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Don’t know much about history (S6:Ep3)

von | 2021 | 17. Oktober | Die Serie, Staffel 6 - Peace or Love

So.
Nu aber!
Endlich wieder Deutscher Herbst.
Nachtfrost,
kalte Hände,
die ersten Abendfeuer
auf den Höfen,
und Fackelumzug
vorm Reichstag.
Der Große Zapfenstreich
anlässlich der glorreichen
Niederlage der Nato in Afghanistan
war aber bei weitem
nicht das einzige
geschichtsvergessene Event der Woche.
Die Zukunft schmeckt
immer mehr
nach Vergangenheit.
Keine Zeit also
zum Zeitverschwenden,
Geschichte schreibt sich immer
noch nicht
von allein.

Lektion Nummer Eins:
Üble Geschichten sollten sich nicht wiederholen.
Lektion Nummer Zwei:
Das ist den üblen Geschichten herzlich egal.
Krassestes Beispiel dafür dürfte momentan
der „Skandal“ um das System Kurz sein.
Zur Einordnung:
Der ehemalige und vielleicht auch
der zukünftige Bundeskanzler Österreichs,
war vor einer Woche zurückgetreten.
Die Vorwürfe:
Systematische Wahlmanipulation,
steuerfinanzierte Propaganda,
generelle Korruption,
schlechte Frisur,
maximales Arschlochsein.
Die Konsequenzen:
Kurz wird zwei Tage später
einstimmig(!) zum Fraktionsvorsitzenden seiner Partei gewählt,
der Interimskanzler Schallenberg ist nicht nur
ein enger Vertrauter, sondern selber schon
eine Hochstaplergeschichte für sich.
Für Kurz heißt das:
Von „Baby-Hitler“
zu Baby-Trump,
zu Baby-Putin
und bald wieder zurück,
nur mit deutlich weniger Baby im Hitler.
Respekt!
Aber:
Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende.
Denn kaum vereidigt,
beantragt die Staatsanwaltschaft
die Aufhebung seiner neu erworbenen Immunität,
um strafrechtlich gegen ihn vorgehen zu können.
Kommt die Festungshaft also doch noch?
Und liegen dort schon Papier, Feder und Tinte bereit?
Oder wenigstens ein MacBook?
Wie viel Zeit zum Geschichteschreiben
könnte er bekommen?
Der Titel allerdings
sollte bereits felsenfeststehen:
„Mein Furz“.
Im Großen und Ganzen scheint der Rechtsstaat
also immer noch das Hausrecht in EU-Staaten zu haben.
Wie ja auch in Ungarn, nicht wahr?
Und Österreich-Ungarn;
da klingelt doch was!

Aber ich will es mal mit dem Geschichtsexkurs
nicht zu sehr übertreiben,
denn es bewegt sich ja auch immer was.
Stühle zum Beispiel.
Im Bundestag.
Nicht dass da eh schon viel zu viele stehen,
ein paar kommen jetzt noch dazu,
und ummontiert wird auch noch, denn:
Bald gibt es eine neue Sitzordnung.
Die CDU rückt dann
auch endlich symbolisch nach rechts.
Die Königsmacherpartei FDP
möchte nämlich gerne in der Mitte thronen,
und die CDU/CSU zwischen sich und den Nazis wissen.
Die dafür nötige, einfache Mehrheit
sollte mit den neuen Verhältnissen zu organisieren sein.
Sogar Markus Söder dürfte das gefallen,
kann er doch so endlich zum legitimen Wiedergänger
seines Idols Franz J. Strauß werden,
der rechtesten Brandmauer gegen Rechts seit Hindenburg.
Vielleicht schlägt er ja bald
die Wiedereinführung der Maskenpflicht vor,
um sich und seine Gefolgschaft
vor der überschnellen Infektion
durch das Völkische zu schützen.
Seinen Biographen wird dazu schon bald
etwas einfallen müssen,
nicht dass die folgenden Generationen
an ehrwürdigen Gymnasien
da in ihren Büchern
einen falschen Eindruck bekommen.

