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Bella Ciao! (Chronicle 5)

von | 2021 | 17. Juli | Chronicle

Karoline Salthusser hatte sich schnell und gut eingelebt. Kein Wunder: Im Vergleich zu dem Zeitkontinuum, aus dem sie hierher gekommen war, kamen ihr diese doppelten Zwanziger beinahe schon sorglos vor. Quedlinburg war vor 100 Jahren sicher vieles, aber mit Sicherheit kein international beliebtes und sehr belebtes Tourismusziel. Ihre Arbeit im Buchladen damals war eintönig und hatte wenig eingebracht. Hätte sie ihre Mission nicht gehabt, und hätte sie nicht Freunde und Verbündete gefunden, wäre sie früher oder später vermutlich ganz nach Berlin gezogen.
Aber seit ihrer Flucht vor einigen Wochen aus eben dem neuen Berlin hatte sie die Abgeschiedenheit hier wieder mögen gelernt. Nicht zu nah dran, aber auch nicht zu weit weg. Und ein bisschen Erholung nach den aufregenden letzten einundeinhalb Jahren in diesem Kontinuum hatte sie sich wahrlich verdient. Ihre beiden neuen Bekanntschaften, der Nachkomme ihres ehemaligen Chefs im Laden und ein literarischer Hochstapler erster Güte, hatten sie seit ihrer Ankunft behandelt, als wäre sie ein rohes Ei. Natürlich fühlte es sich auch für sie seltsam an, die Realität gewordene Personifikation eines literarischen Mythos zweier Bibliophiler zu sein. Aber genau so sprachen die beiden immer noch mit ihr. Nach sieben Wochen hatten sie es immer noch nicht verkraftet, was da Anfang Mai mit ihren Leben geschehen war. Seitdem verhielten sie sich so, als würde alles in einem Roman spielen. Alles hatte Bedeutung für die Nachwelt, jedes von Karolines Worten hätten die beiden am liebsten sofort aufgeschrieben und veröffentlicht.

Und dabei lief Karoline Salthusser wie immer die Zeit davon. Ihre erste Mission im neuen Berlin hatte gezeigt, dass mit ihren Verfolgern nicht zu spaßen gewesen war, und sie konnte sich nicht sicher sein, ob nicht vielleicht doch eine Spur nach Quedlinburg führen konnte. Sie musste wieder Geduld aufbringen. Vorsichtiger sein. Überlegen. Sehr viel überlegen. Dann wieder von vorn beginnen. Immer wieder von vorn. Niemals vergessen! Niemals wieder!
Aber in diesem Jahrhundert, am Anfang dieser Zwanziger, hatten die Menschen in dieser Stadt und in diesem Land wahrlich andere Probleme als den Kampf gegen den Faschismus. So wirkten sie jedenfalls. Nicht, dass es nicht genügend Faschisten gegeben hätte, aber selbst die waren inzwischen zu bräsig, um sich die Hände schmutzig zu machen. Im Internet grenzwertige Aussagen abzusondern, das schien den meisten vorerst noch zu reichen. Karoline hätte also kaum noch erfolgreicher sein können, und das obwohl sie nicht viel mehr tat, als ab und an im Laden auszuhelfen, und sich nebenbei um die Sonderbestellungen zu kümmern. Underground am Münzenberg. Aber sie wusste, dass die Zeiten sich wieder ändern würden, das hatten sie schließlich schon immer getan. Sie hatte die verklärten Goldenen Zwanziger gerade erst erlebt. Den letztlich erfolglosen Kampf gegen den Faschismus. Die paar guten Jahre des Übermuts, der Siegesgewissheit. Des (falschen) Pazifismus, der (törichten) Toleranz. Der Durchbruch des Weimarer Ideals. Proletariat und Bürgertum vereint bei Blasmusik und Charleston. Eine progressive Mitte – stimmet in den Jubel ein. Und letztendlich? Alles nur aufregende Fassade. Leicht zu übermalen gewesen; vom Anstreicher aus dem YMCA und seinen Todesschwadronen.

