Bild: A King And His Shadow. Quedlinburg. Ende Mai 2025.
So
schnell
kann die Stimmung umschwingen:
Mitte der Woche
habe ich noch da gesessen,
wo ich jetzt sitze,
und auf der Suche
nach einer Fortsetzung
nur wieder festgestellt:
Alles scheint nur immer noch mehr
ein ewig sich wiederholendes Rauschen,
alles wird zu Lärm,
der sich bis in unsere Knochen frisst.
Die Müdigkeit an uns selbst
überfällt uns spätestens
nach dem Mittag.
Und bis zum Abend
sind wir dann hauptsächlich damit beschäftigt,
uns im Griff zu behalten,
die Stimmen zu sortieren,
und liebend daran zu scheitern,
das Chaos zu kontrollieren,
bis wir wieder in den Schlaf finden,
wenn wir den denn finden.
„Only Noise
can be light
in the darkness.“
(Patrick Ness: Chaos Walking. 2008)
Wahrscheinlich
ist es ja aber genau deswegen
gerade so laut überall,
Noise wird am besten
mit Noise bekämpft.
Oder, auf Provinziell:
Die Harzer Sommersaison 2025
beginnt mit einem Overkill
an Real-Eskapismus-Möglichkeiten.
Sogar Stecklenberg
mischt im größeren Stile mit:
250 Jahre Dorf
im Schatten des Rambergs!
Was da an Likör und Bier
ausgeschenkt wurde,
das wollt Ihr nicht wissen.
Aber ich halte mich meinem Sarkasmus mal zurück,
man muss nicht alles schreiben,
was man denkt.
„Walpurga“ hat jedenfalls gestern
seine große Uraufführung
im Harzer Bergtheater gefeiert.
Noch habe ich keine Ahnung,
ob es wirklich so enttäuschend war
wie ich vermute,
aber im Lehrerzimmer
warten sicher schon genug Geschichten.
Und während die Polizei
bei den sehr gut besuchten
(weil Traumwetter)
„Flugtagen“ bei Ballenstedt
schon mal für das baldige „Rockharz“ generalgeprobt hat
(Männer(tagshorden) machen
immer Stress),
hat sich Quedlinburg
noch auf die Königstage vorbereitet.
Seit zwei Tagen dann also auch hier:
Die „Goldenen Zwanziger 2.0“
wagen einen letzten Versuch,
„der letzte Sommer vor dem Krieg“
ist so allgegenwärtig,
dass niemand darüber redet.
Stattdessen labt man sich
an einem Überangebot an Essen
und schlendert über endlos scheinende Märkte,
auf denen Historienspiele die Gäste erfreuen,
und Musiker*innen der gehobenen Mittelklasse
bis spät in die Nacht
Krach von der feinsten Sorte reproduzieren:
Gestern um kurz nach 22 Uhr
schallt es vom Markt
bis auf meinen Balkon:
„Ohoho – Arschloch!“
Nach dem Mash-Up aus „Denkmal“ (Wir Sind Helden)
und „The Roof Is On Fire“ (Bloodhound Gang),
„Mr. Brightside“ (The Killers)
und „Zombie“ (The Cranberries)
hab ich dann das Licht ausgemacht
und somit natürlich auch noch
dieses Highlight hier verpasst:
„Beim Wernigeröder Rathausfest
wird im Innenhof des Rathauses
Geschichte geschrieben
– mit der ersten Elektro-Party.
Ein bunt illuminiertes Rathaus
und pulsierende Beats
von DJs
verwandeln die Location
in eine Tanzfläche
unter freiem Himmel.“
Die 90er sind endgültig institutionalisiert.
Aber, ganz unsarkastisch:
Es ist ja aber auch schön hier:
Von allen Kultur-Städten
am nordöstlichen Harzrand
war, ist und bleibt
Quedlinburg nicht nur die kleinste,
sondern tatsächlich auch die schönste
und hat auch noch das Bodetal
(mitsamt sämtlichstem kulturindustriellen Kitsch)
ganz in der Nähe.
Also, (Ost-)Deutschland-Touri,
was bitte
kannst Du mehr wollen?
In diesem Sommer
gibt es hier sogar
einen „Biergarten für Demokratie“,
inklusive einer „Motzbude“.
Unterhaltung garantiert.
Und damit zum Wetter,
mit irgendwas muss
ja auch diese Episode
mal in Gang kommen.
Das inzwischen für die Region hier
typische Klima
sieht seit einigen Jahren so aus:
Auf die lange Dürre nach dem „Winter“
folgt momentan so eine Art Regenzeit,
zum meteorologischen Sommeranfang
kracht es ständig überall,
Gewitter entladen sich mal hier mal da,
dazwischen überall Sonneninseln,
unter denen Sonnenbrände
ganz fix zustande kommen.
