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Ikarus (Teil 2) (S7:Ep1)

von | 2022 | 10. April | Die Serie, Staffel 7 - Half a world away

Teil 2 – Sign of the times

 

Völker verhöhnt die Signale!
Applaudiert beim letzten Gefecht!
Die Intranationale
zerschlägt
das Menschenrecht.

(frei nach: Pottier, 1871/Luckhardt, 1910)

 

So.
Heute gibt es keinen
bemüht fröhlichen Einstieg.
#DieDoppeltenZwanziger
nehmen die Lage so ernst,
wie sie nun mal ist.
Vielleicht wird‘s ja aber am Ende nochmal lustig,
man kann nie wissen.

Die Ukraine liegt jetzt,
nach wenig mehr als sechs Wochen,
bereits zu großen Teilen
in Trümmern.
Und der Krieg
ist in seine nächste,
noch zermürbendere Phase eingetreten.
Palmsonntagsgebet(tel) von Franziskus hin oder her,
die Auferstehung fällt in diesem Jahr aus,
also im Großen und Ganzen.
Im Besonderen dann ab sofort,
und wie schon die letzten acht Jahre
im Donbass.
In einem Stück wird das Land
nicht mehr aus diesem Krieg herauskommen.
Jedenfalls nicht,
wenn am Ende noch
irgendwelche Ukrainer leben sollen.

Und ich habe mir
ausgerechnet an dieser Stelle
nichts weniger vorgenommen,
als den Topkandidaten
für den kommenden Friedensnobelpreis
mal ein bisschen zurechtzustutzen.
Die Motive dafür
sind bereits in den letzten Episoden angeklungen,
und ich weiß, dass der Zeitpunkt
schlecht gewählt ist.
Vor allem weiß ich auch,
dass man sich mit Heldenbashing
schnell in falsche Ecke stellt.
Und genau aus diesen Gründen
bringe ich das jetzt auch
endlich hinter mich.
Ein mal noch
über den Leitkometen
der freiheitlich-demokratischen Welt schreiben,
und hoffen, dass sein zukünftiges Verglühen
nicht noch größeren Schaden anrichtet.
Einer muss sich ja
die geballte Faust verbrennen.

