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Kein Sommermärchen (Chronicle 18)

von | 2024 | 30. Juni | Chronicle, Staffel 10 - But Here We Are ...

Foto: Wasserspaß im Sommer – Klietz. Quedlinburg. Ende Juni 2024

 

 

 

„Blaka Blaka Blaka –
macht die Artillerie.“

(K.I.Z.: Frieden. 2024)

 

 

Kriegsprotokoll. Schreibtisch. Deutsche Heimatfront. Letzte Reihe.
Woche 119 bis Woche 122
Die westlichen Waffen zeigen Wirkung. Nur welche? Montag: Sahra Wagenknecht fordert vom Kanzler eine Regierungserklärung zum Kurswechsel beim Waffeneinsatz, auch Pax Christi ist in „großer Sorge“. Scholz antwortet bei Antenne Bayern: „Ich werde mich von keinem Druck dazu bewegen lassen, eine Entscheidung zu treffen, die nicht richtig ist und die nicht an der Zeit ist.“ In Charkiw wird ein Freizeitkomplex getroffen, auch in Donezk schlagen Raketen ein. Rheinmetall baut für 180.000.000 eine neue Munitionsfabrik in Litauen. Die Niederlande erlauben den Einsatz ihrer F-16-Kampfjets gegen Russland. Der Ukraine geht die Erlaubnis schon nicht mehr weit genug. Dienstag: Bei Rheinmetall werden zusätzliche 200.000 Granaten bestellt, aber sie müssen in Deutschland produziert werden. Dnipro wird mit Raketen beschossen. In Donezk marschiert die russische Armee weiter vorwärts. Immer öfter kommt es auch in Kiew zu unplanmäßigen Stromsperren. Lawrow bezeichnet vermeintliche französische Ausbilder in der Ukraine erneut als „legitime Ziele“. Mittwoch: In fünf verschiedenen Regionen wird die Ukraine mit Drohnen attackiert. Scholz kündigt die nächste Wende an, eine „verteidigungsindustrielle Kehrtwende“. Putin sagt: „Wenn jetzt gesagt wird, dass noch einige Raketen auftauchen werden, die Ziele auf russischem Territorium treffen werden, dann zerstört das natürlich letztlich die deutsch-russischen Beziehungen“, und droht mit einer „asymetrischen Antwort“. Donnerstag: Die Drohnenangriffe auf Sumy und Poltawa werden abgewehrt. Selenskyj erinnert sich in der Normandie an die Landung der Alliierten im 2. Weltkrieg. In Russland brennt die nächste Raffinerie (Nowoschachtinsk). Stoltenberg dementiert den geplanten Einsatz von Nato-Truppen in der Ukraine. In Donezk werden die nächsten Dörfer evakuiert. Macron kündigt die Lieferung von Mirage-Kampfjets, die nächstes Jahr ausgemustert werden sollten, an. Freitag: Die 225.000.000$ Militärhilfe aus Washington werden verkündet. Erneut wird in vielen Regionen der Ukraine der Strom abgeschaltet. In Russland existieren inzwischen bald 1.000 Rüstungsunternehmen, Putin segnet die Errichtung vieler weiterer an. Kiew steht erneut unter Drohnen- und Raketenbeschuss. In Belgorod werden die ersten US-Raketen abgeschossen, auch Luhansk wird von ATACMS getroffen, ein knappes Duzend Zivilsten sterben. In Paris stellt Selenskyj vor der Nationalversammlung fest, Europa sei kein Kontinent des Friedens mehr und sieht Parallelen zwischen Putin und Hitler in der 1930er Jahren. Nebenbei werden neue Verträge mit KNDS (deutsch-französische Panzerschmiede) unterschrieben. Der Ukraine wird zudem bescheinigt, bereit für einen EU-Beitritt zu sein. Im Land selbst sinkt die Zustimmung für den Präsidenten das erste Mal unter 60%. Russland produziert inzwischen so viele Waffen, dass Putin damit drohen kann die „Feinde des Westens“ damit zu beliefern. Macron prescht weiter vor: Die Ausbildung von Soldaten in der Ukraine durch westliche Militärs soll von einer Koalition durchgeführt werden. Samstag: In Sadowe (Cherson, russisch besetzt) soll ein Dorfladen voller Menschen getroffen worden sein, weit über ein Dutzend Opfer. Ukrainische Drohnen in vier russischen Regionen werden abgeschossen. Scholz steht fest auf dem letzten Bein: „Es wird von unseren Ländern keine Soldaten in der Ukraine geben und auch nicht von der NATO.“ Am Abend verkündet Selenskyj das Scheitern der russischen Charkiwoffensive. Dafür schlagen zeitgleich in Cherson die ersten Vergeltungsschläge ein. Sonntag: Weit hinter der Grenze wird ein brandneuer russischer Jet auf einem Flugplatz getroffen. Nichts Neues ansonsten von der Front. Montag: Das Dorf Ryschiwka (Sumy) wird mit Hilfe tschetschenischer Truppen erobert, die Ukraine dementiert. Dann soll Staromajorske (Donezk) „befreit“ sein. Auf der Krim zerstört die Ukraine russische Luftabwehrsysteme. Dienstag: Rheinmetall eröffnet die erste Panzerreparatur und -produktionsstätte in der Ukraine. Ausnahmezustand in Berlin: Selenskyj ist zu Besuch auf der „Wiederaufbaukonferenz“. Die USA geben die Verwendung der westlichen Waffen auch für die Brigade Asow frei. Die AfD und das BSW boykottieren Selenskyjs Rede im Bundestag: „Es gibt keine Mauern, die nicht fallen.“ Mittwoch: In der Nacht steht Kiew unter massivem Beschuss. Auch Kyrwyj Rih wird schwer getroffen. Stoltenberg spricht sich in Berlin für den Einsatz deutscher Waffen gegen russisches Staatsgebiet aus. Ungarn hält sich raus, widerspricht den Nato-Plänen aber auch nicht. Rheinmetall baut ab ganz bald den „Lynx“ (Schützenpanzer) in der Ukraine. In Berlin wird weiter fleißig vereinbart. Auf der Krim wird die russische Luftabwehr erneut geschwächt. Donnerstag: Berlin sperrt sich noch ein bisschen gegen neue EU-Sanktionen gegen Russland. Der G7-Gipfel wird von Giorgia Meloni eröffnet, das neue 50.000.000.000 Hilfspaket ist vorher schon beschlossen. Besonders im Osten Deutschlands wird die Waffenunterstützung zunehmend kritisch gesehen. Pistorius sagt: Patriot-Systeme sind alle. Die G7 sind sich einig: Zinsen auf eingefrorene russische Vermögen im Ausland werden in die Militärhilfe gesteckt. Putin nennt das „Diebstahl“. Scholz nennt das einen „historischen Schritt“. Robert Habeck (Die Grünen) will Ableger deutscher und europäischer Rüstungsfirmen in der Ukraine voranbringen. Die BRICS-Staaten treiben unter der Führung Chinas derweil ihren eigenen Friedensplan voran. Japan unterzeichnet ein Sicherheitsabkommen mit Ukraine. Selenskyj fordert von den G7 einen Marshallplan. Meloni präsentiert sich als erfolgreiche Vermittlerin des Westens; sogar der Papst sitzt mit am Tisch. Freitag: Die grenznahen Gebiete Russlands werden mit bald 100 Drohnen angegriffen. Im Westen der Ukraine schlagen mehrere Kinshal-Raketen ein. Putin legt ein „Zugeständnis“ vor (Abzug der ukrainischen Truppen aus Luhansk, Donezk, Saporischija und Cherson, kein Nato-Beitritt), die Ukraine lehnt ab, Stoltenberg sagt in Brüssel, das würde zu noch mehr Aggression führen, Kuleba nennt den Vorschlag absurd, Selenskyj ordnet ein: „Hitler hat das Gleiche gemacht, als er sagte ‚Gebt mir einen Teil der Tschechoslowakei und wir beenden das Ganze‘, aber nein, das sind Lügen.“ Deutschland liefert 20 Marder-Schützenpanzer. Die Ukraine beschießt ein Gasverteilungs-zentrum in Kursk. Selenskyj ist als erster in Luzern eingetroffen. Die EU ist sich über die Beitrittsgespräche mit der Ukraine einig. Samstag: Die USA stellen 1.500.000.000 für den Wiederaufbau des ukrainischen Energiesektors zur Verfügung. In Donezk sterben drei Menschen beim Beschuss eines Verwaltungsgebäudes. Österreichs Nehammer sagt in Luzern: „Wir sind wie in einer westlichen Echokammer. Wir sind uns alle einig, aber das ist zu wenig.