In dieser Woche war das dringendste Problem des ganzen Landes aber die jüngste Naturkatastrophe mitten in Europa. Noch nie gesehene Bilder mitten aus einem der wohlhabendsten und sichersten Länder der Welt. Ganze Dörfer und Städte auf beiden Seiten der Mosel und des Rheins waren einfach weggerissen worden. Tausende wurden evakuiert, hunderte waren gestorben. Innerhalb von drei Tagen stand der ganze Süden und Westen des Landes, also alles jenseits des Harzes, unter Wasser. Die Aufräum- und Reparaturarbeiten würden noch Jahre andauern. Jahre, in denen sich solche Ereignisse in immer häufigerer Abfolge wiederholen würden.
Aber alles mehr als gut fünf Stunden Fahrt von Quedlinburg entfernt. Das scheinbar dringendste Problem in dieser Stadt hingegen war, dass die Gelder für die Feininger-Galerie gestrichen wurden. Und das ausgerechnet zu dessen 150. Geburtstag! Kulturverlust, Bildungsverlust, Arbeitsplatzverlust. Eine lose-lose-lose-Entscheidung. Das in den lokalen Tageszeitungen nicht vorhandene Feuilleton hätte im Wochenrhythmus ausrasten können. Die Empörung im liberalen Bürgertum war uferlos. Denn sonst waren es eher die anderen, die die wirklichen Probleme hatten. Kurzum: Karoline Salthusser genoss jede Minute und vermisste die rote Hauptstadt für den Moment kein bisschen.

