Gold Bluffs Beach. Oktober 2025.
Alternativer Titel:
Just Another Day for You and me in Paradise
Teil 1 – Good Morning from America
In dem die kurz vor ihrer Pension stehende Captain Cardinal und der gerade erst zum Captain beförderte Captain Canary von ihren Posten in Eureka, an der Pazifikküste, nach El Portal, in die Nähe des Yosemite Nationalparks, versetzt werden sollen, um dort einen a-typischen Mordfall zu übernehmen, der in einem möglichen Zusammenhang mit einem Medikamentenrezeptbetrugsnetzwerk im Humboldt County steht, das über Verbindungen bis in die Führungsetagen des UCSF unten in San Francisco verfügen soll. Captain Cardinal und Captain Canary sind erst seit wenigen Tagen Kollegen, werden sich aber in der kommenden Woche besser kennen lernen als es ihnen lieb sein kann. Dabei treffen sie unter anderen auch auf Dr. Lynn, den behutsamsten Arzt, den die beiden sich in ihrer Situation hätten wünschen können.
***
Bereits am zweiten Abend an der Pazifikküste hatten sie, gemeinsam mit all jenen zu Hause, die ihnen lieb waren, ein Ritual entwickelt, welches dem Brillenträger nur all zu vertraut war: Vor dem Schlafengehen schickten sie die letzten Bilder des vergangenen Tages nach Hause und bekamen umgehend Antworten, die noch ein paar Tage lang mit „Guten Morgen!“ begannen. Bilder von Sonnenuntergängen überholten das wirkliche Tageslicht und erreichten ihre Heimat, noch bevor dort die Sonne wieder aufging und ein neuer Tag anbrach. Ein „Good Morning!“ noch, und dann die Augen schließen; ein paar Tage lang mal nichts als gute Nachrichten.
Beim Frühstück sahen sie durch die Scheiben noch einen blauen Himmel über dem Golden Gate Park. Nur wenige Stunden später befanden sie sich auf einer Odyssee durch den Regen und durch das Gesundheitssystem von Kalifornien. Am Abend, nach einer letzten wagemütigen Busfahrt, durch Chinatown, scheiterten sie auch im x-ten Anlauf und marschierten niedergeschlagen zurück zum Hotel, der Himmel blieb bedeckt, aber zumindest brauchten sie ihre gelben Jacken nicht mehr. Was für ein Tag. Anxiety. Emergency. Hospitals. Urgent Care. Apothekenmonopole. Rezepte für Übermorgen und in 200 Meilen Entfernung einlösen, am Telefon, mit einem Chatbot. Wild Wild West. Sie schliefen wider Erwarten gut. Das reichte an Nebenabenteuer fürs Erste, auch wenn es noch nicht ganz vorbei war.
Der weitgereiste Plüschhund seiner Schwester saß am nächsten Morgen auf der anderen Seite der Bay und ließ sich von seiner Mutti fotografieren. Lümmi und die Brücke. Lümmi und Alcatraz. Lümmi und die kalifornische Flagge. Den Fruchtmix in der Plasteschüssel nahmen sie mit ins Auto. Ihr Roadtrip konnte beginnen.
Bereits nach den ersten Meilen entlang an der Küste war sie sich sicher: Da kann die Bretagne nicht mithalten. Alles ist einfach größer und weiter, „Scenic“ wie die Einheimischen das nennen. Am Muir Beach Overlook blictken sie immer noch auf Wolken, sahen aber schon mehr als genug vom Meer.
Auf dem Highway No.1 fuhren sie zunächst durch endlose Weinberge und an Rinderherden vorbei, von denen seine Mutti bereits wusste, dass die „Kettle“ genannt werden. Dazwischen Schafe. Und Pferde. Dahinter Bäume. Dunkelgrüne Nadelbäume, die sich fast ins Schwarze verdichteten.
