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Double Time (S7:Ep2)

von | 2022 | 24. April | Die Serie, Staffel 7 - Half a world away

„Die Erhöhung des >Tempos des Lebens<,
die Zeitknappheit der Moderne,
entsteht nicht weil, sondern obwohl
auf nahezu allen Gebieten
des sozialen Lebens
enorme Zeitgewinne
durch Beschleunigung
verzeichnet werden.“

(Hartmut Rosa: Beschleunigung. 2005)

 

So.
Hier, im Weltkulturerbe herrscht
spätestens seit gestern
also wirklich und allerletztendlich
die totale Entschleunigung.
(Übrigens bei gleichzeitiger Beschleunigung,
aber dazu später erst mehr.)
Wir haben hier
schließlich
alle
Zeit.

In der Blumenstadt
steht der Mai,
wie angekündigt,
bereits an jeder Gassenkreuzung.
Und winkt den Massen hektisch zu:
Kommen sie
ruhig noch näher,
schleichen sie
andächtig
über das Kopfsteinpflaster!
Riechen sie
an den uralten
Holzbalken des Fachwerks!
Schmecken sie
die geschichtsschwangere Luft
in den kühlen
Kirchen.
Lauschen sie
nicht nur
den Klängen des Mittelalters!
Denn die hiesigen Kulturarbeiter
können noch
so viel mehr!
Fühlen sie
den Vibe
von inzwischen
immerhin
1.100 Jahren
Urbanität!
Machen sie
die Augen nur noch
ein wenig weiter auf;
hier gibt es überall
etwas zu entdecken!
Aber, vor allem:
Hauen sie ordentlich rein!
Lassen sie es sich
so richtig gut gehen!
Genießen sie
sich selbst!
Ihr unfassbares Glück.
Den Frieden.
Und unsere Freiheit!
Denn:
Es gibt doch,
verdammt noch mal,
so viel verlorene Zeit
zurückzugewinnen!
Also, zücken sie
den Geldbeutel!
Die Museen
haben geöffnet.
Auf dem Markt
gibt es morgens schon
Bier in Literkrügen,
nebst Spanferkel und Mutzbraten.
Beeilen sie sich!
Die besten Plätze sind schnell weg.
Und bringen sie
ihren Liebsten was schönes mit!
Met vielleicht?
Kunsthandwerk?
Holzspielzeug?
Handgetöpfertes?
Oder, wenn sie zeigen wollen,
wie aufmerksam sie wirklich
bei ihrem Kulturausflug waren,
dann natürlich
Blumenzwiebeln und Sämereien.
Unsere Flora
steht ja nicht umsonst am Bahnhof.

Ach ja,
was soll ich schreiben,
jetzt gleich
folgt natürlich
die Abteilung Spaßverderben,
es sind immerhin immer noch
#DieDoppeltenZwanziger.
Hier vor Ort aber
braucht es nun mal eben wenig mehr
zum Glückseeligsein.
Die Stadt ist voll
wie zu ihren besten Hochzeiten.
Gestern nachmittag waren 17°C,
es war zwar noch etwas zu windig,
dafür aber blauer Himmel,
und an dem trieben nur
ein paar verschlafen grasende Schäfchenwolken.
Zeitvertrödeln kann kaum schöner sein;
und Flohmarkt auf der Kleerswiese ist natürlich auch!

Selten aber
war die Leichtigkeit des Lebens
noch unerträglicher.
Und einigen ist anscheinend wirklich
alles schon wieder so scheißegal,
dass sie sich nicht mal zu blöd sind,
um nicht auch noch
mit einem dieser Pappkrönchen
(die man sonst
eher vom Kindergeburtstag
in der Fast-Food-Bude
beim Industriegebiet kennt)
in Quedlinburg rumzulaufen.
Immerhin wird auf denen aber
dem Weltkulturerbe
in formvollendetem Design
zum elf(!)hundertsten Geburtstag gratuliert.
Alter schützt vor Schönheit nicht.