“ Meloni beweist ihren Sinn für unpassende Ironie: „Es scheint mir als Verhandlungsvorschlag nicht besonders effektiv zu sein, der Ukraine zu sagen, dass sie sich aus der Ukraine zurückziehen soll.“ Kamala Harris bleibt ironiefrei: „Wir müssen die Wahrheit sagen. Er (Putin) ruft nicht zu Verhandlungen auf, er ruft zur Kapitulation auf.“ Scholz bleibt trocken: „Es ist wahr, dass der Frieden in der Ukraine nicht erreicht werden kann, ohne Russland mit einzubeziehen.“ Sonntag: In einem Gefängnis in Rostow nehmen IS-Mitglieder Wärter als Geiseln, kurz darauf werden sie erschossen, die Geiseln kommen unverletzt frei. Der Friedensgipfel in der Schweiz geht zu Ende, nicht alle unterzeichnen die Abschlusserklärung (darunter: Saudi Arabien, VAE, Brasilien, Indien, Südafrika, Thailand, Mexiko und Indonesien). In Kiew feiern LGBTQ+ Soldat*innen eine Art CSD. Montag: Die Nato plant die Bereitmachung weiterer Atomwaffen. Der Kreml ordnet die Ergebnisse des Schweizer Friedensgipfels ein: „Die Ergebnisse dieses Treffens liegen nahe bei null.“ Selenskyj hält dagegen: „Wir haben den ersten greifbaren Schritt in Richtung Frieden getan – in einer noch nie dagewesenen Einigkeit der Länder der Welt.“ Dienstag: An der Front zwischen Charkiw und Belgorod brechen heftige Kämpfe aus, beide Armeen verstärken ihre Truppen. In Rostow brennt das nächste Öllager, verantwortlich dafür ist der ukrainische Inlandsgeheimdienst. Moskau kündigt die Änderung seiner Atomdoktrin an. Putin umarmt Kim Jong-Un in Pjöngjang. Selenskyj freut sich über die Effizienz der westlichen Waffen: „Das klappt. Genauso wie wir es erwartet haben.“ Mittwoch: Christian Lindner will den Menschen in Ost-Deutschland die Ukrainehilfen „besser erklären“, vor allem noch mehr Flüchtlinge wären noch teurer als die Waffenunterstützung. Putin und Kim Jong-Un unterzeichnen beim Staatsbesuch des russischen Präsidenten ein „umfassendes Abkommen über eine strategische Partnerschaft“. Bei Lwiw schlagen Drohnen ein, in der Region werden Energieanlagen beschädigt. In Donezk sterben Zivilisten durch ukrainisches Artilleriefeuer. Donnerstag: Im Nordkaukasus und Tambow brennen russische Treibstofflager nach ukrainischen Drohnenangriffen. In Winnyzja, Dnipropetrowsk, Donezk und Kiew werden weitere Energieanlagen getroffen. Das deutsche Verteidigungsministerium bestellt 105 Leopard-Panzer bei KNDS und Artilleriemunition im Wert von knapp 10.000.000.000 bei Rheinmetall. Russland kündigt die Entwicklung und Produktion von Mini-Nukes an. Freitag: In Krasnodar brennt erneut eine Ölraffinerie, über der Krim werden bald 70 ukrainische Drohnen abgeschossen. Tschassiw Jar bereitet sich auf die Einkesselung vor. Die USA erlauben den Einsatz von Raketen auch über das Grenzgebiet um Charkiw hinaus. Russland setzt genau dort neue, tonnenschwere Bomben ein. Samstag: Die Ukraine greift die Stromversorgung des AKW Saporischija an. Russland reagiert mit dem landesweiten Beschuss ukrainischer Energieanlagen. Charkiw wird aus der Luft angegriffen, wieder sterben Zivilisten. Sonntag: Der Morgen beginnt mit Luftangriffen auf Kiew und Drohnenangriffen auf Brjansk. Auf der Krim (in Sewastopol) sterben Zivilisten an einem Badestrand durch einen ukrainischen Raketenangriff, Kiew nennt sie „zivile Besatzer“. Scholz beschreibt die Waffenunterstützung für die Ukraine im Sommerinterview als „alternativlos“. Selenskyj fordert vom Westen weiter reichende Waffen und die Erlaubnis zu Schlägen tief in russisches Gebiet hinein gefordert. „Die russische Luftwaffe muss vernichtet werden, da wo sie ist und mit allen nur möglichen Mitteln, die effektiv sind. Montag: Die Krim bleibt unter massivem Beschuss. Russland sieht eine Mitschuld der USA (Satellitendaten, Munition) und kündigt Konsequenzen an. Über Sewastopol wird der Ausnahmezustand verhängt. Raketenangriffe auf Prokowsk und Odessa, mehrere Tote. Dienstag: Nach US-Angaben hat die Ukraine bei ihrem Angriff auf die Krim am Wochenende nicht auf Zivilisten gezielt. Russland habe offenbar eine ATACMS-Rakete abgefangen, die eine Raketenabschussrampe ausschalten sollte. Dabei seien Trümmer der Rakete an dem Strand niedergegangen. Die EU eröffnet offiziell die Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine. Orban ist „nicht einverstanden“. Ein Konsortium der beiden Rüstungsunternehmen Diehl Defense aus Überlingen am Bodensee und Nammo Raufoss aus Norwegen erhält den Auftrag von der Bundesregierung 2.300.000.000 Schuss Artilleriemunition herzustellen. Selenskyj empfängt Manuela Schwesig in Kiew. Der IStGH erlässt Haftbefehle gegen den ehemaligen russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu und den russischen Generalstabschef Waleri Gerassimow. In Woronesch geht ein russisches Munitionslager in Flammen auf. Trump kriegt schonmal einen „Friedensplan“ vorgelegt. Merz will mehr „Arbeitsanreize“ für geflüchtete Ukrainer*innen schaffen. Mittwoch: Die Junge Union möchte Ukrainern, die nach Deutschland geflohen sind, den Schutzstatus entziehen. Selenskyj besucht die Front in Donezk kurz nachdem das Gebiet mit russischen Gleitbomben angegriffen wurde. Am Abend dankt er der ukrainischen Fußballnationalmannschaft für deren Teilnahme an der EM. Donnerstag: In Twer (nördlich von Moskau) wird einen Chemiefabrik mit Drohnen attackiert. Russland beschießt ukrainische Flugplätze. Auf dem nächsten EU-Gipfel wird die nächsten Sicherheitsvereinbarungen unterschrieben (EU, Estland, Lituaen und Ukraine), Selenskyj fordert schnellere Waffenlieferungen. An der Front nichts Neues (100 Angriffe an einem Tag, hauptsächlich um Prokowsk und Donezk). Freitag: In Tambow (südöstlich von Moskau geht ein Treibstoffdepot in Flammen auf. Der urkainische Ministerpräsident Schmyhal rechnete die Militärhilfen durch die jüngsten Sicherheitsabkommen zusammen: 240.000.000.000$ in den nächsten vier Jahren. Rosdoliwka (Donezk) wird von russischen Truppen eingenommen. Die Ukraine will das russische Weltraumkommunikationszentrum auf der Krim zerstört haben. Belarus hat seine Truppenstärke an der Grenze zur Ukraine aufgestockt. Das russische BIP ist um 5% gestiegen, sagt Putin und fordert umgehend die Wiederaufnahme der Produktion von Mittelstreckenraketen. In Dnipro schlägt eine russischen Rakete in einem Wohnhaus ein. Samstag: Bei einem ukrainischen Drohnenangriff sterben in Kursk mehrere Zivilsten. Auch an der Front in der Ukraine sterben Zivilisten; weiterhin also Nichts Neues. Sonntag: Im Bezirk Petrowski (Donezk) werden Feuerwehrmänner erschossen, als sie nach einem ukrainischen Artillerietreffer ein Großfeuer löschen wollen. Die Bundesregierung verkündet: Die Rüstungsexporte sind seit Beginn des Jahres um 30% auf 7.500.000.000 gestiegen. Die AfD fordert auf ihrem Parteitag ein sofortiges Ende der Waffenlieferungen. Am Abend wird Charkiw erneut von Gleitbomben getroffen. Selenskyj kennt die einzige Lösung: „Je eher die Welt uns hilft, mit den russischen Kampfflugzeugen, die diese Bomben abwerfen, fertig zu werden, je eher wir die russische militärische Infrastruktur, die russischen Militärflugplätze angreifen können, desto näher sind wir dem Frieden.“