Die Wolken hielten sich auch über den Bodega Dunes noch hartnäckig. Für die Surfer bei Point Arena aber kein Grund, nicht zu üben. Seine Mutti beobachtete sie genauso fasziniert wie er, während die beiden über ihrem Essen rätselten, ob sie den Sonnenuntergang in Fort Bragg noch erwischen würden.
Als sie die ehemalige Eisenbahnbrücke am Strand erreichten, waren die Wolken verschwunden. „Hier bleiben wir“, sagte sie und meinte das genauso ernst, als könnte ein Traum zur Wirklichkeit werden. Sogar das Bett im Hotel hätte weicher nicht sein können. Room Number 420. Wellenrauschen beim Einschlafen.
Am Mittwoch wachten sie erst nach Sonnenaufgang auf, obwohl das erste Nebenabenteuer noch nicht bewältigt worden war. Auf dem Parkplatz zwischen Appartmenthäusern und dem Frühstücksraum stand ein kleines Mädchen im Schlafanzug und schaute sich neugierig um. Seine Mutti und ein älteres Paar machten sich mehr Sorgen als das Mädchen selbst. Die Frau fragte, wo ihr Zimmer sei, was das Mädchen auch sagen konnte, ließ sich dann aber hochnehmen und zum Frühstücksraum bringen, wo seine Mutter im Pyjama bei Pancakes auf sie wartete.
Gut dreißig Meilen abseits der Küste lernten sie pünktlich wie bestellt Ukiah kennen, die erste von vielen Städten in Nordkalifornien, in der sich der Brillenträger ein Leben ganz schnell vorstellen konnte, wäre da nicht dieser elende Kapitalismus. Ihr Nebenabenteuer schlossen sie dann zum Mittag bei Walgreens ab, nicht ohne vorher noch zwei weitere kleinere Nebenabenteuer zu absolvieren, die nächsten Goodies für zu Hause: Hundesnacks. Bison Beef Jerky.
Erleichtert wie sie es sich erhofft hatten, konnten sie dann endlich das Auto rollen lassen. Auf dem „Finest Forest Drive in the World“ erwischten sie, gleich nachdem sie an den ersten aberwitzig dicken Stämmen am Straßenrand vorbeigefahren waren, fast ein Reh, doch die Reifen mussten nicht quietschen, the Deer is doing fine.
„Wenn du mich nicht vorgewarnt hättest, hättest du mich jetzt hierlassen können.“ Seine Mutti reagierte wie wahrscheinlich alle reagieren, die diese Bäume das erste Mal wirklich sehen und anfassen können. Aber darauf hätte sie nicht mal Alexander von Humboldt vorbereiten können, das wusste der Brillenträger und liebte sie deshalb umso mehr. Im Visitors Center des Humboldt Redwoods State Park fand er dann den Hoodie, den er sich in dunklen Petrolnuancen erträumt hatte, und auch seine Mutti hatte ihr neues Lieblingsshirt entdeckt. Andenken verlieren niemals ihren Sinn.
Auch Eureka erreichten sie vor Sonnenuntergang und bestaunten ihn an der Humboldt Bay. Dann schickten sie Nachrichten und Bilder nach Hause. Die Antworten ähnelten sich auffallend: „Unvorstellbar“, „Dafür gibt es keine Worte“, „Ein Traum“, „Unbeschreiblich“.
Ganz. Genau.
“The redwoods, once seen, leave a mark or create a vision that stays with you always. No one has ever successfully painted or photographed a redwood tree. The feeling they produce is not transferable. From them comes silence and awe. It’s not only their unbelievable stature, nor the color which seems to shift and vary under your eyes, no, they are not like any trees we know, they are ambassadors from another time.”
(John Steinbeck: Travels with Charley: In Search of America. 1962)
„Geh ma dein Tempo mach’n.“ Am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich bis zum Nachmittag und verabredeten sich für den Abend zum Laundry machen. Der Brillenträger entschied sich gegen Basketball im Hotelpool.
