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Kapitulation, ohoho … (S6:Ep8)

von | 2021 | 21. November | Die Serie, Staffel 6 - Peace or Love

Totensonntag.
Auf den Friedhöfen des Landes
brennen heute 99.000 Grablichter,
von denen die allermeisten nicht gebrannt hätten,
wenn vor zwei Jahren
nicht passiert wäre,
was eben passiert ist.
Auf irgendeinem Wildtiermarkt,
irgendwo in China.
In der Nähe mehrerer Säcke Reis.

Es ist ja nicht so,
dass wir nicht wenigstens versucht hätten,
das alles irgendwie zu verhindern,
aber fünf Wochen vor dem Jahrestag
des Höhepunktes der Zweiten Welle
(1000 Opfer täglich)
titelt die tagesschau
jetzt seit zwei Wochen
wieder jeden Tag:
„Neuer Inzidenzrekord.“
Und in den Fenstern
stehen wieder mehr Kerzen.
Aktuell hat Deutschland
die beeindruckendste Infektionskurve
der ganzen Welt,
ein Lehrbuchbeispiel
für exponentielles Wachstum.
Eine Situation,
die sogar die hartgekochten Realisten
noch überrascht hat.
Und keiner hat mehr Bock.
Nicht auf die Masken,
nicht auf die Tests,
nicht auf die Angst,
nicht auf die Isolation,
nicht auf das ständige Darüberredenmüssen.

Aber: Kartoffeln sind geduldig.
Die überwintern problemlos,
solange es nur schön kalt und dunkel ist.
Vorübergehender Rückzug.
Vorbereitung auf die Keimung
im nächsten Frühling.
Gut, nicht alle Kartoffeln,
einige faulen auch ziemlich schnell;
aber zu denen später.
Denn die Rekapitulation dieser Woche
versprach schon zu Beginn
ein Mammutprojekt zu werden.
Endlich sollten Nägel mit Köpfen gemacht werden.
Mal wieder.
Am Montag tauchte eine Schlagzeile auf,
die selbst den machtgeilsten Entscheider
vor die Grundfrage der Humanität
(aka Solidarität) stellt:
„Bevölkerung hat höhere Akzeptanz
für Triage
als für Lockdowns.“
Irgendeine Umfrage
war zu diesem Ergebnis gekommen,
und war der Meinung,
das an die Presseagenturen geben zu müssen.
Irgendwie ist es dann doch
seltsam beruhigend,
zu sehen,
dass die allermeisten Entscheider,
von Bürgermeister*innen,
über Landrät*innen,
über Minister*innen,
bis zu Ministerpräsident*innen,
dass denen die Meinung der „Bevölkerung“
wenigstens in diesem Punkt herzlich egal ist.

Klar, sonst hätten sie ja auch bald
keine mehr.
In Sachsen, zum Beispiel
herrscht seit spätestens
dieser Woche endgültig wieder das Chaos.
Nicht mal die Maßnahmengegnerquerfront
kommt noch dazu,
Nutzen aus der Situation zu ziehen.
Aus Bayern müssen bereits Patienten
nach Italien(!) verlegt werden;
wie die Zeiten sich ändern.
Und in Salzburg werden
die ersten Triageteams zusammengestellt.
Wir sind so dermaßen erschöpft von all dem,
dass wir kaum noch wahrnehmen,
was jetzt eigentlich alles beschlossen ist.
Und wie er also werden könnte,
der zweite Winter
der Doppel20er.

Am Donnerstag dann also die „Anti-Bundesnotbremse“:
Die Ampel,
die Ministerpräsidentenkonferenz,
der Bundestag
und der Bundesrat
schärfen (fast) gemeinsam herzhaft nach.
War eben doch
alles noch
zu lasch.
Und sie stellen den Bund
vor eine historische Aufgabe,
denn nächste Woche ist der Drops gelutscht:
Jedes Bundesland ist auf sich allein gestellt.
Die Notlage nationaler Tragweite ist vorbei.
Mit einem Federstrich.
Im Angesicht der Pandemie
zerfällt der Bund
in 16 Coronareiche.
Und wir sind auf dem Weg
in die Deutsche Demokratische Föderation (DDF).
Die Bundesrepublik gibt auf.