Aber inzwischen
ist es schon bald unmöglich geworden,
Wolodymyr Selenskyj
überhaupt noch
mit anderen hochfliegenden Widerstandshelden
zu vergleichen.
Gab es denn jemals einen Krieg,
in dem die Chancen ungleicher verteilt waren?
(Spoiler: ja, mehere)
Gab es denn jemals
einen wagemutigeren,
konsequenteren und
telegeneren Landespräsidenten?
Donald Trump hat das mediale Dauerfeuer
eines Staatsoberhauptes vielleicht erfunden,
aber der ukrainische Präsident
hat daraus eine vollendete Kunstform gemacht.
Und genau das macht
ihn eben verdächtig.
Für einige ist er ja jetzt schon
der Ronald Reagan des (ehemaligen) Ostblocks.
Und ja, es gibt durchaus Parallelen.
Beides ehemalige Schauspieler,
die beide in einem Kalten Krieg regier(t)en,
der eine am Ende des ersten,
der andere zu Beginn des zweiten.
Ansonsten ist an dem Vergleich
wenig schmeichelhaftes,
für beide.
Die Unterschiede allerdings überwiegen,
besonders der, dass nur einer von beiden
wirklich von Russland angegriffen wurde.
Aber neben dessen ernsthaft beeindruckenden
und tatsächlich relativ erfolgreichen Reden
(gestern hab es über 9 Milliarden Euro
bei einer internationalen Geberkonferenz
für Kriegsflüchtlinge)
vor inzwischen fast jedem Parlament der Welt,
hat der Mann aber auch
noch ein paar andere Tricks auf Lager
und kann offenbar mehr,
als Forderungen via Internet zu stellen.
Denn:
Der kann nämlich auch
so was hier:
Die größten Sendeanstalten des Landes
„vereinheitlichen“.
Alle relevanten Oppositionsparteien
verbieten.
Den Krieg
vor dem israelischen Parlament
mit der Shoah vergleichen.
Den Krieg
vor dem australischen Parlament
einen „vaterländischen“ nennen.
Per Dekret „Verräter“ entlassen.
Mehr als ein neofaschistisches Bataillon
in seiner Armee dulden.
Und auch noch stolz darauf sein.
– Wer jetzt denkt, dass das jetzt aber schon
den Tatbestand der Gegenpropaganda
oder Friedenshetze erfüllt,
dem sei bestätigt:
Die große Mehrheit
des griechischen Parlaments
(Urahn der Originaldemokratie)
hat den kürzlichen online Auftritt
des Mannes mit den gut sitzenden,
olivgrünen T-Shirts
als „Tag der Schande“ bezeichnet.
Warum?
Weil Selenskyj,
ohne Vorwarnung,
erstmals zwei Gäste
zu seiner Ansprache eingeladen hatte.
Wen?
Genau, zwei Kommandanten des Bataillons Asow,
die übrigens gemeinsam
mit dem ukrainischen Geheimdienst (SBU)
gerade wieder vermehrt Jagd auf Oppositionelle,
pardon,
Verräter macht. –
Klingt alles ziemlich übel,
aber wer kann dem offensichtlichen Opfer
schon so schnell auch mal was übel nehmen?
Das spornt sogar dessen Kollegen an.
Allen voran den ukrainischen Botschafter in Berlin,
der es kürzlich wirklich geschafft hat,
öffentlich stolz auf Stepan Bandera zu sein
und sich jegliche Kritik an diesem „Nationalhelden“
aber mal zu verbitten.
Das ist in etwa so,
als würde Karl Lauterbach
posthum einen Medizinnobelpreis
für Mengele fordern,
aber mindestens
ist das eine Sturmflut
für die Wasserkraftwerke
der russischen Propaganda;
also: echt geisteskrank,
oder: bösartig.
Bis zum letzten Hinterbänkler
hat sich dieses so abgefeierte Verständnis
für die letzten Verteidiger der westlichen Demokratien
bereits durchgesifft.
Deswegen nur noch ein Beispiel,
dann kommen wir noch einmal kurz
zum Überflieger selbst zurück:
Der Berater des ukrainischen Innenministers,
Wadym Denyssenko, rechtfertigt
die willkürliche Fesselung (an Laternenmaste)
vermeintlicher Plünderer (zufälligerweise Sinti)
in ukrainischen Städten.
Die Polizeikräfte würden
in der aktuellen Situation
eben einfach nicht ausreichen.
„Ein Plünderer muss begreifen,
dass er in jedem Fall das bekommt,
was er verdient:
Erst wird er an einen Mast gebunden
und danach auf jeden Fall
für zehn Jahre ins Gefängnis gesteckt.“
Das würde einen größeren Effekt
auf die Plünderer ausüben
als die Strafverfolgung.
„Er (der „Plünderer“ in einer völlig zerschossenen Stadt)
begreift, dass die Strafe
hier und jetzt erfolgt.“
Zudem sei es
eine „Erziehungsmaßnahme“
für andere.

Und?
Würdet Ihr,
unter anderen Umständen,
einem Präsidenten applaudieren,
der sich von so was nicht umgehend distanziert?
Oder irgendeine der zuvor beschriebenen Aktionen abzieht?
Nein?
Dann fragt Euch nochmal noch schnell,
warum er dann trotzdem noch
ununterbrochen Applaus kriegt.
Wäre es nicht so makaber,
müsste ich das schon als blinden Opferbonus bezeichnen.
Aber nein, nein!
Der Mann macht seine Sache gut,
der Krieg wird schon noch gewonnen,
dauert halt nur länger,
wird also immer nur noch schlimmer.
Immerhin weiß er aber schon,
was nach dem Krieg ansteht.
Nämlich ein Volksreferendum
über den „Kompromiss“,
den seine Unterhändler
mit Russland aushandeln werden.
Das ist richtige,
das ist demokratische Führungsstärke;
und das schreibe ich frei von jeder Ironie.

