So.
Wenn schon keine neuen
Goldenen Zwanziger,
dann eben regelmäßige
Goldene Herbste.
Der September ist jetzt schon wieder
der mit Abstand wärmste aller Zeiten;
soll mir in solch einem Fall recht sein:
Tagelang Sonnenschein nach Frühnebel,
nur mal ein kurzes Gewitter,
das noch einmal nach Sommer klingt,
und klare Nächte mit vollem Erntemond.
Also so ist das zumindest hier,
hinter den sieben Bergen,
bei den sieben Särgen
der Demokratie,
also dort, hier in der Provinz,
wo diese gerade zu Grabe getragen wird;
mal wieder,
immerhin scheint sie ganz gut geworden zu sein
im Immer-Wieder-Aufstehen.
Aber dazu später
wieder mehr
als auszuhalten ist.
Bleiben wir doch zum zweiten Beginn des Herbstes
noch etwas beim Wetter,
beziehungsweise der Klimakatastrophe,
oder, wie es jetzt schon im Nachmittagskulturradio heißt,
der Klimaanpassung.
Wie sich das Weltkulturerbe und der nördliche Harzrand anpassen,
wurde eben schon kurz beschrieben,
aber ansonsten gelingt das Unternehmen
eher so nicht.
Der Südosten Deutschlands
wurde von den schlimmeren Katastrophen
zwar verschont, aber nur ein Stück weit
die Donau runter
ist die Apokalypse
erst seit Wochenende halbwegs überschaubar,
und es wird mit Sicherheit
keine Schadensschätzungen in den Nachrichten geben,
das kann kann sowieso niemand mehr nachrechnen,
so verheerend sind die Verwüstungen
durch die schlimmsten Regenfälle
im nördlichen Balkan
seit, wie immer, immer.
Und auf der anderen Seite des Kontinents,
in Portugal,
ihr ahnt es,
brennen mehr Wälder
als jemals nachwachsen könnten.
Wann gewöhnen wir uns an Schlimm?
Das allerallerschlimmste im Moment
ist deswegen ohne Zweifel
das Comeback von
Stefan Raab.
Mal abgesehen davon,
dass Comebacks im Allgemeinen
gerade suuuper angesagt sind
(und eigentlich eine Spezialepisode verdient hätten,
aber … äh… nein),
und mal abgesehen davon,
dass es ganz ganz schlimm ist,
dass dieser Witz von Medienstar
jetzt auch noch die Generationen belästigt,
die ihn bis jetzt nur aus Wiederholungen bei Youtube kannten,
ist es schon schlimm genug,
dass das deutsche Publikum
anscheinend nur so gewartet hat
auf noch einen weißhaarigen alten weißen Mann,
der als Main Character bei RTL
den Diskurs noch weiter verschlimmert;
weil: Ist doch alles nur Spass
(mit scharfem Doppel-S),
oder?
Gut,
das musste kurz raus,
sorry, not sorry,
kommen wir zurück
zum Goldenen Herbst
der Demokratie.
In wenigen Stunden
wird das Landtagswahlergebnis aus Brandenburg bekanntgegeben.
Nächste Woche wird in Österreich gewählt.
Und in gut sechs Wochen
bekommt die noch mächtigste Nation der Welt
endlich wieder ein freundliches Gesicht,
also hoffentlich,
denn der folgende Winter wird lang,
sehr lang.
Die Last,
die jetzt schon auf den Schulterpolstern
von Kamala Harris liegt,
ist schier unbeschreiblich groß:
Alle Hoffnung der letzten Reste
des freiheitlichen, demokratischen
und noch halbwegs sozialen Westens
ruhen auf der ersten Präsidentin der USA,
die bereits von Gerüchten
von einem Blow Out Win
und dem anschwellenden Beben
einer weltpolitischen Plattenverschiebung
getragen wird.
Da nützen anscheinend auch die Tricks
aus der untersten Schublade nichts mehr,
wahrscheinlich beschleunigen sie den Prozess nur noch:
Die Trump24-Kampagne
fährt jetzt schon Attack Ads
gegen den Ehemann von Kamala Harris.
Mr. Emhoff ist nämlich Jude
und seine Frau demzufolge
eine Marionette von George Soros
und dem ganzen Rest der globalistischen Hochfinanzelite!1!
