„And when the morning
of the warning‘s passed
the gassed and flaccid kids
are flung across the stars.
The psychodramas and traumas gone,
the songs are left unsung
and hung upon the scars.“
(Bloodhound Gang: Along comes Mary. 1998.)
Wenn es in den letzten Monaten
eine Woche gegeben hat,
die sich ziemlich genauso angefühlt hat
wie Mitte März 2020 (Erste Corona-Welle),
oder Ende Oktober 2020 (Zweite Corona-Welle),
oder Anfang April 2021 (Dritte Corona-Welle),
dann war es Mitte Oktober 2021,
also: letzte Woche.
Die zweite Herbst-Welle zieht an,
und zwar, wie von Covid-19 gewohnt:
So rrrrrichtig.
Und was machen die allermeisten Kartoffeln
in solch einem Moment?
Richtig: Urlaub.
Was tun wir nicht alles
für eine möglichst schnelle
Durchseuchung.
So schlimm wie letztes Jahr
wird es schon nicht werden.
So schlimm
wie aktuell in Rumänien:
In den Krankenhäusern von Bukarest
streiten sich die Patienten
bereits um den Sauerstoff,
die ersten Triagen werden schon verschwiegen.
Die Ukraine und Lettland
sind bereits im nächsten Lockdown,
in den Niederlanden
muss über den schon wieder diskutiert werden.
Im UK sind die Todeszahlen wieder
so hoch wie im März 2020,
für die nächste Woche
werden rekordverdächtige Infektionszahlen erwartet.
In Russland,
wo inzwischen täglich über 1000 Menschen
an Covid-19 sterben,
werden die Leute wieder
für eine Woche in den Urlaub geschickt,
also alle außer des Pflegepersonals.
In den USA sind allein gestern
3.500 Menschen an nur einem Tag verstorben,
bis zum Jahresende sind dort insgesamt
eine Million Opfer inzwischen sehr wahrscheinlich.
Selbst Peking ist in einem Lockdown light.
In Deutschland brennt vor allem
die untere rechte Ecke bereits lichterloh:
Bereits vier Kreise um das Berchtesgardener Land
sind auf der Pandemiekarte lila (400+ Inzidenz).
In der Mitte, in Thüringen,
ist es nur geringfügig besser:
Der Kyffhäuserkreis meldet 350.
Und der Harzkreis hat in dieser Woche
mit Leichtigkeit wieder die 100 geknackt.
Mitte der Woche schloss vorläufig
die Kita in Weddersleben;
einfach zu viele Fälle.
Aber so richtig Panik
kommt irgendwie nicht mehr auf.
Der Grippevergleich ist zwar
immer noch Bullshit,
angesichts der steigenden Impfquote
aber zunehmender realistisch.
An dieser Stelle
wären die Inzidenzzahlen der Influenza
mal ganz interessant.
Ich konnte auf die Schnelle
aber nur den letzten Rekord finden,
der war in der Saison 2018
und stand bei 331 Erkrankungen(!) pro 100.000 Einwohner,
ohne irgendwelche Maßnahmen.
Da Covid-19 aber immer noch
bis zu zehn mal letaler ist,
bleibt es wohl bis mindestens
in den nächsten Sommer
bei Maßnahmen aller Art
und natürlich deren Verschärfung.
Die Pläne B (Lockdown light)
und C (harter Lockdown)
bleiben erstmal noch in der Schublade.
Wozu hat man denn 2-G?
Und während hierzulande
die verbliebenen Aluschalstricker
jetzt alles boykottieren wollen,
wo sie eh nicht reinkommen würden,
geht die österreichische Übergangsregierung
gleich mal den nächsten Schritt:
Der Lockdown für Ungeimpfte
könnte, vielleicht, unter Umständen,
möglicherweise kommen!
Übergangskanzler Schallenberg
hätte sich auch gleich ein Laken überwerfen
und laut Buh! rufen können.
Hier in Quedlinburg
scheint man sich hingegen sicher zu sein,
dass alle soviel Bock auf Weihnachtsmarkt haben,
dass der mit hoher Wahrscheinlichkeit
auch 2-G werden kann;
Durchgeimpfte besaufen sich sorgenfreier.
Und nachzuholen gibt es ja einiges.
Die Busunternehmen pumpen
die Allwetterreifen wieder auf.
Ob, wie und wann
das größte Flächendenkmal des Universums
dann abgesperrt wird,
und man nur noch mit Impf-
oder Anwohnerpass reinkommt,
davon berichte ich dann in einem Monat.
