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Dear Miss Fear of Missing Out:

von | 2024 | 25. August | Die Kurzgeschichten, Quedlinburger Kurzgeschichten, Staffel 11 - If We Hold On ...

Bild: Nichts davon. Quedlinburg, Ende August 2024.

 

Ich schreibe Dir heute, weil die vergangene Woche so voll mit dramatischen Ereignissen und Enthüllungen gewesen ist, dass ich kaum Zeit hatte, mich auch nur mit irgendeiner Gegenwart zu beschäftigen, die nicht mein persönliches Umfeld betrifft. Ein Teil von mir bedauert, darüber nicht schreiben zu können, weil es alles so symptomatisch ist, so sehr das Spiegelbild des Großen im Kleinen, so sehr doppelter Zeitgeist, dass eigentlich alles erzählt werden müsste, und zwar ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Ein anderer Teil von mir will aber verantwortungsvoll genug sein, um noch schlimmeres zu verhindern. Wir beide wissen ja, was Öl mit Feuer macht.
Ich schreibe Dir aber auch, weil ich bald nicht mehr weiß, welcher Metapher für meine Gefühlslagen ich noch schreiben soll, ohne schon bei Beginn eines Briefes zu wissen, dass ich auch darauf wieder keine Antwort bekommen werde. Du kennst Morpheus? Wie viele Briefe ich an den schon geschrieben habe! Und was kommt zurück? Nichts als Albträume, die noch nicht mal auf seinem Mist gewachsen sind.
Vielleicht schreibe ich Dir aber auch in der Hoffnung, dass Dir mein wöchentliches Händereichen irgendwie entgegenkommt und Du mir daraufhin nicht mehr so nahegehst und mich zu Kurzgeschichten inspirieren willst, die so kurz sind, dass sie bereits vor Beginn des Schreibprozesses veröffentlicht werden und die mit solchen Sätzen hier anfangen sollen: „Wieder was verpasst.“ Die jegliche Rahmenhandlung vermissen lassen, die keinen Bezugspunkt in der Wirklichkeit mehr haben, weil sie nicht mehr wissen, von welcher Wirklichkeit da ständig alle reden. Meine Ohren und Augen sind nur noch müde, vom Zuhören, vom Lesen, mein Geist erschöpft vom Verstehenwollen. Alles ist so übervoll an Bedeutung, Kontext und dem Ruf nach Reaktion und Handlung. Das Unbehagen an der Post-Moderne hat sich nie deprimierender angefühlt.

Also, Miss Fear, womit soll ich beginnen? Wie viele Anfänge werde ich löschen, bis ich einfach wieder drauflos schreibe, weil die Deadline schon böse geguckt hat?
Muss ich nicht vielleicht doch mit den Ereignissen aus meinem Alltag beginnen? Aber wie steige ich da ein? Hole ich irgendein gut abgegriffenes aber schneidendes Motiv raus, oder denke ich gleich ans Kantholz? Wie schreibt man über ostdeutsche Messerjahre, wenn gerade alle wieder über ostdeutsche Baseballschlägerjahre schreiben? Wie schreibe ich darüber, ohne nicht noch einen wirkungslosen Text über „den Osten“ zu schreiben und über die ganze Faschokacke, die hier schon länger am Überkochen ist, weil sonst wieder nur Wessis das machen, weil ja nächste Woche die gefürchteten „Ostwahlen“ stattfinden?
Am besten schreibe ich gar nicht darüber. Ich schreibe also auch nichts über die Menge und den Inhalt sämtlicher Ost-Dokus, die momentan die Mediatheken mit tendenziösem und/oder revisionistischen Mist fluten, auch wenn einige das vielleicht sogar in guter Absicht tun. Ich schreibe nichts über „Fabelland“, das letztlich erschienene Ost-Erklärbuch Nummer 1.989. Ich schreibe auch nichts über die Spiegel-TV Reportage aus Halberstadt, in der sich zugezogene Dortmunder Hardcore Nazis im Harz ganz heimisch fühlen. Ich schreibe nichts darüber, dass in Bautzen die ersten faschistischen AfD-Anträge mit Nicht-AfD-Stimmen durchgewunken werden, und ich schreibe nichts über die Morddrohungen von AfD-Fanboys dem Thüringer Gedenkstättenchef Wagner gegenüber, oder darüber, dass die Polizei einen Wahlkampfauftritt von Björn Höcke in Jena wegen Gefahr für die Öffentliche Sicherheit abgesagt hat. Und vor allem schreibe ich nichts über Gangbildung in der Ost-Provinz, nichts über Morddrohungen mit vorgehaltenem Messer, und nichts über Polizeieinsätze an Dorfbahnhöfen am helllichten Tag.