Auch wenn Trump das so nicht mehr sagen muss,
denn seine Follower wüssten inzwischen,
wie man Dots connected…
Genau: Ho-Ly-Fuck.
In einem Land,
das aus nur irgendeiner Geschichte auch nur irgendwas gelernt hat,
würde es nur so Strafanzeigen regnen.
Stattdessen überlebt der Frisurensohn erwartbar
das nächste Attentat,
denn in der Hecke einer seiner Golfplätze
hatte ein Secret Service Agent
gerade noch rechtzeitig einen Gewehrlauf gesehen.
Der Täter wird festgesetzt,
es stellt sich heraus,
was niemanden überrascht:
Ein älterer, weißer, von Trump enttäuschter Dude
mit einer AK-47,
der, ohne es zu wissen,
der Gegenaufklärung einen riesigen Dienst erwiesen hätte;
nicht nur Donald Trump hat also mal wieder Glück gehabt.
Der Maga Civil War,
also das Sich-gegenseitig-Zerfleischen der US-Republikaner,
bleibt spannend und vielleicht sogar demokratisch,
denn inzwischen gilt sogar Iowa,
ja, das Iowa, als Swing State,
die Parteielite zielt sich offen auf die Kniescheiben.
Aber, wie erwähnt,
noch sind sechs Wochen Zeit.
Zeit, um sich der Wahl
des nächsten deutschen Kanzlers zu widmen,
denn die wird ebenfalls in dieser Woche entschieden,
und das auch noch erschreckend geräuschlos,
von Markus Söder mal abgesehen,
denn nachdem Hendrik Wüst
auf seine Kandidatur verzichtet,
als ob ihn jemand darum gebeten hätte
(der Mann ist außerdem noch jung),
macht auch Söder
den Weg für Friedrich Merz frei,
kann aber nicht aus seiner Haut
und spricht sich schonmal unmissverständlich
gegen Schwarz-Grün im Bund aus,
sicher ist sicher.
Keine Hoffnung auf eine baldige Kanzlerschaft
braucht sich die AfD zu machen,
denn die scheitert gewohnheitsmäßig
vor dem Bundesverfassungsgericht.
Die 0721-Karlsruhe Söhne und Töchter
beschützen das Fundament der Brandmauer,
egal wie hässlich ein Brandner darüber lacht.
In Thüringen jedoch basteln die Faschos
weiter am Notstand,
oder besser:
Die lassen basteln,
denn Mario Voigt (CDU)
reißt in dieser Woche
die letzten Reste
der Brandmauer ein
und seiner „Brombeerkoalition“
damit noch vor Arbeitsbeginn
die Beine weg.
Genau zwei Wochen vor
dem 3. Oktober,
am internationalen Kindertag.
Keine Pointe.
Ab sofort lässt die CDU
sich also von der AfD erklären,
wie das Land zu regieren wäre,
auf die ersten Anträge der Faschos,
über die die CDU erstmal beraten muss,
können wir also gespannt sein.
Auch der Rest von Europa
marschiert immer weiter munter
zurück nach rechts:
Frankreich hat jetzt endlich
eine auch für Macron aushaltbare
„Mitte-Rechts-Allianz“,
und die neugebildete EU-Führungsriege
endlich auch einen Postfaschisten in ihren Reihen:
Ursula von der Leyen
hätte gerne den Meloni-Vertrauten Raffaele Fitto
als geschäftsführenden Vizepräsidenten.
Das kann die so machen,
da sich eh niemand für etwas anderes zu interessieren hat
als für: BUMM?!
Dazu überlasse ich das Wort
dem EU-Genossen Sonneborn:
„Das EU-Parlament hat gestern etwas beschlossen,
das selbst die beklopptesten US-Neocons ablehnen:
Die große Mehrheit der Abgeordneten
(425 JA; 131 NEIN;
63 SCHEISSEGAL/KEINE MEINUNG/KEINE AHNUNG)
einer (zum Glück: nicht bindenden) Resolution zugestimmt,
die die Mitgliedsstaaten auffordert:
– Finanzielle & militärische Unterstützung
in jeder möglichen Weise
bis zum Sieg der Ukraine zu leisten. (Hüstel)
– Deutsche Taurus-Marschflugkörper zu liefern
(-> BUMM!)