An weniger ehrwürdigen Gymnasien,
also außerhalb von Bayern,
ist die Maskenpflicht ebenfalls vor allen Mündern.
Vielleicht auch als Maßnahme gegen Bürgerrecht,
vorrangig aber wegen der
inzwischen in voller Fahrt angekommenen Durchseuchung.
Als Nichtpädagogen stellt Euch bitte folgende Situation vor:
Auf dem Weg von einem Raum zum nächsten
bietet sich die Gelegenheit
zum freundlichen Daranerinnern
circa fünf bis zehn mal pro Minute.
Das Ganze drei bis fünf mal am Tag.
Immerhin fünf mal die Woche.
Und seit bald zwei Jahren.
Da kann einem schon mal der Geduldsfaden reißen,
und man sagt einfach gar nichts mehr.
Ein Gymnasium ganz hier in der Nähe
erhebt eben dieses Prinzip
deshalb einfach zum „Hausrecht“.
Und nimmt sich mal eben heraus,
im zweitungünstigsten Moment des Pandemieverlaufs
(zu Beginn der zweiten Herbst- und Winterwelle)
das Maskentragen zur freiwilligen Sache zu erklären.
So geht echte Spaltung!
Und das Wort Klassengesellschaft
kriegt wieder eine Bedeutung mehr.
Ich muss mich echt zusammenreißen,
dieses Gymnasium
und dessen verantwortliche Schulleitung
hier nicht beim Namen zu nennen.
An der Sekundarschule/Nord in Thale
jedenfalls geht es, genau wie schon im letzten Jahr,
als erstes wieder los:
Gehäufte Infektionen (aka Ausbrüche),
Quarantänen, Unterrichtsausfall, …
Nur noch ein paar Wochen,
also nach den hiesigen Herbstferien,
und das dritte Pandemieschuljahr
wird sich wieder wie das zweite anfühlen:
Kalt und zugig,
aber ja vielleicht mit CO2-Messgeräten.
Die bald erwatete Freigabe der Impfstoffe auch für Kinder
kommt dabei natürlich zu spät.
Und vorher beobachten wir gerade noch
das Wirken des sogenannten Nachholeffekts:
Ständige Krankschreibungen und Fehltage;
die Immunsysteme der allermeisten
müssen ständig nachsitzen.
Immerhin aber ist man dann
aber wieder ganz normal KzH,
und dementsprechend befreit
vom verhassten Homeschooling,
verpasster Stoff
wird wie sonst einfach nachgeholt.

Apropos Homeschooling:
Dass sich damit noch ganz andere Problemfelder aufmachen,
zeigt das Sehnsuchtsland der Digitalisierung, die USA.
Dort kam jetzt raus, dass es während des letzten Jahres
eine massive Überwachung der Schüler*innen gab.
Eine Unmenge von Spionagetools und verwanzten Apps
half den auf Distanz gehaltenen Lehrer*innen dabei,
Nähe zu den ihnen anvertrauten zu wahren:
Monitoring in seiner Quintessenz.
Die verantwortlichen Schulleitungen
begründeten die Spitzeleien damit,
dass sie so Bullying, Mobbing
und sogar Selbstmorden vorbeugen können.
Assistierter Selbstschutz sozusagen.
Getroffen hat es vor allem diejenigen,
die sich eben keine privaten Endgeräte leisten können
und/oder keine Eltern haben,
die sich auch nur eine rechtmäßige Klage dagegen leisten könnten.
Die, die auf Schulbibliotheken angewiesen sind.
In Schulen, die sie durch
einen Metalldetektor betreten müssen,
wo regelmäßig Polizei patrouilliert
und Terrorübungen durchgeführt werden.
Und wo, wie gerade erst in Texas,
die Geschichtsbücher zum Holocaust
doch bitte auch um andere Exemplare erweitert werden sollten,
die eine „gegenteilige Sichtweise“ vermitteln,
wegen des ersten Zusatzartikels (Meinungsfreiheit).