Sondern ich schreibe lieber über alles andere, über das geschrieben werden muss, das erzählt werden muss, solange die Zeit nicht still steht. Und auch hier weiß ich nicht, welche Ereignisse wichtiger als andere sind, wie eine Kausalkette herzustellen ist, wenn sich alles nur noch überlagert und sich alles in allem spiegelt. Dabei beschreibe ich aber auch immer wieder nur einzelne Bruchstücke, die sich nicht mehr zusammensetzen lassen. Was hat der IS-Terroranschlag vorgestern Abend in Solingen mit den roten Linien einer Sahra Wagenknecht zu tun? Wieso wird die im Ersten Deutschen Fernsehen mit Taylor Swift verglichen? Und spielt bei alldem eine Rolle, dass gerade das wahrscheinlich letzte „KZ-Urteil“ in Deutschland gesprochen wurde? Hab ich etwa was verpasst? Und sind das nicht auch alles nur Ablenkungsnarrative? Und wenn ja, wovon lenken sie ab? Und seit wann stelle ich zu viele Fragen?
Miss Fear, Du siehst, es ist alles wie immer, nichts bleibt anders, zu vieles verpasse ich, nur um Dein Lächeln nicht vermissen zu müssen. Nichts deutsches ist mir zu öde, nichts zu kleinkariert, wenn es nun mal das ist, was aufgeschrieben werden will, weil es in Zukunft Geschichte sein will: Olaf Scholz will kein Übergangskanzler sein, nachdem Nouripour behauptet hat, dass jener genau das ist. Die tagesschau hat die Übergangsregierung auch entlarvt und beschönigt den Niedergang trotzdem noch als „Streitigkeiten“. Robert Habeck eröffnet den Bundestagswahlkampf weit über ein Jahr vorher: „Sollte ich je Kanzler werden, wird Christian. Lindner kein Finanzminister sein.“ Leute, warum dann eigentlich nicht gleich Neuwahlen, auf was sollen wir denn warten? Dass Olaf, Robert und Christian noch ein Jahr lang dem Extremismus in den Sattel helfen? Allein über die tumultigen Zustände hierzulande könnte ich noch so viele Seiten füllen und hätte doch nur das wenigste nicht verpasst.
Aber dann verpasste ich ja auch nur wieder das wichtigere, das größere Ganze, die Bereiche der Gegenwart, die sich meinem Einfluss absolut entziehen und nur umso mehr auf ihn einwirken wollen. Nicht nur die hiesigen Schicksalswahlen des schicksalshaftigtsen Schicksalswahljahr seit es Super-Superwahljahre gibt, sind es, die es nicht zu verpassen gilt, sondern genauso die wenig weit und sehr weit entfernten. Und auch wenn das Jahr bis hierhin doch ganz glimpflich verlaufen ist, kommen die richtig dicken Fascho-Brocken ja erst noch. Nach den „Ostwahlen“, wählt Österreich, und dann folgt das große Finale bei Weltmacht Numero Uno. Trump repostet inzwischen schon AI-Fakes, die behaupten Taylor und die Swifties wären auf seiner Seite, kurz bevor er zur alljährlichen January-6th-Gala einlädt und kurz nachdem bekannt wird, dass nach Florida jetzt auch Texas anfängt zu wackeln. Kein Wunder für niemanden also, dass jetzt auch RFK seine Kampagne abbricht und sich hinter den Frisurensohn stellt. Derweil auf der Democratic National Convention in Chicago, der ersten Krönungsfeier der ersten weiblichen Präsidentin der USA: Obviously next in line is Alexandria Ocasio-Cortez; Biden admits: „Those Protestors out in the street, they have a point“; Steve Kerr is stunned by himself once again, the Obamas ensure: „Yes, she can!“; Oprah praises the „President of Joy“; and Gus Walz makes everyone proud: „That’s my dad!“ Abseits der großen Bühnen gehen die nächsten Republikaner auf Abstand zu Trump, sogar Lindsey Graham hat schon wieder Zweifel: „The provocateur, the showman may not win this elections.“
Und was bei all der Show bis November als immer nebensächlicher erscheint, weil alle lieber die Zukunft als die Gegenwart ändern wollen, das geht für die allermeisten lautlos weiter: Der nächste „entscheidende Moment“ im Nahostkrieg 23-? (Blinken bei Netanyahu) vergeht ergebnislos; die Hamas bekennt sich zum Bombenterror in Tel Aviv am letzten Sonntag; zwei Tage später fliegen Raketen auf Nord-Israel und den Golan; die „Aktivitäten“ der IDF werden offiziell in den Libanon verlegt; in einem israelischen Militärgefängnis (Sde Teiman, Negev-Wüste) haben Soldaten Palästinenser gefoltert und vergewaltigt, die Justiz ermittelt, Rechtsextremisten kritisieren das; mit dem gestrigen Vergeltungsangriff der Hisbollah (300+ Raketen auf Israel) ist die „Erste Phase der Vergeltung beendet.“ Ich gehe davon aus, dass dafür gesorgt wird, dass die nächsten Phasen niemand verpasst. Egal, wie laut es woanders knallt.

