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Bausoldaten im Proberaum (S3:Midseason Break)

von | 2020 | 15. September | Die Kurzgeschichten, Die Serie, Staffel 3 - Cope, Thalenser Kurzgeschichten

Im Grunde lebten sie für einige Jahre von Probe zu Probe. New Age, Leben im Augenblick, Twenty-Something Hedonismus. Noch waren alle hier, noch niemand war auf der anderen Seite der Welt, noch keiner hatte Familie, und studiert wurde eigentlich auch nur nebenbei. Heimlich wussten alle schon damals, dass sie heute auf diese Zeit zurückschauen und sie zu einer der schönsten ihres Lebens verklären würden. Was wollten sie mehr? Ernsthaft Musik machen, Songs austüfteln (Musik „schreiben“ konnte niemand auch nur im Ansatz), bis spät in die Nächte zusammen sein, bei gelegentlichen Auftritten vom Ruhm träumen, Anfang zwanzig sein. In baufälligen Proberäumen der Front, die sich Leben nennt, trotzen.

Als der Brillenträger erst neulich mit zwei Freunden von damals und von heute zusammen im Fachwerkpalast saß, verdrehten die bloß die Augen, als er fragte, ob sich das hier alles irgendwer hätte vorstellen können, vor fast zwanzig Jahren?
„Ich versteh die Frage nicht! Natürlich nicht. Warum hätten wir das tun sollen? Reine Zeitverschwendung. Die Gegenwart war uns doch Zukunft genug!“
Die Gegenwart. Damals. Der Brillenträger drängte die Nostalgie zurück. Die ist immer noch was für Konservative, und die sind nun mal von damals.
Und erst gestern hatte er wieder mal in irgendeiner der wenigen Lokalzeitungen gelesen, dass das ehemalige Thalenser Rathaus, und das noch ehemaligere Hotel Zehnpfund am ehemaligen Friedenspark (heute „Kurpark“) einen Investor gefunden hat. Von vielen Millionen ist die Rede. Mal wieder. Passiert ist seit Ewigkeiten nichts.

Das einzig neue in diesem Gebäude waren damals nur sie, die Band. Die Türen durch die sie gehen konnten, wann immer sie wollten, waren morsch. Die Fußböden wellten sich schon damals, und um einige Stellen machten sie sehr schnell einen Bogen; eine Etage tiefer wollte keiner enden. Die Fenster waren allesamt undicht, die Heizung nur noch Kulisse. Nicht nur, dass sie das nicht störte, im Gegenteil: Wie viel mehr Grunge und DIY hätte es denn noch sein können? Ihr Proberaum lag im Südflügel der Dauerbaustelle, auf der damals ständig Wochenende war. Um dort hin zu gelangen, hatten sie einen Schlüssel für den Eingang zum ehemaligen Kindergarten; der kleine Park, samt verrosteten Klettergerüsten wurde seit Jahren schon ignoriert. Bis heute wusste der Brillenträger nicht, wem sie damals eigentlich die schmale Miete gezahlt hatten.
Im November 2001, einige Wochen nach den Anschlägen in New York, stand die Band angespannt und wieder ein mal vor den Scherben ihres Weltbildes im Proberaum. Die Sonne hatte sich heute den ganzen Tag nicht sehen lassen, und genauso grau war das Licht, das die alten Halogenröhren von sich gaben.

„Take my clouds away
with every word you say
you take my clouds away
this is
the last
raindrop of the day“

Der Funke wollte nicht überspringen, die Probe war ziellos, die Musik half nicht. Zum Glück besann sich die Band, was sie in solchen Momenten zu tun hatte. Weitermachen, was neues machen, dem Pessimismus die Stirn bieten, dem Verfall trotzen. Eigentlich wollten sie damals keine düsteren Songs schreiben, keine politischen Statements abgeben, das wäre nur aufgesetzt gewesen. Aber die Zeiten hatten sich nun mal geändert, also musste es auch die Musik tun; wenn sie nicht schon nach der ersten DIY-Platte in der Nostalgie versinken wollten. Trotzdem fingen sie vorne an, am Reißbrett, wie es damals in den Musikmagazinen hieß, mit dem einzig passenden Akkord: E-moll.
Nur dieses Mal ging es die Tonleiter immer weiter runter, die Harmonien wurden immer dunkler und aussichtsloser. Die ersten Textfetzen kamen erst nach Stunden:

„I´m against it cause it´s necessary.
I think decades forward.
Where will we be without it?
Where will we be standin´ with it?”