Ja, Geschichtsrevisionismus ist gruselig, ich weiß.
Deswegen auch schnell wieder zurück
in die progressive Gegenwart,
nach Köln.
Seit letztem Freitag ist es dort unter Auflagen erlaubt,
dass von den Moscheen der Muezzin-Ruf
zum Freitagsgebet der islamischen Gemeinde ertönen darf.
Als Modellprojekt selbstverständlich.
Oberbürgermeisterin Reker bezeichnet die Aktion
als „Zeichen des Respekts“,
und als Bescheidwisser frage ich mich da natürlich:
Warum nicht als Zeichen der Akzeptanz?
Die Toleranzskala im säkularisierten Deutschland
ist eben über das einfache Dulden
immer noch nicht wirklich hinausgekommen.
Seit mindestens 60 Jahren gibt es Köln
eine ständig wachsende, muslimische Gemeinschaft.
Dazu 60 Jahre christliches Glockengeläut vom Kölner Dom.
Religionsfreiheit, CDU-Style.

Aber diese Zeiten
sind ja nun vorerst Geschichte:
Die Ampel ist montiert,
die Koalitionsverhandlungen können starten.
Fast die gesamte Presse schnauft erleichtert durch:
Endlich mal nicht ständig was zu berichten,
es wird von einer „geräuschlosen Machtübergabe“ geschwärmt,
das angebrachte Tempo gelobt
und dafür über Inhalte eher weniger geschrieben.
Das scheinbar einzige,
weil weniger wichtige Sondierungsthema
für die Journaille war deswegen auch
die überfällige Cannabisfreigabe.
Das wollen die Menschen jetzt!
Vermögenssteuer (gerechte Umverteilung)?
Tempolimit (schiere Vernunft)?
Grundsicherung (weniger Altersarmut)?
Entmilitarisierung (kein Krieg)?
Quatsch!
So was könnte es doch höchstens
mit einem SPD-Kanzler geben…
Kiffen! Das ist die Lösung.
Dann fällt es auch gar nicht weiter auf,
dass stattdessen die ersten
schon etwas neues im Nebel munkeln,
vom Schattenkanzler Lindner nämlich.
Was wirklich erschreckend ist,
also außer für die Wirtschaft,
die also auch keine wirkliche Notwendigkeit mehr
in der CDU zu sehen braucht.
Lobbyisten sind bekanntlich farbenblind.

Wäre da nur nicht die kommunistische Bedrohung!
In Mecklenburg-Vorpommern wagt sich
„Die rote Schwesig“ doch wirklich,
den ehemaligen Partner CDU fallen zu lassen,
und ab sofort mit der Linkspartei zusammen zu arbeiten.
Sogar global herrscht bald mindestens der Sozialismus!
Die G20-Staaten einigen sich tatsächlich
auf eine internationale Konzernsteuer!
Da soll noch mal einer fragen,
wie der ganze Wohlstand der Massen
denn finanziert werden soll.
Ein Schuldenerlass würde es zwar auch tun,
aber was wäre die Demokratie ohne Bürokratie?
Finanzbeamte haben schließlich auch
irgendwelche Rechnungen zu bezahlen.
Da bleibt sogar noch
eine Milliarde Aufbauhilfe für Afghanistan übrig.
Und sogar die Lufthansa zahlt ihre Rettungsgelder zurück,
nämlich über das doppelte des gerade eben genannten Betrages;
die kapitalistischen Verhältnisse
sind also wirklich
kurz vorm Kollaps.
Und da habe ich noch nichts
von der steigenden Inflation
und den jetzt auch hier spürbar
explodierenden Energiekosten geschrieben…