 

Kriegsprotokoll. Schreibtisch. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe.
Woche 128
Im Donbas weicht der Stellungskrieg dem Vertreibungskrieg. Montag: In der Nacht fliegen russische Drohnen erneut Angriffe auf Kiew. Mit dem Angriff auf Kursk soll „eine Pufferzone auf dem Territorium des Aggressors“ geschaffen werden, sagt Selenskyj. Die russischen „roten Linien“ bezeichnet er als „Bluff“. Die Evakuierung von Pokrowsk beginnt. In Litauen wird der Grundstein für eine Bundeswehr-Basis gelegt. Dienstag: Die ukrainische Armee kontrolliert im Moment knapp 100 Ortschaften in Kursk, sagt sie. Die morgendlichen Drohnen- und Raketenattacken auf Kiew setzen sich fort, insgesamt sind neun Regionen das Ziel. Das Parlament in Kiew verbietet die russisch-orthodoxe Kirche, Selenskyj: „Ich möchte heute die Arbeit der Werchowna Rada hervorheben, die das Gesetz für unsere geistliche Unabhängigkeit verabschiedet hat.“ Der Eisenbahnknotenpunkt Niu-Jork im Donbas ist unter russischer Kontrolle. Mittwoch: Auf dem Weg nach Moskau werden ein Dutzend ukrainische Drohnen abgeschossen. Inzwischen sind alle drei Brücken über den Sejm (Kursk) zerstört. Medwedew schreibt auf Telegram: „Es wird keine Verhandlungen mehr geben, bis der Feind vollständig besiegt ist!“ Die Juntas von Burkina Faso, Mali und Niger haben sich schriftlich an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gewandt, um die angebliche Unterstützung von Rebellengruppen in der westafrikanischen Sahelzone durch die Ukraine zu verurteilen. Das ukrainische Dorf Schelanne ist „befreit“. Die ukrainische Luftwaffe greift in den Angriff auf Kursk ein. Nach Pokrowsk werden weitere ukrainische Truppen geschickt. Donnerstag: Putin behauptet, die Ukraine hätte versucht das AKW in Kursk anzugreifen. Gerüchte über eine zweite ukrainische Offensivachse in Brjansk werden im deutschen Fernsehen diskutiert. Selenskyj besucht die ukrainischen Truppen in Sumy und gratuliert zum Auffüllen des „Austauschfonds“ (Kriegsgefangene). Inzwischen sind mehr als 100.000 Menschen aus Kursk evakuiert. Vor der Krim wird eine russische Fähre in Brand geschossen. Pokrowsk wird mit anhaltenden Angriffen überzogen. Freitag: Modi bietet sich in Kiew als Vermittler an. In Charkiw hat die ukrainische Armee einige Quadratkilometer zurückerobert. Rheinmetall braucht 40.000.000.000, um bis zum Ende des Jahrzehnts zur Weltspitze aufzuschließen. Entlang des gesamten Front sterben sieben ukrainische Zivilisten. Die USA sagen weitere Waffenlieferungen zu. Samstag: Am ukrainischen Unabhängigkeitstag setzt die Tagesschau den Liveblog aus. Die Ukraine und Russland tauschen mehr als 100 Kriegsgefangene aus. Aus den USA kommen auch weiterhin Finanzhilfen. Sonntag: Selenskyj reitet das Momentum: Die Ukraine verfügt jetzt über selbstproduzierte „Raketendrohnen“, mit denen das Land, ganz ohne die Zustimmung seiner Verbündeten russische Militärflughäfen bekämpfen kann. Der tagesschau-Liveblog bleibt offline.