House on the Hill
(Hidden Story)
The Bearer of Glasses was having his own March on the Fort. About two miles out west upon a hill was a white wooden house waiting for him. His March led him past all kinds of misery a human being could suffer. Sickness. Addiction. Madness. Despair. Loneliness. The streets were roamed by the doomed no more looking for hope, cars passing them, an endless row of people looking down on them or looking away. He turned left and was walking up hill. Just to find his white wooden house colored in solitude, the meadow up front covered in orange poppies.
Nach einer kurzen Pause marschierte der Brillenträger weiter bis er den Sequoia Creek Trail, mitten in Eureka, fand, einen Spaziergang durch einen Miniwald mit Riesenbäumen. Sofort als er den Schatten der Redwoods betrat, vergaß er augenblicklich, woher er gerade gekommen war. Er fühlte sich so klein wie die Menschen nun mal sind im Angesicht der Jahrtausende.
Zurück lief er einmal quer durch Eureka. Mehr als zwanzig Blocks reines Wohngebiet. Ein hübsches kleines Holzhaus neben dem anderen. Wunderschön. Aber hier leben? Noch immer: Nein, danke.
Eine Stunde später standen sie am Humboldt Beach. Endlich konnte seine Mutti Muscheln am Strand suchen, was sie auch wirklich tun musste, denn so üppig wie an der Ostsee oder in der Bretagne lagen die hier nicht am Spülsaum. Dafür aber größere und schwerere. Selbst unter ihren schweren Schuhen gaben die harten Schalen kaum nach. Ein Paar kleiner flinker Hunde begrüßte seine Mutti als würde sie hier öfter am Strand lang laufen.
Arcata Bay, nördlich der Humboldt Bay gelegen, war bekannt dafür, riesigen Vogelschwärmen ein Rastplatz zu sein. Die gesamte goldene Stunde saßen sie dort, mal im Auto, mal am Ufer. Kleine weiße Reiher liefen über das Wasser um die Wette, schwarze Vogelschwärme übten weiter draußen Massenmanöver, Enten und Gänse gründelten an den tieferen Stellen, Strandläufer steckten ihre langen Schnäbel in den überspülten Sand. Und der Himmel färbte sich erneut, nur dieses Mal noch ein bisschen roter.
Am vorerst letzten Morgen am Pazifik frühstückten sie gemeinsam mit einem College Soccer Team in der Lounge hinter dem Hotelpool. Die Spielerinnen waren gestern Abend angekommen, der Brillenträger musste extra ihr Auto umparken, damit der Bus genug Platz hatte.
Neben dem Walmart fanden sie anschließend einen geblümten Koffer, ihre Einkäufe der letzten Tage würden das Handgepäck jetzt schon bei Weitem sprengen. Dann fuhren noch weiter nach Norden.
Die ersten Elche sahen sie auf einer Weide, vor einem Giftshop und einer Holzkunstwerkstatt. Sie nahmen sich als Andenken groben Redwoodsverschnitt mit, der würde wenig am Gewicht des Koffers ändern.
Die Angst vor nassen Füßen verloren sie, als sie im Fern Canyon angekommen waren. Die Luft war satt, die Hänge der kleinen Schlucht zwischen Wald und Strand glühten dunkelgrün. Und selbst von hier aus hörten sie bereits das Donnern der Wellen am Gold Bluffs Beach. Noch bevor sie das Ufer erreichten, wurden sie von zwei Picknickern auf die Elchherde hingewiesen, die in den Dünen nach Futter suchte. Nur die Hänge an den äußersten Rändern ihres weiten Blickfeldes waren mit Wolken behangen, vor ihnen lag der weiß blau glänzende unendliche Ozean. Der Sand war noch dunkler und rieselte warm durch ihre Zehen. Vier Füße im Pazifik, und vier Augen sehen nichts als Frieden. Niemals wollten sie zurück.