So.
Zum Resteverkauf der provinziellen Ästhetik
folgt am Ende der Episode
noch ein kleiner Ausflug
vor die Tore der Stadt.
Jetzt ist aber erst mal
wieder Winterschlussverkauf
bei den nicht-provinziellen Superlativen.
Setzt Euch bequem hin,
schnallt Euch aber sicherheitshalber an,
und beginnt am besten gleich,
doppelt so schnell zu lesen;
wir haben immer weniger Zeit.
Denn die Schlagzahl
der verheerenden und immer weiter
entmutigenden Meldungen
auf unseren Schwarzen Spiegeln
ist schon wieder
beim nächsten Kipppunkt angelangt.
Und das ist schon wieder
keine Hyperbel.
Die Lage spitzt sich immer noch weiter zu;
alles nur noch unwesentlich langsamer
als in einem ganz gewöhnlichen
Drei-Stunden-Apokalypsefilm.
Also immer noch langsam genug,
um noch schnell genug
zur Gewohnheit zu werden.
Und über den Fluch der Gewohnheit zu schreiben,
ist ja auch schon lange zur Gewohnheit
(also zum Fluch) geworden;
da gibt es also auch wenig wirklich neues.

Und ich traue mich kaum noch zu fragen,
weil man die Antworten leider schon kennt.
Aber wie viel kann die Menschheit ertragen?
Wann haben wir den Absprung verpennt?
– Halb ausgereifte Kreuzreime
machen die Misere
ja aber auch nicht besser,
deswegen schnell weiter
zu den eigentlichen Fragen.
Und sei es drum,
dass ich einer der ersten bin,
der so irre ist,
diese nun folgende
genau so zu stellen:
Ab wann ist ein Weltkrieg
eigentlich ein Weltkrieg?
Ist der „Stille Weltkrieg“
nach guten zwanzig Jahren
inzwischen laut genug für alle?
Oder kann man vielleicht sogar schon
von einem „Doppelten Weltkrieg“ sprechen?
Denn:
Neben dem immer finsterer tobenden
Weltwirtschaftskrieg,
dessen Auswirkungen
sich vor allem hierzulande
noch immer nur als Schreckensvisionen
für die unmittelbare Zukunft
durch die Diskussionen ziehen,
scheinen nämlich gerade
auch die internationalen
Dämme der Sicherheitsarchitektur
wirklich endgültig zu brechen.

Jüngstes Beispiel:
Das Nato-Land Türkei
marschiert am Ostersonntag in den Irak ein.
Also so richtig.
Mit Panzern, Luftwaffe und Bodentruppen,
das komplette Kriegsprogramm.
Aber natürlich ist auch das
nicht wirklich ein „Krieg“,
sondern nur eine „Antiterroroperation“,
sagt Ankara;
PKK und so weiter.
Die Betroffenen sehen das anders:
Der KON-MED,
der deutschlandweite Dachverband
der kurdischen Vereine,
bezeichnet das ganze nämlich so:
„Die türkische Regierung
versucht mit ihrem Krieg,
die kurdische Bevölkerung
zu vertreiben
und strebt eine dauerhafte
Besatzung und Annexion der Region an.“
Die Angriffe der Türkei
sind völkerrechtswidrig
und verletzen die Souveränität des Iraks.
Im Übrigen hatte dies
auch der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages
bereits bei den Angriffen der Türkei
auf Nord- und Ostsyrien im Jahr 2019 festgestellt.
Bei der Invasion ab April letzten Jahres dann,
in den Regionen Zap, Avaşîn und Metîna
und beim Angriff auf Gare
hatte die türkische Armee
bereits auch Giftgas
in Südkurdistan eingesetzt.
Mindestens 367 solcher Angriffe
gegen die kurdische Freiheitsbewegung
und die Bevölkerung
wurden 2021 zusätzlich
zu den beinahe täglichen Bombardierungen registriert.
Berichte über Foltergefängnisse
gehören dabei genauso zum Alltag,
wie das Schweigen der Bundesregierung.
Immerhin hat die Tagesschau
am Dienstag kurz darüber berichtet.
Am Mittwoch dann
schon wieder nicht mehr.
Doppelstandards bei Angriffskriegen;
ganz gewöhnliche Sache.
Sonst würde ja noch jemand
auf die Idee kommen,
dass das alles was miteinander zu tun hätte.
Also die ganzen Kriege,
die wären dann ja, zusammengenommen…
Das könnte man ja als…
Na ja, lieber noch nicht.

