Bild: Der Himmel über Berlin – 3. Oktober
Rise again! (Burying Pepe)
(Hidden Story)
Für die Mitte der ersten Oktoberwoche hatten die Wetterdienste allesamt ein paar goldene Herbsttage versprochen, Temperaturen von sogar über 20°C, Sonnenschein, kaum Wind, gelb, orange und rot die Blätter an den Bäumen. Aus dem Beifahrerfenster blickte der Brillenträger jedoch auf abgemähte, frierende Felder, die unter dickem Nebel da lagen, und über die Windschutzscheibe rutschte die Nässe in tausenden Tropfen. Sein Schwesterherz hatte ihn um Sechs am Theaterberg eingesammelt, der kleine Pepe lag eingerollt auf dem Rücksitz.
Die Notaufnahme der Kleintierklinik der Universität Leipzig war bereits um Acht voll in Betrieb. Gut fünf Hunde aller Größen, zwei große Katzen, eine Spanische Tigerkatze und ein Russisch Blauer Kater, und immer noch mehr Hunde kamen mit ihren Menschen durch die Tür. Pepe lag seit einer halben Stunde ruhig und mit wachen Augen im Arm seiner Schwester; als der Brillenträger ihren Namen hörte, sammelten sich ihre Tränen ein erstes Mal und draußen hatte es genau in diesem Moment begonnen zu regnen.
Mütze, Jacke und Hose des Brillenträgers waren am Nachmittag nach nur ein paar Minuten nass, seine letzten Tränen hatten gerade aufgehört zu fallen als er damit begann, vor einer der beiden riesigen Blautannen im Garten das kleine Grab auszuheben. Der Spaten glitt mit Leichtigkeit in den dichten Boden, die dunkle Erde ließ sich ohne Mühe in großen Klumpen in die Höhe heben, selbst die vereinzelten Wurzeln der Bäume gaben schnell nach. Die letzten Reste grub er auf den Knien mit den Händen aus; ein halber Meter tief.
Nachdem die Ultraschallbilder ausgewertet waren, die die freundliche Ärztin am Tagesbudget vorbei erschummelt hatte, sprachen sie über Pepes Möglichkeiten: Schwere innere Blutungen, wahrscheinlich im oberen Magen-Darm-Bereich, der Hämoglobinwert war seit gestern noch weiter gefallen, Pepe hatte vielleicht noch ein paar Stunden, vielleicht bis zum Abend, spätestens dann würde der Sauerstoff in seinem Blut nicht mehr ausreichen. Bluttransfusionen wären denkbar gewesen, die er vielleicht nicht überlebt hätte, daran anschließend eine Operation, die er sehr wahrscheinlich nicht überlebt hätte, was danach gewesen wäre, konnte die Ärztin ihnen auch nicht sagen, zu angegriffen waren die meisten Organe bereits. Sie tauschten wenige Blicke, wechselten kaum Worte und weinten immer noch gleichzeitig. „Wir nehmen ihn mit zurück, nach Hause.“
Sein Schwesterherz hob ihn behutsam vom nassen Gehweg vor der Klinik zurück ins Auto; kaum hatten sie Leipzig verlassen, schlief Pepe für ein paar Minuten ein, sprang eine Stunde später ein letztes Mal aus dem Auto und lief so schnell er noch konnte in die Hände unserer Mutter.
Wenige Stunden darauf zimmerte der Freund des Schwesterherzes in einer Werkstatt in Neinstedt den kleinen Sarg zusammen, eine rechteckige Kiste mit einem passenden Deckel, in den er langsam Pepes Namen gravierte. Draußen regnete es weiter in Strömen, sein Blick lag konzentriert hinter den Schleiern.
Nachdem der Arzt gegangen war, aßen sie gemeinsam ein viel zu spätes Mittagessen. Pepe hatte vor nicht mal einer halben Stunde noch zum ersten Mal alles essen können, was ihm sonst immer verwehrt werden musste, das erste Mal all das, was seine beiden Freunde immer bekamen, wenn er sich an seine strenge Diät halten musste, wenn er glücklich war, obwohl, nein, trotzdem er von Anfang an so schwer krank gewesen war.