Dann fuhren sie wieder nach Süden. Die Sonne stand bereits tief über der Steilküste. Im Sue-meg State Park beobachteten sie, keine Stunde nach den Elchen am Strand, Wale in der Brandung vor Palmers Point. Ein weiterer Sonnenuntergang wäre zu viel des Guten gewesen.
Und im Hotel wartete immer noch die Wäsche. Seine Mutti versicherte sich ein letztes Mal wie die Sache mit den Quarters funktionieren sollte und war erstaunt, wie günstig Laundry machen sein kann. Als er vom Schreiben zurückkam, war die Wäsche bereits trocken und sie konnten beginnen zu packen. Morgen früh begann der nächste Roadtrip. Und der sollte lang werden. Die Sierra Nevada lag noch eine Nacht einen ganzen neuen Tag entfernt.
Teil 2 – A Walk in the Park
In dem Captain Cardinal und Captain Canary gemeinsam mit Daphne Everdeen, einer enthusiastischen Junior Rangerin im Yosemite Nationalpark, und ihrem Freund DeJim Jackson, einem engangierten High School Basketballcoach in Stockton, den a-typischen Mordfall in El Portal, der in einem möglichen Zusammenhang mit einem Medikamentenrezeptbetrugsnetzwerk im Humboldt County steht, das über Verbindungen bis in die Führungsetagen des UCSF unten in San Francisco verfügen soll, ganz einfach lösen: Motiv: Habgier. Mordwaffe: Holzfälleraxt. Täter: Ein Auftragskiller im Auftrag der Familie Sackler.
Captain Cardinal und Captain Canary kehren nach einer Woche, in der sie sich besser kennengelernt haben, als es ihnen lieb sein konnte, mit einigen neuen Auszeichnungen und erschöpft aber glücklich zurück ans Meer.
***
Am zweiten Sonntag Abend saß der Brillenträger unweit des Merced River an einer Picknickbank, über ihm glimmten Lichterketten in den Bäumen, am fest installierten Grill stand ein Mann im Dunkeln und bereitete sich sein Abendbrot zu, der Fluss rauschte im Hintergrund. Seine Mutti hatte bereits die bequeme Hose an und versuchte, im großen und weichen Hotelbett, die Überdosis an Eindrücken zu verarbeiten; mit Sonnenuntergang war ihrer beider Mutter-Sohn-Toleranz an der Belastungsgrenze angelangt; eine ganze Woche lebten sie nun schon einen Traum von Kalifornien im Herbst, und auch heute wieder hatte America sie mit ihrem Beautifulsein erschlagen; El Capitan wäre dafür Sinnbild genug gewesen, aber vom Yosemite hatten sie nur einen Bruchteil gesehen, und das obwohl sie ihn ein halbes Dutzend Stunden lang durchlaufen und durchfahren hatten.
Dabei hatte sich seine Mutter bereits gestern mit dem typischen Kalifornienproblem konfrontiert gesehen. Sie hatte aufgehört zu zählen, wie oft sie ihren Sohn nicht darum gebeten hatte, doch bitte mal ranzufahren, sicher auch, um sich einige seiner vielen Neins zu ersparen. Dabei konnte er sie mehr als verstehen und versuchte, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang das Auto in der Spur zu halten; 500 Meilen sind genauso weit wie es sich anhört, und auf eine Nacht im Pick Up hatte er wenig Lust. Die Strecke, die sie von Eureka nach El Portal genommen hatten, erwies sich allerdings als besonders gnadenlose Reise durch viel zu viel Schönheit.
Kurz hinter Arcata waren sie nach Osten auf den Trinity Highway abgebogen. Vor ihnen lagen die Northern Coast Ranges, dahinter wartete das Valley. Sie fuhren den Trinity River hinauf. In jedem Tal ballte sich der Nebel, an den Hängen hingen riesige Wolkenfetzen, durchbrechende Sonnenbalken wiesen ihnen den Weg. Sie fuhren erneut durch scheinbar endloses, dunkles Grün, das alle Erde bedeckte. Nur der Fluss glitzerte sie an, Fischer winkten von ihren Holzbooten. „Hinter jeder Kurve könnte ich die Knipskiste wieder rausholen; das ist ja schrecklich.“ Der Brillenträger lächelte mit dem Mundwinkel auf der Fahrerseite.
