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Drive (S9b:Ep13)

von | 2023 | 25. Juli | Die Serie, Staffel 9b - Blister

 

„Maybe you did,
maybe you walk.
Maybe you rock around the clock,
tick-tock, tick-tock.

Maybe I ride, maybe you walk.
Maybe I drive to get off, baby.

Hey kids, where are you?
Nobody tells you what to do, baby.
Hey kids, rock and roll,
nobody tells you where to go, baby.“

(R.E.M. 1992)

 

Oha.
Seit genau fünf Wochen unterwegs.
Seit 35 Nächten
habe ich keinen festen Wohnraum
von innen gesehen;
nur noch neun Nächte.
Und (laut Plan) nur noch vier mal Schreiben.
Dann sehe ich mal zu,
dass ich meinen Drive nicht verliere.
Auf der Fahrt hierher,
nach Manchester, Mendocino County
(so by the other sea),
hatte ich mindestens fünf verschiedene Ideen
für den Episodentitel,
jedes Mal dachte ich:
Das isses!
Ich habe sie alle wieder vergessen.
Aber warum auch ausschweifend werden,
wenn das offensichtliche
mitten auf der Straße liegt:
Autofahren wird in den USA
einfach nicht langweilig.
Die Zeiten von sinnlosem Rumcruisen
sind sicher vorbei
(1 Gallone Normalbenzin
kostet auch hier gerade um die 5$),
aber mit etwas Zeit und einem Ziel
gibt es nichts vergleichbares.
Aber dazu gleich mehr,
denn wenn es schon mal vorkommt,
dass ich zwei Tage in Folge gewandert bin,
dann kann ich darüber
ja wohl kaum schweigen.
Holt schon mal das Fernglas raus,
mit den Blicken
geht es gleich unfassbar hoch hinaus.

Denn das einzige Wort,
das mir zu den Redwoods noch eingefallen ist,
ist: Ri-di-cou-lus!
Deswegen bin ich auch zwei mal durchgelaufen.
Das erste mal gestern.
Die größere Runde,
12 Meilen.
Und was sich am Straßenrand schon angekündigt hatte,
wurde auf dem Trail
noch bei weitem übertroffen:
Alle paar Minuten
stehe ich in einer Kathedrale
aus riesigen lebenden Säulen.
Es ist unmöglich,
das auf Film zu bringen.
Nicht mal 16:9
im Hochformat
würde auch nur annährend reichen.
Die meisten Bäume
sind bestimmt 60, 70 Meter hoch,
die ganz großen
dann bald 100.
Da ich relativ früh unterwegs bin,
begegnen mir zunächst keine Menschen.
Aber auch Tiere sind weit und breit
keine zu sehen oder zu hören;
die Ruhe ist zum auf die Knie gehen.
Den Trail selbst
könnten einige vielleicht sogar joggen,
ich brauche zwei Stunden
bis zur Küste.
Aber bevor mich auch dort wieder
der Seenebel erwartet,
durchquere ich noch den Fern Canyon,
wo inzwischen eine Menge Menschen sind
(ein Parkplatz ist nicht weit).
Wir alle bestaunen
die gut fünf Meter hohen Felswände,
die vollständig mit hellgrünem Farn bewachsen sind.
Am Gold Bluff Beach
muss ich mir reichlich Mühe geben,
die gelbe Sandsteinsteilküste zu erkennen,
auch der Pazifik ist nur gute 200 Fuß weit zu sehen.
Weit und breit ist
wieder niemand.
Nach zwanzig Minuten
taucht aus dem Nebel ein junger Mann auf,
wie grüßen uns,
und er deutet den Strand entlang nach Süden:
„Watch out for the birds!“
Große, dreckige Möwen
und dunkel gefiederte Pelikane
segeln über die Wellen,
aus denen kurz Seelöwenköpfe schauen.
Ich ziehe meine Schuhe wieder an.
Ja, ich hatte kurz überlegt,
hier die letzte Taufe zu nehmen,
aber die Rückströmung der Brandung
war schon ab Knöcheltiefe einschüchternd.
Der Weg zurück durch den Wald
hätte mich eigentlich weniger schockieren können,
aber diese Bäume sind schlicht zu aberwitzig riesig.

Und deswegen habe ich heute früh
noch zwei extra Runden durch den Wald gedreht.
Eine mit dem Auto (falsch abgefahren)
und eine zu Fuß (richtig abgefahren).
Ich will mir gar nicht vorstellen,
wie das damals für Humboldt (Alexander von)
gewesen sein muss,
so völlig ohne Navi.
Nach dem jedenfalls
ist hier nicht nur jede zweite Lagune benannt,
sondern gleich das ganze County.
Und natürlich ein eigener Teil des Waldes:
Die Humboldt Redwoods.
Die liegen zwar auch wieder in dicken Wolken,
aber die Spitzen der Bäume
würde man ja auch so kaum sehen.
Für den kurzen Fleischman-Trail
muss ich meinen Hoodie anziehen.
An den Park Headquarters mache ich mich
dann endlich mal über die Bäume schlau.
Alle diese Riesen
gehören zur Familie der Sequoias,
oder Mammutbäume.
Allerdings gibt es zwei auffallend unterschiedliche Spezies:
Einmal die richtig breiten
und dann die richtigen „Red Woods“,
die genauso hoch,
aber deutlich schmaler (relativ) sind.
Gestern muss ich also
durch einen Mischwald gelaufen sein;
hier im Humboldthain, CA ,
finden sich dagegen nur letztgenannte.
Was natürlich alles andere als eine Enttäuschung ist.
Und zu den anderen,
zu denen komme ich
in ein paar Tagen nochmal.