– Die Beschränkung für den Beschuss
von Zielen innerhalb Russlands aufzuheben
(-> WELTKRIEGS-ATOMBUMM)
– jährlich ZUSÄTZLICH 0,25 Prozent seines BIP
für Waffenlieferungen in die Ukraine aufzubringen.
(Das wär für Deutschland eine zweistellige MILLIARDENsumme.)
(-> Krrrrrrks in Deutschland:
Brücken, Bildung, Infrastruktur, Soziales, Gesundheit)
– Wegen des gr. Erfolges:
mehr Sanktionen gegen Russland
(-> Krrrrrrkks in Deutschland:
Brücken, Bildung, Infrastruktur, Soziales, Gesundheit)
Der russische Präsident (Hitler)
hat klargestellt,
dass der Beschuss innerrussischer Ziele
durch Taurus-Marschflugkörper
als Kriegserklärung an Russland zu werten sei.
Die EU-Kommission soll lt. Resolution
in den Mitgliedsstaaten
„strategische Kommunikation“ betreiben,
um die Bürger auf (Kriegs-) Linie zu bringen
(wahrscheinlich über so sympathische Tüpen
wie Strack-Rheinmetall, Carlo Massacka, Roder. Krisenwetter etc.).
Und das in einer Zeit,
in der die USA sich bereits aus dem Konflikt zurückziehen,
kein (seriöser) Experte noch glaubt,
dass die Ukraine diesen Krieg gewinnen kann
– und zwei Drittel der Europäer von ihren Politikern verlangen,
auf eine Verhandlungslösung hinzuwirken.“
Ach, und nur der Vollständigkeit halber:
Die Europaabgeordnete von Die Linke,
Kapitänin Carola Rackete,
war ebenfalls unter denen,
die dieser Resolution zugestimmt haben.
Was so Demokratie
aus so eigentlich ganz coolen Menschen
alles so machen kann.
Gefallen ist die Demokratie
also zumindest in Europa immer noch nicht ganz,
sie genießt noch einen letzten goldenen Herbst,
im Nahen Osten jedoch
liegt sie bereits am Boden,
und zwar gleich neben den Menschenrechten,
dem Pazifismus
und den Genfer Konventionen,
denn der Regierung Israels
ist inzwischen endlich alles egal.
An zwei Tagen in Folge
kommt es im Libanon
zu hunderten Explosionen
von Pagern und Walkie-Talkies,
dutzende Menschen sterben
und tausende werden schwer verletzt.
Kurz geht ein Schock über alle Schwarzen Spiegel der Welt,
klappt das auch mit Handys?
Soweit scheint die moderne Kriegsführung
aber doch noch nicht zu sein,
die Geräte waren allesamt
vor Auslieferung präpariert worden.
Kriegsminister Gallant jedenfalls
spricht zwischen den Attacken
von einer „neuen Phase des Krieges“;
sag bloß!?
Europa zeigt sich dann bei dem Votum,
dass diese Angriffe verurteilt,
wie schon bei vorherigen Abstimmungen gespalten.
Während Frankreich, Portugal, Malta,
Belgien, Spanien und Norwegen zustimmten,
enthielten sich
neben Deutschland
unter anderem Schweden, Italien, Großbritannien,
Österreich und die Niederlande.
Tschechien und Ungarn stimmten gegen die Resolution.
Einen Tag später bombardieren die IDF
den Libanon und die Hisbollah sieht
„alle roten Linien überschritten.“
Noch einen Tag später, am Freitag,
schlagen dann mitten in Beirut Raketen der israelischen Luftwaffe ein,
der Artilleriebeschuss von beiden Seiten
verwandelt die gesamte Grenze
in eine einzige Frontlinie,
die beiden Staaten befinden sich de facto im Krieg,
was niemand mehr benennen muss,
so selbstverständlich scheint das geworden zu sein.
Gar nicht selbstverständlich,
deswegen aber umso wichtiger:
Der Celtic Football Club Glasgow
spielt wieder in der Champions League
gewinnt 5:1 gegen Bratislava
und in der Fankurve ist groß zu lesen:
Gaza, you never walk alone!