Mitten in den Bergen legten sie einen etwas längeren Stop ein. Weaverville ist genau die pittoreske US-Kleinstadt, die in Nordkalifornien zu erwarten ist, aber heute gab es außergewöhnliches zu sehen. Am Rande der Hauptdurchgangsverkehrsstraße standen gut 50 Menschen und wurden von jedem vorbeifahrenden Auto angehupt. Die Menschen waren bunt und freundlich angezogen, einige waren geradezu verkleidet, viele hielten ein selbstgemaltes Schild in der Hand.
Richtung Valley rollten sie danach die Berge hinab, am Himmel war nicht das kleinste bisschen Weiß mehr auszumachen, das war also der Teil von Kalifornien, in dem es wirklich niemals regnet. Rings um sie herum standen erst vor wenigen Jahren komplett abgefackelte Wälder, am Straßenrand lag ein Deer Roadkill.
In Redding angekommen, hielten sie wieder neben einer Menge fröhlicher Menschen. Dieses Mal zögerte seine Mutti nicht lange und marschierte mit dem Fotoapparat im Anschlag los. Am Abend würde der Brillenträger lesen, dass seine Mutti sich mit einigen der über sieben Millionen US-Amerikaner*innen unterhalten hatte, die heute den zweiten „No Kings Day“ begangen hatten; Carla Columna wäre vor Neid fast umgekippt. Der Brillenträger fotografierte gereckte Fäuste aus Autofenstern.
Nach einer Stunde Fahrt durchs Valley übernahm sie das Lenkrad. Sie konnte sich schwer entscheiden zwischen dem Abenteuer Interstate 5 oder den Brillenträger, öfter als es ihm notwendig erschien, darum zu bitten, doch auch noch hinter der nächsten Kurve mal ein Foto zu machen. Endlose Mandelplantagen wechselten sich mit endlosen Weinhügeln und endlosen Olivenhainen ab, dazwischen standen alle nur denkbaren Obstbäume und lagen endlose Kürbisfelder. Als das Land noch flacher geworden war, standen Cattle bis zum Horizont. Beim Fahren erzählte sie ihm von Dean Reed, der ihr vor 50 Jahren von Amerika erzählt hatte. Dann fragte sie wie aus dem Nichts: „Sehen wir die großen Bäume eigentlich nochmal?“, und der Brillenträger wunderte sich kein bisschen.
Bei Sacramento saß er beeindruckt auf dem Beifahrersitz: Seine Mutti hatte durch sein Verschulden eine Ausfahrt genommen, die sie durch den Rand der Großtadt führte. Mehrere Verkehrsbrücken stapelten sich übereinander, ständig überquerten sie dicht befahrene Kreuzungen, überall gab es was zu bestaunen, und trotzdem fuhr seine Mutter als wäre das überhaupt nichts besonderes.
Als sie den Flughafen von Sacramento links liegen ließen, kreuzten große Maschinen den Himmel, und kurz ließen die beiden ihr Heimweh zu. In weniger als einer Woche würden sie wieder zu Hause sein.
„Counting the days in California
when all I want is you.“
(Tommy Ashby: Closer. 2023)
Von Stockton aus fuhren sie durch tiefstes kalifornisches Hinterland auf die Sierra Nevada zu, der Brillenträger saß erneut am Lenkrad, konnte aber selbst nicht anders als doch immer wieder anzuhalten; den Park würden sie sowieso erst nach Sonnenuntergang erreichen. Irgendwo im Nirgendwo standen sie in der zeitlosen Weite der Prairie und bestaunten das goldene Land um sie herum.