 

Der Brillenträger lehnte sein noch völlig verdrecktes Rad an den Bauzaun in der Quedlinburger Lindenstraße. Seit dem letzten Schultag, ihrem Ausflug an den Osterteich in Gernrode (und besonders nach der Rückfahrt durch den Regen) war er nicht dazu gekommen, sein Rad zu putzen. Kurz nach dem ersten Donnern und kurz vor den ersten Tropfen hatte er die Zeugnisse ausgeteilt, und ihre Wege hatten sich für die nächsten sechs Wochen getrennt. Am zweiten Tag der Sommerferien stand die Sonne das erste Mal seit Wochen den ganzen Tag über am Himmel, bei sattesten 30°C.
Hinter dem Bauzaun entdeckte er jetzt die ersten Bauarbeiter. Für Unbefugte Zutritt verboten. Seine Enttäuschung hielt sich in Grenzen. Nach der lautlosen Verschiebung der Wiedereröffnung des Bergtheaters in Thale kam das hier kaum einer wirklichen Überraschung nahe: Der/die/das Klietz war ebenfalls noch eine ausgewachsene Baustelle. Keine kreischenden, plantschenden, fröhlichen Kinder. Keine Walkarounds unsicherer Teenager. Keine waghalsigen Sprünge vom Beckenrand. Kein Pommesgeruch. Keine von Eis verklebten Hände. Keine im Schatten von Oma/Opa/Onkel/Tante vorgelesenen Märchen. Kein verstohlenes Mittagsbierchen/Mittagssektchen der Familienmütter/väter. Nicht mal vapende Halbstarke. Geschweige denn die Runde machende Tüten. Einer der Bauarbeiter schnippte gerade seine Kippe weg und machte sich dann die nächste an. Weitermachen. 2025 ist schon nächstes Jahr. Und im Becken ist bis dahin noch kein Wasser.