Denn bevor es weitergeht mit Krieg,
kurz was anderes,
denn manchmal gehen Dinge
sogar heute noch
auch mal wenigstens zu Ende.
Also zumindest vielleicht.
Einer der langlebigsten Posterboys
nicht nur der links-liberalen Anti-Imps,
sondern auch auch von Hardcorefans
der Aufklärung von Kriegsverbrechen,
nämlich der absolut topsympathische
Wikileaks-Gründer
Julian Assange,
darf jetzt doch an die USA
ausgeliefert werden,
wo 175.000 Jahre Gefängnis (oder so)
wegen Hochverrats
auf ihn warten.
Das hat so zumindest
ein britisches Gericht so entschieden,
nur die Innenministerin
muss dem noch zustimmen.
Und danach gäbe es auch noch
die Möglichkeit des Widerspruchs
durch seine Anwälte…
Wenn da nicht auch die Meinungs- und Pressefreiheit
auf dem Spiel stehen würde,
könnte man beinahe froh sein,
dass diese Saga endlich ein Ende findet.
Aber anscheinend ist noch genug Platz
in den immer enger gesetzten Zeilen
des gepflegten Empörungsjournalismus.

Aber auch der wird zusehens knapper.
Denn die zweite Phase des Ukrainekrieges
verlangt Aufmerksamkeit im Minutentakt.
Die russische Armee
hatte noch das Osterfest abgewartet,
eigentlich aber nur auf besseres Wetter,
und dann einfach weitergemacht wie geplant,
nur eben wieder noch rücksichtsloser.
Ausgenommen davon war nur noch
die bereits zur Legende gewordene
Industrieruine von Asowstal in Mariupol.
Nach dem dann vierten Ultimatum
konnten/durften/sollten/wollten
die dort eingeschlossenen Nazis und Zivilisten
immer noch nicht rauskommen.
Da gibt Wladimir Putin höchstpersönlich
und an einem ganz kleinen Tisch
seinem Verteidigungsminister gegenüber sitzend,
den Befehl,
die Erstürmung einfach abzubrechen,
die sei „nicht notwendig.“
Man würde den Ausharrenden
sogar mit Respekt begegenen,
wenn sie die weiße Fahne schwenken würden.
Allerdings müsste das Gelände
so hermetisch abgeriegelt werden,
dass keine Fliege
unbemerkt hinaus kommen könne.
Ähnlich diplomatisch
wurde der Ukraine
zeitgleich ein nächstes „Friedensangebot“
unterbreitet.
Denn für den Moment
sind die eigentlichen Kriegsziele erreicht:
Das Asowsche Meer und der Donbass
sind weitestgehend „befreit“,
man stellt schon zunehmend
auf Verteidigung um.
Nach den jetzt zwei Monaten Dauerbeschuss
durfte auch vom militärischen Teil der Ukraine
kaum noch etwas übrig sein,
die Entmilitarisierung ist im letzten Stadium angelangt.

Trotz alledem stellt Russland
aber schon mal
die nächsten „Pläne“ vor.
Für die Südukraine nämlich.
Man ist sich anscheinend so siegessicher,
dass man sich demnächst
sogar so etwas wie
einen Zweifrontenkrieg
(Im Donbass und im Südwesten des Landes)
leisten kann.
Doppelt hält besser,
das weiß jeder Hobbyhandwerker,
der schon mal was zusammengefriemelt hat,
um sein Werk danach dann
scherzhaft als „russisch“ zu bezeichnen.
Dazu passen die westlichen Befürchtungen,
der Krieg könne sich noch lange hinziehen,
mindestens Monate.
Immer neue Waffenlieferungen sind dabei
logischerweise das alternativlose Lösungsmittel.

