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Das nasse Buch (Chronicle 1)

von | 2020 | 17. November | Chronicle

„Ich muss mich zwingen,
ein paar Stunden
keine Nachrichten zu lesen.
Fühlt sich an,
als wäre gestern
alles halb so wild gewesen.
Und morgen könnte
alles anders sein.
Oder bild‘ ich mir das ein?
Oder bild‘ ich mir das ein?“

(AMK: Gegenwart. 2020.)

 

„Wo, verdammt noch mal, hab ich‘s denn nur wieder hingeräumt?“
Immer dann, wenn der Brillenträger wieder durch irgendeine Nachricht, eine Bemerkung in einem Film oder die Textzeile in einem Lied an das nasse Buch erinnert wurde, begann er wie automatisch im Regal danach zu suchen. Immer erst nach einigen Momenten fiel ihm dann wieder ein, dass es ja mal so fürchterlich nass geworden war, dass es am nächsten Abend nur noch für ein Feuer taugte. Schwermütig hatte er damals in die Flammen geschaut und versucht, sich daran zu erinnern, wie es eigentlich zu ihm gekommen war. Nie konnte er sich daran erinnern; es schien irgendwie schon immer dagewesen zu sein.
Als er das nasse Buch aber heute suchte, war er trauriger als sonst, als ihm die Bilder der verkohlenden Seiten wieder einfielen, und das Verschwinden der unlesbar gewordenen Worte im Rauch. Es hatte keinen Wert im bibliophilen Sinne, auch wenn es eine sehr geringe Erst- und gleichzeitig Letztauflage hatte. Denn das nasse Buch hatte es nie bis in die Feuilletons geschafft. In den Goldenen Zwanzigern waren andere Sachen gefragt: Kriegsromane, zur Traumabewältigung. Kommunistische Utopien, um das Träumen wieder zu lernen. Weltuntergangstheorien, als Angsttherapie. Aber Kolumnen, die in den vielen Zeitungen versuchten, dem Chaos mit Humor und Zuversicht die Stirn zu bieten, gab es damals so viele, dass ein ganzes Buch, welches im Grunde nur eine Aneinanderreihung von Gegenwartsbewältigung war, einfach niemand lesen wollte. Damit waren alle viel zu sehr selbst beschäftigt. Also war das nasse Buch schnell aus den Buchläden in die modernen Antiquariate getragen worden. Vor einigen Jahren machten dann noch einmal ein paar Exemplare die Runde bei Charlestonfans und in der interessierten Berliner Clubszene. Aber wie so viele andere landete es bei den meisten nach den ersten Seiten neben den anderen auf dem Nachttisch, die man auch nicht weiterlesen würde. Zu ungeordnet, zu unentschieden. Flackernde Texte, die nicht wissen, was sie eigentlich sein wollen, lesen sich nicht gut ohne Blutdruckschwankungen; das tat man sich nicht freiwillig an. Den Brillenträger aber hatte diese Dynamik genau da abgeholt, wo er selbst sich glaubte zu befinden: Irgendwie so zwischen allem, nix konkretes. Kein Journalismus, keine Geschichtsschreibung, kein Tagebuch. Manchmal klang es wie eine (eingebildete?) Geheimmission, ein anderes mal wie ein psychosomatischer Fieberschub (und gleichzeitig dessen Therapie). Irgendwo zwischen ungebetenem Entertainment, ADHS und natürlich verkannter Kunst: Verzweifelter Realismus, verfrühter Neo-Biedermeier, Post-Symbolismus, empathischer Trash. Manchmal aber las es sich fast wie Friedrich Kellners Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne, diesem einmaligen biographischen Bericht über die 1940er Jahre, nur eben noch ohne Zweiten Weltkrieg.

Und dann war es, platsch, beim sommerlichen Lesen im Bodetal in den Fluss gefallen. Später wurde es zwar wundersamerweise im Quedlinburger Brühl wieder angespült, war aber natürlich völlig zerstört. Der Brillenträger hatte einige Versuche unternommen, ein anderes Exemplar zu ergattern, aber selbst seine letzte und beste Hoffnung, der Buchträger, hatte nur mitleidig mit dem Kopf geschüttelt.