Am selben Tag immerhin,
an dem der Nahostkrieg 23-?
ein weiteres Mal eskaliert,
rollt die Jugend der Welt
für vernünftige Dinge durch die Gegend:
Kindertagsfriedensfahrten erinnern die Erwachsenen an früher,
und Fridays for Future erinnert daran,
dass wir alle eigentlich ja ganz andere Probleme haben.
Aber dem Krieg,
dem ist sowas natürlich gleich,
wie immer.
Kriegsprotokoll. Schreibtisch. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe.
Woche 132.
Der „Siegesplan“. Montag: Nächtliche Drohnenangriffe auf Kiew und 9 weitere Regionen. Die ukrainische Armee beschießt Wohnhäuser in Belgorod. In Kursk werden weitere Ortschaften zurückerobert, andere Orte werden evakuiert. Das russische Militär wird um 180.000 Menschen aufgestockt. Kurachowe und Pokrowsk sehen sich anhaltenden Sturmangriffen ausgesetzt. Dienstag: Selenskyj will nächste Woche mit einem „Siegesplan“ in die USA reisen. In Sumy werden weitere Energieanlagen getroffen. ACAB kündigt 100.000.000 Winterhilfe für die Ukraine an. In Mariupol haben ukrainische Raketen ein russisches Munitionsdepot zerstört. Mittwoch: In Twer geht das nächste russische Munitionslager in Flammen auf. In der Zentralukraine schlagen Raketen ein. Die russische Gegenoffensive in Kursk ist laut der ukrainischen Armee gestoppt und die Situation „unter Kontrolle“. Die Ukraine bittet Rumänien darum, russische Drohnen abzuschießen. Donnerstag: In Saporischija wird die Energieinfrastruktur massiv beschädigt. In Sumy wird ein Altenheim getroffen. Georgijiwka (Donezk) wird eingenommen. Das Europaparlament fordert die EU-Mitgliedsstaaten auf, der Ukraine den Einsatz von westlichen Waffen gegen Militärziele auf russischem Boden zu erlauben. 22 Leopard-1 Panzer, 3 Gepard-Panzer und 22 weitere gepanzerte Fahrzeuge werden von Deutschland an die Ukraine übergeben. Freitag: Ursula von der Leyen verspricht in Kiew 35.000.000.000 neue Militärhilfen. Iskander-Raketen schlagen im Hafen von Odessa ein. Ukrainische Drohnen kommen dem AKW Saporischija erneut zu nahe. Scholz bleibt in einer Sache noch stabil: „Ich werde, obwohl mich viele gedrängt haben, keine Marschflugkörper, die bis nach Moskau reichen, liefern. Ich kann und werde hier an dieser Stelle versichern: Bei dieser Haltung werde ich auch bleiben.“ Samstag: Auf Charkiw werden wieder Luftangriffe geflogen, Bomben treffen Wohnhäuser, das gleiche geschieht in Krywyj Rih. Die Militärausgaben der Ukraine werden um 11.000.000.000 erhöht. Im russischen Krasnodar werden über 1.000 Menschen evakuiert, ein Munitionsdepot explodiert. Selenskyjis „Siegesplann“ sieht Schritte vor, den Krieg bis Weihnachten zumindest zu beruhigen, Details verrät er aber erst in ein paar Tagen in den USA. Russland lehnt eine Beteiligung an einem kommenden Friedensgipfel zu Selenskyjs Bedingungen ab. Sonntag: Der Beschuss der ukrainischen Infrastruktur hält weiter an, in Poltawa (Zentralukraine) geht das nächste Kraftwerk vom Netz. Noch ist der Herbst warm genug.
Gut.
Die letzte Stunde vor dem goldenen Abschluss
der diesjährigen „Ostwahlen“
und also dem offiziellen Beginn des Deutschen Herbstes
vertreibe ich mir dann nicht weiter mit Krieg,
Klima und anderen Katastrophen,
sondern mit Sonnetanken auf dem Balkon
und ein bisschen Tech-News,
denn auch diese Branche steht
mit mehreren Füßen
bereits in ihrem Herbst.
Das mache ich aber vor allem,
weil mir Social Media gestern eine große Menge
selbstverschuldeten Ärger erspart hat,
wozu es ja eigentlich mal gedacht war.