Da das Wetter für ein paar Tage so bleiben sollte, bereiteten sich also auch sämtlichste Außenlokalitäten der Stadt auf das abendliche Public Viewing vor, das bis heute eher ins Wasser gefallen war. Die letzten Wochen waren zwar nicht so verheerend wie in anderen Landesteilen, aber von Wasser hatten die Menschen vorerst genug. Heute spielten jedoch nur die sich gegenüberliegenden europäischen Nachbarn: Polen gegen Frankreich und die Niederlande gegen Österreich. Kartoffeln freuen sich aber gerne auch über die Niederlage von anderen, wenn sie nichts damit zu tun haben.
In diesem Jahr sollte das „Sommermärchen“ eigentlich erwachsen werden. Vor 18 Jahren waren sich die Deutschen das erste Mal seit Kriegsende nicht mehr zu doof gewesen, massenhaft mit Fahnen rumzuwedeln. Fahnen an Autos durch die Gegend zu fahren. Fahnen aus Fenstern zu hängen. Sie waren sich nicht zu doof, Schlaaaand zu grölen, jedes Mal wenn sie jemanden beim Public Viewing wiedertrafen. Und sie waren doof genug, dem sich damit wieder einschleichenden Nationalismus das Tor ganz weit aufzumachen. Und heute, auf der Straße des 17. Junis in Berlin, war grüner Rasen ausgerollt. Die Moderator*innen, die Kommentator*innen, sogar einige Reporter*innen wurden nicht müde, bei jedem Vor- und Nachbericht, bei jeder Halbzeitanalyse und bei jeder spätabendlichen Zusammenfassung, den Zusammenhalt herbeifabulieren. In einer Sprache die alle Deutschen verstehen, Fußballdeutsch, verwandelten sich die gutgemeinten Worte zu schnell in beliebige Parolen; die Endland Revolte in Dresden hielt ebenfalls große Stücke auf den Zusammenhalt. Der Brillenträger saß am frühen Abend an seinem frisch aufgeräumten Schreibtisch und zuckte mit den Schultern. Ein Sommermärchen? Ein Wintermärchen? Immer das gleiche Lied.

 

„Blaka Blaka Blaka –
macht der westliche Lifestyle.“

(ebenda)

 

Aus dem ebenfalls frisch aufgeräumten Wohnzimmer dröhnten die Bässe bis auf den Balkon. Die Balken des Fachwerks vibrierten. Der Brillenträger goß den bereits verblühten Lavendel, als er sah, wie sein Handy aufleuchtete. Karoline hatte geschrieben.

Guten Tag der Herr. Wie laufen die Ferien soweit? Schon alles aufgeräumt? – Wir fragen uns (und jetzt Dich), wie es eigentlich um den vorausgesagten Badetermin im Klietz steht? Wann wollen wir? Die Mädchen haben Spaß im Wasser, aber wir wollen auch mal raus aus Thale. – Im Übrigen langweile ich mich auf dem Balkon, auch wenn es zu heiß ist, um lange draußen sitzen zu können. Vertreibst Du mir die Zeit vielleicht mit dem neuesten Kleinstadttratsch? Am liebsten in Märchenform… Liebste Grüße!

Der Brillenträger überlegte nicht lange, challenge accepted.

Es war einmal in einer kleinen Stadt am Fuße eines Schlosses auf Sandsteinklippen, da passierten wunderliche Dinge. – Ein selbstverliebter (und äußerst schlechter) Dichter wollte in die Stadt ziehen und kündigte sein Kommen mit Bildern seiner selbst an, mal schwer denkend mit einer Schreibfeder am Tisch, mal halbnackt beim Sonnengruß. – Er nannte sich selbst „Der Schwarze Poet“ und verlas zum Willkommen seine Allerweltssprachverbrechen im Laden einer der vielen Kräuterhexen der Stadt, gleich hinter der Marktkirche. – Nur unweit entfernt wurden gerade die letzten Möbel und Tische in den Laden einer anderen Hexe geschleppt. In wenigen Tagen sollte auch hier im Weltkulturerbe die Zukunft Einzug halten. Kräuterhexen gehörten dem letzten Jahrtausend an, heute wurde „Ästhetische Medizin“ feilgehalten, die Salben der Ladennachbarin bekamen Konkurrenz durch Wurstgift und Glaskörperextrakt. Der Gatte der Hexe, ein kreisbekannter Knochenheiler erzählte davon seit Wochen ungefragt jedem ohne Unterlass. – Und wiederum nur wenige Schritte entfernt, im größten Gasthaus am Markt, braute sich zu dieser Zeit etwas ganz dunkles zusammen. In einigen Wochen wollten sich dort die Wölfe der Umgebung treffen und bei morgendlicher Aasfledderei über die nähere Zukunft der Stadt beraten. Nach zu vielen Jahrzehnten ohne frisches Fleisch waren sie hungrig wie nie zuvor. Nur ein einsamer Zauderer sah die Gefahr bereits kommen. – Ach, und wegen der/dem/des Klietz: ich muss Euch da was sagen… Liebste Grüße zurück!

Nach nur zwei Minuten schrieb Karoline zurück.

Wurstgift? Gibt/gab es das wirklich? – Danke. – Geht’s Dir gut? Was neues von Schneider?

Nein, zum Glück nicht. Aber ich arbeite daran, ihm voraus zu sein. Wenn wir uns sehen, erzähle ich mehr. Kommt einfach wie ihr wollt. Ich entspanne bis dahin auf dem Balkon; auch wenn es dafür eigentlich zu heiß ist.