Und vielleicht stimmt es ja auch gar nicht,
dass zu viele Köche den Brei verderben.
Denn zum vorherigen Zustand hat sich
nicht viel verändert,
nur dass bundesweit
eben einige Maßnahmen
nicht mehr angeordnet werden können,
nämlich Betriebs- und Schulschließungen
und allgemeine Ausgangssperren.
Es ist ja aber nicht so,
als hätten die Bundesländer
bis jetzt immer gemacht,
was der Bund gesagt hatte.

Also sind auch Kontaktbeschränkungen
(aka Lockdown) weiterhin möglich,
was auch sofort in die Tat umgesetzt wird,
in Sachsen und in großen Teilen Bayerns;
der Rest wird folgen,
je nach Diszipliniertheit.
Bundesweit gelten aber
schon noch ein paar Regeln:
Die Hospitalisierungsquote
ist ab sofort maßgeblich.
Wie gut das ist,
darüber wird gestritten.
Am Arbeitsplatz
und im ÖPNV gilt 3G,
wahlweise auch im Einzelhandel.
Auch darüber wird gestritten,
die Umsetzbarkeit steht zurecht in Frage.
Die Homeofficepflicht, wenn möglich,
ist auch wieder da.
Und: Auch ein bundesweiter Lockdown
bleibt zumindest nicht ausgeschlossen.
Spätestens ja dann,
wenn sich auch
das letzte Land
zu diesem Schritt
durchringen muss
(Mein Tipp: Schleswig-Holstein).

Die Zügel sind also noch nicht
wirklich locker gelassen,
die Pferde aber wiehern schon.
Und am lautesten natürlich wieder die,
denen ihre Box noch nicht klein genug ist
und die sich nicht mal
vom bestem Bio(ntech)-Hafer
stechen lassen wollen.
Genau, die AfD
hat natürlich im Bundestag
gegen das neue Infektionschutzgesetz gestimmt.
Warum?
Egal.
Hauptsache dagegen.
Wirklich schlimm aber ist es,
dass sie nicht als einzige Partei
dagegen gestimmt hat.
Denn die Bundestags-CDU nutzt
diese erste folgenschwere Gelegenheit
und stellt sich geschlossen auf die rechte Seite.
So schnell hatten das
selbst die Hipster unter den Schwarzmalern
nicht kommen sehen.
Und natürlich sind Lockdowns,
oder noch besser: Lockdowns für Ungeimpfte
Öl in das gerade verglimmende Feuer
sämtlicher Rechtspopulisten.

Was die nämlich so alles in den Mund nehmen,
um den „Spaltpilz immer weiter in die Gesellschaft zu tragen“ (Gauland)
(während sie allen anderen Spaltung vorwerfen),
das geht wirklich auf keine Viehhaut mehr.
Entwurmungsmittel für Vieh, zum Beispiel.
Schon im Sommer,
als sich bereits irgendwelche Hillbillies
in den USA damit vergiftet hatten,
war zu befürchten,
dass der Trend auch
nach hier noch rüberschwabt.
Diese Woche war es dann soweit,
und in Österreich
musste den ersten tapferen BigPharma-Bekämpfern
der Magen ausgepumpt werden.
Daneben Menschen,
die sich auf echten „Coronapartys“ freiwillig infizieren,
um dann als Genesene endlich frei sein zu können;
falls sie vorher noch ein freies Intensivbett bekommen.
Und wie auch schon im Sommer
sind es auch dieses Mal wieder
prominente Volksvertreter,
die in den Sozialen Medien
zur Selbstintoxikation aufrufen,
in Österreich: Herbert Kickl (FPÖ),
wer sonst.
Frisch heraus aus der Quarantäne
labert er dann irgendwas
von „Schandfleck in der Geschichte Österreichs“,
meint damit aber nicht sich selbst,
sondern die neuesten Maßnahmen des Alpenstaates.
Denn dort hat man anscheinend endlich
so richtig die Schnauze voll von „Corona“
und vor allem von Realitätsverweigerern
und manipulativen Arschlöchern:
Ab Montag ist bundesweiter Lockdown
und ab Februar
kommt die Impfpflicht.
Für alle.
Das bringt am Samstag
immerhin noch 40.000 „Gegendemonstranten“,
angeführt von den Faschos der Identitären Bewegung
auf die Straßen Wiens.

