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Evolution, Baby! (Chronicle 10) (S7:Midseason Break)

von | 2022 | 22. Juni | Chronicle

„I took a drive today.
Time to emancipate.
I guess it was the beatings
made me wise.
But I’m not about to give thanks
or apologize.

I couldn’t breathe,
holding me down,
hand on my face,
pushed to the ground.
Enmity gauged.
United by fear.
Forced to endure
what I could not forgive.“

(Pearl Jam: Rearviewmirror. 1993)

 

Der Brillenträger befand sich bereits seit zwei Wochen irgendwie schon im Ferienmodus, auch wenn diese hier in Sachsen-Anhalt erst in über zwei Wochen beginnen sollten, und die Abschlussprüfungen in vollem Gange waren. Die langen Abende verbrachte er meist bis nach Sonnenuntergang auf der Couch, sämtliche Fenster seiner Wohnung zum Durchzug geöffnet, darauf wartend, dass es endlich kühl genug (und er endlich müde genug) wurde, um schlafen zu können. Für seinen Blog hätte er die Kraft sowieso nicht gefunden und beglückwünschte sich deswegen jeden Abend aufs Neue zu seiner Idee mit der ernstgemeinten Sommerpause. Natürlich nicht, weil er nicht gewusst hätte, was er schreiben sollte, sondern weil immer noch jeden Tag zu viel passierte, um alles auch nur ansatzweise sinnvoll einordnen zu können. Sogar noch das komplexeste Erzählen von der Gegenwart war unmöglich geworden. Mit jeder Entscheidung für eine wichtige Geschichte fiel die Entscheidung gegen zig andere, während im nächsten Moment noch unzählige weitere Geschichten dazu kamen, die schon wieder noch viel wichtiger waren. Alles war nur noch unvollständig, lückenhaft und nie zu Ende erzählt. Und alles, wirklich alles, was er hätte schreiben können, war sowieso schon geschrieben worden; schon wieder, immer noch; er konnte keinen Unterschied mehr ausmachen. Alles war den Ringlichtern der Youtuber*innen erzählt, in die Mikrofone der Podcaster*innen genuschelt, nur um dann von anderen meinungsstarken Menschen erneut kommentiert zu werden, worüber sich dann die intellektuelleren Blogger*innen in ellenlangen Beiträgen über den zerstörten Diskurs Luft machten; alles das ohne dass irgendwas davon auch nur irgendwie irgendwas verändert hätte. Alle Worte waren in der Reaktion erstarrt. Wohin sie sich auch gewendet hätten, immer wären ihnen zu viele ihrer eigenen Art entgegengeschlagen, hätten sie umgehend überschrieben und jede Wahrheit sofort wieder ausgelöscht. Die Welt nach der Zeitenwende kam dem Brillenträger vor, als würde sich alles nur noch ständig wiederholen. Und dabei hatte er es so satt, genau diese Feststellung immer und immer wieder machen zu müssen. Denn diese Wiederholungen wurden nicht nur jeden Tag mehr, sondern wiederholten auch ausnahmslos die Fehler der Vergangenheiten, und zwar alle davon. Und jedes Mal wieder noch ein bisschen dümmer.
In der letzten mündlichen Abiprüfung aber, am Tag vor dem längsten Tag des Jahres, lernte er, was lange nicht vorgekommen war, ein ganz neues Wort. Eines dieser Worte, deren Bedeutung wir schon jahrelang kennen und die im Moment des ersten Hörens dann mehr Knoten im Bewusstsein lösen, als jede Meditationsform es jemals könnte. Eine geistige Befreiung in Buchstaben. Die zu Prüfende war in ihrer Philosophieprüfung gefragt worden, was sie mit Wittgensteins Satz über die Grenzen der Sprache verbinden würde. Ihr Beispiel war: „Euphancolie.“ Ein Wort, das ihr (und schlagartig auch dem Brillenträger) geholfen hatte, sich ihr Verhältnis zur Welt zu erklären. Zu unserer Welt. Heute. Das die Grenzen zwischen Subjekt und Welt erneut überschritten hatte, einfach weil es zwei Gegensätze vereinte, zwei Empfindungen dem Heute gegenüber, die vorher nicht dazu bestimmt gewesen waren gleichzeitig aufzutreten; genau deshalb klang dieses Wort so ehrlich, so echt, so richtig. Und nach dem zweiten mal Aussprechen sogar ein bisschen funky.
Und so gab er sich am Vorabend des längsten Tages des Jahres auch genau dieser Euphancolie hin, ließ alles Nachdenken über die literarische Bedeutung seiner Chronik hinter sich und schrieb einfach drauflos. Er umarmte sein Selbstleid ob der weiterhin ausbleibenden Entdeckung als Retter der deutschen Gegenwartsliteratur. Er schloss Frieden mit seiner auktorialen Übercleverness. Er genoss die Wachstumsschmerzen des verkannten Moralisten, versöhnte sich mit seiner Inneren Militanz, verabschiedete sich von jeder Sinnstiftung und suchte sich den erstbesten Knoten in der Dialektik den er finden konnte, um sich wenigstens vorübergehend völlig darin aufzulösen. Er fand ihn, ohne ihn gesucht zu haben. Sowohl auf den Schwarzen