Für den Sonntag Morgen hatte sie sich mit dem Buch- und dem Brillenträger im Laden verabredet. So nett es war, sich mit den beiden zu unterhalten, und so sehr ihr die ungeteilte Aufmerksamkeit schmeichelte, manchmal war ihr die Inszenierung von einfach allem (etwas, das viele Menschen in diesen Zwanzigern auszumachen schien) einfach zu viel. Immer noch zu viel spätes Bauhaus und schon wieder zu viel edgy Ballroom.
Der Buchträger hatte im hinteren Teil seines Ladens eine Art Séparée eingerichtet, in dem sie sich inzwischen regelmäßig sonntags trafen. Die Chaiselongue hatte er neu polstern und beziehen lassen, auf einem Beistelltisch (Kirschholz) im Jugendstil stand eine topmoderne mattschwarze Kaffeemaschine, auf einem anderen, eher minimalistischen, dreifarbigen Hocker/Tisch/Unterschrank stand ein stand eine Bluetoothbox in Grammophonoptik, daneben standen einige verstaubte Schelllackplatten, und an der niedrigen Decke über den vollgestopften Regalen, prangte dezent ein Kronleuchter. Als der Buchträger vor zwei Wochen auch noch dabei gewesen war, einen bordeauxfarbenen Vorhang an einer goldenen Stange zwischen den beiden Ladenteilen zu befestigen, hatte Karoline nur einmal kurz die Augenbraue heben müssen. Genug war genug.
Als Karoline den Laden nun pünktlich um halb neun erreichte, war die Tür noch verschlossen. Ungewöhnlich, waren die beiden doch sonst immer vor ihr da gewesen, der Kaffee schon gebrüht, die Musik angenehm kratzig. Jetzt stand sie mit ihrem Rucksack auf dem Gehweg und wurde warten gelassen. Glücklicherweise war die Innenstadt bereits aufgewacht und sie konnte ihre alltäglichen Beobachtungen fortsetzen. Wie anders und doch gleich alle aussahen. Die Kleidung ein bisschen anders, die Fahrräder moderner, die Hundeleinen bunter. Die Zeit allerdings stand still. Seit hundert Jahren, seit tausend Jahren.
Da knatterte plötzlich mit ohrenbetäubendem Lärm ein riesiges Motorrad an ihr vorbei über das Kopfsteinpflaster. Springerstiefel auf dem Kupplungspedal. Schwarze Lederkutte. Schwarze Handschuhe. Mattschwarzer Wehrmachtshelm. Schwarze Sonnenbrille. Auf dem Rücken, in Fraktur: Frei Geboren. Karoline konnte dem Nummernschild, das Richtung Mathildenbrunnen davonblubberte, nur noch eine Information entreißen: Ein dickes B.
Im nächsten Moment wurde hinter ihr die Ladentür hörbar von innen aufgeschlossen, und um die Häuserecke zu ihrer Linken kam der Brillenträger.
„Hah, perfektes Timing!“ Der Buchträger grinste bis über beide Ohren und bedeutete beiden einzutreten.
„Seit wann schließt du dich ein?“
„Seit wann sagst du nicht mehr Guten Morgen?“
Karoline trat ohne zu zögern und elegant zwischen die beiden: „Hm, immerhin riecht es hier schon gut. Heute mal wieder Arabica?“ Brillen- und Buchträger tauschten nur kurz einen Blick und schienen nach und nach zu verstehen, dass Hahnenkämpfe immer sofort im Keim erstickt werden würden.
„Sorry. Guten Morgen.“
„Sorry. Ich hab mich eingeschlossen, weil…“, er zögerte ungewöhnlich lange, „wegen dem Typen auf dem Motorrad. Vielleicht sind es auch zwei, ich weiß nicht genau. Das geht schon seit zwei Stunden so.“
„Du bist schon seit zwei Stunden hier?“
„Ich bin schon die ganze Nacht hier!“ Er wandte sich zu Karoline: „Ihr Manuskript ist einfach zu faszinierend. Ich wollte ihm ja immer nicht so ganz glauben“, er knuffte den Brillenträger in die Rippen, „aber eigentlich hat er noch die ganze Zeit untertrieben. Aber jetzt setzt euch doch endlich. Ich habe die perfekte Geschichte für heute gefunden.“
Karoline wurde ganz kurz rot, was sie vor den beiden aber geschickt verbergen konnte. Sie ahnte bereits, von welcher Geschichte der Buchträger sprach, und es war ihr jetzt schon etwas unangenehm. Der Brillenträger holte indessen ein paar kopierte Blätter aus seiner Tasche: „Du meinst wahrscheinlich die hier? Hab ich auch mit, nur falls du sie vergessen hättest. Karoline was meinen sie, könnten sie uns den Gefallen vielleicht später tun? Ihre eigenen Worte von vor hundert Jahren wirken noch viel …“
„Danke, ja doch! Aber ohne Kaffee brauchen wir davon erst gar nicht anzufangen. Der sollte doch immer noch vor der Kontemplation getrunken werden. Dann meditiert es sich intensiver.“
Das jungenhafte, leicht übertriebene Lachen ließ sie ihnen durchgehen und setzte sich endlich mit einer dampfenden Tasse auf den einzigen Sessel im Raum, während Buch- und Brillenträger nebeneinander auf der Chaiselongue Platz nehmen wollten. Dazu musste der Buchträger aber vorher noch einige antiquarische Bände von der Sitzfläche nehmen, die Karoline bekannt vorkamen.
„Sagen sie nicht, sie lesen Hesse!?“ Ihr Ton war nach dem ersten Schluck gewohnt schneidend und gütig zugleich. Der Buchträger, und auch der Brillenträger waren sofort peinlich berührt.
„Ich? Nein, ich hatte nur darin gelesen, um vielleicht doch noch zu verstehen, weshalb der immer noch so gerne, von dafür eigentlich zu alten Menschen gelesen wird. Bin aber zu keinem einleuchtenden Ergebnis gekommen.“
„Na dann hätten wir doch schon unser erstes Thema!“ Der Brillenträger schielte bereits nach den zurechtgelegten Notizheften. „Ich würde sagen, der Salon ist für heute eröffnet.“ Er zündete sich eine Zigarette an und fuhr mit ironischem Unterton fort: „Frau Salthusser, sie als Zeitgenossin lehnen das Werk von Hermann Hesse also ab. Was ist der Grund? Unterm Rad mausert sich 1921 zum Welterfolg. Sein letzter Gedichtband geht weg wie geschnitten Brot. Sein Demian wird angeblich sogar von der Jugend ernsthaft gelesen, und man munkelt bereits vom nächsten Klassiker! Eine Geschichte über Siddhartha Gautama! Der Mann trifft anscheinend einen Nerv. Was nervt sie?“ Karoline schlug das linke Bein über.
„Sie müssten sich die Frage nach ihrer Einführung eigentlich selber beantworten können. Genau das nervt mich. Aber vor allem nerven mich die Leser. Glauben sie mir, die waren vor hundert Jahren genau die gleichen: Tapfer alles ertragende Menschen, die ihren Mut für die Zukunft aus Erzählungen zogen, die die Vereinzelung verherrlichten, und durch die sie sich als Lesende besonders, erleuchtet und irgendwie verzaubert vorkommen konnten. Anders, entrückter, weiser, besser. Wenn sie mich fragen: Nur eine vordergründig nettere Version von Nietzsches Übermensch. Außerdem ist es immer das gleiche Lied: Jugend oder Tod. Wer so etwas mit über fünfundzwanzig immer noch unhinterfragt für bildende Literatur hält, oder sie sogar schön findet, der hat noch nicht viel anderes gelesen.“ Brillen- und Buchträger überlegten kurz, was sie daraufhin noch sagen oder fragen konnten, entschieden sich aber zu schweigen, und der Buchträger brachte die soeben aufgesammelten Bände in eine Kiste, die vor dem Hinterausgang stand.
Danach schwiegen sie eine ganze Weile, und aus dem Grammophonimitat klang ein Klavierstück, das Karoline in den letzten Monaten schon des Öfteren gehört hatte. Als die letzten Takte verklungen waren, und alle drei die letzten Worte mitgesummt hatten, waren sie sich erneut einig darin, dass durch die Kunstfreiheit wirklich alles gedeckt ist.