Nach dem Essen, und nachdem der Brillenträger aus dem Garten wiedergekommen war, lag sein Schwesterherz mit dem leblosen Pepe im Arm genauso auf ihrer Couch wie sie immer mit ihm dort gelegen hatte an glücklichen oder an sorgenvollen Tagen. Dann nahm sie liebevoll, wie nur sie in der Lage ist zu sein, seine Pfotenabdrücke und stahl sich ein paar Locken seines Fells, bevor sie ihn ein letztes Mal in seine letzte Decke einwickelte.
In den letzten wenigen Stunden waren alle wieder hier gewesen, die ihre Familie schon verlassen hatten, waren in ihren Worten wieder auferstanden, waren zurückgekehrt, um Pepe auf seinem letzten Weg beizustehen: Ihre Großmutter, die Hunde nie leiden konnte, aber Pepe geliebt hätte, die zwei ihrer Söhne verloren hatte, viel zu lange vor ihrer Zeit, die ihren Mann verloren hatte, als ihre Tochter gerade erwachsen geworden war, und sogar Biene, die erste Hündin der kleinen Thalenser Familie, war vom Hexenberg auf Hiddensee hinabgeklettert, um Pepe gut zuzureden und ihm vom Ostseewind am Weststrand der Insel zu erzählen, durch den er geflogen war, hoch und noch ein bisschen höher, an seinen besten Tagen, sogar, nein, erst recht, wenn es regnete.
Nur noch wenige Tropfen fielen auf das kleine Hügelgrab in der Mitte des Gartens, das bald ein erstes von gezählten Malen im Sonnenschein dasein würde, bald eingefasst von Steinen und bewachsen mit buntem Heidekraut. Sie standen noch ein paar Minuten schweigend im Regen, bevor der Freund des Schwesterherzes die Schaufeln abwusch. Auf dem Weg zurück zu ihrer Mutter, die mit den anderen beiden, viel älteren Hunden zu Hause geblieben war, hielten sie sich im Arm, der Brillenträger nahm all seine Hoffnung und all ihre familiäre Sturheit zusammen, sagte: „Warte nur! In drei Tagen, wenn die Sonne wieder scheint, kommt ihr in den Garten, und Pepe, Pepe ist …“ Sie lachten leise und hielten sich noch fester.
***
Der erste Oktobertag fiel in diesem Jahr auf einen Dienstag, der Brillenträger arbeitete nun also schon den zweiten Tag auf der Couch, die erste der beiden Herbstferienwochen war noch nicht einmal zur Hälfte rum und er hatte nicht viel mehr gemacht als gelesen und sich um sich gekümmert, das Liegen gelernt, wie das vor rund zwanzig Jahren noch allgemein genannt wurde, einfach alles absagen, den Wolken beim Vorbeiziehen zuschauen, einfach auf den Regen warten; die Notizen für seine Chronik warteten mit: Tropensturm „Helene“, der sich in den gesamten Südoststaaten der USA ausgetobt hat, forderte mehr als 200 Todesopfer, verursachte Schäden in Höhe von 35.000.000.000 US-Dollar und galt nach seinem Abzug als der verheerendste seit „Katrina“ (2005); bei Nacht war aus dem All zu erkennen, von wo nach wo der Sturm gezogen war, denn nirgendwo waren noch Lichter auszumachen – Heute Abend steigt die erste große Herbstsause im Weltkulturerbe: Bei der „89.0 Festzelt Party“ wird sich der 3. Oktober schon mal schön gesoffen, anders wäre das sich anschließende „Oktoberfest“ im gleichen Zelt sicher auch nicht zu ertragen – der MDR belästigt mich mit