Mit dem letzten Tageslicht im Rücken erreichten sie den Eingang des Yosemite Valley. Hunderte von Scheinwerfern kamen ihnen entgegen, zehntausende Menschen hatten heute den „No Kings Day“ beim Spaziergang im Park zugebracht, und hatten dafür, wegen des Shutdowns, nicht mal Eintritt bezahlen müssen.
Im Hotel wartete zwar eine Badewanne, aber das Wasser war nur lauwarm. Als seine Mutti ihre erschöpften Augen vor dem Schlafengehen schon mal kurz zugemacht hatte, stand der Brillenträger am Fluss. Über ihnen lag die Milchstraße und darunter, über dem schwarzen Wald, zerplatzte eine einzelne Sternschnuppe. Morgen würden sie ausschlafen.
Auf Massentourismus hätten sie vorbereitet sein müssen, aber der Roadtrip gestern durch den weiten, weiten Westen hatte sie daran glücklicherweise nicht denken lassen. Bereits beim Frühstück am Sonntag herrschte diese unangehme Stimmung, die Menschen verbreiten, für die es bei einer Reise in erster Linie darum geht, wie viel sie kostet, weswegen sie alles um sie herum nur taxieren und nicht wirklich sehen. Wenn sie denn überhaupt hingucken. Am meisten ärgerte er sich über die Gruppe deutscher Richkids, die sich bei ihrem Workout im Park nicht einmal gegenseitig anschauten. Gegen die Schönheit des Waldes verblassten solche Eindrücke aber umgehend. Für die eigentlich einstündige Fahrt bis in die Mariposa Groves brauchten sie zwei. Das letzte Stück bis zu den Mammuntbäumen mussten sie mit einem Bus zurücklegen, der beinahe so vollgestopft war wie ein Feierabendbus im verregneten Chinatown. Auf dem Giant Grizzly Trail begann seine Mutti dann sich ihre Kräfte einzuteilen und schickte den Brillenträger alleine weiter den Berg hinauf. Ein dauergewellter Mittfünfziger fragte ihn ohne Begrüßung, was er sich denn unter einem Giant Grizzly vorstellen sollte und wo die zu sehen sein sollten. „It’s just one big tree. Right up there“, mehr bekam der Brillenträger nicht heraus bevor er den Kopf schüttelte.
Auf ihrer Runde durch den unteren Teil des Tals fanden sie zurück zu einem gemeinsamen Tempo und standen nebeneinander vor 500 Meter hohen Wasserfällen, die glücklicherweise (die letzte Regenzeit war bald ein Jahr her) sogar schleierhafte Kaskaden trugen. Am El Capitan fuhren sie dann erst nur noch vorbei; die große Runde durch den Park hatten sie sich für morgen vorgenommen und mussten heute noch alles für ein Picknick besorgen.
Den Weg zum lokalen Grocery Store in Mariposa erfuhr der Brillenträger an einer Tankstelle, indem er die Verkäuferin fragte, wo man hier in der Nähe „Brot“ kaufen könnte. Sie sah ihn eine Sekunde zu lang verwundert an und fragte dann nach, was genau er mit „Brot“ meinen würde. „Like Sliced Bread?“ Exactly.
Seine Mutti setzte mitten im Laden kurz ihre Brille ab. „Jetzt hab ich wieder dieses Gefühl, in einem Film aufgewacht zu sein. Das hört hier ja gar nicht mehr auf.“ Der Brillenträger nickte, ebenfalls über die Maßen erschöpft. Die Eier waren nicht viel teurer als zu Hause, aber beide konnten sich beim Bezahlen vorstellen, wie schwer das Leben sein konnte, für Menschen, die in Kalifornien keine Touristen sind.
Am Abend, kurz vorm Einschlafen unter der Milchstraße, versicherten sie sich, dass die Muscheln, die sie am Pazifik gesammelt hatten, noch nicht zerbrochen waren.

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