 

Ach, Miss Fear, vor lauter Doom habe ich doch fast schon wieder verpasst, auch an die sonnigen Seiten zu denken. Dabei gab es ausgerechnet in dieser Woche ausnahmsweise mal keine großen Schreckensmeldungen von der Klimafront, sondern nur proaktive Gefahrenabwehr, denn in Texas hat endlich mal jemand die richtige Idee: Schattenspendende Solarparks über Weide- und Anbauflächen; Win-Win-Win; und sogar den Waldbränden in Kanada, die immer noch wüten, wird jetzt heldenhaft entgegen gesprungen: Mit den „Smokejumpers“ sieht die Welt ihre nächste neue Special-Force des Umweltschutzes.
Und sogar auf Social-Media scheint vielleicht bald wieder mehr die Sonne: Der Ober-Telegram-Chef wurde festgenommen, wegen sicherlich mehr als einer Trilliarde Gründen.

So, Miss Fear, ich muss schließen, es gibt immer noch genug zu verpassen, und ich habe Sorge zu tragen, dass ich wenigstens von meinem Schreibtisch aus irgendwie dagegen steuere: Die nächste Stunde zur Kurzgeschichte will noch vorbereitet sein. Wie waren deren Merkmale gleich nochmal? Unvermittelter Einstieg? Alltagsfiguren. Alltagsgeschehen. Überschaubarer Handlungsspielraum? Überraschende Wende? Offenes Ende? Vielleicht schlage ich ja vor, nach dem vielen Lesen, Analysieren und Diskutieren einfach selbst eine zu schreiben; ich mache auch mit! In meiner Geschichte geht es dann bestimmt um den bröckelnden Schlossberg von Quedlinburg, darum, dass die Geschichte auch vor meiner Haustür immer weiter ins Rutschen gerät; und es geht um zahllose Rattenschwänze, weil irgendwas mit Tieren ja immer gut funktioniert. Und später am Abend werden wir uns auch wieder bloß verpassen, egal wie sehr Du auf mich wartest, denn sonst verpasse ich es noch, mit zwei anderen Pädagogendudes ins sozioweltkulturelle Kino zu gehen; in der Reiche läuft heute nämlich „King’s Land“; zumal ich gestern in der Reiche beim Beer Grillz auch schon vermisst wurde, was aber wiederum auch nur die besten Gründe hatte. Unsere jeden Tag weniger werdende Zeit sollten wir gut nutzen, denn gnadenloser als die ist niemand. Nein, Miss Fear, nicht einmal Du.

Liebe Grüße von der Deadline übrigens, sie sagt, Du sollst mich den Rest des Tages in Ruhe lassen, die nächste Woche beginnt doch früh genug.

Bis dahin,
Dein Brillenträger

 

„ … – nein, die Zeit ist eigentlich nie hier und nie weg, nie deins, nie seins oder ihrs oder euers, wir versuchen alle, sie irgendwie zu packen und zu erwischen, aber niemand wird es je schaffen, also, Zeit, könnten wir dann nicht genauso gut jetzt sofort, in diesem Moment, Waffenstillstand mit dir ausrufen? Ich frage nicht, ich tue es einfach – ich rufe einen Waffenstillstand mit der Zeit aus. Stillstand.“

(Catherine Lacey: Nobody Is Ever Missing. 2014
Dt. von Bettina Abarbanell. 2017)

 

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