Der Brillenträger war damals noch viele Jahre davon entfernt, die Bedeutung des Ausspruchs „si vis pacem para bellum“* zu kennen, aber schon damals hätte er seine Augenbraue nicht am Hochschnellen hindern können. Inzwischen war es Abend geworden, vielleicht schon Nacht. Die Band war entschlossen, aus den paar Fragmenten heute noch ein Lied zu machen. Die Riffs und Melodien standen auf wackligen Füßen, aber sie trugen. Bass und Schlagzeug schlugen so lange Haken, bis sie sich gefunden hatten, alle hatten ihre Kapuzen tief im Gesicht hängen, als sich die Arrangements langsam ineinander fügten, und das Grau des Tages in ein tief dunkles, wütendes Rot übergegangen war. Die Katharsis begann zu wirken. Sie hatten etwas entgegen gesetzt. Und mochte es noch so trostlos klingen.
Sie ahnten schon damals, dass sie es nicht weit aus diesem baufälligen Proberaum schaffen würden. Die Ostprovinz und das wirkliche Leben hatten andere Pläne mit ihnen. Aber das kümmerte sie nicht. Sie wussten wo sie standen. Sie wussten, wie sie sich das neue Jahrtausend wünschten, wofür sie stehen würden. Ob auf Bühnen, in Klassenzimmern, an Wickeltischen, an Schreibtischen, sie bauten ständig an ihrer Zukunft. Und hier probten sie für den Ernstfall:

“We don´t want some new.
We don´t want your policy.
We need this conversation.
Because we don´t need
a New War!”

Kurze Zeit später erklärte der damalige US-Präsident, George W. Bush, den Krieg gegen den Terror. Das Paradox des neuen Jahrtausends und der Weckruf einer neuen Generation von Kriegsgegnern. Was einfach ist, lebt man nicht selbst im Kriegsgebiet. Die Waffen, zu denen wir greifen konnten, hießen Bildung, Lebensfreude, Leidenskraft und Inter-nationalismus! Da kam doch das Internet gerade recht. Matrix hatten damals alle gesehen (und verstanden). Was sollte also schon schiefgehen? Die Band baute sich eine myspace-Seite und zog in einen größeren (und später berühmt-berüchtigten) Proberaum um (in dem sich heute ironischerweise ein DDR-Museum befindet). Die Zukunft konnte kommen, das alte sollte doch verrotten. Wer, wenn nicht wir? Wo, wenn nicht hier? Wann, wenn nicht jetzt? Ans Ende dachten wir natürlich zuletzt.

“it´s a hello
everywhere you footstep in
now here´s goodbye,
where is your “hear you later”?
green is a colour,
I hope you notice that”

“everyone speaks to everyone
and no one knows
how to cry and how to die
red is a colour,
I hope you know that”

“the truth is out there
do I talk to anyone
yes, you do,
what is your name
and how are you?”

Als der Brillenträger dann neulich seine Freunde von damals und heute verabschiedet hatte, machte er sich Notizen für eine Kurzgeschichte über den Proberaum von damals und vergaß dabei, sich selbst davor zu warnen, in einer Geschichte gegen Nostalgie das Wort “damals” zu oft zu benutzen. So alt sollte es dann doch noch nicht wirken, das hatte noch Zeit. Denn bis aus dem Proberaum endlich eine neue Baustelle wird, werden wahrscheinlich noch weitere zwanzig Jahre vergehen.

(alle Zitate: bleen. 2001 – 2003.)

*Wer den Frieden will, muss auf den Krieg vorbereitet sein.

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