„Also gut, Karoline, was sagen sie? Also ich würde ja auch mal rezitieren, aber …“ Der eine unterbrach den anderen etwas zu eifrig: „Ich auch, aber …“
„Ich weiß, ich weiß. Aber lassen sie mich doch erst noch raten: Sie haben nicht rein zufällig die Geschichte von vor genau einhundert Jahren dabei? Einen meiner ersten Versuche in Prosa? Sie können sich denken, dass ich das lieber selbst vortrage, so habe ich wenigstens die Gelegenheit, einige Anmerkungen zu machen, ohne ihnen ins Wort fallen zu müssen.“
„Nein, nein. Bitte keine Unterbrechungen. Wir haben die Geschichte schon einige Male gelesen und uns selten so auf ihren Vortrag gefreut. Wir haben Fragen. Aber wir versprechen, sie erst hinterher zu stellen.“
„Also gut“, sie kramte in ihrem Rucksack und zog eine dicke Manuskripttasche vervor. „Mal schauen. Das müsste im zweiten Band gewesen sein? Noch vor Seite fünfhundert, oder?“ Sie blätterte schnell die Seiten durch. „Wie war nur noch gleich der Titel?“ Buch- und Brillenträger sahen sich verschwörerisch an und antworteten dann mit leuchtenden Augen, beinahe synchron und mit schwärmerischer Ehrfurcht. Karoline nahm noch in aller Ruhe drei Schlucke aus ihrer Tasse, bat darum, dass jemand ihr nachschenkte und setzte dann (etwas unwillig) ihre Lesebrille auf.

