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Before the storm (S5:Ep6)

von | 2021 | 23. Mai | Die Serie, Staffel 5 - How does it feel?

„Culture is so claustrophobic.
Claws to prove it hurt so good.
And the party’s over.
I’m still on your couch now, love.
Yeah, if there is a line, I know you won’t cross it.
Take your time,
but I might die.
– She’s gonna cut my head off
But I don’t care, I don’t care.“
(Kenny Hoopla: How will I rest in peace, … 2020.)

 

Ruhe!
Kann sich noch jemand erinnern,
was das war?
Ich meine jetzt keine (selbst)verordnete Ruhe,
wenn wir mal eine Auszeit nehmen,
abschalten,
weglaufen oder
einfach nur schlafen,
und erst recht nicht den auditiven Zustand,
bei dem unsere Gedanken nur umso lauter sind.
Ich meine den Zustand,
dass wirklich mal nichts ist,
niemand was von einem will,
oder wollen könnte,
das wir nicht sowieso schon freiwillig geben würden.
Dass es mal keine schlechten Nachrichten gibt,
die sich über alle Kanäle verbreiten,
keine Meinungen, mit denen wir behelligt werden,
Gespräche, die wir gar nicht führen wollen,
oder Blogs und Podcasts,
die uns genau das alles aufdrängen
(sorry, not sorry).

Und dann kommt jetzt auch noch der Sommer!
Ruhe hatten wir lange genug.
Die Couchen sind durchgesessen,
Netflix leer geguckt,
das Internet mal wieder reif
für die Abschaltung.
Warum nur, warum
will trotzdem keine richtige Vorfreude aufkommen?
Laut den Plänen diverser Regierungen
kommt eine „richtig coole Zeit“ (Sebastian Kurz)
auf uns zu:
Die ersten, vorläufigen Enden der Pandemie
stehen ja schon länger fest:
Im UK sind es noch vier Wochen,
bis alle Maßnahmen aufgehoben werden sollen,
in den USA noch sechs,
natürlich pünktlich zum 4. Juli.
New York schlägt schon
ungläubig blinzelnd die Augen auf,
über 50% der Einwohner
sind bereits vollständig geimpft,
anything goes.
Nur der Broadway hat die Vorhänge
noch bis in den Herbst zugezogen,
dahinter dürfte es aber bereits stürmen.
Chicago kündigt ein Endzeit-Line-Up
für das Lollapalooza im September an,
Biffy Clyro bestätigen Arena(!)-Termine
für den Oktober in Deutschland,
und das Taubertal, Ende August,
ist immerhin noch nicht abgesagt.
Alles aber natürlich nur für „G-ple“,
getestet, genesen, geimpft.

Hatte der Schwurbelfasching also doch Recht,
hatte er ja auch schon immer gesagt:
Impfpflicht durch die Hintertür,
Zwei-Klassen-Gesellschaft,
Spaltung, Spaltung, Spaltung.
Und alles nur wegen so ner blöden Grippe.
Irgendwelche Mutanten
machen jetzt auch noch Vakzine 2.0 nötig;
diese gottverdammte Pharmaindustrie!
Lässt die Menschen nicht einfach so
seelenruhig sterben.

Auf den Straßen allerdings
scheint sich der Wind
langsam schon zu drehen:
Der zum x-ten Male angekündigte Umsturz
in Berlin fällt auch zu Pfingsten wieder ins Wasser:
Aus den Polizeikesseln im Regierungsgebäude
sind wieder keine Kesselschlachten geworden,
die Treppe zum Reichstag bleibt ungestürmt.
Den Leidtragenden der Corona-Diktatur
bleibt wieder nur die opfrige Rolle rückwärts
in ihre Messenger-Gruppen.