Dann wird das wohl nicht lange dauern. Spätestens übermorgen stehen wir vor der Tür.

 

Am nächsten Nachmittag saß Marie von Weizenfall ebenfalls auf ihrem Balkon und bestaunte zum tausendsten Mal die Berge vor ihr, hinter denen sich gewaltige, dunkle Regenwolken gesammelt hatten. Das bereits für Mittag angekündigte Schwergewitter ließ bis zum frühen Abend noch auf sich warten. Der Hagel ballte sich über dem Bodetal.
Violetta und Rosa waren gerade erst eingeschlafen; an erholsamen Mittagsschlaf war bei diesen tropischen Bedingungen nicht zu denken gewesen; beide schnarchten im gleichen Takt. Marie bereitete sich darauf vor, die beiden zu beruhigen, wenn sie in kurzer Zeit von Blitz und Donner geweckt werden würden. Vor Mitternacht war also weiterhin nicht mit Schlaf zu rechnen. In abgespannter Erwartung scrollte sie schläfrig durch ihre Feeds, mehr Aufmerksamkeitsspanne war einfach nicht drin. „Graffiti“ an der Rappbodetalsperre: Durch großflächiges Säubern der Staumauer entsteht dort gerade das Abbild eines Märchenwaldes, hinter dem mehr als hundert Millionen Kubikmeter Wasser versteckt sind. – Stop The Oil-Protestaktion in England: Stonehenge ist, nach dem Brandenburger Tor, das nächste Volksdenkmal Europas, das mit orangener Farbe aus Feuerlöschern besprüht wurde. Die letzte Generation rüttelt das Elfenreich wach. – Und dann: Massensterben in Mekka: Innerhalb weniger Tage sterben weit über 1.000 gesunde, junge Menschen bei der Hadsch, die bei über 50°C Lufttemperatur nichts weiter mehr ist als ein Himmelfahrtskommando.
Der Buchträger holte sie vorsichtig in die Gegenwart: „Hey. … Hab den Laden heute eher zugemacht, seit um Drei kam niemand mehr.“ Er beugte sich zu Marie, sprach leiser: „Spannung in der Luft?“ Sie schaute von seinem Gesicht in den Himmel über ihnen. „Immer. Aber heute lähmt sie eher, als dass sie elektrisiert.“
„Wie lange schlafen sie schon?“
„Noch nicht lange genug.“
„Das heißt, wir bleiben heute lange wach?“
Marie nickte. „Liest du mir was vor? Was Gutes? Das Märchen vielleicht, das von gestern? Vielleicht kriege ich ja noch mal eine oder zwei Stunden Schlaf.“
Der Buchträger nickte ebenfalls. Nur einen Handgriff später setzte er sich ihr gegenüber, schlug sein linkes Bein unter und begann weiterzulesen. Nach dem ersten Absatz schloss Marie die Augen und hörte nur noch die folgenden drei, bevor sie unter dem lauter werdenden Grummeln über den grünen Bergen zu träumen begann.

 

„So richtete sie denn ihre Augen fest in die Ferne, wo sich wieder dichte Baumgruppen über den Boden zu erheben schienen, und schritt weiter, ohne rechts oder links zu sehen. Der große Vogel rührte sich nicht, als sie mit leisem Tritt an ihm vorüberging, nur für einen Augenblick blitzte es schwarz unter der weißen Augenhaut hervor. – Sie atmete auf.“

(Theodor Storm: Die Regentrude. 1863)

 

Kurz nach Mittag am nächsten Tag klingelte das Telefon im Fachwerkpalast. „Ja? Bitte?“
„Ja, bitte die Badehose einpacken! … Wir fahren jetzt los.“
„Ähm, wir können leider nicht ins Klietz wollen, is’ doch noch zu.“
„Was? Erzähl bitte keine Märchen! Die Frauen freuen sich auf Wasser.“
„Doch. … Aber bitte kommt trotzdem. Im Brühl schmeckt ein Picknick gerade besonders gut.“
„Dann nehmen wir den Brunnen im Brühl. Für die Mädchen ist das Wasser genug. … Also, bis gleich. Platz des Friedens?“
„Wie immer. Bis gleich.“
Der Brillenträger sah sich im Fachwerkpalast um: Er hatte soweit alles rausgelegt, das Packen hob er sich für morgen Nachmittag auf. Davor würde er nochmal gründlich nass durch wischen, Staub und Spinnenweben einfangen und zum Schluss den Geschirrspüler anschmeißen.
Und bevor es dann wieder Zeit sein sollte, seine Abenteuer in einem anderen Märchenwald weiter zu verfolgen, würde er auch noch in seiner Chronik aufräumen; alle „Themen“, für die er sich eine Pause verordnet hatte, nur kurz überfliegen, in atemlosen und frustriertem Sound, gerade weil niemand diese Leier hören wollte; das Leitmotiv wäre erneut der Kampf mit dem Weitermachen gewesen, das an keinem Tag sympathischer wurde, auch dann nicht, als der Kanzler die Ampelkoalition mit der Nationalmannschaft verglich; klang ganz gut, spielte aber wie eine Bezirksliga-F-Jugend; dementsprechend hielten sich die Kartoffeln auch mit den Autofähnchen zurück. Das Schuljahresende hatte ihm, wie erwartet, keine Zeit gelassen, seine Fingerspitzen allzu tief in den Zeitgeist zu krallen. Den Stress reagierte er dann (wie interessanterweise auch einige seiner Kolleg*innen) mit einer längst überfälligen Neusortierung seines Hauptbuchregals: Drei Nachmittage Runterkommen nach einer Gruppenfahrt und der letzten Schulwoche: Organsiation permanent am Rande des Kontrollverlustes, alle Stunde neu geordnete Zeitpläne, chronisches Verschieben von noch zu Erledigendem, bloß nichts vergessen. Und stundenlange Elterntelefonate, die so absurd ernst waren, dass es beinahe schon wieder lustig war. Einen der schönsten Momente stellte er als letztes mit ins Buchregal: Kinder in ihrem letzten Kindessommer singen auf einem Steg an einem Brandenburger See immer und immer wieder den Refrain von „Major Tom“, im Regen und aus voller Brust.
Ganz zuletzt hatte er dann also in seinem Manuskript aufgeräumt. Als er sich gestern, weit nach Mitternacht, damit beschäftigte, die letzten Wochen Nazikram (AfD bleibt im Osten stärkste Kraft (Landkreis Harz: 30%, SA: 38%, S: 43%), steigende Mitgliederzahlen, in Sonneberg wird’s ungemütlich …, AfD und „Die Heimat“ koalieren auf kommunalen Ebenen, Bernd steht wieder/noch vor Gericht, nächster Prozess dann in Mühlhausen (Thüringen), wieder wegen Volksverhetzung. Morgen: AfD-Bundesparteitag in Essen, 80.000 Gegendemonstranten erwartet), Europawahl (Nationalismus „entdämonisiert“ (dafür sind in Genf jetzt Hakenkreuze verboten), Macron löst in offensiver Verteidigung gegen die Rechten die Nationalversammlung auf. Neuwahlen, noch vor Olympia, Meloni meldet weitere Ansprüche an, Ursula von der Leyen bleibt im Amt.) und Basketballstories (NBA Finals boring aus fuck. Jerry West died. Caitlin ist gettin bitched and begins winning, new Lakers Head Coach and Bronny James being drafted at #55 → Generational Wealth Debate.) in die Geschichte einzusortieren, bemerkte er, dass der Orb, der nun schon längere Zeit öfter auf seinem Schreibtisch stand als bei Karoline zu sein, angefangen hatte grün zu leuchten. Nach blau (Zeitsprünge) und rot (Dimensionssprünge) war das die dritte Farbe, die der Orb angenommen hatte, und der Brillenträger hatte wie immer absolut gar keine Ahnung, was als nächstes passieren würde. Er schaltete die Musik im Hintergrund aus und vernahm nur wenige Augenblicke später zwei Stimmen, die langsam lauter wurden, bis er den Eindrucke hatte, er würde sich im selben Raum mit den Sprechenden befinden.