Das geht dann noch bis Anfang Juli so weiter,
und dann kommt die Dauerhitze
bis in den September,
die den Wunsch nach Klimaanlagen
jedes Jahr dringender macht.
Das soll sich bis zum Ende des Jahrzehnts
auch dauerhaft so fortsetzen,
und was danach kommt,
wagen immer weniger
auch nur anzusprechen,
außerdem reicht die Gegenwart
ja wohl auch mehr als hin:
Massive Überflutungen in Nigeria (100+ Tote).
Katastrophaler Gletschersturz im Schweizer Wallis.
Temperaturrekord in Missoula, Montana (94°F/34°C).
Und so weiter und so fort.
Mit Gewittern biblischen Ausmaßes
kennt sich auch der Mittlere Westen der USA aus.
Schön deshalb,
dass es in diesem Jahr
auch mal unter den Hallendecken donnert.
Die Indiana Pacers
haben es tatsächlich
in die NBA-Finals geschafft,
wo die Oklahoma City Thunder
kontrolliert ungeduldig auf sie warten.
Dass ich gerade nicht viel über Caitlin Clark schreiben kann,
liegt daran, dass sie gerade nicht spielt.
Das Foul von Brittney Griner
war dann doch das eine zu viel,
und die WNBA hat einen handfesten Schiedsrichterskandal.
Ihre MVP-Chancen dürfte das aber nur noch erhöhen,
vor allem, wenn sie nach der kleinen Pause
zeigt, warum den anderen Teams
einfach nichts mehr weiter einfällt
als sie krachend auf die Bretter zu schicken.
Jap, Ihr ahnt richtig,
wie bleiben in den USA.
Aber bevor sich die Tore
in den Abgrund der Absurdität
wie jede Woche öffnen,
hier nur schnell noch eine nette Nachricht:
Taylor Swift ist es gelungen,
ihren gesamten Backkatalog zurückzukaufen,
die Eras-Tour hat genug eingespielt.
Ab jetzt kann sie dann ihre Geldmassen
für die richtig wichtigen Sachen ausgeben,
warum sollten nur alte, weiße Männer Philanthropen sein?
Ansonsten ist alles beim alten,
geschockt ist niemand mehr von gar nichts,
Rauschen kann kaum weißer sein:
Kanada darf, laut Trump,
mit unter den „Golden Dome“,
aber nur, wenn es der 51. Staat wird;
Mafiataktiken groß gedacht.
Der Gegenwind wird trotzdem stärker,
auch wenn noch keiner der Spinner umgefallen ist,
außer Elon, aber dazu gleich.
Das Gericht für Internationalen Handel in New York
stoppt Trumps Zölle Anfang der Woche,
er hätte wohl seine „Befugnisse überschritten“,
nicht nur ein paar Kleinunternehmer hatten geklagt.
Das Weiße Haus legt sofort Berufung ein,
Stephen Miller halluziniert einen „Justizputsch“ herbei,
der „völlig außer Kontrolle“ sei,
die Börsen jubeln trotzdem.
Daraufhin hebt ein höheres Gericht
den Stop wieder auf, vorerst,
und der Supreme Court
darf sich schonmal schick machen.
Trumps neuer Spitzname
scheint ihn zusätzlich zu triggern,
„Taco“ steht seit dieser Woche nicht mehr für Latin Fast Food,
sondern für „Trump Always Chickens Out“.
Seine Antwort lässt kaum ein paar Stunden auf sich warten:
Die Stahlzölle werden verdoppelt.
Und auf Social Media lässt das Weiße Haus wissen:
„Let the deportations begin!“
Chinesischen Studenten sollen
außerdem die Visa entzogen werden.
Auf den sich anbahnenden „Brain Drain“
(selbst David Pakman
arbeitet sich schon mal in Ausreisebestimmungen ein)
reagiert J.D. Vance nur mit Dummheit,
in den USA gäbe es noch genug intelligente Menschen,
wobei er selbst wohl denkt, mit bestem Beispiel voranzugehen.
Warum die es alle so eilig haben?
Nun ja,
die Historiker des Landes haben aus der Geschichte gelernt
und ahnen, was auf sie zukommt:
“History may mark 14 June
as the ceremonial birth
of US fascism.“
In zwei Wochen ist also nicht nur
der 79. Geburtstag des Frisurensohns.
Als kleines Vorabgeschenk,
so was soll ja Unglück bringen,
wird gerade
der „White Fear Industrial Complex“ aufgedeckt;
mit „German Angst“
ließe sich nicht im Ansatz so viel Geld verdienen,
was ja aber nicht heißt,
dass es nicht trotzdem versucht wird.