In den USA jedenfalls ist er inzwischen
zum beliebtesten Leader überhaupt geworden,
wie irgendwelche Umfragen ergeben haben.
Die letzte mit diesem Titel (Angela Merkel)
hat er dann auch umgehend
nach Butscha eingeladen,
um sich die Leichen der Zivilisten
mal näher anzuschauen.
Gekommen ist sie nicht,
dafür stand Ursula von der Leyen vorgestern
mit gefalteten Händen vor schwarzen Plastesäcken,
hat dann später wieder mal die Aufnahme in die EU
„in Aussicht gestellt“
und selbstverständlich das „Versagen Putins“ gefordert.
Wie das genau ablaufen soll,
ließ sie offen.
Wolodymyr Selenskyj jedenfalls
kann das als Sieg verbuchen,
auch wenn es nichts (im Sinne von gar nichts)
am aktuellen Kriegsverlauf ändert.
Da wird er schon noch weit höher hinaus müssen,
aber das traue ich ihm zu.

Soweit, so kontrovers.
Kommen wir also endlich
wieder zurück
in den sicheren Hafen
der Selbstkritik.
Denn besonders eine ideologische Ausrichtung
hat dieses Verfahren inzwischen
so dermaßen zum Selbstzweck erklärt,
dass auch ich mich nicht mehr davon distanzieren kann.
Nach dem Komplettabsturz
bei den Landtagswahlen im Saarland,
ist Die Linke
wirklich endgültig in der Bedeutungslosigkeit angekommen.
Und was macht man als jemand,
der mal irgendwie oppositionell relevant war,
aber für dessen Meinung
sich absolut niemand mehr interessiert?
Genau, mit sich selber streiten.
Ich will das jetzt hier
auch gar nicht groß ausbreiten,
aber anhand einer kleinen Parabel aus Italien
soll kurz angerissen werden,
warum die bis vor kurzem noch letzte Antikriegspartei
von niemandem mehr ernst genommen werden kann,
auch nicht von Schreibtischbolschewiken wie mir:

 

„Die liberale Linke (in Italien) ist solidarisch mit den Faschisten in der Ukraine. Das ist moralisch völlig untragbar. Daher weigert sie sich auch beharrlich einzugestehen, dass es ein großes Naziproblem gibt (in der Ukraine) – da findet ein kollektiver psychischer Verdrängungsprozess statt. Diese schreckliche Geschichte konnte passieren, weil die liberale Linke sich von der ideologischen auf die geopolitische Ebene begeben hat. Auf den Friedensdemonstrationen wird hier und da verlangt, dass rechte Symbole entfernt werden, aber die Nazis werden nicht rausgeschmissen – man marschiert einfach weiter. Italien ist ja ein katholisches Land und eine große christliche Friedensbewegung. Es mag seltsam klingen, aber manchmal sind die Positionen der katholischen Pazifisten zum Faschismus besser als die der liberalen Linken.“

(Alberto Fazolo: „Die Schande ist einfach zu groß“. 2022)

 

Warum das trotzdem irgendwie relevant ist,
oder wenigstens noch zum Titel
einer Episode eines irrelevanten Möchtegernblogs passt?
Ich sag mal so:
Der letzte Höhenflug
einer internationalen Linken,
also die Chance auf so etwas ähnliches
wie weltweiten Frieden,
nahm sein Ende
vor beinahe exakt 100 Jahren,
als auf dem 11. Kongress der Bolschewiken,
Anfang April 1922,
Josef Stalin zum neuen Generalsekretär ernannt wurde.
Der Rest ist Geschichte.
Genau so wie die Ostermärsche,
die höchstens noch eine Ehrenerwähnung
in der Tagesschau bekommen werden.
Mitten im Krieg.

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