„Till? … Was ist? … Hast du ein Gespenst gesehen? … Du bist so blaß auf einmal.“
„Nein … es ist nur … dieses Ding hat noch nie grün geleuchtet.“
„Was hast du denn anders gemacht als sonst?“
„Keine Ahnung, nichts eigentlich.“
Der Brillenträger saß weiterhin alleine in seinem Raum und lauschte, ohne selbst einen Laut von sich zu geben.
„Ulf?“
„Ja, Till?“
„Fällt dir irgendeine Änderung auf?“
„Nein. Alles noch genauso wie gerade eben. … Mach das Ding doch einfach wieder aus.“
„Ich will aber wissen, was grün bedeutet. … Lass uns noch warten. … Wo waren wir?“
„Wir waren bei mir. Und dem neuesten Verriss meines neuen Romans durch die Linksfaschisten.“
„Genau … Eine tolle Lektüre. Hätte Ellen Kositza doch ihren Literaturvlog noch. Eine famose Besprechung wäre das geworden. … Wie bist du eigentlich auf diesen so vieldeutigen Titel gekommen?“
„Woher weißt du den Titel schon? … Den habe ich ja noch nicht mal der Welt verraten.“
„Ich kenne ihn ja gar nicht“, Till Schneider lachte gewollt verschmitzt, „ich wollte nur etwas aus dir herauskriegen“, dann kicherte er weiter trocken vor sich hin. Ulf Schwellkamm atmete tief ein. „Na gut, schön, reden wir nicht über mich. Reden wir über andere große Männer unserer Zeit. Männer, die Geschichte machen. Männer, über die ich Schlüsselromane schreiben werde. Männer mit Courage und Stolz. Vorbilder für ganze Nationen und neue Epochen. Männer wie uns.“
„Ulf, selbst in Ellipsen sprichst du nur die Wahrheit. … Was halten wir also von diesem Jungen in Frankreich?“
„Bardella könnte ein wichtiges Stück unserer Zukunft sein. Jung, unbeschadet, überzeugt. Dem muss niemand sagen, was er nicht sagen sollte. Und, mit Verlaub, gut sieht er aus. Und wir brauchen die Stimmen der jungen Frauen.“
„Gesprochen wie ein wahrer Feminist der alten Schule.“ Beide bemühten sich zu einem kurzen Lachen. Der Brillenträger schluckte einen flüssigen Kloß im Hals hinunter.
„Und Milei? Was sagst du? Ist der der Sache dienlich?“
„Ganz offen gesprochen: Ich mag ihn nicht. Zu flätig. Zu grob. Die Arbeiter betrügen wir mit dem schonmal nicht so leicht. Doch, so lange er Nationalist ist, soll er uns recht sein. Argentinien ist zumal ein schönes Land. Wohin würden wir wohl lieber flüchten, wenn es doch mal nötig würde?“
„Wird es aber in naher Zukunft nicht. … Das Sommermärchen ist für uns bis jetzt zwar eher ein Reinfall, aber für den Herbst bin ich fester, ja unerschütterlicher Überzeugung.“ Der Brillenträger hatte danach nur noch leise Schritte gehört, als ob die beiden langsam aufeinander zugegangen wären. Mehr hatte er nicht hören wollen und hatte auf gut Glück am Orb gedreht. Das grüne Licht war geräuschlos erloschen.