unkritischen Auslassungen zum „aufgeklärtem Patriotismus“ – das Verbotsverfahren gegen die AfD nimmt Gestalt an, eine breites Bündnis aus Bundestagsabgeordneten reicht endlich den entsprechenden Antrag ein – Der „Volkskanzler“ in spe, Herbert Kickl geht nach seinem Wahlsieg zuerst zu den Alternativen Medien und behauptet dort, er wäre „toleranter als die Toleranten“ (Popper erbricht sich in Richtung Sargdeckel) – Kriegsprotokoll – Weiter geht’s auch im Jemen, wo die IDF wieder Luftangriffe fliegen, 1000e US-Truppen werden zusätzlich nach Israel entsandt, in der Nacht auf Dienstag beginnt die „lokal begrenzte Bodenoffensive“ im Libanon, am Abend wissen die USA, dass ein Angriff des Iran unmittelbar bevorsteht, der dann auch umgehend folgt (Hyperschallraketen), zunächst sind nur wenige Opfer zu beklagen, auch weil es Unterstützung durch die US-Raketenabwehr gegeben hat, der Iran sperrt den eigenen Luftraum, am Mittwoch reist UN-Generalsekretär Guiterrez als „unerwünschte Person“ nicht nach Israel ein, es hagelt weiter Vergeltung und Vergeltung und wieder Vergeltung, die israelischen Botschaften in Schweden und Dänemark werden attackiert, von möglichen Angriffen auf iranische Atomanlagen ist die Rede, … – Stoltenberg tritt wirklich endlich ab, die aktuelle Gesamttruppenstärke der Nato beträgt 3.460.000, dazu kommen noch 2.110.000 Reservisten, in der Ukraine sterben jeden Tag weit mehr als 1.000 Nicht-Nato-Soldaten … Der Brillenträger schloss die Augen, schaltete die Leselampe aus und drehte sich auf die Seite, seine Couch war auch zum Sitzen gemacht, aber liegen konnte ein Mensch kaum besser. Bevor er am Abend wieder aufstand, um von der Couch ins Bett zu gehen, rief ihn sein Schwesterherz an und fragte, ob er morgen früh mit nach Leipzig kommen würde, die Klinik würde bereits um Acht aufmachen, und es gab keine Zeit mehr zu verlieren. Vor seinem offenen Fenster fand er in einen unruhigen Schlaf, kurz nachdem es begonnen hatte zu regnen, der Walnussbaum im Hof fing die Tropfen auf, tausende in jeder Sekunde.
***
Wie sich erst am Nachmittag herausstellen sollte, handelte es sich um die landesweit größte Massenversammlung des diesjährigen 3. Oktobers. Am Großen Stern in Berlin hatten sich gegen 15 Uhr um die 50.000 Menschen versammelt, auch wenn die Tagesschau am Abend von 10.000 weniger berichten sollte, der Platz war gut voll. Der graue Himmel über Berlin war sich nicht sicher, was genau es war, das hier offensichtlich zu Grabe getragen werden sollte: Der Krieg? Der Frieden? Der gesellschaftliche Diskurs? Die Menschenwürde? Oder einfach nur die jeweils eigene Glaubwürdigkeit als Pazifist, als Antifaschist, als Humanist, als was auch immer. Sie hätten zum „Einheitstag“ auch nach Schwerin fahren können, wo im 34. Jahr über Unterschiede, Beziehungen und Verhältnisse geplaudert wurde, oder sie hätten zur Gegendemo in Berlin gehen können, die von der „Friedensgesellschaft – Vereinige Kriegsdienstgegnerinnen“ (DFG-VK) vor der russischen Botschaft startete, und zwar mit der symbolischen Niederlegung von Leichensäcken.