Und wenn wir heute schon
bei unfragbaren Fragen sind,
hätte ich gleich noch eine:
Ist Wladimir Putin
eigentlich der Präsident
einer jeden Rüstungsindustrie?
Hat er schon Dankeskarten
von Rheinmetall bekommen?
Kennt das Pentagon vielleicht deswegen
immer schon seine nächsten Schritte,
weil es sich so einfach besser kalkulieren lässt?
Ist das alles noch logisch?
Oder nur noch Logistik?
Ist Kriegslogik
deshalb so schwer nachzuvollziehen,
weil sie eine doppelte Logik ist?
Ich gebe gerne zu,
dass ich schon mit einfacher formaler Logik
so meine Probleme habe,
aber Kriegslogik
will sich mir einfach
nicht im Ansatz erschließen.
Denn, mal ganz naiv gefragt:
Was zur Hölle
denkt Russland
mit diesem Krieg besser zu machen?
Was?
Für wen?
Warum?
Wozu?
Vielleicht kennt die Kriegslogik
aber einfach nur keine Fragen.
Nur Antworten.
Falsche Antworten.
Also zumindest in meiner Logik.
Ein weiteres Beispiel dafür:
Die vermeintlichen Schlächter von Butscha
wurden Anfang der Woche
ganz offiziell zur „Garde“ erklärt,
und sollen künftig
als „Vorbild für die weitere Kriegsführung“ dienen
(da läuft es auch noch dem letzten Putinversteher
eiskalt den Rücken runter, oder?).

Aber auch der bisherige Oberheld dieses Krieges
scheint es mit der Logik
nicht mehr allzu genau zu nehmen,
im Krieg sind nun mal
alle Tricks erlaubt.
Wolodomyr Selenskyj
wird inzwischen von AlJazeera
schon offen Geschichtsrevisionismus vorgeworfen.
Spätestens seine Behauptung,
die russische Armee
sei die barbarischste Armee aller Zeiten,
dürfte/müsste auch hierzulande
wenigstens die ein oder andere Stirn
in Falten legen,
denn das dürfte/müsste dann
doch immer noch
die Deutsche Wehrmacht bis 1945
gewesen sein,
was von mir aus gerne so bleiben kann.
Aber nach wem jetzt schon
Teesorten in Assam benannt werden,
dem wird wohl keiner mehr
auch nur irgendetwas krumm nehmen.
Und wer jetzt dachte,
dass das schon die Pointe war,
der führe sich bitte noch folgendes vor Augen:
Inzwischen haben bereits 35.000 Menschen
dafür unterschrieben,
dass der Teil von Unter den Linden,
an dem sich die russische Botschaft befindet,
in Wolodymyr Selenskyj-Platz umbenannt wird.

Aber, aber,
die Logik ist noch nicht gänzlich abgeschafft,
sie hängt nur ziemlich hinterher.
Nach immerhin rund zwei Monaten Krieg
in der Ukraine
wird Wladimir Putin am kommenden Dienstag
tatsächlich den UN-Generalsekretär
in Moskau empfangen.
Der wird sich vorher noch
dem türkischen Präsidenten treffen,
dann mit dem russischen Außenminister,
Arbeitstreffen und Mittagessen.
Er hat sogar vorher noch einen Brief geschrieben,
von wegen Waffenruhe und so.
Too little, too late,
aber immerhin irgendwie logisch.
Russland antwortet aber
schon am Wochenende wieder mit Kriegslogik,
dieses Mal mit
Raketen auf Odessa.

Und es gibt ja wieder noch einen Krieg,
nicht dass die steile These von vorhin
hier schon zu Ende wäre.
Denn Raketen fliegen seit ein paar Tagen
auch wieder über dem Gazastreifen.
Die Gummigeschosse der israelischen Armee
auf dem Tempelberg zu Ostern
haben damit aber sicher
wieder genauso wenig zu tun,
wie die Frage
nach dem Namen
für diesen speziellen Krieg.
Ist der Krieg im Nahen Osten
jetzt der älteste?
Der längste?
Der ewige?