Und das ging so:
Ein Sonntagszugfahrer lässt seine Geld- und Dokumetenbörse
auf dem Sitz eines Regionalzuges liegen,
kriegt es erst drei Stunden später mit
(weil Sonntagnachmittag im Garten),
erreicht per Telefon und Nachfragen
an zwei provinziellen Bahnsteigen genau nichts,
und liest erst am späten Abend per Facebook,
dass seine Geldbörse sicher im Safe
eines nahen Regionalbahnhofs liegt.
Die eigentlichen, herbstlichen Tech-News
sind aber diese hier:
1.
Intel legt die Mega Fabrik in Magdeburg
für mindestens zwei Jahre auf Eis,
die Bördemetropole steht unter Schock.
Muss jetzt etwa doch wieder
in Bildung und Kultur inverstiert werden,
Sachsen-Anhalt?
2.
Teslafahrer*innen weltweit
schämen sich inzwischen offen für Elon Musk.
3.
Instagram hat anscheinend keinen Bock mehr auf Teenager
und lagert die auf eine neu erdachte Plattform aus,
als ob die schon lange weitergewandert wären,
irgendwohin, wohin noch echte Demokratie,
also Chaos herrscht.
Also dann, apropos:
Der Osten bleibt
nur in Thüringen
mehrheitlich rechtsradikal.
In Brandenburg gewinnt soeben
die SPD mit mehr als einem Prozent Vorsprung
vor den Faschos.
Allem Anschein nach
liegt das am Führungspersonal.
Auf der Verliererseite
ein katholischer Ex-Charitéler,
der fordert, dass die Kirche unpolitisch sein solle,
als ob er in Geschichte durchgeschlafen hätte
und als ob er nicht wüsste,
wie weit weg von der Haltung des rechtsextremen AfD-Flügels
das inzwischen schon wieder ist.
Auf der Siegerseite
ein inzwischen ausgewachsener Landesvater,
der ganz entspannt der CDU
die Hand reichen kann,
vielleicht haben sogar die Grünen ein Wörtchen mitzureden;
wenn der Deutsche Herbst
noch bunt genug ist.
Die deutsche Demokratie
darf sich für einen weiteren Winter
schlafen legen.
Die letzten Glühwürmchen (Hidden Story)
Eine halbe Stunde nachdem das letzte Sommerabendrot erloschen war, stieg der nicht mehr ganz volle Erntemond über dem nördlichen Harzrand auf und erhellte ihren Ausblick über die Täler, an deren Hängen sich das Echo der Brunftrufe des Rotwilds brach. Der Brillenträger unterdrückte seinen inneren Hermann Löns und verfiel nicht weiter in pseudoromantischen Kitsch, sondern gab sich dem Moment hin. Seine Mutter hinter ihm flüsterte: „Na das ist doch mal eine schöne Achtsamkeitsübung!“, während sie weit hinein lauschten in den Blaublüterwald auf der westlichen Seite des Tals, und sein Schwesterherz die kichernden Mädchen vor ihnen zum Schweigen brachte.
Nach einer weiteren halben Stunde hatten sie die Gruppe in der Dunkelheit aus den Augen verloren, der Brillenträger ging voran, Mutter und Schwesterherz untergehakt hinter ihm. Die Böschung links am Hang lag in schwarzen Schatten, und sein Blick schärfte sich, nachdem er für einen Sekundenbruchteil ein Leuchten nahe des Bodens ausmachte. Ein winzig kleine Scherbe vielleicht, die das Mondlicht reflektierte? Doch dazu stand der Mond noch nicht hoch genug. Dann vielleicht das Licht eines der tausenden Sterne über ihnen, die sich kaum wahrnehmbar zur Milchstraße formen ließen? Sein Schwesterherz bestätigte kurz darauf seine dritte Vermutung, und seine Mutter gestand noch etwas später, dass sie das leicht grüne Glühen dieser Würmchen noch nie zuvor gesehen hatte. Insgesamt erwischten sie vielleicht vier oder fünf, keines davon schien noch besonders kräftig zu sein. Ihrem Ruf als die wahren Irrlichter wurden sie dennoch gerecht, und der Umweg auf den sie die Nächtlichen führten, wurde leicht zu einer weiteren Geschichte für einen der kommenden langen Winterabende.

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