Ganz Europa zittert
vor der nächsten Stufe der Gesundheitsdiktatur.
In Rotterdam gehen Autos in Flammen auf.
In Sachsen und Thüringen
werden die Einsatzkräfte
auf einen ruppigen Winter eingeschworen.
Der österreichische Kanzler
entschuldigt sich schon mal stellvertretend
für alle ihm nachfolgenden Staatschefs
bei allen Vernünftigen.
Entschuldigung angenommen.
Denn alles andere als ein Lockdown,
auch für die Geimpften,
wäre, angesichts der schwindenden Immunität
und des im Grunde völlig unklaren Infektionsgeschehens
eine Kapitulation
und die endgültige Preisgabe
auch noch des letzten Restes von Solidarität.

Aber auch hierzulande
wird eine Impfpflicht kommen,
mindestens in bestimmten Bereichen.
Niemand ist mehr dagegen,
außer den Nazis
signalisieren alle Parteien Debattenbereitschaft,
und einzelne wagen sich bereits
mit der Forderung nach einer Pflicht
für alle
nach vorn.
Was für ein Zufall also,
dass der Chef des Impfstoffmarktführers
zeitgleich ankündigt,
dass wahrscheinlich jährliche Impfungen
notwendig sein werden.
Auch von Bonuszahlungen für die Pflegekräfte
ist wieder die Rede
und von weiteren staatlichen Wirtschaftshilfen.

Bevor wir aber zu denen kommen,
denn deren Empfänger stehen buchstäblich vor meiner Tür,
hier noch schnell eine alternative Timeline,
denn es hätte auch alles ganz anders kommen können.
Eigentlich stand am Ende der Woche
noch viel mehr auf dem Spiel:
Noch am Mittwoch
war sich der zukünftige Kanzlerkandidat der CDU,
Marcel Wüst, neuer Ministerpräsident von NRW,
nicht sicher, wie er dann am Freitag
im Bundesrat abstimmen würde.
Das zu lasche Infektionsschutzgesetz,
die Zerschlagung des Bundes,
beides gute Gründe,
um der Regierung von der Fahne zu gehen.
Das Gelächze der blauen Hyänen allerdings
war dann wohl doch zu hässlich
und schon vor der Abstimmung im Bundesrat
war klar:
Lieber DDF als irgendwas mit AfD.
Was für ein Krimi!
Ist ja aber nochmal gut ausgegangen.

Zurück in die Provinz,
denn der Krimi aller Krimis
findet gerade auf dem Quedlinburger Marktplatz statt.
Dutzende Händler fürchten gerade
um die bereits eingekauften Waren.
In der Woche, in der der „Gröpern-Killer“
endgültig hinter Gittern landet,
rollen am Dienstag Abend
die Buden den Theaterberg runter
in die Stadt.
Am Mittwoch steht alles,
und eine Mitteilung macht die Runde.
So söllte das ganze (Stand heute)
also ablaufen:
Rund um den Markt
soll es eine „Laufzone“ geben,
ab Dienstag gilt
in einem gehörigen Stück der Innenstadt
überall Maskenpflicht.
2G-Bändchen in wöchentlich wechselnder Farbe
sollen dann ab Mittwoch den Eintritt zum Konsumvergnügen
erlauben, das man sich vorher online buchen kann.
Dann gilt vor den Buden:
keine Masken, aber Abstand.
Immerhin.
Denn, zum Beispiel in Magdeburg
soll es momentan noch gar keine Einschränkungen geben.
Am heutigen Sonntagnachmittag
werden dann auf dem Markt die Wetten platziert
und ein bisschen Mitleid mit den Händlern geheuchelt,
die so kurzsichtig waren,
und ihren Stand nicht schon vor Wochen abgesagt hatten.
Die einen sagen, am Montag kommt das Verbot,
so wie momentan überall, außer hier.
Die anderen denken, dass es noch spannender wird,
und die Absage erst am Mittwoch kommt.
Noch andere denken,
dass man es wenigstens
ein Wochenende lang durchzieht.
Aber ehrlich,
wenn sogar schon der Breitensport
und die Chöre
seit gestern
alle Aktivitäten bis zum Jahresende aussetzen,
dann macht so ein Weihnachtsmarkt keinen Sinn.
Auch wenn er zu den schönsten
im ganzen Land gezählt wird.

