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Coming Home (S5:Ep13)

von | 2021 | 26. August | Die Serie, Staffel 5 - How does it feel?

„Home is where your fart is.“

(vmtl. Sebastian Kurz. 2021)

Zurück nach Deutschland zu kommen,
ist seltener geworden.
Zurück nach Sachsen-Anhalt zu kommen,
fühlt sich fast ein bisschen unwirklich an.
In Quedlinburg lässt sich die Touridichte
sogar unter der Woche
locker mit Wien vergleichen.
Und, wie schon im ersten Pandemiesommer,
steht der Harzkreis zu Beginn der nächsten Welle
inzidenzmäßig ganz hinten an.
Die Kellner*innen schnaufen
nicht nur wegen der Hitze.
Sogar im Regen bestaunen die Gäste
das glänzende Kopfsteinpflaster.

Und nur ein paar Kilometer weiter
wurde erst kürzlich der ganz große Coup gelandet.
Wie selbstverständlich ist es den Thalensern gelungen,
ganz tief in den Fördertopf zu greifen.
Fast 12 Millionen wandern demnächst auf den Hexentanzplatz:
Die große Wiedergeburt der „Grünen Bühne“ ist finanziert.
Jetzt muss nur noch
an der Qualität des Programms gearbeitet werden,
schließlich ist die Grüne Bühne
vor allem durch Schauspiel
zu halbem Weltruhm gelangt.
Dahingehend sind die Pläne allerdings
eher wenig vielversprechend.
Immerhin spielen die Fantastischen Vier demnächst
auf der Bühne,
auf der ich vor
einer ganzen Menge Monden,
im letzten Jahrhundert,
schon dem Freischütz
beim Bleigießen beiwohnen durfte.

Aber,
Sachsen-Anhalt ist auch da,
wo Sven Liebich
ein Impfzentrum
als persönliche Werbebühne
für seinen peinlichen Antisemitismus T-Shirt-Shop
missbrauchen kann;
danke Internet!
Ganz oben auf der Telegram-Kloake
schwamm am Samstag ein Video
des rechtsextremen Kläffers,
das seinen Überfall
auf ein mobiles Impfteam
beim Burgfest in Querfurt dokumentiert.
Mit Fragen, wo denn die Duschen seien,
und wer sich jetzt alles totimpfen lassen wolle.
Mit Rumschubsen von Impfpersonal,
Autoschlüssel wegnehmen und blöden Sprüchen.
Für Telegramfame und ausreichend Spenden
reicht‘s immernoch.
Ich sag mal so:
Andere Bundesländer
haben schlimmere Nazimaskottchen.

Und Sachsen-Anhalt ist auch da,
wo Anwohner in Wohngebieten
die Wahlhelfer, die Plakate an Laternenpfähle knippern,
mittelfreundlich darum bitten,
die doch so zu drehen,
dass „der Blödmann mir nicht ins Wohnzimmer grinst.“
(Und ja, es ging um ein AfD-Plakat.
Den Namen des „Kandidaten“ hab ich mir aber nicht gemerkt,
sorry, not sorry.)

Ganz ganz großes Sorry
ist im Moment auch schwer angesagt,
wenn es um die Tragödie in Afghanistan geht,
oder: den größten historisch-politischen Clusterfuck
seit dem Nahen Osten.
Allen tut das alles schrecklich leid,
dem Außenminister,
der Verteidigungsministerin,
der Bundeswehr,
sogar der baldigen Kanzlerin a.D.,
den USA,
der Nato,
der UN.
Nur dem österreichischen Kanzler
tut das nicht leid,
der sagt schon mal,
dass er keinerlei Flüchtlinge aufnehmen wird.
Die Taliban geben inzwischen allen, die wöllten,
noch bis zum Wochenende Zeit,
sich am Flughafen anzustellen,
um das Land vielleicht zu verlassen,
machen aber schon zunehmend Ausnahmen.
Und ihre Buddys vom IS schrecken erschreckend schnell
auch nicht vor Selbstmordattentaten
am Flughafen in Kabul zurück.

Nach Hause werden es nicht alle schaffen.
Weg von zu Hause noch viel weniger.
Und was dann ab September,
wenn die Schonfrist der Taliban endet,
passieren wird,
beziehungsweise ja bereits passiert,
das ist sehr wohl mit Saigon zu vergleichen
(google: Ende des Vietnamkriegs).
Nur wahrscheinlich noch tragischer,
da das Land um geschätzt 200 Jahre zurückfällt,
also fast ins Mittelalter.
Wenn es nicht im Bürgerkrieg versinken will.
Scharia oder Heiliger Krieg.
Das gibt der Koran schon her.
Wenn er von Radikalen interpretiert wird.
Was der Sieg der Demokratie
über den Radikalen Islamismus hätte werden sollen,
ist zum schlimmsten Rohrkrepierer des Jahrhunderts geworden.
Sogar der Godfather aller Brillenträger, John Oliver,
macht nur einen Gag beim Thema „Afghanistan“,
und dazu noch einen sehr bitteren.
China nutzt die Gunst der Stunde
und plädiert für die Souveränität des Landes.
Russland hält sich (noch) raus;
zu Hause hat man eigene Probleme:
5.000 Pandemieopfer pro Woche,
seit sechs Wochen.
Nebenan, in Belarus hält man sich auch raus,
lässt die Flüchtlinge nach Polen durch,
und die machen was?
Richtig: Einen Grenzzaun bauen.