Alles zu seiner Zeit;
schließlich muss man ja jetzt
auch noch keine Lebkuchen kaufen,
auch wenn sie überall im Weg rumstehen.
Das lässt sich alles prima ausblenden.
Und überhaupt:
Pestilenz?
Schmenzilienz!
Der neue heiße Scheiß ist:
Resilienz.
Liest man jedenfalls überall im Internet
und sicher bald auch wieder im Bestsellerregal.
Gleich neben
„Das wunderbar geheime Leben der Darmbakterien“
und „Verarsch dich selbst, dann ist es egal, wer dich coacht“.
Für Quereinsteiger in die Laienpsychologie:
Resilienz ist ein psychischer Abwehrmechanismus
gegen Stress, also zunehmende Überforderung
(z.B.: 20 Monate Pandemie
+Klimakrise+Energiekrise+Demokratiekrise+Inflation
+Familie+Beruf/Schule+Jungsein/Altwerden,+,+,+).
Angeblich ist dieses Vermögen angeboren,
leider aber nicht bei allen Menschen auf die gleiche Weise.
Und genau da wird es besonders für Chancennutzer
gleich mal richtig interessant:
Was die Natur verschlampt hat,
das könnte ja der Markt regeln.
Die Nachfrage dürfte so groß sein wie nie.
Und, was zwar angeboren,
aber suboptimal ausgeprägt ist,
das lässt sich doch bestimmt trainieren!
Sie fühlen sich dem allgemeinen Chaos
nicht mehr gewachsen?
Sie sind abgeschlagen und antriebslos?
Sie vernachlässigen ihre Pflichten
als funktionierendes Mitglied der Gesellschaft?
Sie erahnen eine Depression?
Burnout?
Fürchten Sie nicht!
Es gibt für alles einen Coach.
Das nächste Webinar kostet nur 250 Euro.
Legen Sie noch 3000 drauf
und werden auch Sie zum Resilienz-Coach.
Verdrängen Sie die Beschissenheit der Welt,
reden Sie sich mit uns gemeinsam den Untergang schön,
und verdienen Sie dabei auch noch
an genauso armen Schweinen
wie Sie selbst (noch) eins sind.
Aber, um Himmels Willen,
bleiben sie uns, so ganz nebenbei,
als Produktivkraft und Konsument erhalten!
Liebe Grüße,
Ihr Coach für Resilienz-Coaches
(Steuernummer nur auf Nachfrage,
Bargeld immer gerne).
Aber: Neocons wären keine echten Verbrecher,
wenn sie nur auf einem Bein stehen würden.
Die FDP und ihre Juniorpartner
in der kommenden Regierung
basteln weiter fleißig
am Sozialstaatabbau und der Cannabisfreigabe.
Die Apothekerpartei will das künftige Grasmonopol
für einen der treuesten Teile ihrer Stammwählerschaft.
Die Infrastruktur steht schon seit Generationen.
Wenigstens ein Berufskiffer
hatte das alles schon vor knapp 20 Jahren
in einer Grasnebelschwade heraufbeschworen:
„Stell dir vor, es gäb ne Steuer,
die die Leute gern bezahlen.
Und so oft sie sie bezahlen,
danach völlig selig strahlen.“
(Götz Widmann: Die Zaubersteuer. 2003)
Diese „Zaubersteuer“ wird somit nicht nur
die Antwort auf das kommende
Finanzloch im Bundeshaushalt,
sondern eben auch
ein Weg
zu noch mehr Resilienz.
Und wer sich grade fragt,
wie das denn gehen soll,
der hat noch nie jemanden gesehen,
der bekifft versucht zu erklären,
warum er irgendwie gestresst sein könnte.
Und genau deswegen planen
auch schon die Oberschüler,
wahrscheinlich nicht nur hier in Quedlinburg,
geschäftig wie die Blattläuse
für den Tag X:
Da wird Kapital angespart,
Ladenflächen reserviert,
Gewächshäuser gebaut
und Lieferketten organisiert.
Wenn‘s losgeht,
will man gleich voll einsteigen können.
In den Wirtschaftskursen
wurde anscheinend aufgepasst.
Nur danach (oder davor)
doch noch zu viel geraucht.
Denn wenn die denken,
dass sich das Apothekergewerbe
und das Finanzamt
von ihnen ins Geschäft pfuschen lassen,
sollten sie die Bong mal wieder beiseite stellen
und lieber ein Pharmaziestudium anpeilen.