Und Geschenke gibt es doch schließlich trotzdem!
Nur eben jetzt gleich, also bald.
Vorfreude wurde eh schon immer überschätzt.
Unter dem Weihnachtsbaum
liegen schon heute,
neben der Rute,
auch gute Sachen:
Impfstoffe für Kinder.
Die Legalisierung von Cannabis.
Der dritte Fehlversuch von Friedrich Merz.
Matrix Resurrection in den Kinos.
Und das Versprechen
von Big Pharma (Pfizer),
das kommende Medikament
auch als Generika zu erlauben.

Sogar einige Bösewichter geben auf:
Der verkalkte Stephen Bannon nämlich,
die regelmäßigen Leser erinnern sich vielleicht noch
an die missratene Goebbelskopie hinter Trump.
Selbst der Q-Anon Schamane
(der mit den Kuhhörnern beim Sturm auf das Kapitol)
geht für 41 Monate in den Knast.
Nur gegen den Vorlügner persönlich
läuft immer noch nichts,
sogar das berüchtigte „Steel Dossier“
(google: Trump, Moskau, Hotel, Sekt)
wurde jetzt offiziell zu Humbug erklärt
(schade eigentlich!).
Den Ungeduldigen
hat Santa Claus aber heimlich einen Brief geschrieben,
in dem sinngemäß steht,
sie sollen geduldig sein,
die Verfahren gegen Trump kommen schon noch.
Nächstes Jahr,
vor den Kongressneuwahlen (Mid Terms).
Den Demokraten tue das leid,
aber die Prozesse würden dann
einfach noch mehr Gewicht haben.

Und wo wir gerade bei Prozessen sind,
müssen wir in dieser Woche auch sehen,
wie unfassbar schief die gehen können.
Was ein klares Signal an die rechte Waffenlobby,
an Nazis und Faschos aller Art
hätte werden sollen,
und was bis zum Urteil
für jeden Außenstehenden
klarer als Kloßbrühe war,
ist mit einem Desaster der modernen Rechtsauslegung geendet:
Die Jury hat gesprochen:
Rittenhouse – not guilty!
Die Selbstverteidigungslüge hat sich durchgesetzt.
Da kriegt der kleine Kyle
gleich den nächsten Fake-Nervenzusammenbruch.
Und aus dem US-Parlament gibt es postwendend
das Angebot für ein Praktikum
bei irgendeinem ruchlosen Republikaner.
Der „Fall Rittenhouse“
ist damit die Beerdigung
der Aussicht auf Frieden
zwischen irgendwelchen Minderheiten.
Denn ab dieser Woche
braucht man nur noch eine Waffe
und jemanden,
von dem man behaupten kann,
er mache ihm Angst.
Boom.
Selbstverteidigung.
Ich kann mich täuschen,
aber in Europa
ist das immer noch die Definition
von Selbstjustiz.
Ein Rechtsstaat der das erlaubt,
schafft sich umgehend selber ab
und die Tür zum (molekularen) Bürgerkrieg
hängt eingetreten in den Angeln.

Aber was schreibe ich von Europa?,
hier ist es doch auch nicht besser.
Im Gegenteil.
Selbst wenn wenigstens mal einer
kurz seine Immunität „verliert“,
muss man nur ein paar hundert Kilometer
nach Norden blicken
und sieht noch ganz andere Dimensionen
von Ungerechtigkeit
und Leid
und Kriegsgeilheit.
Bereits vor zehn Tagen
am 11. November,
also zeitgleich mit der Mobilisierung der polnischen Armee
in Richtung belarussischer Grenze,
marschierten 150.000 (sic) Nazis (sic)
aus ganz Europa (sic)
durch Warschau.
Hinter der Grenze
durften die Flüchtenden
in ein leerstehendes Lagerhaus umziehen.
Auch ein Lukaschenko will sich
keine Inhumanität vorwerfen lassen.
Also Europa,
was darf‘s sein?
Lassen wir die zu Weihnachten
doch noch rein?
Oder lassen wir das
mit dem europäischen Erbe der Aufklärung
oder wenigstens das mit der Christlichkeit
dann auch mal wieder gut sein?
Gespaltene Gesellschaften
erreichen keine gemeinsamen Ziele.
Aber wir schaffen es ja nicht mal,
uns im Angesicht des gemeinsamen Niedergangs
zusammenzureißen.