Vor mehr als drei Stunden waren sie dann aber am Gleisdreieck angekommen, hatten das Auto im Parkhaus gegenüber der Teslasäulen abgestellt und waren unter den ersten 100 auf der Auftaktkundgebung, ihre Mutter organisierte sich mühelos ein Schild und eine Junge Welt. Unter die Anwesenden mischten sich nach und nach immer mehr auffällige Bescheidwisser, der Altersdurchschnitt lag deutlich über 50; die Veteranen des Friedensaktivismus waren in Herbstlaune. Zum Mittag begann sich der Platz am Gleisdreick immer schneller zu füllen, Transparente wurden entrollt, der Demowagen durchgechekt, Fahnen entrollt: DKP, MLPD, GEW, „Verbot der AfD!“; Palästina, Libanon, Picassos Friedenstauben, auf dem Wagen wurde gesungen und Gitarre gespielt, Coversongs von Lindenberg und Mey, im Publikum wurde mit Gratisflyern Werbung für dickere Broschüren gemacht. Als auf dem Platz eine halbe Stunde später dann endlich gut 1.000 Menschen zusammengekommen waren, wurden die Auflagen verlesen und die Kundgebung konnte beginnen: Arbeiterlieder von Brecht und Busch, bei letzterem klingt es kurz mal nach Querfront, als viele „So long Ami!, so long!“ mitsingen. Von hinten allerdings schallten ebenfalls Gesänge, die „Palästina/Libanonfront“ suchte die Aufmerksamkeit der ebenfalls in großer Zahl anwesenden Polizisten, „Sag mir wo die Blumen sind“ wurde von allen gemeinsam gesungen, dann gab es doch noch eine Rede, obwohl alles schon reichlich in Verzug geraten war: Eine betagte Akademikerin, Mitglied der IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War), schafft es bis in den dritten Satz, bevor sie nicht mehr zwischen der israelischen Regierung und „Israel“ unterscheidet, aber einer Friedensnobelpreisträgerin (1985) konnte das erlaubt sein, gerade wenn es um so Sachen wie Atomkrieg ging. Um kurz vor eins standen dann inzwischen gut 2.000 Menschen das erste Mal an diesem Tag im Regen. Eine deutlich jüngere Frau rückte sich das Mikrofon zurecht und feuerte eine gute Line nach der anderen gegen die drohende Wiedereinführung der Wehrpflicht; noch bevor sie endete, brach die Sonne wieder durch die dicken Wolken, und nur wenige Minuten später setzt sich der Zug aus nun mindestens 5.000 Menschen in Bewegung, von Kreuzberg gleich rüber nach Schöneberg, da dann einma quer durch, dann grade durchn Tierjarten durch, immer aufde Goldelse zu, von hinten durch de Büsche; ein einzelner Reiher wunderte sich über die ungewöhnlich vielen Spaziergänger. Eine Stunde vor Beginn der Abschlusskundgebung hatte es sich eingeregnet.
Und dann wurde er endlich verkündet, der „Neubeginn der Friedensbewegung“, die Veteranen applaudierten, wann, wenn nicht jetzt? Erste Rednerin: Gesine Lötzsch (Die Linke) mit einem überzeugenden Fazit nach kaum fünf Minuten: Weniger Panzer, mehr Schulen. Dann fasst die Moderatorin die Hauptforderungen der Kundgebung schon mal zusammen, Reporter wollen auch pünktlich Feierabend machen, Feiertag und so: 1. Keine Waffen an die Ukraine und Israel. 2. Nur Verhandlungen und Diplomatie können Kriege beenden. 3. Keine Stationierung von US-Mittelstreckenraketen in Deutschland. Darauf können sich auch die folgenden drei Redner*innen einigen, ansonsten hätten die Unterschiede nicht deutlicher sein können: Zweiter Redner: Ralf Stegner (SPD), bis zu den ersten Buh-Chören dauert es nur wenige Momente, „russischer Angriffskrieg“ ist nicht wenigen im Publikum schon zu viel, bei „Waffen für Israel“ mischen sich von allen Seiten Pfiffe unter die Buhrufe, ein unauffälliger Typ ruft „Zionisten!