So.
Schon seit einiger Zeit
juckt es unter meinen Fingernägeln,
bis jetzt war ich mir aber noch unsicher,
was genau ich zum folgenden schreiben müsste.
Denn es geht um einen Youtuber.
Für alle, die diesen Text hier
erst ab den Dreißigern dieses Jahrhunderts,
oder sogar noch später lesen:
Youtuber*innen waren so Leute,
die an ihrem Schreibtisch Videos aufnahmen,
in denen sie ihrem Sendungsbewusstsein
freien Lauf ließen,
um ihre Zuschauer*innen in regelmäßigen Abständen
über ihre Meinung zu „Themen“ zu informieren,
die gerade so angesagt waren.
Also im Grunde so etwas wie diese Serie hier,
nur in noch viel aufdringlicher
und nicht selten mit Hintergrundteam
(Redaktion, Kamera, Schnitt, etc.).
Dabei gab es Spezialist*innen
für alle möglichen „Themen“,
und die Videos
waren dementsprechend monothematisch,
zumindest so lange,
wie die Klickzahlen ausreichten,
um durch Werbung und Monetarisierung
von ihrem/seinem Publikum leben zu können.
Zu Beginn des Jahrzehnts
gab es wirklich alles:
Beauty, Fitness, Lifestyle,
Wandern, Geschichte, Reisen,
Politik, Sport, Philosophie,
Inneneinrichtung, Kochen,
Gaming, Gaming, Gaming,
Literatur, Musik, Lebensweisheiten
und jede Menge Kritik.
Also ein Videofeuilleton
ohne Grenzen,
24/7.
Nach und nach waren auch professionelle Medienmacher
ins Game eingestiegen,
und die kredibilen Youtuber*innen waren gezwungen,
ihre Schlagzahl zu erhöhen,
und natürlich über „Themen“ zu labern/predigen,
mit denen sich ausreichend Aufmerksamkeit
generieren ließ.
In Deutschland funktioniert(e) das bekanntermaßen
am allerbesten,
wenn mensch sich über irgendetwas empört(e),
den Zuschauer*innen im besten Falle
noch einen Sündenbock präsentiert(e)
und ihnen nur die allerbesten Punchlines
für die nächste Diskussion im Freundeskreis liefert(e).
Denn die Menschen waren süchtig nach der Meinung
meinungsstarker Menschen.
Vermutlich, weil niemand mehr wusste,
was eine Meinung
eigentlich nur ist,
nämlich
ziemlich unwichtig.
Einige der erfolgreichsten Youtuber*innen
der frühen 20er Jahre
waren allerdings Neoprediger*innen (aka Aufklärer*innen),
die ständig,
nicht nur immer zum gleichen,
sondern zu allem
eine Meinung hatten,
und in jedem weiteren Video
irgendein weiteres relevantes „Thema“ beackerten.
Breit aufgestellt zu sein,
bedeutete ein breites Publikum zu haben.
Und auch in Youtuber*innen-Denke
hatte sich die kapitalistische Verwertungslogik
der neuen Märkte so sehr verfestigt,
dass sie dachten,
es würde ausreichen,
selbstkritische Kotaus zu vollführen,
um dann erst recht die Marktmechanismen
für sich wirken zu lassen,
wenn sie sich und ihren Followern
ein neues „Thema“ erschlossen.
Experten für alles.
Pädagogen für
die haltlosen Generationen X, Y und Z.
Menschen, die bereitwillig
die Verantwortung übernahmen,
die Konsequenzen für eine „richtige“ Haltung
auszuhalten.
Und die wussten,
dass es egal war,
ob das Feedback gut oder weniger gut,
oder auch bloß egal war,
denn es zählte nur,
dass es eines gab.
Rezo
(Markenzeichen: Blaue Tolle)
und LeFloid
(Markenzeichen: peinlich nicht gebogener Schirm eines Basecaps)
wären hierfür repräsentative Beispiele,
wobei erster auch noch
zu den irrelevantesten TikTok-Trends Videos gemacht hatte,
von deren Klickzahlen andere weiter nur träumten.
Einer der letzten großen,
hinter denen nicht funk
oder eine andere veritable Produktionsfirma standen,
war jedenfalls
Der Dunkle Parabelritter.
Ein langsam in die Jahre kommender,
bekennend gehandycapter Metalhead,
der gefühlt alles mal studiert hat,
besonders aber Marketing und Ahnung.
Seinen großen Durchbruch
feierte er übrigens mit einem Video
über einen anderen Youtuber,
Fynn Kliemann.
Die Klickzahlen und die Werbeeinnahmen
reichten bald
für ein neues Studio,
dann für noch eins, für seinen Zweitkanal („Prinz“),
für ganz viele neue Hemden und Brillen
und für noch mehr Nebenkanäle.
Die Stärken seiner Alterego-Inszenierungen
waren dabei:
Scheinbar beeindruckende Recherchearbeit,
Wortgewandtheit,
klare Haltungen,
kaum noch lustige Selbstironie,
die schwer nach Impostersyndrom roch,
aber noch skurril genug war,
ein Alleinstellungsmerkmal (Glasauge)
und eine traumwandlerische Sicherheit in der Themensetzung.