Endlich klingelte es, und durch das offene Fenster im Flur konnte er die Mädchen bereits nach ihm rufen hören. Er schnappte sich sein Cap, steckte Taschengeld und einen Schlüssel ein, ließ das Handy in der Küche liegen und flog die Stufen hinunter. Violetta und Rosa riefen noch einmal seinen Namen als er aus der Tür trat, Marie, der Buchträger und Karoline hatten auf der Herfahrt mit ihnen geübt.
Auf dem Weg zum Platz des Friedens, berichtete er den drei anderen zunächst von seinem Erlebnis der extradimensionalen Art am gestrigen Abend. Karoline versuchte sich als erstes an einer Erklärung. So etwas wie der Geistmodus vielleicht; anwesend sein, aber unsichtbar, solange man sich nicht rührte. Aber Till Schneider würde es doch bemerken, oder etwa nicht? So sorglos schätzten sie ihn nicht ein. Der Brillenträger war sich allerdings ziemlich sicher, dass er nicht bemerkt worden war und wusste so nun etwas über seinen Doppelgänger, von dem der nicht wusste, dass er es nun wusste. Ein Lachen verkniff sich niemand, als er ihnen den Namen von Tills Freund verriet, genauso wie niemand überrascht war. Sie versuchten sich an die anderen Titel von Ulf Schwellkamm zu erinnern: Die Uhr? Der Schlaf im Turm? Der Scheißvogel? Der Brillenträger hatte die Idee, ihn mit Hilfe des Orbs und seiner Chronik (über deren seltsames Zusammenspiel sie sich immer noch nicht einig waren) gleich noch ein paar neue Roman aushecken zu lassen, so viele, bis er sich vor lauter großen Ideen langsam immer kleiner vorkommen würde, um schließlich seine eigene Bedeutungslosigkeit zu erkennen und fortan zurückgezogen und schweigsam am Elbufer leben würde, bis ans Ende seiner glanzlosen Tage. Alle vier seufzten. Vor ihnen standen im engen Bogen die ehemaligen SS-Offiziers-Villen am Brühl, und die Gärten ums jeweilige Haus in voller Blüte.

„Warst Du eigentlich zur Fête de la Musique letzte Woche?“
„Ja, war ich. Alleine; ihr konntet ja nicht.“ Die Schwestern sahen ihn unschuldig an.
„Ja. Und?“ Karoline und Marie würden nicht locker lassen, also berichtete der Brillenträger knapp, während sie den Weg durch die Bäume zum Brunnen entlangliefen.
„War nur im Word, in der Bühne 7 und in der Blasiikirche. Soll ja aber noch viel mehr losgewesen sein. Und dieses Wochenende fliegt auch schon wieder die Kuh: Swing Tage!“
„Und Public Viewing! Und das Gastspiel vom FCM zum 120. Geburtstag des QSV!“ Der Buchträger täuschte wenig bemüht Begeisterung vor.
„Kann sein, keine Ahnung, bestimmt.“
Karoline blieb kurz stehen: „Wisst ihr was eine ziemlich schräge Realmetapher für diese Europameisterschaft ist?“
„Nein, aber wir sind gespannt.“
„Den Begriff Public Viewing gibt es auch im US-Amerikanischen. Nur dass er dort die Aufbahrung eines Leichnams meint. Ihr wisst schon, in so großen Räumen in irgendwelchen Hotels, mit vielen weißen Blumen und trauernden Angehörigen und Freunden.“ Marie lachte kurz auf, die Schwestern lachten unschuldig mit.
„Cool. Noch mehr Schauerparabeln?“
„Nein, nur die eine für heute. Aber vielleicht hast du ja noch welche im Notizheft?“ Sie schaute den Brillenträger an, der kurz zu überlegen schien, dann aber den Kopf schüttelte. „Nee, aber habt ihr die Reunion von R.E.M. mitbekommen?“
Der Buchträger stolperte. „Was? Reunion? Wann? Gibt’s noch mal ne Tour?“
Die beiden Frauen guckten sich fragend an. „Von wem?“ Die Schwestern hatten sich losgerissen und pflückten Gänseblümchen auf den Rasenflächen vor dem Brunnen.
Kopfschüttelnd antwortete der Brillenträger zuerst seinem Freund: „Quatsch. War nur zur Aufnahme in die Songwriter Hall of Fame. Und auch nur ein Song. Rate welcher!“
„Losing my Religion?“
Die Frauen sagten gemeinsam: „Ach die!“, und der Brillenträger hatte sich eine Antwort gespart.
Sie hatten Glück. Am Brunnen war niemand außer ihnen. Die Sonne schien durch die hohen Bäume, sie breiteten ihre Decken aus und hoben die Schwestern mit nackten Füßen ins Wasser. Nach einer halben Stunde saßen sie auf der Wiese, die Mädchen zwischen ihnen liegend.
„Sind die wirklich so schnell eingeschlafen?“
„Tja, war wieder nichts mit Mittagsschlaf heute. Trotz Märchenvorlesen.“