Trotzdem, da kommen lustige Geschäftsmodelle auf uns zu:
Die Rats-Adler-Apotheke macht hinten auf dem Hof
einfach noch einen Coffeeshop auf.
An der Theke vorne gibt‘s CBD in allen Formen,
hinten Purple Haze und White Widow.
Gut, reicht für heute mit Resilienz,
die Bude ist schon ganz blau.
#DieDoppeltenZwanziger
vermeiden bekanntlich nichts.
Die prokrastinieren nur gerne mal,
so wie eben wieder geschehen.
Also, frisches Wasser ins Gesicht,
kurz in eine Zitrone gebissen,
Kaffee nachgeschenkt
und ran an die verdrängten Themen:
In der Süddeutschen Zeitung
gibt die baldige Kanzlerin a.D.
eines ihrer letzten Regierungsinterviews.
Auf die Frage, warum sie das Wort
„Flüchtlingskrise“ immer vermieden hätte,
anwortet sie:
„Ich vermeide das Wort grundsätzlich,
weil ein Flüchtling für mich keine Krise ist,
sondern ein Mensch.“
Ach, CDU.
Was soll nur bald aus dir werden?
Noch-Innenminister Horst Seehofer
weiß aber erstaunlicherweise noch,
wo es mal hingehen sollte:
Mit Polen und Belarus
wird am nächsten „Flüchtlingsdeal“ gefeilt,
als erstes werden die Grenzkontrollen hochgefahren,
sonst setzt es Sanktionen!
Illegale Pushbacks?
Erfrierende Menschen in Zeltlagern?
Hat der Horst noch nichts von gehört,
oder kann der sehr gut verdrängen.
Wäre die zivile Seenotrettung im Mittelmeer nicht,
Europa wäre moralisch schon lange ein
noch viel schlechterer Witz.
Apropos:
Donald J. Trump ist schon wieder im Geschäft.
Sagt er.
Die gefühlt 46. Wiederauferstehung
des autoritären Möchtegern-Moguls,
mit diesem typischen Hauch von Kotzbrocken,
heißt: „Truth Social“.
Eine eigene Internetplattform,
angeblich ausgestattet mit wahnwitzigem Kapital,
auf der man gesperrt wird,
wenn man nicht im Chor mitsingt.
Und die bereits am ersten Tag gehackt wurde,
als würde es nichts amüsanteres geben…
Aber die Prozesse gegen ihn werden
aus irgendwelchen schleierhaften Gründen
immer noch nicht geführt.
Was war nochmal
mit meinem Weihnachtswunsch dieses Jahr?
Hinter Gittern ist der Spinner
wahrscheinlich auch nächstes Jahr noch nicht.
Genauso wie sein Kumpel Bolsonaro.
Der soll jetzt wegen
Verbrechen gegen die Menschlichkeit
vor ein brasilianisches Gericht gestellt werden.
Sieht der selbstverständlich aber nicht ein,
besonders in der Pandemiebekämpfung hat er
„alles richtig gemacht“.
Wann sagt diesen Hirnis mal einer,
dass man mit „double down“ auf lange Sicht
eher selten durchkommt.
Und wenn schon!,
sagen die sich dann.
Als Staatenlenker wegen irgendwas verurteilt werden,
das gehört doch inzwischen zum guten Ton,
also unter den ganzen Pseudodiktatoren.
Nächstes Beispiel: Erdogan.
Gerade erst
vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
wegen Verstößen gegen die Presse-
und Meinungsfreiheit verurteilt,
schnippt der inzwischen sogar Berichte
über Giftgaseinsätze gegen die Kurden (Rojava)
wie lästige Kuchenkrümel
von der Strategiekarte
des Neuen Osmanischen Reiches.
Einen noch?
Xi Xinping, also eigentlich ganz China,
testet gerade völlig schamlos
waffenfähige Überschallraketen.
Bis nach Taiwan brauchen die nur wenige Minuten.
Also auch bis zu den
dort in der Nähe stationierten
US-Flugzeugträgern,
der „USS John S. McCain“ zum Beispiel.
Der jungen welt reicht das bereits,
um am Samstag auf der ersten Seite zu titeln:
„Weltkrieg auf Knopfdruck“.
Dann doch bitte lieber
alles eine Nummer kleiner,
um sich wenigstens gechillter
ablenken (aka aufregen) zu können;
noch so eine Form der Resilienz.
