolgung als Extremist nicht, denn Gott sei mit der AfD. Und das alles unter schallendem Gelächter.“ Der Brillenträger nahm kurz seine Brille ab und rieb sich die Augen. Karoline schaute über das Geländer weit ins Land, irgendwo da drüben musste Magdeburg liegen. „Also, wo sollen wir hin?, wenn es nicht mal im Paralleluniversum noch sicher ist.“ Karoline wendete sich ihm wieder zu: „Kennst du meinen Text von vor genau hundert Jahren?“ Er musste nicht lange überlegen: „Was denkst du, was ich heute Morgen zum Frühstück gelesen habe?“
15. September 1924
Goldene Ausblicke
(Babylon Münzenberg 312)
Gerade erst komme ich zurück,
wir waren auf dem Hexentanzplatz,
am Bodetal habe ich mich immer noch nicht satt gesehen.
Mit bleiben nur noch wenige Stunden,
bis die Sonne untergeht,
und die Vorarbeit für morgen will erledigt sein,
bevor die Schreibtischlampe leuchtet.
Das heißt, ich muss die letzten Bestellungen noch fertig machen,
so ein Schaufenster füllt sich nicht von selbst.
Und die Neuerscheinungen im Börsenblatt
klingen allesamt nach neuen Zeiten.
Besonders für die neue Lehrergeneration
scheint sich der Buchmarkt zu begeistern:
Ein „Pädagogischer Neubau“ erscheint,
nur 2,60 Mark für 130 Seiten.
Die Ankündigung klingt mir ein bisschen zu sehr angebiedert,
so als wollten Verlagsmenschen schreiben,
wie sie denken, dass junge Menschen heute reden:
„Dieses neue Buch ist ein kühnes Buch,
das scharf ins Zeug geht
und eine wirkliche Reform
vom Grund auf aus dem Innern,
aus dem Geiste heraus fordert;
dieses Buch erschöpft sich nicht
wie so viele andere Werke im Methodischen,
sondern es bietet wirklich Positives und Grundsätzliches
zur inneren Erneuerung der Schule.
Daß dabei der Gesamtunterricht,
um den man sich zur Zeit so sehr streitet,
eine besondere Rolle spielt, kann besonders betont werden,
denn es ist bekannt daß der Verfasser auf diesem Gebiete
unbestrittener Führer ist
und unmittelbar neben Franz Seitz steht.“
Na, wenn das mal nicht noch in der nächsten Woche
von einem jungen Lehrer gekauft wird…
Und wir brauchen sie ja!
Denn die Konterrevolution ist doch ausgeblieben!
Die Zukunft ist nicht mehr schwarz!
Und egal, was auch immer das ist,
was dieses Land gerade probiert,
der Hitler ist immer noch in Festungshaft.
Gerüchten zufolge aber wohl nicht mehr so lange.
Freunde aus München haben mir geschrieben:
Erst vor zwei Tagen hat er sich aus der Haft heraus
einen schwarzen Benz reservieren lassen
und hofft auf eine Entlassung bis Weihnachten,
wegen guter Führung.
Den Benz will er wohl
mit dem Honorar für ein Buchmanuskript bezahlen,
an dem er gerade noch schreibt;
und ich kann mir nicht vorstellen,
wer das lesen wollte,
wenn es so klingt,
wie er redet.
Immerhin will er kein Lehrer werden.
Bildung also,
Bildung wird uns retten.
Retten vor einem neuen Abgrund.
Wir werden lernen,
lernen aus der Geschichte.
Und wir werden schwärmen,
schwärmen von einem Jahrzehnt,
das so golden ist
wie es nur ein deutscher Herbst sein kann.
Denn es ist immer noch Frieden,
Frieden in ganz Europa.
Oh, Freude,
deine sanften Flügel
halten uns hoch über dem Tal;
und von hier oben
haben wir den schönsten Ausblick,
über den Bergen färbt sich der Himmel
von goldgelb
zu rosa
zu violett.