7. und 18. Juli 1921

Das rote Baumhaus (Münzenberger Kurzgeschichten 2)

Sie schlenderten, sie flanierten nicht. Sie spazierten, sie marschierten nicht.
Sie waren zu dritt, wie in den Romanen; hatten sich gefunden, ließen sich nicht los. In Frieden zusammen. Der Krieg war schon seit Jahren vorbei. Sie spazierten wieder, marschierten nicht mehr. Unter dem Schloss, zwischen den Klippen hielten sie an. „Wir haben noch Zeit“, sagte sie. „Zu wenig Zeit“, sagten die anderen. Sie hatten recht.
Der Faschismus war bereits wiedergeboren. Das Unheil breitete sich wieder aus und wurde niemals müde. Sie hatten die Zeitungen gelesen, jeden Tag. Noch wirkte es harmlos. Harmloser jedenfalls als der Krieg. Sie waren schlimmeres gewohnt.
„Wann ist schlimm schlimm genug?“, fragte sie. „Wenn man nicht mehr sagen kann, es wäre schlimm“, sagten die anderen. „Also ist es noch nicht schlimm genug?“ Alle drei schwiegen und spazierten weiter.
Sie pfiffen die gleiche Melodie. Ein wortloses Protestlied, das sie sich bei ihren Spaziergängen über die umliegenden Felder von den Bauern abgehört hatten. Sie pfiffen noch, als sie den Park erreichten. Die anderen zeigten auf einen der Bäume. „Hier hatten wir früher ein Baumhaus. Wir hatten alles, was wir brauchten.“ Sie lächelte. „Ein Wachturm“, sagte sie, die anderen nickten stumm. Sie hatten noch Zeit. Auf den Wiesen blühten Blumen. Sie setzten sich in den Schatten unter die Bäume. Sie hatten ihre Bücher dabei. „Woran schreibt ihr gerade?“, fragten sie sich. „Über das Leben“, sagten sie, „über das Sterben. Über den Neubeginn und das Ende.“ Sie durfte als erstes vorlesen, das durfte sie immer:

„Und du musst mich begraben.
Unter dem Schatten
einer schönen Blume.
Und die Leute,
die daran vorbeigehen,
werden sagen:
O Schöne,
tschau!
Schöne, tschau!
Schöne, tschau, tschau, tschau!
Und die Leute,
die daran vorbeigehen
Werden mir sagen:
„Welch schöne Blume!“

 

Die anderen nickten. Sie war traurig. Wann war schlimm schlimm genug? Wann würde es Zeit werden, wieder zu marschieren? Wie viele gute Jahre würden sie haben? Sie sahen auf in die Bäume. Sie vermissten das Baumhaus. Sie hatten zu wenig Zeit.

Am Abend tanzten sie. Der Sommer war gut. Die Geburtstage wurden nachgeholt. Im Garten eines Bürgerhauses unter dem Schloss stießen sie an. Ein neuer Bauhauslehrer aus Weimar wurde fünfzig. Er hatte eingeladen. Die Stadt erschien ihm angemessen, die Zukunft sollte von der Vergangenheit gefeiert werden. Die Wände vibrierten. Sie hatten alle Zeit der Welt.
Gegen Morgen kündigte sich eine rote Sonne an. Sie saßen hinter den Mauern und betrachteten einen einzelnen Baum im Garten. „Seht doch! Ein Baumhaus!“ Sie verloren keine Zeit. Die Leiter fanden sie auf der Rückseite des Baumes.
Als der Morgen immer heller wurde, baumelten ihre Beine von der kleinen Terrasse über dem Garten. Jetzt erkannten sie, dass das Baumhaus rot gestrichen war. Die Farbe spiegelte sich in den ersten Sonnenstrahlen. „Seht ihr Gefahr am Horizont?“, fragte sie. „Nein, noch nicht“, antworteten die anderen. „Wir haben noch Zeit.“