Das Novemberwetter und der zweite Lockdown, oder was auch immer das im Moment sein sollte, trugen dazu bei, dass der Brillenträger noch mehr schrieb, als er es sich in den letzten Monaten angewöhnt hatte. Ein alter Plan reifte so ein wenig weiter in ihm heran, und verlangte immer mehr nach Umsetzung. Ein Roman über die Goldenen Zwanziger. Keine Hommage, keine Verklärung, kein zweiter nasser Fisch, kein Babylon Berlin, kein Ursprung der Welt. Sondern blanker Realismus, Wahrheit und Leben. Nur, wollte der Brillenträger es wirklich richtig angehen, müsste er eine Menge Recherche betreiben, und dafür, na ja, hatte er nun wirklich keine Zeit. Außerdem sagte er sich, dass das ja wohl einen richtigen Romanautor ausmachen müsste: Die recherchieren nicht, die denken sich aus, erfinden und bilden sich ein.

Trotzdem kam er nicht umhin, seiner Vorstellungskraft ein bisschen nachhelfen zu wollen, und so entschloss er sich, einen letzten Versuch zu unternehmen, um vielleicht doch noch mal in den so wertvoll gewordenen Seiten des nassgewordenen Buches zu blättern. Als der Brillenträger die Tür zum Buchladen öffnete, stand der Buchträger mit dem Rücken zu ihm hinter der Ladentheke.
„N‘Abend. Is noch jemand im Laden?“ Der Buchträger wandte sich nicht gleich um, rief aber: „Seit einer halben Stunde nich. Kannst die Maske wieder abnehmen.“ Dann legte er einen Buchstapel beiseite und drehte sich mit einem schelmischen Grinsen um: „Übrigens, das Buch, das du mal eine Zeit lang gesucht hattest, was war damit noch ma passiert?“
„Lustich. Wird es nich langsam langweilich, mich damit aufziehen zu wolln?“
Der Buchträger zog ein verschwörerisches Gesicht: „Hm. Nicht, wenn es Neuigkeiten dazu gibt!“
„Lass es! Nicht lustig, habe ich gesagt. Du wirst es nicht glauben, aber genau deswegen bin ich hier. Wollen wir nich noch mal schauen, vielleicht ist es ja bei irgendwem aufgetaucht.“
„Das ist es.“
„Was?“
„Jaha! Wollte dir heute noch Bescheid sagen. Krass, oder? Nach wie viel Jahren? Zwanzig?“
„Neunzehn. Verarschst du mich auch wirklich nicht?“
Die Hand auf sein Herz legend, schüttelte der Buchträger den Kopf: „Nein. Heute Vormittag hat sich jemand per Mail gemeldet, allerdings ohne Klarnamen. Keine Ahnung, was die Heimlichtuerei soll. Ich hab ihm schon geantwortet. Von Geld war auch keine Rede. Weiß aber nich, ob das heißt: Sehr teuer, oder: Zu guten Händen.“
„Und? Schon eine Antwort?“
„Ja, er meldet sich morgen noch mal.“
„Was?“
„Ja, mehr hat er nicht geschrieben.“
„Oder sie.“
„Oder so.“
„Na, das ist ja … ich geh mal eine rauchen, kommste mit?“
„Es regnet.“
„Und? Noch ist das Buch ja nich da, also kann es auch nich nass werden.“
Der Buchträger holte seine Jacke, schwang sich elegant seinen Schal um den Hals und nuschelte: „An deinen Überleitungen musst du echt noch viel arbeiten, Junge. Na los, kommt eh keiner mehr heute.“
Vor der Tür fragte der Buchträger den Brillenträger dann ein weiteres Mal über das Buch aus. Was das denn nun für eine Geschichte gewesen wäre, wer sie geschrieben hatte, und warum. Wie einstudiert zitierte der Brillenträger dann wieder einmal aus dem Klappentext: „Vergessen sie Döblin. Legen sie die Manns beiseite und schalten sie das Grammophon aus. Aber vor allem: Schnallen sie sich an! Denn diese Zwanziger sind ein Tanz auf dem Vulkan. In flackernden Momentaufnahmen bricht sich das Licht dieser neuen Zeit. Atemlos und fieberheiß, schonungslos und demütig beschreibt der Buchhändler aus der Provinz die Geburtsstunde unseres Jahrzehnts. Auf den Trümmern sucht er nach dem Paradies. Und hält der immer lauernden Dekadenz rücksichtslos den Spiegel vor.“
Der Buchträger schnippte gekonnt seine Kippe auf die Straße: „Also ehrlich, dicker aufgetragen hätte es nich sein können, oder? Kein Wunder, dass da keiner drauf reingefallen is.“
„Hast dus gelesen?“
„Ähm … nein? Du hast es ja nie ausleihen wollen?“
„Und jetzt frag mich mal warum.“
„Warum?“
„Tja, wirst du ja dann bald selber sehen.“

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