Warum auch?
Und vor allem,
wenn es auch mal wieder Terror gibt?
hatten wir in Europa ja länger nicht.
Aktuelle Schauplätze:
Norwegen und Großbritannien.
Im bereits winterlichen Kongsberg
tötete in der vergangenen Woche
ein noch näher zu bestimmender Massenmörder
mindestens fünf Menschen.
Und zwar mit Pfeil und Bogen.
Und damit beginnt die Absurdität erst.
Denn erst war die Rede
von einem, vielleicht
fundamentalistischen Dänen.
Dann war der Däne irgendwann
zum Islam konvertiert.
Oder wahlweise seit Jahren
in psychischer Behandlung.
Also auch konvertiert,
aber zum Wahnsinn.
Oder vielleicht doch ein neuer Robin Hood?
Für jedes Feindbild ist also was dabei,
die Reporter erzählen einfach alle
möglichen Geschichten gleichzeitig.
Die Wahrheit liegt, wie immer,
erst im verzerrten Rückspiegel der Zukunft…
Vielleicht auch islamistisch,
vielleicht aber auch nicht,
war dann die tödliche Messerattacke
auf einen Abgeordneten der britischen Regierungspartei.
Ihr könnt Euch vorstellen,
was ich mir anhören musste,
als London angerufen hatte.
Am liebsten hätte ich Taschentücher
durchs Telefon gereicht.
Als Argument für noch mehr öffentliche Überwachung
und noch mehr Polizeipräsenz
wird aber auch diese Geschichte
schnell zu den Realität konstruierenden Akten gelegt.

Ein Beispiel für
In-Geschichte-auch-nur-so-halb-aufgepasst
hab ich noch,
vielleicht ist es sogar
genau so krass wie das erste
(quick reminder: Furzaffäre).
Der französische Präsident,
der sich seit dieser Woche
einer nationalistischen
UND
einer sozialistischen
Herausforderin gegenübersieht,
hat endlich, endlich
die Lösung gefunden.
Die Lösung für die Energiekrise,
für die Klimakrise,
für die Umweltkrise.
Nur eben nicht für die Atommüllkrise.
Denn bis 2030 sollen in Frankreich
die neuesten Miniatomkraftwerke
gebaut werden.
Also nicht nur wenige,
große Katastrophenrisiken,
sondern ganz viele kleine; cool.
„Grüne Energie“ kriegt da gleich
einen ganz anderen Klang.
Warum ich mir radioaktive Strahlung
aber ausgerechnet grün vorstelle,
das ist aus einer anderen Geschichte,
die ein anderes Mal erzählt werden soll
(Spoiler: Gammastrahlen, lila Shorts,
sehr wütend, nicht die allerhellste Kerze).
Aber, liebe Mitkartoffeln,
der Sprit kostet bald zwei Euro,
und der Strom für die Elektrovehikel
kommt auch nicht mehr
umsonst aus der Wand.
Sichere (?) Atomkraft
wird ein drängendes Thema.
Mal sehen, wie lange sich
Die Grünen auch hierzulande
noch an die paar Geschichtsabschnitte erinnern,
in denen ihre bis jetzt größten Stunden schlugen.
Wann läuft eigentlich
das Atomkraftmoratorium aus?
Und warum war das noch mal verhängt worden?
Welche historische Katastrophenserie der letzten Jahre
hat das größte Echo ausgelöst?
Liegen Fukushima und Tschernobyl
schon so weit in der Vergangenheit,
dass sich aber mal
so gar nichts mehr
daraus lernen lässt?
Grün ist aber auch
immer noch
die Hoffnung.
Sogar im Herbst.
Hab ich mal in einer Deutschstunde gelernt.

„I don‘t claim to be an ‚a‘ student,
but I‘m tryin‘ to be.
For maybe by being an ‚a‘ student, baby,
I can win your love for me.“

(Sam Cooke: Wonderful World. 1960)

 

P.S. Das Beitragsbild ist eine Aufnahme
aus der „Peace is Power“-Ausstellung
von Yoko Ono
in Leipzig, 2019.

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