Spiegeln, als auch in zwei der anderen Philosophieprüfungen des vergangenen Tages. Der Prüfungsvorsitzende hatte zwar angezweifelt, dass irgendjemand eine sinnvolle Verbindung zu Marx‘ Elfter Feuerbachthese ziehen würde, wurde aber gleich doppelt eines besseren belehrt. In gedoppelter Form fand sich diese These dann später auch auf seinem Bildschirm. Erst vor einigen Tagen hatte niemand anderes als Slavoj Žižek den Satz über die Philosophen, der immer noch in goldenen Lettern die Eingangshalle der Humboldt-Uni in Berlin zierte, einfach umgedreht. Die Welt sei inzwischen so sehr aus den Fugen geraten, dass es eben nicht mehr darum gehen durfte, lieber zu handeln als nachzudenken. Dem Brillenträger leuchtete diese Wortfigur umgehend ein. Auch wenn sie nichts weiter veränderte. Und außerdem war es nun mal Slavoj Žižek, der auf diesen genialen Einfall gekommen war. Aber der Satz tauchte auch noch an anderer Stelle auf. Als Halbsatz nur. Als ausgelutschter Slogan einer Partei, die alle nur noch satt hatten, allen voran sie sich selbst. Die aber wieder einen Neuanfang wagen musste, weil das eben so gemacht werden musste. In rosa Lettern schrie der Halbsatz die Delegierten des Bundesparteitages von Die Linke an: „ … es kommt aber darauf an, sie zu verändern!“ Der Brillenträger schaffte es nicht einmal, noch frustriert zu lachen. Selbst dann nicht, als der Parteitag auch noch den Feminismus ausbuhte. Veränderung hieß für Die Linke anscheinend nicht mehr automatisch auch Aufbruch in eine bessere Zukunft. Fortschritt ging also auch rückwärts. Vielleicht ja, weil in der Vergangenheit genau die vertrauten Feinde warteten, die es sich noch zu bekämpfen lohnte. Die einer linken Identität das nötige Profil verliehen. Der Brillenträger hatte sich warm geschrieben; ging es ins Politische, konnte sich seine Chronik schnell reinsteigern. Nach dieser Betrachtung wechselte er beliebig die Seite: Rechts bewegte sich auch alles immer weiter zurück. Ganz abgesehen vom deutschen Nazi-Parteitag, der medial mehrheitlich als Blamage verlacht wurde, eigentlich aber nur ein weiterer Schritt in Richtung rechtsextremer Radikalisierung war, denn Björn Höcke würde ab sofort selber bestimmen, wer Extremist war, bewegten sich auch deren große Geschwister, die US-Republikaner, in immer riesigeren Schritten auf die Vergangenheit zu. Am selben Tag, an dem in Deutschland der Paragraf 219a offiziell aus dem Gesetz gestrichen wurde, entschied der Oberste Gerichtshof, dass ein erst fünfzig Jahre altes Präzedenzurteil zum Abtreibungsverbot gekippt wurde. „Roe v Wade“ war Geschichte, und die weißen Evangelikalen endgültig auf dem Weg nach Gilead; noch am selben Tag kündigte einer der Obersten Bundesrichter an, dass die Schwangerschaftsverhütung als nächstes zur Debatte stehen würde. Den historischen Schock, den diese Entscheidung auslöste, wagte sich der Brillenträger noch nicht zu beschreiben. Er wollte vom rechten Rand in die Mitte fliehen. Vielleicht gäbe es da noch Zuckungen in Richtung Zukunft? Weit gefehlt. Er musste sich zurückhalten, um nicht einen besonders traurigen Kalauer über den SPD-Bundesvorsitzenden irgendwo in den sozialen Medien abzusetzen. Leider klang dessen Name zwar irgendwie geil, aber Lars Klingbeil klang in diesen Tagen alles andere: Deutschland würde jetzt endlich als „Führungsmacht“ auftreten müssen! Wirtschaftlich, militärisch und natürlich moralisch. Nur das „wieder“, das hatte er sich wohl gerade noch so verkneifen können. Der Brillenträger erinnerte sich an das Gefühl der Wut, mit dem er noch vor zwei Jahren auf solche Wendungen reagiert hatte, aber so richtig wollte sie sich nicht einstellen. War doch eh alles egal. Hätte er schreiben sollen. Alles egal. Massenschießereien waren wirklich alltäglich geworden, überall auf der Welt. Der anstehende G7-Gipfel im bayrischen Elmnau würde auch bloß wieder nichts bewegen. Alles egal. Es war zu spät. Hätte er schreiben sollen, wahrscheinlich sogar schreiben müssen. Aber er konnte nicht. Er wollte nicht. Wäre er gefragt worden warum, hätte er nichts antworten können. Und also löschte er, ohne auch nur im Ansatz zu zögern, alles was er an diesem Abend geschrieben hatte. Sommerpause.
Im selben Moment, als er sein Notebook zuklappen wollte, bemerkte er, dass er den Tab mit seinem E-Mail-Konto nicht geschlossen hatte und dort eine neue E-Mail angezeigte wurde. Entgegen seiner Gewohnheit, E-Mails gerne auf morgen zu verschieben, schaute er nach. Betreff: „Verlagsanfrage #DieDoppeltenZwanziger“. Der Brillenträger schnappatmete doppelt und öffnete die Mail wie in Zeitlupe.