Eine Art kleiner Bruder (mit streitbarem Musikgeschmack)
des ebenfalls in die Jahre gekommenen Zeitgeistes:
Politisch korrekt (aber kritisch!),
divers, liberal, sozial;
woke wäre stark untertrieben.
Ein bisschen wie der blasse, dünne Junge,
nur ohne wirkliches Genie.
Eine wichtige Rubrik,
die bei keinem dieser Missionare fehlen durfte,
denn ihr eigentlicher Wert
war ja ihre Authentizität,
war der sogenannte Real Talk.
Das bedeutete,
der Youtuber redete
total natürlich und uninszeniert
in seine Kamera rein,
so als ob nur der/die BFF zuschauen würde;
frei von der Leber weg,
oft ungeschnitten und (wenig) geschminkt,
ehrlich und wirklich,
zur Not sogar ohne Werbung.
Nun war aber Der Dunkle Parabelritter
auch in dieser Hinsicht eine Ausnahme,
denn er verstand es wie kein zweiter,
diese Rubrik mit einer jeden anderen zu verbinden.
Er war dadurch nicht nur noch breiter aufgestellt,
sondern bot seinen Zuschauer*innen etwas ungemein seltenes:
Sie konnten/sollten so richtig relaten.
Und damit kommen wir zum Grund,
warum ich also heute doch endlich
über den Dunklen Parabelritter schreibe.
Ich unterlasse es natürlich,
hier irgendwelches Halbwissen über ihn zu verbreiten,
sondern stütze mich ausschließlich
auf meine Wahrnehmung seines Contents.
In seinem letzten Video
hat er nämlich auch über mich gesprochen.
Also eher über „die Männer“.
Und ich war kurz davor,
ihm einen empörten Kommentar
unter sein Video zu setzen.
Aber, wie erwähnt,
wäre ich damit ja nur
über sein Stöckchen gesprungen.
Stattdessen gibt es diese Spezialepisode hier.
Inhaltlich gab es auch einiges auszusetzen,
aber es war der oberflächliche Eindruck,
der mit diesem Video erweckt wurde,
der mir übel aufstieß,
und nur um den ging es ja in diesem Medium,
was mit Sicherheit auch der Dunkle Parabelritter wusste,
auch wenn er es vielleicht sogar gut gemeint hatte.
Sein Thema jedenfalls war also
der Feminismus.
Beziehungsweise dessen sicheres Scheitern.
Upps, denkt ihr jetzt zu Recht,
so als nicht ganz unfreiwilliges Alphamännchen?
Sollte der da vielleicht nicht erstmal seine Fresse halten?
Ja, aber, Der Dunkle Parabelritter
war Euch auch hierbei voraus.
Die Tagline zum Video ist nämlich die folgende:
„Darf man Feminismus kritisieren?
Darf man sich als Mann zu dem Thema äußern?
Ist man als Mann immer Täter,
immer Vorteilsnehmer des Patriarchats?
Und was ist toxische Männlichkeit?“
Nach diesen peinlichst rhetorischen Fragen
hätte es sich im Grunde erübrigt,
das Video anzuklicken,
aber da der Mann in letzter Zeit
ziemlich oft richtig gelegen hatte,
fasste ich mir mein Postgenderherz
und hörte beim ersten Durchlauf
zunächst nur: Mimimi,
Männer können auch Opfer sein,
Toxische Männlichkeit trifft auch Männer,
Männer sind also gleich doppelt Opfer,
vor allem wenn sie fragil männlich sind,
und wenn die Feminist*innen nicht aufpassen würden,
dann scheiterte ihr Vorhaben,
weil sie sich nicht auch noch
um die männlichen Opfer der Patriarchats,
ach was!,
des Kapitalismus überhaupt gekümmert hatten.
Das sagte der also
und bettelte schon fast um einen Shitstorm.
Keine Ahnung,
ob er ihn bekommen hat.
Ich fand nur interessant,
dass in den ganzen gut zwanzig Minuten
mit kaum einer Silbe erklärt wurde,
was Feminismus eigentlich ist und will.
Mal angenommen,
er hatte es wirklich gut gemeint,
und das Video sollte ein paar verirrte Männer
davor bewahren,
zu Anti-Feministen zu werden,
in dem sie jetzt #metoo-mäßig
Empathie nachahmen konnten,
und dabei auch noch Männer bleiben durften,
dann hätte Der Dunkle Parabelritter
eigentlich erstmal die Basics vermitteln müssen,
denn das Zielpublikum kannte sich auch 2022
nur sehr oberflächlich mit dem Thema aus.
So allerdings
ist aus dem Video
nur ein Selbstbedienungsladen
für phrasenarme Maskulinisten geworden.
Für’s nächste bunte Hemd
wird das aber sicher reichen.
Ironischerweise muss ich meinen Rant
an dieser Stelle abbrechen:
Ich gehe ins Theater.
Ein Stück über die weibliche Emanzipation,
natürlich geschrieben von einem Mann.
Das Quedlinburger Theater
gibt auf den Freitag Abend
Hendrik Ibsens „Nora“.
Immerhin von einer Frau inszeniert.
Was ja aber im Grunde
egal sein müsste.
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