“ durch die Menge, dann behauptet der SPD-Mann auf der Bühne, die SPD sei schon immer Teil der Friedensbewegung, und zu den Buhrufen und den Pfiffen gesellt sich bitteres Gelächter, das auffallend nach 1915 klingt. Der dritte Redner hätte keine undankbarere Crowd erwischen können, aber ausgerechnet Peter Gauweiler (CSU) erntet ausschließlich lauter werdenden Applaus, immerhin sei er auch das erste Mal überhaupt bei der Friedensbewegung. Das verhilft ihm zu Vertrauensvorschuss, er erinnert schnell an Jugoslawien zu Beginn der 90er, an Kohl und an das Gründungsversprechen der Bundeswehr, die nun mal ausschließlich zur Landesverteidigung gegründet wurde, Adenauer und so, Strauß und seine Ideen zu Atomwaffen lässt er aus, trotzdem bekommt er großen Applaus. Vierte, es regnet immer noch, und letzte Rednerin: Sarah Wagenknecht, die ihre ersten Sätze vor lauter Bewegtheit allesamt verhaspelt. Sie freut sich über den lebendigen Diskurs, lobt ihre Vorredner*innen, lobt die Demonstrant*innen und holt dann zu einer Verbalattacke nach der anderen aus, if they go low we must just not get lower: Anna-Lena Bearbock sei ein „Sicherheitsrisiko für Deutschland“, Doppelmoral schon lange an der Tagesordnung, und, obwohl sie Kriegsgegnerin ist, die „Kriegstüchtigkeitsmaulhelden“ könnten doch schon allesamt „selbst an die Front“. Zum Schluss zitiert sie Egon (sic) Maria Remarque, geschenkt, die Sonne scheint wieder. Und in der Menge steht ein Brillenträger, seine Beine, sein Rücken wollen beginnen zu schmerzen, er schließt kurz die Augen und wird überfallen von einer Halluzination: Die unterschiedlichsten Fraktionen kristallisieren sich in der Menge um ihn herum, alle sammeln sich um in der Masse verteilte, weiße Särge, auf denen schwer zu lesen ihre Traglast steht: die Schwurbler*innen greifen sich den „Diskurs“, die Sarahfans die „Unvernunft“, die Antifaschist*innen die „Würde“, die Christen die „Moral“, die Linken die „Geschichte“, sie tragen sie wie choreographiert zur Mitte des Platzes und stellen sie ringsrum an der Siegessäule auf. Wer den Scheiterhaufen entzündet, kann der Brillenträger in seiner Halluzination nicht erkennen, und nur Minuten später steigt schwarzer Rauch nach oben, verfängt sich in den Flügeln der Göttin und zieht dann nach Westen. Der Brillenträger öffnet die Augen und zieht den Kragen seiner Jacke nach oben, der Wind frischt auf.
Die Gegendemo stand auf der nördlichen Zufahrt zum Großen Stern, vielleicht 500 Menschen forderten voller ernsthaft zusammengekniffener Augenbrauen „Mehr Waffen“ für die Ukraine, für Israel, skandierten „Schande auf Putinunterstützer“, und die Grünen hatten einen Stand aus dem brandenburgischen Wahlkampf aufgebaut, unter ihrem Schirm wurden sie nicht sonderlich nass.
„Weißt du, was mich irgendwie immer noch stört?“, fragte sein Schwesterherz im Vorbeigehen.
„Nein, was denn?“
„Das jetzt wieder alle nur über Sarah hier, Sarah da reden, und weniger über die Forderungen. Vielleicht war das doch keine so gute Idee mit dem Parteinamen.“
Der Brillenträger zuckte müde mit den Schultern: „Tja, es heißt ja auch nicht ohne Grund nicht Lalalalismus, sonder eben Leninismus.“
Als sie Berlin wieder aus und in Richtung Heimat verlassen hatten, dämmerte es bereits, die grauen Wolken am Himmel ließen nur noch wenig Sonnenlicht bis auf die Ausfallstraßen der Hauptstadt, und zum ersten Mal verpassten sie die Ausfahrt unter dem Funkturm nicht. Unterwegs machten sie nur eine Pause. Als sie am Bordstein auf dem Rastplatz standen, war die Nacht hereingebrochen, es hatte endlich aufgehört zu regnen und nur die Sterne versteckten sich noch. Sie standen schweigend, dann hörten sie die ersten Kraniche des Herbstes am Himmel über ihnen und dachten alle das gleiche: Wenn heute nur ein einizges anderes Wesen mit ihnen fliegen dürfte, es wäre ein kleiner Hund, den seine Tapferkeit und sein zu großes Herz bis dort oben getragen haben, durch den Wind und den Regen und durch ein viel zu kurzes, gutes Leben.
„I used to think
as birds take wing
they sing through life
so why can’t we?
We cling to this
and claim the best,
if this is what you’re offering
I’ll take the rain,
i’ll take the rain.“
(R.E.M. 2001)

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