 

Sehr geehrter Brillenträger,
wir nehmen uns die Freiheit, Sie gleich mit dem Namen Ihres Alter Ego anzusprechen, denn wir glauben verstanden zu haben, dass es Ihrem Text nicht um Sie selbst gehen soll, und erkennen es als literarische Leistung an, dass Sie den Versuch unternehmen, sich selbst als Autoren möglichst wenig wichtig zu nehmen; eine Seltenheit in diesen Tagen. Denn offensichtlich geht es Ihnen um unsere Zeit. Ihre absurde Absicht, immer noch das große Ganze im Auge behalten zu wollen steht in herrlichem Kontrast zu ihrem hektischen Stil und gibt einer Verzweiflung Raum, die wir ebenso deutlich wahrnehmen.
Kurzum: Wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass Ihr Text auf ordentliches Papier gedruckt werden sollte, und sei es nur vorsichtshalber.
Dazu würden wir uns gerne persönlich mit Ihnen unterhalten. Am unkompliziertesten natürlich in einem Videocall. Wir warten gespannt auf Ihre Antwort.

Mit besten Grüßen

Das Team vom Verlag Münchhausen

 

Minutenlang saß der Brillenträger regungslos an seinem Schreibtisch. Dann stand er auf, um Aschenbecher, Feuerzeug und Zigaretten zu holen. Natürlich fühlte er sich geschmeichelt. Aber er traute der Sache noch nicht. Sollte denn wirklich das denkbar beste Szenario eingetreten sein? Ohne Werbung, ohne Initiativbewerbungen, ohne Einsendung irgendwelcher Manuskripte, war wirklich jemand über seinen Text gestolpert und hatte dessen Potenzial erkannt? Wir unwahrscheinlich war das in einer Zeit, in der Kunst nur wahrgenommen wurde, wenn auch die Wahrnehmenden selber einen Vorteil davon hatten. In Zeiten von Publikumserweiterung durch Kooperationen, in denen das Netzwerk wichtiger als das Werk war. In denen Kunst keinen eigenen Wert mehr hatte, sondern nur durch Zuschreibung Wert erhielt. Durch Werbung. Durch Echo. Und wo Kunst nur wertvoll war, wenn jemand dafür bezahlt hatte. Und das hatte dieser Münchhausen Verlag anscheinend mit seinem Text vor. Er wurde nervöser. Der Plan war eigentlich gewesen, nach den ersten 1.000 Seiten circa dreißig Verlage anzuschreiben. So richtig auf die Pauke zu hauen. Nach dem Motto, wenn Ihr da nicht zuschlagt, werdet Ihr es noch bereuen. Wenn das nicht funktionieren würde, müsste er wohl über einen Agenten nachdenken. Das aber wäre ihm schon wieder zu viel Literaturbetrieb. Die Zeit hatte er nicht. Dann würde er es nach 2.000 Seiten nochmal versuchen, und wenn es dann auch bloß wieder nicht klappen sollte, dann würde er in aller Ruhe zu Ende schreiben und die Chronik dann gänzlich dem Internet überlassen. Die Mission abschließen und so gut es ging alt werden, in dem Wissen, nicht nur irgendein Buch geschrieben zu haben, sondern eben genau dieses hier.
Nach der dritten Zigarette schrieb er zurück. Irgendetwas unüberlegtes, wichtig war nur, dass er gerne antworten würde. Es wäre ihm auch egal wann. Er klickte auf Senden, ohne auch nur einen Buchstaben noch mal zu lesen. Dann wartete er, als ob zu dieser späten Stunde noch irgendjemand antworten würde. Er begann im Internet nach dem Münchhausen Verlag zu suchen. Doch noch bevor er den Namen zu Ende eingegeben hatte, traf die nächste E-Mail ein. Kein Betreff. Nur ein Zoomlink und die Frage: „Jetzt?“ Und bevor er darüber nachgedacht hatte, klickte er auf den Link und ein Videofenster öffnete sich. Er sah in die freundlichen Gesichter von zwei Menschen in seinem Alter, die vor einer bunten Tapete saßen, auf dem Tisch vor ihnen brannten zwei Kerzen, daneben standen zwei Gläser, eines halbvoll, das andere halbleer. Beide winkten.
„Hi. Das hat ja schon mal geklappt. Schön Sie kennenzulernen. Ich bin Paul.“
„Und ich heiße Paula. Kein Witz.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Und wie Sie heißen, wissen wir ja.“
„Könnt Ihr bitte Du sagen?“
„Klar. Du auch, ja?“
„Logisch.“
„Also. Es ist schon spät, aber wir wollten es einfach mal versuchen. Wir geht es Dir? Genießt Du die Sommerpause?“
„Ja, sehr.“
„Das glauben wir gerne. Aber sag doch gleich erstmal: Bist Du überhaupt an einer Veröffentlichung interessiert? Mitunter kommt es uns beim Lesen so vor, als wäre das gar nicht beabsichtigt. Künstlerische Unabhängigkeit, oder?“
„Gute Frage, gute Antwort. Aber ja. Zu beidem.“
„Das klingt gut. Du kennst nicht zufällig unser Verlagsprogramm?“
„Nein, ich hatte noch keine Zeit, mich schlau zu machen.“
„Gut, wir haben nämlich auch noch keins. Wir haben zwar etwas Geld, aber noch keine Autoren.“
„Wieso? Gibt es denn etwa nicht genug?“
„Doch, doch. Viel zu viele. Aber die haben alle das gleiche Problem.“
„Das wäre welches?“
„Zu monothematisch. Zu publikumsfreundlich. Zu unehrlich. Keiner schreibt noch mehr als nur eine Geschichte.“
„Ich weiß. Da war die Literatur schon mal weiter. Schön, dass das nicht nur mir aufgefallen ist.“
„Okay. Sagen wir mal, Du müsstest dein härtester Kritiker sein, was würdest Du an der Chronik ändern wollen, wenn Du ihr eine Chance auf Anerkennung zutrauen würdest?“
„Nächste gute Frage. Aber beantwortet Ihr die doch gleich. Ihr fragt sowas ja nicht umsonst.“
„Stimmt. Ganz ehrlich, wir hatten gehofft, dass Du antworten würdest, es gebe nichts zu ändern. So richtig der sture Künstler, der sogar die Fehler drin lassen will, weil sonst die Authentizität leiden würde.“
„Das wäre eine Möglichkeit. Sind es denn viele Fehler?“
„Inhaltliche oder stilistische?“
„Beides?“
„Wenig genug, um noch sympathisch zu sein.“
„Nur diese immer wieder brutal falschen NBA-Vorhersagen, die grenzen bald an Peinlichkeit.“
„Ich sage so gut voraus, wie ich selber spiele. Von daher… Leute, ich muss ganz ehrlich sagen, das Gespräch läuft mir irgendwie zu gut. Sagt Ihr mir jetzt auch noch, was etwaige Vertragsbedingungen wären?“
„Fünfzehn Prozent von allen Einnahmen für Dich. Du behältst alle Rechte am Text.“
„Ich nehme nur fünf, den Rest könnt Ihr spenden. Die Rechte hättet Ihr eh nicht bekommen.“
„Versteht sich. Keine Promo. Wir finden unsere Leser, da wo sie sind.“
„Wie kryptisch. Den Blog schreibe ich autark weiter.“
„Und wir übernehmen die Hardware, sobald ein weiterer Band abgeschlossen ist.“
„Klingt alles irgendwie nach kleiner Auflage.“
„Klingt nach exklusiver Auflage. Soll es ja so ähnlich schon mal gegeben haben. Vor hundert Jahren.“
„Ja. Dann also auf die nächsten hundert?“
„Deal.“
„Habt Ihr ein Lektorat?“
„Mit dem unterhältst Du Dich gerade.“
„Ich hol mir mal schnell was zum Anstoßen.“ Der Brillenträger taumelte in die Küche, schenkte sich einen Schluck vom besten Scotch ein und stolperte zum Schreibtisch zurück. Als er sich wieder gesetzt hatte, lachten ihn von seinem Bildschirm der Buchträger und Karoline an.
„Sorry.“
„Wie, sorry?“ Der Brillenträger brauchte einige Momente, bis er begriffen hatte. „Das war alles fake?“
„Alter! Münchhausen Verlag! Wir dachten, das wäre offensichtlich genug!“
„Ey! Ihr seid …“
„Untersteh Dich! Wir haben uns solche Mühe gegeben! Dieser ganze Deepfakekram ist aufwendiger als man denkt. Und jetzt lach mal.“
„Ha ha. Ihr spielt hier mit den Gefühlen von …“
„Ja ja. … Wir machen es auch wieder gut. Hast Du morgen frei?“
„Äh, im Grunde ja, hab erst übermorgen wieder Prüfungen. Wieso?“
„Um acht am Bahnhof. Pack eine Regenjacke ein, nur für alle Fälle.“
„Warum sollte ich Euch jetzt noch vertrauen?“
„Weil Du den perfekten Tag nicht verpassen willst.“