Karoline Salthusser setzte ihre Lesebrille wieder ab und nahm den letzten Schluck aus ihrer Tasse: „Also, sie sagten, sie hätten Fragen. Ich höre.“
„Wie viel Zeit haben sie?“ Der Buchträger wollte bereits Kaffee nachschenken, aber Karoline lehnte dankend ab. „Ich hoffe genug. Sie wollen bestimmt wissen, wer die anderen waren, und ob es wirklich Lyonel Feininger war, auf dessen Geburtstagsfeier ich war.“
„Das, und noch vieles anderes. Aber ja, das wären unsere ersten Fragen gewesen.“
„Wer soll ihnen antworten? Orlando Wolff, der mysteriöse Autor von Babylon Münzenberg, oder ich?“
„Sie natürlich. Ein schlichter Autor ist uns als Erzähler viel zu unzuverlässig.“
„Dann lassen sie mich ihnen eine Gegenfrage stellen: Was würde sich ändern, wenn sie wüssten, was damals wirklich passiert ist oder was ich mir ausgedacht habe?“ Die beiden überlegten.
„Na, das wäre eine ganz andere Geschichte. Überlegen sie doch mal! Die Hymne der modernen Antifa, geboren auf einem Spaziergang zu Lyonel Feiningers Geburtstagsparty vor einhundert Jahren. So was kann sich doch keiner ausdenken. Wenn jetzt dieses Baumhaus noch existieren würde…“
„Was würden sie dann tun? Es wieder rot anstreichen?“
„Ja, natürlich! Wann, wenn nicht jetzt? Die Presse würde davon Wind bekommen, Quedlinburg hätte eine linke Sensation mehr. Wäre das nichts für ihre Mission?“
„Ein zwielichtiger Wallfahrtsort für Antifaschisten? Glauben sie mir, auf diese Art von Propaganda werde ich verzichten. Also: Nein. Das Ganze ist natürlich nur ausgedacht. Eine Allegorie, wenn sie so wollen. Die Kunst muss lügen, wenn sie die Wahrheit sagen will.“ Sie sah den Brillenträger an: „Sie können mich gerne in ihren Geschichten für‘s Internet zitieren. Unter Pseudonym, versteht sich.“

Der wenige restliche Kaffee war inzwischen kalt geworden. Sie hatten kurz das Radio angeschaltet, was sie seit einigen Wochen immer als Abschluss ihrer Treffen taten. Die Nachrichten wollten nicht zum Wetter vor der Ladentür passen. Von hier, hinter den Schaufenstern, sah die Stadt, sah das Land friedlich aus wie immer. Draußen aber erhob sich der nächste Sturm, noch einer, und sicher nicht der letzte.
Als sie zum Abschied in der Tür standen, hörten sie das Knattern bereits, bevor sie das Motorrad sahen. Karoline duckte sich hinter den beiden in den Laden zurück, die ihr sofort den Rücken zudrehten. Ohne den Motor abzustellen, blieb der schwarze Fahrer vor dem Laden stehen. Er musterte zuerst den Buchträger, dann den Brillenträger, und beide blieben ungerührt stehen. Im nächsten Moment bog ein zweites, ebenso lautes Motorrad um die Ecke und blieb neben dem ersten stehen. Die Fahrer nahmen ihre Sonnenbrillen kurz ab, und den Buchträger beschlich das ungute Gefühl, erkannt zu werden. Er hielt den Blicken stand und bemerkte bei einem der beiden eine zittrige Hand, als sie ihre Sonnenbrillen wieder aufsetzten. Bis der Lärm in den Gassen verschwunden war, sagte niemand ein Wort. Dann drehten sie sich zu Karoline um: „Haben sie gesehen, was auf der Jacke des anderen Fahrers stand?“
„Ja, das habe ich: Fascetta Nera.“
Der Kampf hatte wieder begonnen. Ihre Zeit war wieder weniger geworden. Karoline spazierte nicht nach Hause, sie marschierte.

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