Die nächste größere Stadt, die ich erreiche,
ist Eureka.
Über 50 Murals
sollen der Stadt irgendwie
einen kalifornisch bunten Anstrich geben.
Es gelingt so halb.
Der Leerstand und Verfall kann/will
auch hier nicht überdeckt werden.
Wahrscheinlich sind viele der Nicht-Mega-Städte
einfach inzwischen zu groß,
weil zu viele nicht mehr da sind,
und zu wenige durchfahren.
Ich frühstücke bei Wendys,
tanke zähneknirschend
und fahre weiter.
Nach Mendocino.

Und, ihr ahnt es,
hinter der ersten größeren Kurve
wird es sofort golden.
Nicht etwa der Sandstrand.
Sondern die Berge.
Denn da,
wo die Bäume langsam wieder weniger werden,
steht das Heu noch leuchtend auf den Bergwiesen.
Gleich darauf
schaltet Kalifornien
wieder noch mindestens zwei Gänge höher:
Endlich fahre ich auf dem „richtigen“ Highway 1.
Bis hierher führt also der 101,
ab jetzt soll es also richtig spektakulär werden.
Wird es auch,
und zwar umgehend.
Die Straße schlängelt sich buchstäblich
zur linken am Hang der Berge
und zur rechten an der Steilküste entlang.
Noch sind auf beiden Seiten Bäume.
Es geht nie auch nur ein paar Meter geradeaus,
der Highway besteht aus
hunderten S-Kurven und nicht wenigen Serpentinen.
Der Mark Twain Forest sieht sich ernsthafter Konkurrenz gegenüber,
wenn es jetzt noch steil hoch und runter…
Und auch das natürlich
kann der Hwy 1,
wie ich nach der nächsten Kurve erfahre.
Nach einer knappen halben Stunde
öffnet sich das Panorama,
der Himmel strahlt blau,
die Sonne steht weißer als sonstwo
über den goldenen Wiesen,
die jetzt sich meilenweit
an den Hängen der Küste entlang erstrecken.
Es ist egal,
wo ich mein Nachtlager aufschlage;
der Traum endet noch nicht.

Von meinem Campground (State Park) aus
sind es laut Karte vielleicht 30 Fußminuten bis zum Strand.
Und da momentan
die Chancen auf einen wolkenlosen Sonnenuntergang
endlich ganz gut stehen (sie scheint mir direkt ins Gesicht),
packe ich mal zusammen
und versuche mein Glück.

Ich habe 20 Minuten gebraucht.
Zehn davon bin ich auf einer leeren Straße gelaufen,
auf der mir Menschen mit Hunden entgegen gekommen sind.
Die Sonne wechselt bereits ihre Farbe,
selbst der dunkle Sand glänzt golden
(keine Metapher).
Ich kann vielleicht drei Meilen nach links und rechts schauen,
es sind genau noch eine Familie und ein Paar da,
alle sehr weit weg.
Überall sind aus Strandgut gebaute Sitzbänke
und kleine Hütten zu sehen.
Das größere Kind der Familie
klaut bei einer davon für die eigene.
Das kleinere wirft schweren Sand in die Brandung.
Mit Schwimmen wird es auch hier noch nichts,
die Wellen sind bis zu zwei Meter hoch,
direkt am Ufer.
Von Westen her
werden sie mit Licht geflutet,
die Wellentunnel glühen azurgrün.

Kurz bevor die Sonne
auf der anderen Seite der Welt gerade aufgeht,
stelle ich fest:
Für die richtig, wirklich und echt
schönen Momente,
muss man auch in Amerika
immer noch ein Stück weiter laufen;
auch wenn ich bis hierhin
doch auch ziemlich weit gefahren bin.
Das Gedicht,
das ich darüber schreiben könnte,
aber nicht will,
denn gleich geht die Sonne wirklich unter,
würde sich natürlich ums Fahren drehen
wie ein Kaleidoskop in einer Radkappe.
Und es würde sich die Füße wund laufen
wie ein Mensch,
der/die nur noch völlig autonome Entscheidungen trifft,
von denen jede absolut alles bedeuten kann,
nur kein Stehenbleiben.

Aber, wie gesagt:
Mein erster Sonnenuntergang
am Pazifik.
An alle,
die das hier früher oder später lesen,
oder für und über die
ich das alles hier schreibe:
Jede*r von Euch sitzt gerade neben mir,
und ich halte
alle Hände.

So.
Eine halbe Stunde später
sitze ich wieder neben dem Camper.
Über mir steht jetzt ein Halbmond.
Und beim nächsten Vollmond
bin ich zu Hause.
Vorher aber geht der Ritt
natürlich noch in die letzte,
sehr volle Woche:
Nur noch Gold erwartet Euch (und mich).
Morgen San Francisco,
dann das Valley,
dann nochmal ganz andere Bäume.
Und dann:
Los Angeles.
Hunderte Highways.
Tausende Entscheidungen.
Millionen nie zu Ende gehoffte Träume.

2 Kommentare
  1. Göran

    …danke fürs Hände halten!

    Antworten
    • Mathias

      Sehr gerne, danke für’s Mithalten.

      Antworten

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