Der perfekte Tag. Als ob es so etwas geben könnte. Und vor allem nicht jetzt. Nicht heute. Nie wieder. Der Brillenträger fand lange nicht in den Schlaf. Und erwachte am nächsten Morgen überraschend ausgeruht. Das herbeigesehnte Gewitter nach der ersten Hitzewelle des Jahres hatte sich verzogen und nur an wenigen Orten Schaden hinterlassen. Der Himmel war schon am Morgen strahlend blau; eine Augenweide für Wolkenschafe, die im Laufe des Tages ab und an vorbeizogen. Die Temperaturvorhersage blieb deutlich unter dreißig Grad, mit Regen war erst wieder in einigen Tagen zu rechnen. Er packte seine Regenjacke trotzdem ein. Nach Kaffee, Internet und Zigarette machte er sich gedankenlos auf den Weg zum Bahnhof, er wusste ja noch nicht, was ihn erwarten könnte. Natürlich erhoffte er sich einen weiteren Sprung. Vielleicht sogar ein Wiedersehen mit Marie von Weizenfall. Aber die Entscheidung darüber lag bei Karoline. Und er hatte es aufgegeben, erahnen zu wollen, was sie als nächstes vorhatte. Einen perfekten Tag hatte sie allerdings noch nie versprochen. Wie auch? Selbst das beste Wetter war nicht mehr nur Anlass zur Freude. Im Gegenteil: Gutes Wetter, das hätte bedeutet: Deutlich mehr Regen. So perfekt sich dieser Tag schon am Morgen anfühlte, so brutal war die Wahrheit. Hinter all den irren Entwicklungen, hinter dem Chaos, das momentan die Zeit bestimmte, baute sich die eigentliche Katastrophe weiter unaufhaltsam, aber immer noch zu langsam auf, um nicht immer wieder hinter der Vielzahl der akuten Krisen zu verschwinden. Als ganz langsam lauter werdendes Hintergrundrauschen; der Soundtrack zur fortschreitenden Teilung der Welt. Auf der einen Seite, die die noch relativ viel Glück mit ihrem Geburtsort hatten (wir), und auf der anderen (deutlich größeren) Seite, die mit deutlich weniger Glück. Beide Seiten aber waren schon wieder Zeuge des nächsten Rekordsommers. Bis vor wenigen Jahren noch „normales“ Wetter war zur Ausnahme geworden. Bereits Mitte Juni hatte die erste Hitzewelle tausende Opfer in Europa gefordert. In Frankreich war es zu folgender absurden Ausgabe eines Wetterberichtes gekommen: Nach den Hauptnachrichten zeigte die Wetterfee eine Vorhersage für den August im Jahre 2050. Diese Vorhersage war irgendwann in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts als Teil einer Aufklärungskampagne zum damals noch Klima“wandel“ gewesen. Die Temperaturen in Zentralfrankreich betrugen auf dieser Karte großflächig deutlich über 40°C. Über mehrere Tage hinweg. Aber natürlich traf diese Vorhersage nicht nur vielleicht auf den August 2050 zu, sondern eben auf Mitte Juni 2022. Und zwar bishin zur letzten Temperaturangabe. In Italien war der wichtigste Fluss des Landes, der Po, an vielen Stellen bereits ausgetrocknet, Wasserversorgung und Schiffsverkehr unmöglich. In Großbritannien wurden tropische Vögel heimisch. Und in Mexico-City feierte wieder ein neues Wetterphänomen Premiere: Eine Hagellawine. Die Videos davon waren atemberaubend, nur eben auf die unangenehme Weise. Genauso wie die Vorhersagen für den Herbst und den Winter. Nur mit dem Unterschied, dass Hitze dann unser kleinstes Problem werden würde, im Gegenteil. In den Feeds der Neunmalklugen war schon vom ersten „Kohlrübenwinter“ des neuen Jahrhunderts die Rede. Der Hochsommer allerdings, der würde heute erst beginnen. Und der versprochene perfekte Tag war, zu allem Überfluss an Perfektion, auch ausgerechnet noch der längste des Jahres.