Und am besten noch
wegen irgendwas im Fernsehen.
Denn auch im provinziellsten deutschen Lehrerzimmer
gibt es seit letzter Woche endlich wieder was neues,
um nicht über wichtigeres reden zu müssen:
Squid Game.
Battle Royale finally meets The Hunger Games.
Nur in endbrutal.
Und mit noch deutlicherer Kapitalismuskritik.
Mit was die Kids sich heute so ablenken müssen!
Kiffen und Pornos reichen wohl schon nicht mehr?
Wo soll das alles noch hinführen!?
Die sollen sich gefälligst auf das System konzentrieren,
und nicht etwa das System durchschauen.
Nur weil es zu wenig Lehrer gibt,
müssen die ja nicht gleich vom Leben selbst lernen.
Herbstferien sind zum Entspannen
und für Hausaufgaben gemacht,
nicht zum Durchblickschärfen.
Komplett den Durchblick verloren
hat inzwischen auch Kyrie Irving.
Sorry für den schnellen Richtungswechsel,
aber auch diese Story lässt sich nicht vermeiden.
Einer der Superhelden des Crossovers,
vielleicht sogar der beste Ballhandler aller Zeiten,
der bereits durch Flatearthing
und Salbeirituale auffällig geworden war,
hat sich entschlossen,
die vor einigen Tagen gestartete NBA-Saison
so lange auszusitzen, bis auch ungeimpfte Superstars
wieder frei aufspielen dürfen.
Das kostet nicht nur uns den Genuss,
ihn spielen sehen zu können,
sondern ihn ungefähr 300.000(!) Dollar
pro Spiel.
Kann der also anscheinend drauf verzichten.
Die Brooklyn Nets sollten mal überlegen,
wie viele Impfdosen man davon spenden könnte:
„Don‘t be like Kyrie“
sollte auf den Pop-Up-Impfstationen stehen.
Schade irgendwie.
Aber zu verschmerzen.
Die Lakers haben dieses Jahr
nämlich schon wieder
das absolut allerbeste Team aller Zeiten!
Und wehe jemand denkt jetzt,
Basketball ist doch auch nur
ne (ziemlich geile) Form der Ablenkung.
Das ist und bleibt Liebe.
Und wo wir grade bei Liebe
und Freiheit
und so weiter sind:
Zum Ende heute
kurz noch was zur Querdenkerblase.
Es wird nämlich angenehm weniger aufwendig,
das alles lächerlich und schlimm zu finden.
Die meisten Protagonisten sind entzaubert,
der Rest radikalisiert sich erst mal im Hintergrund.
Vorne spielen nämlich seit Kurzem
wieder die Profis.
Genau, die Rechtspopulisten von der CDU.
Mit den gut abgehangenen Aushängeschildern
Merz und Maaßen
geht jetzt eine neue Kampagnenagentur aufs Glatteis:
#TheRepublic heißt der Dreck.
Memes und Posts zum Fremdschämen.
Microtargeting und Bots und Trolle,
dass das empörte Kleinbürgerherz
schon wieder nicht mehr weiß,
ob es nicht doch mal draufklicken sollte.
Hauptsache, man bleibt am Ball.
Dachte sich anscheinend auch
die Frankfurter Buchmesse,
und hält es immer noch für eine gute Idee,
den rechtsextremen Jungeuropa-Verlag
gleich neben die ZDF-Bühne zu stellen.
Reicht ja auch schon
als Provokation.
Ob mit der Absage einiger Autor*innen
richtig auf das Problem reagiert wurde,
bleibt zu bezweifeln;
jetzt habt sogar Ihr schon mal was
von einem völlig überflüssigen Nazi-Buchverlag gehört.
Und die Rechtsscheitelträger grinsen
das ganze Messewochenende die Besucher voll.
Alles nur noch zum Weggucken.
Gut,
das muss es dann also für heute gewesen sein.
Ich könnte jetzt noch
einen dreiseitigen Rant
zu Julian Reichelt abfeuern,
habe aber gerade noch so
einen halben Joint unterm Sofa gefunden,
der wäre mir dann doch wichtiger,
als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
dieser widerlichen Koksfresse.
Da kann ich ganz problemlos widerstehen.
Und, gerne nochmal:
Es sind Herbstferien!
Und Halloween!
Und dann bald Nikolaus!
Und Weihachten.
Und Silvester.
Und dann auch schon 2022.
Lieber noch nicht dran denken.

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