„Apropos Märchen! Schreibst Du uns ein schönes über Deine Reise?“ Karoline sah den Brillenträger herausfordernd an, der daraufhin dankbar nickte. „Klar! Einer kann nicht oft genug ausziehen, das Fürchten zu lernen. … Aber wisst ihr, worauf ich mich dieses Mal fast noch mehr freue?“
„Hier!“, der Buchträger hob den Zeigefinger. „Ich weiß es, Herr Lehrer, ich weiß es!“
„Bitte.“
„Auf’s Nach-Hause-Kommen! Ist doch klar!“ Er sah erst zu Marie, dann zu den Mädchen, die gerade dabei waren, wieder aufzuwachen, dann zu Karoline, die die Augen niedergeschlagen hatte und ungewöhnlich nervös am Nagelbett ihres linken Daumens kratzte. „Nur, dass du dann wieder dort bist, wo du keine Märchen schreiben kannst.“
„Keine Märchen schreiben will!“ Selbst überrascht vom harten Ton seiner Antwort stand er auf und vertrat sich kurz die Beine. Karoline folgte ihm.
„Alles gut?“
„Geht schon.“
„Sicher?“
„Ja. Nur so Chronistenbauchschmerzen.“
Karoline versuchte, ihn schnell zu beruhigen: „Das kenne ich. Wofür lassen sich gerade nicht die richtigen Worte finden, hm?“
Er schüttelte nur leicht seinen Kopf. „Das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass nicht nur ich, sondern auch viele andere ständig die richtigen Worte finden, und das absolut nichts daran ändert, dass wir alle immer weiter auf einem falschen Gleis der Geschichte weiter rasen. Ich weiß weder, wo ich anfangen soll, noch weiß ich, wo ich aufhören muss. … Nimm den Nahost-Krieg zum Beispiel. Alleine darüber müsste ich jeden Tag viele Zeilen schreiben, und jede von ihnen wäre genauso wichtig, oder wichtiger, wie jede Zeile die ich über irgendwas anderes schreibe. Überleg doch mal: Am gleichen Abend als die EU per Wahl nach ganz rechts gerückt ist, sprengt Gantz das Kriegskabinett und fordert Neuwahlen. Keine Woche später löst Netanyahu das Gremium ganz auf, sichert sich damit übergangsweise die alleinige Befehlsgewalt und zwei Tage später liegen die Einsatzpläne für den Libanonkrieg vor. Sogar ultraorthodoxe Juden müssen jetzt zum Militär. Kanada und Deutschland rufen ihre Bürger umgehend auf, den Libanon zu verlassen, und nur wenige Tage später, nämlich erst gestern, beginnen die Luftangriffe auf den Süden des Landes. Full blown war! Israel macht die nächste Front auf.“ Er trat einen Kiesel auf den Rasen.
Karoline hatte ohne einen Laut von sich zu geben zugehört: „Und? Schon besser?“
„Was meinst du?“ Der Brillenträger verstand erst einige Sekunden später und kam um ein Lächeln nicht drumherum. „Ja, ach keine Ahnung! War das vor hundert Jahren auch schon so fürchterlich? Alles kommen zu sehen?“
„Ich habe nicht alles kommen sehen. … Ich habe mich nur davor gefürchtet. … Und ich muss dir nicht erzählen, was du gegen diese Furcht machen musst.“
„Weitererzählen? Trotz allem?“
Karoline nahm ihn an die Hand, und gemeinsam gingen sie an den niedrigen Hecken um die Wiesen vor dem Brunnen im Quadrat.
„Mir geht’s übrigens immer noch genauso; hundert Jahre machen da keinen Unterschied, auch wenn ich das alles schon mal erschreckend ähnlich miterlebt habe, wie du weißt. Ich weiß, wie das Ende des Jahrzehnts aussehen könnte, wenn der Nationalismus endgültig entdämonisiert ist“, sie schrieb frustrierte Gänsefüßchen in die Luft. „Wenn sich alle wieder so sehr an einen Volksgedanken gewöhnt haben, dass es eben auch völlig normal ist, alle anderen als Bedrohung zu sehen. Oder eben die, die davor warnen. Kennst du die Geschichte aus Stollberg schon? Stollberg im Erzgebirge? Da haben es die AfD und ihre Fanboys schon geschafft, an einem Gymnasium in die Inszenierung des Jugendtheaters Burratino einzugreifen. Rate, was inszeniert wurde! … Richtig, die Geschichte der Weißen Rose!“ Karoline ließ seine Hand los. „Und richtig Angst bekomme ich dann, wenn ich sehe, wie sich Ursula von der Leyen noch vor ihrer Wiederwahl zur de facto Chefin von Europa fröhlich lachend mit Giorgia Meloni beim Powerwalken fotografieren lässt. Wie viel kann man eigentlich über die letzten Zwanziger schon vergessen haben?“
Jetzt nahm der Brillenträger ihre Hand. „Und? Schon besser?“

Als sie zurück zu den Decken kamen, krochen Marie und der Buchträger gerade mit den Mädchen um einen Baum. „Ratet, was wir suchen!“
„Das Glück?“
„Den Frieden?“
Marie antwortete umgehend: „Fast. Wir suchen Gnome. Oder Elfen.“
„Und?“, fragten Karoline und der Buchträger die Mädchen, die daraufhin irgendwo in Richtung der Bode zeigten, die hinter den Bäumen rauschte. Der Buchträger nickte: „Immerhin schon ein paar verdächtig aussehende Flügelpaare und kleine Spuren im Moos.“ Nach ein paar Minuten hatten sie die Suche wieder aufgegeben, und Violetta gab ihren Eltern ein Zeichen, dass der Buchträger noch nicht deuten konnte. Marie klärte ihn auf: „Das heißt: Ein Märchen vorlesen.“ Rosa sah ihre Mutter daraufhin gespannt an und wiederholte die Geste.
Im Quadrat auf den Decken vor dem Brunnen sitzend, begannen sie im Kreis zu lesen. „Aber nur eins noch, dann müssen wir nach Hause.“

 

Die beiden Kinder hatten einander so lieb, daß sie sich immer an den Händen faßten, so oft sie zusammen aus giengen, und wenn Schneeweißchen sagte „wir wollen uns nicht verlassen,“ so antwortete Rosenroth „so lange wir leben nicht,“ und die Mutter setzte hinzu „was das eine hat solls mit dem andern theilen.“

(aus: Schneeweißchen und Rosenroth. Nach den Gebrüdern Grimm. 1837)

 

Als sie wieder vor seiner Tür standen, und die schwüle Sommerluft kurz davor war, an den Regenrinnen zu kondensieren, gaben sie noch ihre Tipps für das Achtelfinale am Abend ab, bevor sie sich für die nächsten Wochen verabschiedeten.
„Ihr wisst, wie albern das ist, oder?“
„Deswegen ja!“
„Okay. Ich sag’ fünf zu vier für Dänemark. Nach Elfmeterschießen. Kroos verschießt, als einziger.“
„Ich sag’ drei zu null für Deutschland. Alle Tore durch strittige VAR-Elfmeter.“
„Ich sag’ eins zu null für Dänemark. Eigentor Neuer.“
Karoline tippte als letztes: „Spielunterbrechung in Dortmund am Abend, wegen Schwergewitter. Am Ende glanzlos zwei zu null. Und unter einem noch schwereren Schwergewitter gehen alle zu den Saxophonklängen von „Major Tom“ völlig loserlöst nach Hause, während die Dörfer im Umland absaufen.“

Am letzten Abend vor seiner Abreise schrieb der Brillenträger nur noch einen Satz in seine Chronik, dann klappte er das Notebook schnell wieder zu. Absolut erwartete Eilmeldung auf allen Kanälen: In Frankreich gewinnt der rechtsextreme Jordan Bardella die erste Runde der vom Zaun gebrochenen Parlamentswahlen. Mit Abstand. Der Orb auf seinem Schreibtisch leuchtete in diesem Moment nur kurz grün auf. Das Jubelgelächter auf der anderen Seite klang furchterregender als das eines jeden bösen Geistes in jedem Gruselmärchen, denn es klang wirklich.

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