Karoline Salthusser und der Buchträger standen bereits an der endlich renovierten Unterführung vor der Baustelle, die der Quedlinburger Bahnhof wohl noch in hundert Jahren sein würde. Immerhin hatte die Stadt die Wände des Tunnels von Menschen besprühen lassen, die etwas von ihrer Kunst verstanden. Der Brillenträger kam etwas zu pünktlich. „Sorry. Hab den Wecker zu oft nochmal ausgemacht. Schön, euch zu sehen!“
„Guten Morgen! Ebenfalls!“
Der Buchträger hatte ein seliges Lächeln auf dem Gesicht: „Rate, was wir heute machen!“
„So wie du grienst, würde ich sagen, dass wir springen. Ich frag mich bloß noch, wo und wann?“
Karoline räusperte sich: „Natürlich noch vor der Abfahrt! Die Züge sind doch wirklich fast unerträglich voll. Und schließlich haben wir die freie Wahl.“ Sie hielt den Orb bereits in der Hand. „Kommt mit, kurz hinter dem Ende des Bahnsteigs ist eine sichere Stelle. Auch 1922.“
„Und wir treffen Marie!“ Der Buchträger hielt seinen rechten Daumen in die Höhe.
„Cool. Aber bitte lass das mit dem Daumen, sonst mach ich ein Foto davon und lad es hoch.“
Eine halbe Stunde später, beziehungsweise neunundneunzig Jahre, elf Monate, dreißig Tage, dreiundzwanzig und eine halbe Stunde früher, saßen die drei in einem bequemen Abteil für vier. Alle drei rauchten, und der Qualm zog durch die geöffneten Fenster nach draußen, als sie gerade die Felder um Nienhagen passierten. Nebenbei lasen sie sich abwechselnd aus zwei Zeitungen vor und plauderten dabei gelöst über die Zukunft. 2022 streikten gerade die Eisenbahner in Großbritannien ziemlich erfolgreich; es war ja nicht alles immer nur schlecht gewesen. Keine dreißig Kilometer entfernt, war in Treuenbrietzen gerade erst einer der ersten größeren Waldbrände des Jahres 2022 vom Gewitter gelöscht worden, kurz bevor die Feuerwehr hätte aufgeben müssen. Schwarze Gewitterwolken waren auch für die drei noch am Horizont zu sehen. Als sie die ersten Brücken über die Havel querten, schaute Karoline von dem Buch auf, in das sie seit einigen Minuten vertieft gewesen war und betrachtete skeptisch den grauen Himmel. Der Brillenträger warf ihr einen Blick zu: „Na? Nicht perfekt genug bis jetzt?“
„Doch, doch. Ich frage mich nur, wie das Wetter wohl gerade in unserer, ich meine eurer Zeit ist.“ Der Buchträger hatte Karolines kurze Unsicherheit sofort bemerkt und versuchte mit einem Witz davon abzulenken: „Wir könnten doch schnell nachschauen?“
„Genau. Während wir mit 90 Sachen, gezogen von ner preußischen S3, durch Brandenburg rasen.“
„Oh Verzeihung! Frag mich doch bitte noch, ob ich in Physik weggehört habe, als es um Einstein ging.“ Der Buchträger ließ kurz einen ausgestreckten Mittelfinger hinter seiner Zeitung aufblitzen.
„Meine Herren!“, sofort lachten alle drei, „Die Idee ist doch verlockend. Seid ihr Nerds, oder seid ihr langweilig? Denkt Euch doch mal was aus! In den ganzen anderen Zeitreisestorys passieren doch auch die schrägsten Stunts.“ Der Brillenträger sah auf die Uhr. Noch eine knappe Stunde bis zum Potsdamer Bahnhof, danach noch eine Viertelstunde bis zum Alex. Im Moment war vor den Fenstern nur Kiefernwald zu sehen. „Okay, wie wär‘s damit? Jemand von uns geht bis zum vordersten Waggon, klettert am Vordach nach oben und stellt sich auf das Waggondach.“
„Warte, ich will weiterspinnen. Dann holt dieser jemand den Orb aus seiner Jackentasche. Im selben Moment, in dem er oder sie abspringt, dreht er den Orb.“
„Korrekt. Und dann, so richtig schön Matrixstyle, vollführt er oder sie einen Rückwärtssalto.“
„Auf dem Rücken in der Luft liegend macht er oder sie mit einem Schwarzen Spiegel ein Foto vom Himmel.“
„Und landet dann, eine gute Sekunde später auf dem dritten Waggon. Natürlich in bester Bodenturnmanier. Nebenbei hat er oder sie auch noch den Orb gedreht. Es ist wieder 1922.“
„Der Jemand klettert wieder zurück, läuft die übersprungenen Waggons wieder nach vorne und steht lachend in der Tür des Abteils.
„Rückwärtssalto? Das dürfte mein Stichwort sein.“ Karoline Salthusser stand lachend in der Tür des Abteils. „Ich weiß ja nicht, was ihr euch gerade so zurechtgesponnen habt, aber ich war in der Zeit kurz nachschauen: 2022 scheint die Sonne. Gefühlte 25°C. Ziemlich perfekt. Hier ich hab ein Foto gemacht.“ Brillen- und Buchträger sahen sich an, als ob sie plötzlich vergessen hatten, was die Zeit denn eigentlich gewesen sein sollte.

 

***

 

 

Pictures of just a perfect day

Eine Art Stummfilm in einem Akt

 

Erste Szene

 

Tag/außen

Berlin, Alexanderplatz, Nordseite des Bahnhofs. 1922.
Ungefähr 12 Uhr mittags.