Und dabei können Demos doch auch sinnvoll sein,
nur eben derzeit eher so im Hinterland,
abseits der Systempresse:
Nach 99 Jahren Stadtrecht
wurde gestern in Thale am Harz
große Premiere gefeiert.
Nachdem erst am Donnerstag der Landesvater
zu Besuch auf der Baustelle „Bergtheater 2024“ gewesen war,
staunten die Provinzler erst recht nicht schlecht:
Die echte, wirkliche Antifa gab sich die Ehre.
Da wurde sich nach dem Samstagsbraten
neugierig aus den Fenstern gelehnt,
da wurde die ein oder andere
hektische Staru mit dem Kleinwagen gedreht,
und da wurde am Wegesrand fotografiert.
Der Bürgermeister hatte die Bewohner
vorab per Facebook informiert:
Ein Auf- oder Umzug,
der vom Land genehmigt sei,
würde für Verkehrsbehinderungen sorgen.
Wann hatte es das zuletzt gegeben?
Und vor allem:
Was war passiert?
Die Antifa macht sich
die Mühe ja nicht umsonst.
In rechten Dunstkreisen
wurde die Geschichte verbreitet,
dass das ganze eine Gegenveranstaltung
zu einer hiesigen CDU-Veranstaltung sein sollte.
Einziges Problem:
Es gab keine CDU-Veranstaltung,
nicht mal irgendwo einen momentan üblichen Wahlkampfstand.
Also doch nur ein extravaganter Gruppenausflug
von Northface-Jackenträgern,
die anschließend noch
die schöne Natur genießen wollten?
Fast.
Die Demoroute führte den Zug
vom ehemaligen „Kaffeeloch“ im Friedenspark
ein Mal um die Innenstadt herum.
Circa 150 vermummte Demonstranten,
circa 10 große und eindeutige Flaggen,
eingerahmt von circa 10 ebenso eindeutigen Transparenten.
Keine Diskussion:
Hier marschierte der Schwarze Block.
Und davor, dahinter, seitwärts:
Circa zwei Hundertschaften der Polizei.
Mittendrin Lautsprecherwagen,
Soundsystem, Agitation.
Während des gut dreistündigen Aufmarschs
wurde dann die Notwendigkeit offensichtlich:
Hakenkreuze an Hauswänden.
Aufkleber an Straßenlaternen,
die die Legalisierung (!) des Arierseins fordern.
Die Zahl 88 unter einen Davidstern
an einer Haltestelle geschmiert.
Bierbäuche, die, nur knapp bedeckt
von schwarz-weiß-roten Shirts,
aus Fenstern gehalten werden.
Aber eben auch,
ebenfalls an taghellen Hauswänden:
Offene Morddrohungen
gegen namentlich benannte Thalenser,
gezeichnet mit „NS Harz“.
Gründe also mehr als genug.
Da musste natürlich auch
dem stadtbekannten Vorzeigenazi
ein Besuch abgestattet werden,
der vom Hoftor aus das Unschuldslamm gab.
Bevor es zum Ende hin
doch noch zu Annäherungsversuchen
zwischen Polizei und Demonstranten kam,
gab es eine fast rührende Szene:
Zufälligerweise genau in der Steinbachstraße,
als der Zug an der hiesigen Waldorfschule vorbei lief,
erklang vom Lautsprecherwagen aus:
„Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“.
Da erstummten sogar die Sprechchöre,
denn das sprach lautstark für sich selbst:
Keine Ruhe im Hinterland!

Keine Ruhe auch für richtige Hardcorenazis.
Wie den bekennenden Antisemiten
und Oberleutnant
„ich will den Verteidigungsminister liquidieren“
der Bundeswehr,
Franco A.
Bei der Masse an Beweisen,
die die Staatsanwaltschaft
zum Prozessauftakt
in Frankfurt am Main vorgelegt hat,
bleibt auch seiner Verteidigung
nur der gewohnte Ausstieg:
Stimmt alles nicht!
Rufmord! Hetzkampagne! Und so weiter.
Kurz: Täter-Opfer-Umkehr.
Wir können uns sicher sein,
dass auch in seinem Fall
der Prozess das Gegenteil von kurz wird.

Und da wir gerade beim Antisemitismus sind:
Vor dessen Wiederaufflammen
muss inzwischen niemand mehr warnen.
Was sich lange beschönigen ließ,
ist nicht mehr wegzudiskutieren.
Weder hier noch sonstwo.
Da traut sich auch Erdogan aus der Deckung:
Beflügelt von dem, wie er denkt,
internationalen Anti-Zionismus
(was allerdings Kritik am Handeln
der aktuellen israelischen Regierung ist),
poltert er inzwischen schamlos
gegen die „jüdischen Terroristen“ im Süden.
Kein Wunder,
dass Osmane Attila Hildmann in der Türkei
keine weiteren Probleme hat,
da wird gerade richtig üble Soße zusammengebraut.

In den eigentlichen Konflikt
ist allerdings nach 11 Tagen Ruhe eingekehrt.
Vorerst.
Jede Waffenruhe wird irgendwann gebrochen.
Pünktlich zum Besuch des deutschen Außenministers
konnte die Vereinbarung getroffen werden.
Sowohl in Palästina (Generalstreiks),
als auch in Tel-Aviv (diverse Friedensdemos)
hatten die Menschen also schnell genug.
Am Freitag rauchte es dann
noch mal in Bethlehem
und auf dem Tempelberg,
als die IDF die feiernden Palästinenser
vor der al-Aqsa-Moschee vertrieb.
Fazit:
„Kein dritter Krieg“,
jedes der rund 300 Todesopfer eines zu viel,
der Wiederaufbau von Wohngebäuden
und Schulen (über 40.000 Kinder sind betroffen)
wird Jahre dauern.
Die UN wittert völlig zu Recht israelische Kriegsverbrechen,
die USA blockieren aber entsprechende Resolutionen.
Also: Wieder nichts erreicht.
Nur ein weiterer Sturm
im Wasserglas der Historiker.