„Hey, die Mädchen sind fertig mit Staunen“, riss Maries Stimme den Blick der beiden wieder zurück in die Gegenwart, „wir sollten aufbrechen, der Weg runter zu Fuß dauert, auch wenn wir uns mit dem Tragen abwechseln, und die Sonne steht auch schon ziemlich tief.“ Sie schulterten ihre Rucksäcke und die Mädchen und verließen den Hexentanzplatz, liefen vorbei an der Bergstation, über die Reste des Sachsenwalls, passierten die Walpurgishalle und stahlen sich durch den Bauzaun neben dem Bergtheater, um den Zick-Zack-Weg hinab ins Steinbachtal zu finden. Unten angekommen verschnauften sie kurz an dem kleinen Damm, der vom schmalen Bach kaum etwas aufhielt, als eine Wandertruppe an ihnen vorbeimarschierte, acht Männer in schwarzen Hemden und mit Sonnenbrille im Schatten der Bäume. Unter ihnen lamentierte jemand, und der Brillenträger notierte sich einige Wortfetzen, denn es war tatsächlich der Schwarze Poet: „Hinab – Hinab in einen neuen Abgrund – Wo unsere Seelen keine Ruhe finden – Wo Dämonen auf uns warten – Wo Chaos herrscht – Und wo wir kämpfen müssen – Für eine neue Welt – Die vor uns liegt – Die leuchtet – wie der Sonnenaufgang im Osten – blutrot ist unser aller Zukunft.“ Als die Wandertruppe in den schwarzen Hemden wieder außer Sichtweite war, begannen alle zu lachen, sogar Violetta und Rosa ließen sich anstecken. „Hast du gesehen? Die sahen einer wie der andere aus wie J.D. Vance!“
Der Buchträger verwickelte den Brillenträger auf dem Weg zum Bahnhof dann in ein kurzes Gespräch darüber dass Elon Musk dem Holocaustleugner Darryl Cooper erst vor Kurzem eine Bühne geboten hatte, welchem J.D. Vance auch noch followt, aber Kamala hätte das TV-Duell schon mit ihrem Handschlag gewonnen, ganz gleich ob der Tagesschaukorrespondent behauptete, einen Sieger habe es nicht gegeben, und das Duell hätte auf Augenhöhe stattgefunden, schließlich hätte Taylor Swift direkt im Anschluss ihre Fans dazu aufgerufen, in sechs Wochen die Demokratin zu wählen, deren Wahlkampfteam in dem Duell nichts anderes als eine Goldmine für Attack Ads sehen würden, und außerdem sagte sogar Fox News, dass Kamala gewonnen hätte; dabei glühte er beinahe vor Optimismus. Der Brillenträger zeigte ihm zur Antwort nur einen Ausschnitt aus seinem Text über die vergangene Woche als die beiden wieder im Zug saßen: Israel bombardiert eine humanitäre Zone. Israel bombardiert ein UN-Gebäude; wieviele Kommandozentralen hat die Hamas eigentlich noch? Derweil befahren deutsche Kriegsschiffe die Straße von Taiwan …
Kriegsprotokoll. Schreibtisch. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe.
Woche 131.
Die letzten Grenzen werden wohl fallen. Montag: Über Kiew werden weiterhin Drohnen abgeschossen. Kriegstrommler Kiesewetter (CDU) nimmt den Kanzler ins Visier: „Der Vorstoß des Bundeskanzlers war absehbar, denn er passt in die Strategie von Teilen der SPD, die Ukraine sehr subtil in einen von Russland festgelegten Scheinfrieden zu drängen, indem die Unterstützung schrittweise zurückgefahren wird und stattdessen Scheinverhandlungen gefordert werden.“ Die ukrainische Energieinfrastruktur in Dnipropetrowsk, Donezk, Saporischschja, Sumy, Charkiw, Cherson und Tschernihiw wird weiter dezimiert. Auch die Grünen halten wieder mehr von Friedensverhandlungen. Die Niederlande lenkt ein: „Die Ukraine darf unsere Waffen auf russischem Territorium einsetzen, um sich gemäß dem Völkerrecht zu verteidigen.“ Dienstag: Die gegenseitigen nächtlichen Drohnenangriffe auf beiden Seiten der nordöstlichen Grenze gehen unvermindert weiter, in der Region Moskau stirbt dabei ein Kind. Russlands Kriegsmarine beginnt das Manöver „Ozean-2024“ in mehreren Gewässern. Krasnohoriwka, Hryhoriwka, Wodjane und Halyzyniwka werden „befreit“. Der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal sagt voraus: „Wir haben drei Heizperioden erfolgreich überstanden. Der kommende Winter wird nicht weniger schwierig, sondern vielleicht sogar der schwierigste.“ Der Iran wird mit neuen Sanktionen beleget, wegen Raketenlieferungen an Russland. Mittwoch: Auf die Frage nach der Freigabe US-amrikanischer Langstreckenwaffen antwortet Biden: „Wir arbeiten daran.