Und natürlich weiß ich,
wer an allem Schuld ist:
Die Anderen.
Die, die nicht kapitulieren wollen,
die um ihre Persönlichkeitsrechte kämpfen,
die irrigerweise
immer noch gegen den Strom schwimmen müssen,
nur weil das mal irgendwie cool war.
Die sich einfach ihre eigene Welt weiterbauen,
völlig egal, was jenseits des Gartenzauns abgeht.
Deren Lügen und Blendwerk
sich auch bis in die letzte Ecke
der Klarsichtigkeit durchgeätzt haben.

Moment, ich stelle kurz scharf,
dann wird deutlicher, was ich meine:
In einer Augenarztpraxis in Halberstadt,
im Wartezimmer,
auf dem Tisch mit den bunten Heften,
findet man in dieser Woche
den „Demokratischen Widerstand“.
Eine 16-seitige Wochenzeitung,
herausgegeben von einem
der intellektuellen Stars der Querdenkerbewegung,
Anselm Lenz.
Angeblich hat sogar ein richtiger Philosoph
seine Finger im Spiel, Giorgio Agamben,
der Richard David Precht (aber in schlau)
der italienischen Gegenwartsdenker.
Die Ausgabe in der Augenarztpraxis
ist allerdings schon aus dem Februar
und inhaltlich nicht sehr gut gealtert;
außerdem sieht sie ziemlich neu und ungelesen aus,
obwohl es auf der Titelseite heißt:
„Dies ist die 36. Ausgabe
der meistgelesenen deutschen Wochenzeitung –
unabhängig von Konzernen und Parteien.“
Daneben dann, in sehr großen,
kursiv gesetzten, roten Lettern:
„Liebe in Zeiten der Corona“.
Auf den Seiten elf und zwölf
dann das Starinterview:
Ken Jebsen will einen Campus eröffnen,
wahrscheinlich am Watzmann.

Dass Augenärzt*innen so verblendet sein können,
dazu fällt mir nichts mehr ein.
Aber wem fällt schon noch was ein?
Weitermachen ist und bleibt das Gesetz der Stunde.
Wenigstens so lange,
bis es wieder irgendwer verbietet,
und dann kann man sich wenigstens
darüber noch weiter aufregen.

Zwei Aufreger also noch zum Schluss,
dann gebe ich es (erst mal, für eine Weile) auf,
in die ganze Geschichte
noch irgendeinen Sinn bringen zu wollen.
Zwei Schlaglichter aus den Gassen der Stadt:
Am letzten Wochenende
vor dem drohenden Lockdown
ist in der Reiche nochmal richtich schön Konzert.
3G-Metal Night.
Bier, Schweiß, Spucke
und stahlweiche Männerherzen.
Zeitgleich in der Hölle,
genauer in der Hölle Nummer 10,
gleich hier vor dem Fenster:
Ein Vortragsabend der besonderen Art.
Unter dem gar nicht mal so geheimnisvollen Titel
„Testgebiet im Hinterland“,
und überschrieben mit dem Motto
„Welt – Heimat – Mittel – Deutschland“,
lauschen da bekannte Gesichter
der unheiligen Allianz des mitteldeutschen Bibelbelts
einer „Echt-Zeit-Mischung aus Poesie,
Philosophie, Ironie, Stimme und Klangspielen
über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten
des menschlichen in der Welt Seins
– existenziell wie spirituell.“
Martin Heidegger und Rudolf Steiner
wären bestimmt auch gerne gekommen,
aber nur um sich dann später
darüber kaputtzulachen.
Abschließend sag ich mal so:
Auf beiden Veranstaltungen
gab es bestimmt ganz gute Musik,
aber mit Sicherheit nichts,
was irgendwie zeigen würde,
dass irgendwer da
auch nur irgendwas kapiert hat.
Kapitulation ist die verlustreiche Beendigung des Krieges
mit friedlichen Mitteln.
Wenn man sich denn eingestehen kann,
dass die Schlacht verloren ist.
Ich liege dann schonmal
wieder auf der Couch.

„Alle, die die Liebe suchen,
Sie müssen kapitulieren.
Alle, die die Liebe finden,
Sie müssen kapitulieren.
Alle, die disziplinieren,
Sie müssen kapitulieren.
Alle, die uns kontrollieren,
Sie müssen kapitulieren.
Alle, die uns deprimieren,
Sie müssen kapitulieren.
Lasst uns an alle appellieren,
Wir müssen kapitulieren.“

(Tocotronic: Kapitulation. 2007)

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