 

Soundtrack 1:

Eine hektische Klavierversion der Internationalen

 

Das Gedränge an diesem Mittag mitten in der Woche ist überschaubar. Außerdem scheinen sich die Menschen in den letzten zwanzig Jahren an dit Jewusele jewöhnt zu hab‘n. Quer über den Platz laufen sie zur Mittagspause. Die Elektrische schiebt sich über die Straßen. An den Hausecken im Schatten versammeln sich kleine Gruppen von verschwitzten Arbeitern und lamentieren beim ersten Bier des Tages.

 

Texttafel:
„Wat wird denn nu jetze mit die Revolution?“

 

Die Arbeiter stoßen an, aber schütteln gleichzeitig mit dem Kopf.

 

Texttafel:
„Ach, Jenossen. Dit wird nischt mehr. Der Stalin wird unser Unterjang.“

 

Die Arbeiter beginnen einen halbherzigen Streit, gestikulieren dabei aber wild mit den Fäusten. Eine kleine Minderheit trägt bereits einen mächtigen Schnauzer. Von den vorbeieilenden Passanten werden sie allerdings höchstens argwöhnisch beäugt.

 

Texttafel:
„Sowjetunion oder Russland;
Kaiser oder Republik;
für uns ändert sich nischt,
aba ick träum weiter
von Aal in Aspik.“

 

Die Arbeiter lachen herzlich, stoßen ein weiteres Mal an, kramen ihre Zigaretten raus und geben sich gegenseitig Feuer.
Am oberen Bahnsteig fährt gerade, unter lautem Kesselpfeifen, der Fernzug aus Magdeburg ein.

 

 

Zweite Szene

 

Tag/innen

Bahnhof Berlin Alexanderplatz, am Bahnsteig. 1922.
Ungefähr 12 Uhr mittags.

 

Der Buchträger, der Brillenträger und Karoline Salthusser steigen aus dem eben gezeigten Zug, der Dampf der Lokomotive hüllt sie für einige Momente in dicken Qualm, bevor er vom Berliner Sommerwind aus der Halle getragen wird. Sie schauen sich kurz staunend um und laufen dann die Treppen zum Erdgeschoss hinunter.

 

Texttafel:
„Wisst ihr, wo es momentan kein McDonald‘s gibt?“

 

Karoline und der Buchträger rollen mit den Augen als sie die letzten Stufen hinabsteigen und in die Menschenmasse unter den Gleisen eintauchen. Der Brillenträger macht eine raumnehmende Geste, bei der er einige Passanten anstößt.

 

Textafel:
„Richtig. Hier.
Aber auch in Russland.
Und auch wieder 2022.“

 

Der Buchträger winkt bloß ab. Alle drei streben zügig auf einen der Ausgänge zu.
Vor dem Bahnhof verweilen sie kurz, jeder bestaunt für sich das Treiben vor seinen Augen. Alle haben einen leicht sehnsüchtigen Gesichtsausdruck, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen.

 

Texttafel:
„Meine Herren, die Bärenlina wartet nicht ewig.“

 

Brillen- und Buchträger haben routiniert ihr überraschtes Gesicht aufgesetzt und folgen Karoline auf den riesigen Freiplatz vor ihnen. Nach wenigen Schritten erreichen sie die Berolina. Der Sockel der beeindruckenden Statue ist frisch mit weißer Farbe beschmiert; in eiliger Schrift ist dort zu lesen: „Tod der Sozialdemokratie! Rathenau hinrichten!“ Karoline und die beiden Männer schauen sich ahnungsvoll an.
Im nächsten Moment winkt ihnen aus einigen Metern Entfernung Marie von Weizenfall zu. Sie steht neben einem Leierkastenmann, der inbrünstig singt.

 

Soundtrack 2:

„Bei mir, bei mir da denk’ ick: nu’ verzicht ick.
Mit meine Würde paß ick nich’ in den modernen Schwof.
Denn fier Berlin, da war ick jrade richtig:
pompös, verdreckt und anjestobt und hinten bisken doof.
Nu blasen die Musiker geschieden, das muß sein.
Sogar die Akademieker, die setzen sich für mich ein.
Ick stehe da und streck’ die Hand aus,
der Alexanderplatz der is perdü.
Ick seh’ noch alle Tage ‘n Happen elejant aus.
Ick hab’ nur vorne hab’ ick zu viel Schüh.
Nu’ muß ick jehn, nu’ werd’ ihr balde lesen:
Mir ham’se injeschmolzen; laßt ma ziehn’.
Ick hab’ euch jern, es war doch schön jewesen
als Wappen von de olle
Stadt Berlin.“

(Kurt Tucholsky. 1929.)

 

 

 

Dritte Szene

 

Tag/außen/innen/außen
Berlin, Alexanderplatz, Nordseite des Bahnhofs. 1922/2022.
Kurz nach Mittag.

 

Marie und Karoline umarmen sich freudestrahlend. Die Männer geben ihr höflichst die Hand. Sie bedeutet ihnen, noch kurz auf sie zu warten. Die drei schauen ihr nach, als sie ganz in der Nähe einer jungen Frau bemüht unauffällig ein in Zeitungspapier eingeschlagenes Buch überreicht. Karoline lächelt in sich hinein. Die junge Frau wickelt das Buch vorsichtig aus und freut sich so heimlich wie möglich.

 

Textafel:
„Danke. Ich werde es auf der Fahrt auf die Insel begutachten.
Da wird heute Abend der Rosenhimmel in der Inselkirche eingeweiht.“

 

Marie umarmt sie einmal kurz, dann verabschieden sich die beiden auch schon wieder. Die junge Frau ruft Marie noch etwas nach, als diese zu den anderen zurückkehrt.