“ In Kursk sind die ersten zehn Siedlungen zurückerobert. Die Außenminister der USA und Großbritanniens besuchen Kiew. In Iwano-Frankiwsk (Westukraine) patroullieren Sprachinspekteure, die Ukrainer*innen darauf hinweisen sollen, doch bitte kein Russisch mehr zu sprechen; eine Meldehotline ist ebenfalls eingerichtet. Donnerstag: In Konotop (Sumy) wird die Infrastruktur zerschossen, auch in fünf weiteren Regionen bricht die Stromversorgung zusammen. Pokrowsk ist zunehmend ohne Wasser und Strom. Laut Putin hat die Gegenoffensive in Kursk begonnen. Selenskyj lehnt einen Friedensvorschlag von China und Brasilien als „Theater“ ab. Der Kreml bewertet die anstehende Freigabe von Langstreckenwaffen: „Dies würde die Natur des Konflikts in erheblichem Maß verändern. Es würde bedeuten, dass NATO-Staaten im Krieg mit Russland sind.“ Freitag: Putin legt noch mal nach: „Das wird bedeuten, dass die Länder der NATO, die USA, die europäischen Länder mit Russland kämpfen.“ Pistorius entgegnet: „Das Völkerrecht lässt das zu.“ Die Grenzgebiete Sumy und Charkiw stehen weiter unter Artilleriefeuer. Die russische Angriffsachse wird nach Süden ausgeweitet, Kurachowe ist das nächste Pokrowsk. Samstag: Washington nimmt die Drohungen des Kremls immerhin ernst: „unglaublich gefährlich“. Biden und Starmer können sich auch noch nicht auf den Einsatz der Langstreckenwaffen einigen. In der Nacht werden erneut massive Drohnenangriffe aus der gesamten Ukraine gemeldet. Scholz bleibt immer noch beim Nein. Jelanne Perche wird „befreit“. Auch in Belgorod schlagen Geschosse ein. In Kursk wird weiter erbittert gekämpft. Sonntag: Wolfgang Ischinger (SiKo) macht es sich einfach: „Es wäre für alle klarer und leichter, wenn wir schlicht und ergreifend sagen würden: Wir verpflichten die Ukraine darauf, dass sie die von uns erhaltenen Waffensysteme ausschließlich in dem Rahmen einsetzt, der mit dem geltenden Völkerrecht vereinbar ist.“ Bei einem russischen Raketenangriff auf Odessa kommen zwei Menschen ums Leben. Mitten in Charkiw trifft eine Fliegerbombe ein mehrstöckiges Wohnhaus.
„Sag mal, warum bist du eigentlich mit eingestiegen? Schläfst du nicht zu Hause heute?“
„Doch doch, aber ich muss noch mal in den Laden, die Auslage für den letzten Monat vor der Buchmesse nachbessern.“
„Wieso, was hast du denn vergessen?“
„Nicht vergessen. Ich war mir nur unsicher. Wer will schon eine ‚Zumutung‘ für 36 Euro lesen?“
„Du stellst es doch noch aus?“
„Ja doch! Ich hab jetzt auch angefangen, und seitdem gefühlt nicht viel anderes mehr gemacht.“
„Sag ich doch! Was würde ich dafür geben, jetzt doch noch Literaturdozent geworden zu sein. Dafür reichen keine zig Semester. Für ‚Die Projektoren‘ müsste ein ganzer Lehrstuhl her.“
„Genau, gleich neben dem Lehrstuhl für die Kritischen Karl May Studien, was?“
„Natürlich nicht. Wo bist du grad?“
„Im Güntz-Turm mal wieder. Dieses Mal bei den junken Faschos.“
„Ah, die neuen Wölfe! Ich verrate soviel: Besonders gute Aussichten haben die nicht.“
„Na, so viel war ja auch vorher schon klar“, der Buchträger lachte, „und zwischendrin, und hinterher, und währenddessen. Ich will nicht wissen, wie andere Schriftsteller sich gerade fühlen; was sollen die denn jetzt noch schreiben, ohne neidisch zu sein?“ Auf diese Frage wollte der Brillenträger jedoch nicht antworten: „Na dann, und schön mittig aufstellen, mit gebührendem Abstand zu den anderen Büchern“, wobei er beim letzten Wort Gänsefüßchen in die Luft malte.
Sie umarmten sich eine viertel Stunde später gegenüber der Freimaurerfigurengruppe, dann bog der Buchträger nach rechts ab, der Brillenträger wie immer nach links.
Kurz nach Sonnenuntergang stand er am hölzernen Geländer seines kleinen Balkons und genoss seine kleine Aussicht über den kleinen Hof, auf den riesigen Walnussbaum und über die Dächer und Türme von Rathaus und Marktkirche. Wohin nur? Wo sollten sie denn nur hin? Sollten sie nicht einfach hier am Geländer stehen bleiben? Den Abgrund einfach nur noch so lange bestaunen wie es noch ging? Und einfach nicht springen?
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