Die Szene der Woche aber,
die legt Elon hin:
Während die Weltpresse
seine Drogenliste weiter offen legt
(Ketamin, Shrooms, Xstacy, Adderal),
wehrt er sich im Weißen Haus
mit ausgestrecktem Zeigefinger
gegen diese verdammten Fake News
und zeigt dabei ein nicht ganz kleines Veilchen
am rechten Auge;
was war da denn los?,
ein kleines Abschiedsgeschenk
vom Mob Boss?
„Schlag auf Schlag“
soll es jetzt aber auch hierzulande vorangehen:
Die neue Bundesregierung
macht weiter Lärm
und legt ein erstes „Sofortprogramm“ vor,
natürlich zunächst für die Wirtschaft.
Und Hendrick Streek,
der „Anti-Drosten“ der Jahre 2020-2022,
wird neuer Drogenbeauftragter;
was soll schief gehen?
Schlimmer als auf den deutschen Autobahnen
kann es eh nicht mehr kommen,
wo Google Maps vor ein paar Tagen
ein heilloses Chaos angerichtet hat
als es überall Vollsperrungen angezeigt hat.
Ausschließlich an Chaos,
und eben nicht an Ordnung,
sind weiterhin die Faschos interessiert.
Keine Sorge,
deren Lärm kriegt heute keine Bühne,
aber an einer Meldung
komme ich heute nicht vorbei:
Pünktlich zum Beginn des Pride Month,
versuchen die Nazis,
sich den Stolz wieder mal zurückzuholen,
den die Nichtnazis
ihnen angeblich auch noch
gestohlen haben sollen.
Aber nicht nur was heimische Nazis angeht,
warten wir alle immer noch
auf einen echten Kurswechsel der Bundesregierung.
Immerhin darf jetzt schon
bei der Tagesschau kommentiert werden:
„Die Bundesregierung muss umdenken.“
(Jan-Christoph Kitzler, ARD Tel Aviv)
Gemeint ist Israel.
Da verkünden die IDF
in dieser Woche den Tod des nächsten Sinwar,
der Hamas fehlt mal wieder ein Kopf.
Viele tote Zivilst*innen gibt es weiterhin,
zum Beispiel auch wieder bei Plünderungen
im Gaza-Streifen.
Für die andere Seite des „Konflikts“,
in der Westbank,
werden die nächsten 22 Siedlungen angekündigt;
gleich neben der neu eröffneten Super Mall
in Ramallah;
auch Klimaanlagen donnern in der Wüste.
Kriegsprotokoll. Schreibtisch. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe. Woche 167.
In Russland werden die Kartoffeln knapp. Montag: Der Großangriff dauert an: 355 Drohnen und neun Marschflugkörper werden auf die Ukraine abgefeuert. Trump stellt fest: „Er (Putin) ist absolut verrückt geworden.“ Merz hält fest: „Es gibt keinerlei Reichweitenbeschränkungen mehr für Waffen, die an die Ukraine geliefert worden sind, weder von den Briten noch von den Franzosen, noch von uns, von den Amerikanern auch nicht.“ In Sumy werden vier bereits verlassene Dörfer eingenommen. Dienstag: Merz weiß weiter Bescheid: „Russland hat sich verkalkuliert.“ Der Kreml erkennt in den finnischen Marineübungen eine Eskalation und startet ebenfalls ein Manöver in der Ostesee. Stara Mykolaiwka (Donezk) ist „befreit“. Trump geht auf Putin los: „If it weren’t for me, lots of really bad things would have already happend to Russia.“ Mittwoch: In Sumy stehen 50.000 russische Soldaten für eine Offensive bereit. Selenskyj besucht Berlin. Kostjatyniwka (Sumy) und Selene Pole (Donezk) werden eingenommen. Der Kreml wirft Merz Kriegstreiberei vor. Donnerstag: Merz und Pistorius besuchen deutsche Brigaden in Litauen („Iron Wolf“): „Konventionell zur stärksten Armee Europas werden!“ Lawrow stellt eine neue Verhandlungsrunde am Montag in Istanbul in den Raum. Sumy steht weiter unter Beschuss. Stroivka (Charkiw), Schewtschenko Persche und Hnatiwka (Donezk) werden eingenommen. Freitag: Charkiw wird mit Drohnen angegriffen. In Kamjanez-Podilskyj (Westukraine) überfällt ein Mob ein Rekrutierungsauto. Samstag: Pause für den Liveticker. Russlands aktuelle Bedingungen für eine Waffenruhe: Die Ukraine beendet die Mobilmachung, westliche Länder stellen die Waffenlieferungen ein. Kiew lehnt das schon mal ab. Sonntag: In Kursk und Brjansk stürzen Eisenbahnbrücken ein, Russland spricht von „Terror“. Die Ziele der ersten Nacht des vierten Kriegssommers heißen Kiew und Saporischija, fast 500 Drohnen und 7 Raketen werden abgefeuert. Russland und die Ukraine entsenden Delegationen nach Istanbul. Ukrainische Drohnen fliegen inzwischen bis Irkutsk (Ost-Sibirien) und beschädigen dort Militärflugzeuge. In eine noch nicht näher benannte Militäreinrichtung schlagen russische Raketen ein, 12 Menschen sterben, der ukrainische Heereschef tritt umgehend zurück.