Solange Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen
immer nur von irgendwem,
fremden Regierungen,
NGOs
und der Zivilbevölkerung verurteilt,
aber nie konsequent bestraft werden (können),
bleiben auch Geschichten wie die von Ceuta
nur ein nächster Eintrag
ins Schwarzbuch des Humanismus.
Anfang der Woche schwammen
Tausende Flüchtende
die rund zwei Kilometer
von Marokko in die spanische Enklave.
Und jeder, der nicht unter 18 und „unbegleitet“ war,
wurde umgehend wieder abgeschoben.
Immerhin wurde die EU mal wieder daran erinnert,
welchen Preis wir
für diesen irren „Wohlstand“ hier zahlen.
Und wer sich über so was immer noch aufregt,
den stellt man inzwischen einfach
in die hyper-woke Ecke,
er solle endlich mal Ruhe geben,
schließlich sterbe hierzulande
das Hotelgewerbe (vielleicht).
Die EU-Kommission bleibt auch ganz entspannt
und berät, laut Protokoll,
über die Bekämpfung von Fluchtursachen.
Mehr Wokeness ist eben nicht drin.
Dass es auch anders geht,
und dass das sogar legal ist,
zeigt der Freispruch für Carola Rackete.
Menschen aus Seenot retten
ist also kein Verbrechen.
Für diese Erkenntnis haben europäische Gerichte
mehrere Jahre gebraucht,
memento moria.
Oder:
Remember Xinjiang.
Menschenrechte stehen wieder auf der Agenda.
Nancy Pelosi verurteilt von Washington aus
die Arbeitslager im westlichen China
und ruft zu einem Boykott
der kommenden Winterspiele in Peking (!) auf.
Wir dürfen gespannt sein,
ob, bei Aufrechterhaltung der Lager,
wirklich keine US-Skifahrer*innen
den Kunstschnee durchwedeln.

Wenigstens frischt der Wind
an der Wallstreet mal etwas auf:
Wirkliche Umverteilung geht anders,
aber die selbsternannten „Patriotic Millionaires“
haben doch allen Ernstes
vor mehreren Häusern von Jeff Bezos
demonstriert („Cut the bullshit, tax the rich!“).
Joe Biden lässt sich nicht lange bitten,
und schlägt noch vor irgendeinem Sozialdemokraten
eine globale Konzernsteuer von 15% vor,
was das theoretische Aus
für jede Form von Steueroase wäre
und Fanstatilliarden
in die Staatskassen spülen würde.
Es müssten nur alle 195 Länder mitmachen,
inklusive dem Vatikan.
Genau, die Verhandlungen könnten sich hinziehen.
Genauso wie der Steuerprozess
gegen den Schattenpräsidenten.
Aber vielleicht hat Justizia
dieses Jahr ja mal die Spendierhosen an,
und zu Weihnachten gibt‘s
wenigstens nen Satz orangene Anzüge
für eine sehr schwer verschuldete Familie.
Wenn schon nicht Wohlstand für alle,
dann eben Gerechtigkeit für viele.

Apropos:
Im Harzkreis muss die Umverteilung
auch noch eine Woche warten;
der Pfingsttourismus ist
den zu langsam sinkenden Infektionszahlen
zum Opfer gefallen.
Das gescheiterte Modellprojekt
hat damit aber sicher nichts zu tun.
Und kalt war‘s auch noch!

So,
und wer das jetzt empörend genug fand,
der muss die Gute-Nacht-Geschichte
jetzt wenigstens auch noch lesen,
alle anderen
dürfen den Schwarzen Spiegel
jetzt bitte ausschalten,
was sehr ernst gemeint ist,
denn es folgt ein wahrer Albtraum:

Stellt Euch vor,
es ist Pandemie.
Nicht schrecklich genug?
Stellt Euch vor,
Ihr würdet zu den 150.00 Menschen gehören,
die der Sturm Tauktae in Indien
gerade obdachlos gemacht und verletzt hat.
In den Krankenhäusern ist nicht nur kein Platz mehr,
dort geht auch noch die sehr seltene Mukormykosis um,
eine tödliche Pilzinfektion der nasalen Blutgefäße,
die sich in den unzähligen Covid-19 Patienten
anscheinend besonders wohl fühlt.

Gut, reicht.
Wieder aufwachen.
Die beiden am meisten verabreichten Vakzine weltweit
schützen auch vor den
bis jetzt besorgniserregendsten Varianten.
In Deutschland sind wir bei über 40% Impfquote.
Wenigstens ein Albtraum nähert sich immer mehr dem Ende.
Freddy Kruger wetzt derweil seelenlos ruhig die Klingen:
Nach dem Traum
ist vor der Wirklichkeit.
Und das lange Wochenende
nur die Ruhe vor
allem was als nächstes kommt.

 

„Love you in a panic
because I prefer to sit on fences,
spit-kissing on my sickbed.
I’m not searching for replacements,
but we are like broken instruments.
Twisted up and wheezing out the runnels.
Sleepless folks watching light
grow through their early morning windows.“

(Daughter: No care. 2016.)

 

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