 

Texttafel:
„Ich verliebe mich regelrecht in diese neue Zeit.“

 

Ohne dass die Männer ein weiteres Wort an Marie richten können, wird sie von Karoline an die Hand genommen und in Richtung des Eingangs zur U-Bahn gezogen. Vor den Stufen in den Berliner Untergrund schaut Karoline Marie fest entschlossen an.

 

Texttafel:
„Kannst Du noch Geheimnisse für dich bewahren?
Auch wenn es riesengroße sind?“

 

Marie legt nur den Kopf etwas schief.

 

Texttafel:
„Besonders wenn sie riesengroß sind.
Wie groß ist es denn?“

 

Karoline holt tief Luft.

 

Texttafel:
„Ganz genau 100 Jahre.“

 

Marie macht nicht den geringsten Anschein verwirrt zu sein und nickt nach kurzer Überlegung, woraufhin Karoline die beiden Männer zu sich winkt.
Kurz nachdem die vier begonnen haben zur U2 hinabzusteigen, beginnt das Bild zu flackern. Immer wieder durch temporäres Rauschen unterbrochen sehen wir die vier auf dem Bahnsteig, dann wie sie nahe vor dem Tunnel eilig auf die Gleise springen, kurz im Dunkel verschwinden und nur wenige Momente später wieder erscheinen und zurück auf den Bahnsteig klettern.
Währenddessen entwickelt sich der Stummfilm zum Tonfilm, und aus dem Off ist plötzlich Karolines Stimme zu hören:

„Midsommar. Der Tag ist lang genug, um etwas außergewöhnliches zu wagen. Ich wusste, dass Marie nicht nein sagen würde, auch wenn sie keine Ahnung haben konnte, worauf sie sich einlässt. Und ich kann nur hoffen, dass der Tag perfekt bleibt. In drei Tagen wird der Schrecken des Terrors wieder die Schlagzeilen der Zeitungen bestimmen: Mord im Grunewald! – Attentat auf der Königsallee! – Rathenau von „Consul“ hingerichtet? Und nur drei Tage später wird der Alex seine Unschuld verlieren, wenn 45 Menschen beim großen Unfall sterben. Die Zeit ist gnadenlos. Nur an solchen perfekten Tagen nicht.“

Karoline beobachtet, wie sich Maries Blick weitet, als sie die Treppen wieder hinauf auf den Alex steigen. Minutenlang sieht sie sich begeistert um. Als erstes bemerkt sie, dass sich das Wetter drastisch geändert hat. Bald darauf flüstert sie fast ehrfürchtig:

„Heißt wenigstens der Alex jetzt noch Alex?“

Karoline zuckt nur geheimnisvoll mit den Schultern. Dann spazieren die vier quer über den Platz und verschwinden erneut unter den Gleisen des Bahnhofs.

 

Soundtrack 3:

„I want to run, I want to hide.
I wanna tear down the walls that hold me inside.
I wanna reach out and touch the flame.
Where the streets have no name.
I wanna feel sunlight on my face.
I see that dust cloud disappear without a trace.
I wanna take shelter from the poison rain.
Where the streets have no name.“

(U2: Where the streets have no name. 1987.)

 

 

 

Vierte Szene

 

Tag/außen
Berlin, Grunewald. 2022.
Später Nachmittag.

 

Soundtrack 4:

„Oh, it’s such a perfect day.
I’m glad I spent it with you.
Oh, such a perfect day.
You just keep me hanging on.
You’re going to reap just what you sow.

(Lou Reed. 1972)

 

Die vier Freunde laufen im Schatten der Bäume durch den kleinen Wald unweit des Olympiastadions. Über dem Blätterdach strahlt ein fast wolkenloser Himmel. Der Brillenträger summt leise vor sich hin. Das deutlich ruhigere Treiben um sich herum nimmt er wie hinter einer schalldichten Scheibe wahr; diese allerdings ist so blitzblank geputzt, dass jeder Blick hindurch ein schärferes Bild gibt, eines das sich sofort ins Gedächtnis einbrennt, und auf immer abrufbar bleibt; das perfekte Foto; ganz ohne Kamera.
– Zum Takt der Musik wechseln die Eindrücke des Brillenträgers. Jede Einstellung ein Stillleben der Gegenwart, das augenblicklich zur unvergesslichen Vergangenheit wird.

 

Bild 1:

An der Außenwand eines großen Glases,
das neben einem Teller voller Pommes,
auf einem Holztisch in einem Biergarten steht,
reflektieren unzählige winzige Tröpfchen die Sonnenstrahlen,
die sich durch die Blätter eines großen Baumes stehlen.

 

Bild 2:

In den schwarzen Gläsern der Sonnenbrillen der Ordner am Einlass der Bühne spiegeln sich die erwartungsfrohen Gesichter der Besucher.

 

Bild3:

Hinter dem Haupteingang hat sich die Menge in Gruppen geteilt und steht geduldig an den wenigen Ständen. An zwei davon werden Getränke gereicht, an einem anderen T-Shirts, Pullis, Plakate, Sticker, Socken, Beutel, Mützen und Schallplatten.

 

Bild4:

Vom oberen Rand des Zuschauerraumes wirkt die Bühne hunderte Meter entfernt. Dazwischen suchen zehntausende den perfekten Platz für den Abend.

 

Bild 5:

Auf einer der vielen Holzbänke, auf denen sehr bald niemand mehr sitzen wird,  entdeckt Marie eine frische Serviette, auf die jemand einige Worte geschrieben hat:

 

Would you have told me
two years ago
that this will really happen,
I wouldn‘t be so sure
as I am now
that I love you.
I‘m happy somehow
cause this is twenty
twenty too.

 

Der Brillenträger schließt für einige Momente die Augen. Und jeder der nicht völlig blind ist, sieht woran er denkt. Er ist ganz in einer Erinnerung aus der Zukunft, in einem Traum. Halb unter einer leichten Wolldecke, nahe an Lippen, die den Himmel versprechen und halten.
Dann schlägt er die Augen auf. Die anderen stehen bereits im Innenraum vor der Bühne und winken ihn zu sich. Gerade betritt die Vorband die Bühne.