Aber bevor ich mich hier nur noch mehr,
und aussichtslos wie immer
in der Kriegslogik verheddere,
setze ich mal schnell eine andere Brille auf,
ich sehe ja schon fast alles doppelt.
In den USA nämlich
bleibt alles noch überschaubar,
business as usual.
Da gab es über Ostern
nämlich nur
10 Mass Shootings.
Und immer noch keine
absehbaren Änderungen des Waffengesetzes.
Kriegslogik geht anscheinend auch
ganz ohne echten Krieg.

Leute, Ihr seht,
alleine schaffe ich es nicht raus
aus diesem Wirr-Warr.
Da kann nur noch
eins helfen:
Ein schlaues Zitat.
Irgendetwas weises,
das einen nicht gleich wieder überfordert.
Mal innehalten
und nachdenken,
bevor man sich für eine Logik entscheidet.

 

„Das hohe Tempo
des sozioökonomischen und technologischen Wandels
überfordert systematisch
die Zeitstrukturen und Horizonte
demokratisch-deliberativer Politik,
die in der Beschleunigungsgesellschaft
just aufgrund der hohen sozialen Dynamik
sogar zu einer Verlangsamung
ihrer Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse tendiert.“

(Rosa: ebenda)

 

 

Womit wir dann endlich
bei der deutschen Alltagspolitik
angelangt wären.
Die immer noch so behebig ist,
dass die folgenden Verse
in Fast Forward geschrieben werden,
damit mir dabei nicht die Fingerspitzen kalt werden.
Und diese Trägheit
verkörpert stur
und inzwischen bereits stilprägend:
Olaf der „Zauderer“.
Immerhin ist er damit noch
pazifistischer als die Grünen.
Wegen seiner Bummelei
soll er jetzt sogar
vor den Verteidigungsausschuss
(ein Wort mit einem doppelten Doppel-s)
geladen werden.
Für den Fall,
dass das noch nicht reicht,
fordert Oppositions-Merz
schon mal die nächste Regierungserklärung.

Die ehemalige Opposition,
noch links im Saal,
sagt dazu wenig bis gar nichts,
die hat nur noch mit sich selbst zu tun.
Blumenkriegerin Henning-Wellsow
tritt zurück.
Ihre Familie ist ihr wichtiger,
als der nächste Selbstbespiegelungstrip der Partei,
der sich #LinkeMeToo nennt.
Den Kern dieses Skandals
bildet das sexuelle Verhältnis eines Parteimitglieds,
vor einigen Jahren,
zu einer damals minderjährigen Parteinovizin.
Pikanterweise handelt es sich dabei
um den damaligen Freund
der heutigen Co-Vorsitzenden Wissler.
Und die habe nun mal nichts bis gar nichts
zur Aufklärung des Falles unternommen.
Die Linken haben es sich anscheinend
in der Gosse des pseudofeministischen Politboulevards
gemütlich gemacht.
Schon irgendwie schade.
Aber:
Im Juni wird dann einfach neu gewählt,
für Richtungsentscheidungen
braucht es seine Zeit.

In der SPD läuft es unwesentlich besser,
denn Manuela Schwesig
wird es wohl auch nicht mehr lange machen,
politische gesehen.
Zu viel Russlandnähe.

Derweil fliegt sogar aus der CDU
mal wer raus,
wie sich die Zeiten
doch immer wieder ändern können.
Der Innenminister Sachsens wird entlassen.
Generell einfach zu viele Skandale
(Vetternwirtschaft, schlechte Führung)
und vielleicht doch mal
die Quittung
für die berüchtigten Sächsischen Verhältnisse
mindestens der letzten fünf Jahre.

Von all dem völlig unbeeindruckt
regiert die FDP
inzwischen so unauffällig wie unbehelligt durch.
Die Forderung nach schweren Waffen
nickt man auf dem Parteitag
fast schon nebenbei mit ab.