Hinter den heimischen Gartenzäunen
wird dieser Tage aber
viel lieber Krimi geschaut.
Kanzlerkrimi.
Die Bild hat dafür extra
einen richtigen Kabelsender aufgezogen.
Der Spannungsbogen allerdings
ist schon so dermaßen überzogen,
dass inzwischen alles möglich ist:
Mitte der Woche erscheint die erste (Forsa)Umfrage,
die nicht nur Olaf Scholz im Rennen vorne sieht,
sondern sogar die gesamte SPD!
Die Zuschauer blinzeln kurz verdutzt.
Sein Antagonist ist aber auch selten unqualifiziert,
weswegen schon zu viele
von der großen Wende träumen:
Nach 16 Jahren CDU
könnte es ab in einem Monat
aber mal wieder ganz andersrum gehen!
Die Kartoffeln rutschen schon ganz hibbelig
auf dem unbequem werdenden Sofa rum
und sehnen sich bereits heimlich
nach der ungeliebten Mutti.

Wie zu erwarten war,
stellt sich heraus,
dass dieser Krimi
vor dem Hintergrund der Vierten Welle spielt.
Die in eben diesen zurückgedrängt,
und so zu einem Teil
der uns vertrauten Kulisse wird.
Die Pandemie beginnt
jetzt nicht nur metaphorisch
zu einem Hintergrundrauschen zu werden.
Die Tatsachen, dass in Hamburg
wie selbstverständlich über 2-G diskutiert wird,
3-G einfach passiert
und die 50er-Inzidenz ohne große Gegenwehr
gestrichen ist,
ohne dass am Wochenende
der Bundestag angezündet wird,
sind weitere Bausteine
der Neuen Normalität.
Die große Mehrheit ist klug
und fügt sich dem Schicksal.
Der Rest besucht „Yogafestivals für Ungeimpfte“
und hält sich wenigstens für klug.

Folgt die nächste Bundesregierung
dem Vorbild der USA,
(was egal unter wem anzunehmen ist),
dann wird es aber auch nach der Wahl
weiter spannende Impfthemen geben.
Denn nachdem die dortige Medikamentenaufsicht (FDA)
die totale Freigabe für die ersten Impstoffe erteilt hat,
wird sofort Ernst gemacht:
Impfpflicht beim gesamten Militär,
den meisten medizinischen Berufen
und für einen Großteil der Lehrer*innen.
So wie bei vielen anderen Impfungen auch.
Und an die
haben sich ja schließlich
auch alle gewöhnt,
ohne dass die „NWO“
einen Genozid nach dem anderen abgezogen hätte,
oder mitlesende „Nenn mich ruhig Schwurbler*in“?
Googelt mal Polio oder Pocken,
wenn ihr gerade feststellt,
dass es diese Krankheiten vor allem in Ländern nicht gibt,
die eine Impfpflicht dagegen haben,
also zum Beispiel unser Zuhause.
Kein schöner Land, und so.
Lest den Text noch mal genau.

Apropos:
O-M-G!
Der bis jetzt makaberste Wahlkampfmove
kommt in dieser Woche von den Grünen,
denn ihre Wahlkampfhymne
ist ein schlecht umgedichtetes
und noch viel schlechter gesungenes Remake
des deutschesten Volksliedes
aller deutschen Volkslieder. Und auch noch ohne „K“.
Die Doppelspitze der Partei
gibt sich nicht mal Mühe,
die Melodie zu treffen
und hilft kräftig mit,
das Lied in die ewigen Wiesengründe der Heimat zu tragen.

Zum Schluss dann noch,
wie gewohnt:
Das Wetter.
Zurücklehnen und schon mal gemütlich machen:
Gleich sind die Tagesthemen zu Ende,
endlich wirklich Feierabend.
Die nächsten Regionen stehen großflächig unter Wasser,
zum Beispiel ganz Ostmexiko
oder weite Teile von Tennessee.
Die gewohnte Hurrikansaison im Westatlantik hat begonnen.
Die letzten Wälder brennen noch,
die nächsten trocknen bereits aus.
Und das New Yorker „Homecoming Concert“ im Central Park,
musste wegen eines Hurrikans vorzeitig abgebrochen werden.
Gerade als Barry Manilow,
Ur-New Yorker, verliebt in „Mandy“,
„Tryin‘ to get the feeling again“ anstimmen wollte,
war Schluss; zu gefährlich.
Ach, Wirklichkeit,
ich bin verliebt in deinen Humor.
Willst du bei mir einziehen?

„Ich hab‘ keine Heimat.
Ich hab‘ nur Dich.
Du bist Zuhause
für immer und mich.“

(AMK: Oft gefragt. 2013)

2 Kommentare
  1. Suse

    Ich sing es dir nochmal unschön vor. Mit Gitarre. Dann fetzt es. Vielleicht!

    Antworten
    • Mathias

      Ganz ehrlich: Dann würde ich es sicher gut finden. Die Idee ist ja richtig, sehr richtig sogar, aber … ja, mit Gitarre, am Lagerfeuer… dann vielleicht.

      Antworten

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