 

 

 

Fünfte Szene

 

Tag/außen
Berlin, Waldbühne. 2022
Kurz vor Sonnenuntergang.

 

Soundtrack 5:

„Ooohh, I,
I am,
I‘m still alive.“

(Pearl Jam: Alive. 1991.)

 

Der Buch- und der Brillenträger singen das letzte Lied des Abend mit der gleichen Hingabe mit, wie alle anderen um sie herum. Marie und Karoline steigen nach der dritten Wiederholung des Refrains als letzte in den Chor mit ein.
Immer wieder drehen sie sich um, um sich von den zehntausenden Stimmen überwältigen zu lassen. Ihre Blicke streifen das gesamte Halbrund, bis hinauf in die letzten Reihen. Dort bleiben sie alle kurz an einem schon älteren Mann hängen, der sich erst nicht zwischen ausrasten und genießen entscheiden kann, bevor er dann einfach beides gleichzeitig tut.

 

 

 

Sechste Szene

 

 

Nacht/außen
Berlin, Grunewald. 2022.
Kurz nach Sonnenuntergang

 

Die gesamte Stimmung hat sich schlagartig geändert. Der Film ist wieder stumm. Keine Musik ist zu hören, nicht einmal atmosphärisches Rauschen.
Über die Seitenaufgänge drängeln sich die Menschen in Richtung der Ausgänge und der Toiletten. Vor denen sind viele in den Wald rund um die Arena geflüchtet; die Schlangen scheinen endlos. Noch von den Bühnenlichtern verzaubert, tasten sich die vier Freunde durch die Bäume, niemand traut sich zu sprechen. Plötzlich horchen sie auf, vor ihnen bewegen sich schwarze Schatten durch die noch rot glühende Nacht. Sie schauen sich erschreckt an.

 

Texttafel:
„Ich sag Dir, ich hab sie gesehen. Sie und ihre kleine Freundin.“

 

Karoline und Marie schauen sich unwillkürlich an. Sie bedeuten den beiden Männern keinen Laut von sich zu geben. Dann lauschen sie weiter.

 

Texttafel:
„Bist du wirklich sicher? … Suchen wir weiter?“

 

Texttafel:
„Lieber nicht. Da waren noch zwei Typen dabei. Und ich hab meine Quarzhandschuhe zu Hause liegen lassen.“

 

Jetzt schauen sich auch der Buch- und Brillenträger erschrocken an. Karoline gestikuliert geräuschlos zurück in Richtung Bühne, ins inzwischen verblassende Licht. Als die beiden an ihnen vorbei gegangen sind, hält Karoline zurück. Der Brillenträger wendet sich um, und Karoline wirft ihm einen eindeutigen Blick zu. Er nickt zustimmend, obwohl die Sorgenfalten deutlich zu erkennen sind.
Im nächsten Moment sind Karoline und Marie aus seiner Zeit verschwunden.

 

 

 

Siebente Szene

 

 

Nacht/außen
Berlin, Grunewald. 1922.
Kurz nach Mitternacht

 

Es ist fast stockfinster, die Bäume, die rings um Marie und Karoline stehen, erlauben keinem Licht Einlass. Sie bleiben für einige Momente bewegungslos stehen, scheinen aber nichts zu hören. Dann laufen sie los. Erst langsam, dann immer mutiger und schneller. Den Bäumen weichen sie so geschickt aus, als kennen sie jeden einzelnen. Nicht lange und sie erreichen eine spärlich beleuchtete Straße. Sie warten kurz hinter den letzten Sträuchern den Waldrands. Etwa fünfzig Meter entfernt bewegen sich zwei Gestalten. Im blassen Laternenlicht erkennen sie zwei Männer in schwarzen Hemden, mit schweren Gegenständen in den Händen und Schiebermützen auf ihren Köpfen. Direkt unter der nächsten Laterne blitzt es am Schirm beider Mützen kurz metallisch auf.
Marie und Karoline tauschen einen letzten alles sagenden Blick und verschwinden lautlos wieder im Dunkel hinter ihnen.

 

Ende

 

 

 

***

 

 

 

Noch vier Wochen später zehrte der Brillenträger von den Erinnerungen an diesen perfekten Tag. Er hatte sie an jeden Ort mitgenommen, in jede Situation, zu jeder Zeit. Sie hatten alles besser gemacht; auch wenn sie nichts verändert hatten. Die Nachrichten waren in den folgenden Wochen weiterhin verstörend, sein Alltag weiterhin übervoll mit Leben. Aber es fiel ihm tatsächlich leichter, sich immer öfter für letzteres zu entscheiden. Und im Moment kam ihm das wie eine Entwicklung in die richtige Richtung vor. Wieder hin zur Zufriedenheit, zum Schulterzucken, zum Hoffnung schöpfen. Wenn es den perfekten Tag geben konnte, konnten vielleicht noch ganz andere Wunder geschehen.
Nur Karoline bereitete ihm seit dem Kopfzerbrechen. Nachdem sie am Tag nach dem längsten Tag des Jahres wieder in Quedlinburg angekommen war, hatte sie sich lange nicht bei ihm gemeldet und auch auf keine seiner Nachrichten reagiert. Auch beim Buchträger ließ sie nichts von sich hören oder sehen. Erst nach zwei Wochen erhielt er am frühen Morgen einen Anruf. Es gehe ihr gut. Sie könne weiterhin nichts sagen. Marie sei ebenfalls in Sicherheit. Jetzt, da sie sich versichert hatte, dass ihr perfekter Tag keine Spuren in Maries Zeit hinterlassen würde, würden sie sich bald wiedersehen. Dem Brillenträger schrieb sie kurz darauf eine Nachricht: „Alles gut. Vorerst.“

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