Zu einem Phantom
aus der jüngsten Vergangenheit
ist unterdessen
Karl Lauterbach geworden.
Der darf jetzt höchstens noch was
von „Killervarianten im Herbst“ orakeln,
für so was hat jetzt gerade
wirklich keiner mehr Zeit.

Pandemiemäßig geben jetzt nämlich
auch noch die allerletzten auf.
In Shanghai wird wieder gelockert,
egal ob sich die die Panik
jetzt auch schon in Peking
wieder breitmacht.
Hier vor Ort jedenfalls
hier wird man langsam
schon komisch angeguckt,
wenn man es nicht
schon mindestens zwei mal hatte.
Es gibt sogar schon neue,
anscheinend wirklich ernstgemeinte Diagnosen
für Menschen,
die sich mit Atemschutz
beim Einkaufen fragen,
was eigentlich mit ihnen nicht stimmt,
wenn sie auch im hiesigen Edeka
inzwischen nur noch vereinzelt auftauchen.
Unter dem „Cave-Syndrom“
leiden ab sofort alle,
denen ihre eigene Gesundheit,
und/oder die von anderen
noch nicht völlig am Arsch vorbeigehen,
und die sich nicht von einer Party
zur nächsten schleppen.
Aber ja, ich hör ja schon auf.
Pandemie nervt, ne?

Bleibt ja noch das Klima.
Der letzte Sommer
war jetzt auch ganz offiziell
mal wieder der heißeste ever.
In Südafrika herrscht seit Wochen
der nationale Notstand.
Die jüngsten Überschwemmungen
haben bereits viele hunderte Tote gefordert,
weite Teile der betroffenen Regionen
sind weiterhin ohne Strom.
Und das Eis in der Antarktis
ist allein innerhalb der letzten 40 Jahre
um volle 30% geschrumpft.
Das ist die Größe von Mexiko.
Momentan gibt es da Temperaturen
von über 40°C
über dem Durchschnitt.
Da bleibt nur noch Zeit
für Zynismus:
Wenn weiter so rumgeballert wird
(z.B. Weltkrieg),
dann klappt das mit der Klimakatastrophe
nur noch überpünktlicher,
und der Spuk findet wenigstens
ein noch schnelleres Ende.

 

„Die potenziell verhängnisvollste Form
der Desynchronisation
zeigt sich indessen in der Tat dort,
wo die Zeitmuster der Gesellschaft
die Reproduktions- und Regenerationsfähigkeit
der natürlichen Umwelt überfordern,
wo soziale Beschleunigung also
in die Öko-Katastrophe
zu münden droht.“

(Rosa: ebenda)

 

 

Als Kartoffel bleibt mir heute
wirklich nur noch eins,
um die Laune
wenigstens bis morgen noch hochzuhalten,
nämlich die deutscheste aller Arten
des Galgenhumors:
die Schadenfreude.
Irgendwem geht‘s immer
noch beschissener.

Zum Beispiel
Alex Jones.
Genau, der Schreihals
der US-amerikanischen InfoWars,
aka Marketing aus der Hölle.
Die Eltern der Opfer des Massakers
an der Sandy Hook-Highschool
haben ihn und sein „Medienimperium“
endgültig in den Bankrott getrieben.
Ganz legal
vor Gericht.

Da sitzt auch gerade Johnny Depp
in der Rolle seines Lebens
als er selbst,
und man wird wieder gezwungen zu erkennen,
dass sein Talent zu lange genug
nur von seinem Aussehen getragen wurde.
Immerhin nur ein Rosenkrieg.

Und apropos Rosenkrieger:
Xavier Naidoo hat
am doppelt symbolträchtigen 20.4.
ganz, ganz dolle sorry gesagt.
Sorry wegen Schwurbelei,
wegen Antisemitismus,
wegen Arschlochsein.
Er war nur verblendet.
Und Liebe, und alles.
Dafür wird er sogar
von der linkswoken Bubble
gelobt und beinahe schon hofiert;
wie lange sein Kampf
um die wirkliche Wahrheit
wohl dieses Mal dauert?
Hoffentlich lange,
als Clickbait macht der sich überall gut,
und sei es nur aus verschämter Schadenfreude.