Gut,
das ging doch schnell;
#DieDoppeltenZwanziger
sollten dem Chaos
für heute genug Rechnung getragen haben.
Die Deadline guckt schon ganz verdutzt,
ich hätte wohl noch vier Stunden.
Vier Stunden,
die ich locker mit noch mehr Chaos füllen könnte
(so wie noch viele Stunden mehr),
aber, wie ich gerade bei der
bis heute viel zu wenig beachteten
nächsten Super-Reihe im Young Adult Dystopia-Regal
gelernt habe,
hat der Lärm auch seine guten Seiten.
Ich weiß nur noch nicht,
wie ich es finden soll,
dass ausgerechnet der durchgeknallte Prediger
in „Chaos Walking“
die richtig deepen Weisheiten raushaut.
Das Geschenk jedenfalls,
dass der Lärm mit sich bringt,
ist nichts anderes als sich selbst;
die Wahrheit bleibt das Ganze.
Der Lumpenstieg
(Hidden Story)
Die Flügel des Schwarms hingen schlapp herunter; das hier war wahrlich kein Spaziergang; Selbstverantwortung zu tragen fühlte sich genauso schwer an wie immer alle gesagt hatten. Um zum schönsten Aussichtspunkt des Selketals zu gelangen, mussten sie bald einen Kilometer lang sehr steil und gerade bergauf laufen/klettern, jede*r von ihnen mit etlichen Kilo Gepäck auf dem Rücken. Da wurden auch die größten Schnäbel auf einmal ganz leise.
An der Ackeburg streckten sie sich aus, die Rucksäcke lagen verstreut im Wald. Die ungeduldigsten flogen bis vor an die Klippe und kamen mit großen Augen wieder. Hoch oben über das Tal wölbte sich ein blauer Himmel, unter dem nur wenige Vögel kreisten. Die Sonne beschien scheinbar unendliche grüne Wälder und die Wiesen, an deren Rand sich die Selke unter den Bäumen versteckte. Die Gen Alpha konnte sich also doch noch wundern. Sie wussten in ihrem Alter vielleicht mehr als jede Generation vor ihnen, hatten dafür aber weniger, bzw. andere Erfahrungen; und der Brillenträger wunderte sich. Die Unterschiede zu seiner eigenen Jugendzeit wurden von Tag zu Tag weniger, Baseballschläger, Techno und Kriege, über die man nichts wissen braucht, nur das mit der Klimakatastrophe, das war neu. Mit diesem Gedanken sattelten sie wieder auf und marschierten bei allerschönstem Wanderwetter bis in den Nachmittag durch einen grenzenlosen Wald, immer dem aufziehenden Gewitter entgegen. Was sollte ihnen schon geschehen?
„Schlips und Kragen sind mir fremd,
ich trag viel lieber ein off’nes Hemd.“
(Mutabor: Lump. 1997)
Zum Ende für heute
notiere ich hier noch schnell
den nächsten Romanpitch;
was ich aufgeschrieben habe,
vergesse ich nicht wieder;
und die ganze Wahrheit,
erst recht, wenn sie so grausam ist,
braucht nun mal ein bisschen länger.
Wenn ich mir dann also irgendwann
was zur (Früh-)Rente dazu verdienen muss/will,
dann erst erzähle ich die wirklich echten Geschichten:
Neben der Familiensaga „Enddorn“
und einem noch unbenannten „Schulbuch“,
liegt jetzt auch noch ein vermeintlicher GenZ-Roman,
der einen eigentlich schon
alles verratenden Titel tragen soll:
„Tiefenbrunn“,
wo der permanente Lärm im Kopf
zur Ruhe finden soll.
Wie diese Geschichte endet,
das weiß ich noch nicht,
und ganz ehrlich,
hoffentlich werde ich auch nicht alt genug,
um es zu erfahren.

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