Wahrscheinlich haben nur die wenigsten
genug Zeit gehabt,
um bis hier unten zu lesen,
aber auch denen muss ich schreiben:
Es ist so lange nicht vorbei,
wie der dicke Gentleman
noch singt.
Die Rede ist natürlich von Boris Johnson.
Und es wäre echt strange,
wenn jetzt mein rotes Telefon …

Brrrrrring. …
Brrrrrring. …
Hello? … London? …
No! … Yes, you are calling! …
Hold on, hold on! …
Not so fast! …
What? … He said what? …
„Britain deserved better“? …
For real? …
So he stepped down for good? …
No? … No way! …
So now what? …
An inquiry? …
So what‘s the accusation? …
Lying? …
But he did lie, didn‘t he? …
So where is he now? …
Abroad? …
In India? …
To do what? …
He did? …
He warned against autoritarian states? …
And offered military help? …
Yes! … I agree …
Totally out of his mind! …
What? … Wait, what? … I did hear what again? …
You mean like in France? … Right now?
Holy shit! … You‘re right. …
Okay, bye. …
Nice talking to you …
Yes, yes. … yes, I promise. …

Puh, und ich dachte schon London
wollte mir was
vom eigentlichen
Supervorschlag der Woche erzählen.
Im britischen Parlament
gab es nämlich
die perfekte Idee
zur Lösung
unseres allgemeinen Zeitproblems.
Man lese und staune:
„Double Summer Time.“
Ja, das heißt,
dass die Uhren demnächst
im Sommer
einfach zwei Stunden nach vorne
gestellt werden sollen.
Geile Idee eigentlich!
Einfach noch mehr Tageszeit
zum Panik kriegen/Zeitsparen/Zeitverschwenden.
Und das ausgerechnet in der Woche,
in der der Corona-Liveticker
endlich eingestellt wird.
Wie viel Be-/Entschleunigung
geht denn eigentlich noch?
Ich weiß ja jetzt schon nicht mehr,
was ich mit der ganzen Zeit anfangen soll,
weil Provinz und so.

Dahin wollte ich ja noch mal zurück,
also bitte sehr.
Das Wochenende einfach
in der Gartensparte ausklingen lassen.
Am Grünschnittfeuerchen,
mit einem Getränk der Wahl.
Warum in die Ferne schweifen,
wenn es jetzt
dank Harzfreifunk
sogar W-Lan
bei den Laubenpiepern gibt.
Weltzeit und Schrebergartenzeit
lassen sich nicht mehr
länger auseinanderhalten.
Und wenn man sich nicht
über die Weltlage aufregen will,
kann man sich immer noch seinen Frust
über den abgebrochenen Versuch
eines vernünftigen Radwegs
zwischen Quedlinburg und Neinstedt
empören!
Schotterpiste
statt rennradfreundlichem Asphalt?
Wie aus der Zeit gefallen
kann man denn noch sein?

Und ja doch,
die Episode ist endlich vorbei.
Denn das alleraktuellste
hat bis eben noch gewartet:
In Frankreich
regieren vorerst
also noch keine Nazis.
Emanuel Macron
muss dafür jetzt
mindestens den Weltkrieg verhindern.
Vielleicht ja zusammen mit Olaf Scholz.
Doppelt hält,
das hatten wir ja aber schon,
nun mal eben besser.

Nach der Stichwahl
ist jedenfalls auch immer irgendwie vor der Stichwahl.
Denn heute is eh alles schon zu verdoppelt.
Einer geht da noch.
Nämlich Lutz Trümper.
Die Wahl zum neuen
Oberhaupt unserer Landeshauptstadt
ist aber noch nicht entschieden.
Am 8. Mai geht‘s weiter.
Und da ist dann auch bloß wieder
alles auf einmal:
„Siegesparade“ in Moskau,
Muttertag,
Tag der Befreiung.
Fragt einfach nicht mehr
nach Logik!

 

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