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Money left to burn (Teil 1)

von | 2021 | 4. April | Die Kurzgeschichten, Quedlinburger Kurzgeschichten, Staffel 5 - How does it feel?

 Als ob wir anders wär’n

„Hol‘ up,
lemme set you straight.
School sensation.
Let me educate.

Who the hell do you think I am?
I don’t give a fuck
about your Instagram.
Fly away,
little Peter Pan.
Now you know
who the fuck I am.“

(Dimitri Vegas & Like Mike, David Guetta,
Daddy Yankee, Afro Bros & Natti Natasha:
Instagram. 2019.)

 

Der Brillenträger swipte schnell weiter; Text ganz cool, aber, na ja, Tomorrowland halt. Die Zeiten waren schon lange vorbei. Gerade hatte sogar Alligatoah seine Open-Airs für dieses Jahr abgesagt, wir söllten uns nichts vormachen. Das Geld gab es anstandslos zurück, mit dem versteckten Hinweis, es dann eben für kleinere Konzerte auszugeben, von denen alle hofften, dass wenigstens diese stattfinden würden.
Man konnte mit Privilegiertheit also auch verantwortungsvoll umgehen, selbst wenn Die Zeit diesen Status schon vor einigen Jahren als Hochglanz-Mitleid hingestellt hatte. Etwas, wofür sich die privilegierten Bildungsbürger dann auch mal ein bisschen zu schämen hätten. Im Bewusstsein, nicht unbedingt zu den oberen zehn Millionen dieser Privilegierten zu gehören, sondern eher so im unteren Drittel zu struggeln, hielt sich diese Scham beim Brillenträger aber eher in Grenzen. Genügend andere hatten deutlich mehr Grund dazu. Mallorcaurlauber, zum Beispiel. Oder Menschen, die sich immer und immer wieder darüber aufregten, dass der Diesel immer und immer teurer wurde (erst recht, als die Ever Given den Suezkanal für ganze sieben Tage versperrt hatte). Oder alte, weiße Ministerpräsidenten, die, jeder auf seine Weise, wie blöde am Stuhl der Kanzlerin sägten. Oder, oder, oder.
Trotzdem fühlte er sich andauernd machtlos, dachte immer wieder, dass er doch einfach nur irgendwie mal ins Machen kommen müsse. Seine größte Leistung in dieser Pandemie konnte es doch nicht sein, so gut es ging weiter- und mitgemacht und nebenbei noch das Internet vollgeschrieben zu haben. Wo blieb da die Heldenhaftigkeit? Und welche Verbesserung hatte das denn schon gebracht? Außer vielleicht für sein Seelenheil? Aber wo hätte er denn sonst hin gesollt mit seinem Wissen, seiner Zeit, seinem Geld, das zum ersten Mal in seinem Leben mehr und nicht weniger geworden war, mit seinem Willen? Seiner Hingabe? Besonders in den Tagen der Quarantäne hatte ihn die Ohnmacht seiner Privilegiertheit beinahe erdrückt. Sein Hochglanz-Mitleid richtete er derweil höchstens noch auf die armen darstellenden Künstler, die sich jetzt Patreon-Follower leisten mussten, oder gleich absurdeste Werbung in ihren Videos zuließen. Und die auch nur nichts weiter taten, als den Diskurs und sich selbst am Leben zu erhalten. Weil sie damit, und nur damit, ihr Leben finanzierten. Nur wenigen davon wollte und konnte er keine Doppelmoral vorwerfen. Denen nämlich, die wenigstens ehrlich dazu standen.

„Ich bin keiner von denen, die weiterwissen.
Ehrlich gesagt, ich krieg‘ selber nie was geschissen.
Und ich weiß nicht,
wann man die Decke aus Glas einreißen kann.
Die Decke aus Glas ist ’ne weiße Wand.
Auch wenn ich das nicht beweisen kann.“

(AMK: Weiße Wand. 2019.)

 

Es klingelte: “Moin. Sie haben einmal Quarantänebrechen bestellt? Am letzten Tag? Zahlen sie mit Karte oder bar?“
Für Ostersonntag hatte er sich vom Almänchen überreden lassen, es einfach drauf ankommen zu lassen. Dazu fühlte er sich noch privilegiert genug. Sie hatten sich für die Stunde vor Sonnenaufgang verabredet. Natürlich zum Osterwasser holen. Lange bevor die Stadt dann erwachen sollte, hätte er sich noch mal hingelegt.
Die Pandemie hatte den Brillenträger vor knapp zwei Wochen nur sanft gestreift, andere hatte es schlimmer erwischt, und er war froh, von richtig schweren Verläufen nur um zwei Ecken gehört zu haben. So war er genau pünktlich in Quarantäne gegangen, um Dienstag nach Ostern wieder einsatzfähig zu sein. Der drohende Dritte Lockdown aber würde ihn wahrscheinlich weiterhin zwingen, die Tage zwischen Schreibtisch, Couch, Küche und Bad zu verbringen. Immerhin durfte er ab übermorgen wieder ganz offiziell vor die Tür: „Moin. Wie viel nehmen sie, wenn ich sag, ich brauch‘ keine Quittung?“
„Dann, Moment … Das würde dann vier mal zwei bis drei Kugeln Eis und drei Kaffee machen. Zahlbar bis vierzehn Tage nach Rechnungslegung in einem Café unserer Wahl. – Kommste jetze?“
Das Almänchen wartete fünf Meter von der Haustür entfernt, als der Brillenträger diese mit einem etwas zu lauten Knall hinter sich zuzog.
„Und? … Ehrlich, wie wars? … Hastes komplett durchgezogen?“
„Ich war zwei mal nachts Kippen holen. Circa eine Stunde lang.“
„Ausgangssperre auch noch gebrochen?“
„Hallo? Selber? … Haben wir doch außerdem noch gar nich.“

Die ersten paar Meter durch den Schuhhof und über den noch tief schlafenden Markt sprachen sie kaum. Dass sie das Schweigegebot des Rituals gebrochen hatten, vergaßen sie erst wieder, als sie den Mühlgraben am Ständerbau überquerten. Beide waren jetzt mit ihren Gedanken allein. Während sie den Wordgarten durchquerten, der am Ende eines Frühlingswochenendes selten so sauber gewesen war, sah das Almänchen einen vergessenen Fußball auf der Wiese zwischen den Bäumen liegen. „Ach ja, die fetten Jahre sind wohl wirklich endlich vorbei.“
Der Brillenträger schaute nicht auf: „Versprochen?“
Das Almänchen sah ihn kurz ganz offen an: „Dir gefällt das wohl alles echt ganz gut, was?“
Der Brillenträger schwieg einige Meter, dann räusperte er sich kurz: „Alles nicht, und ganz gut, das wär‘ auch übertrieben. Aber ja, irgendwie kann ich der Zeit auch viel Gutes abgewinnen.“
Das Almänchen seufzte: „Versteh‘ schon. … Aber man, was machen wir denn jetzt bloß alle? Ich hab früher alle paar Wochen mein Geld ins Stadion getragen. … Und komm‘ mir jetz nich mit Bayern München, das hab ich hinter mir gelassen. … Ihr hattet recht, schon immer. … Aber nich ma dritte Liga kann man live sehn. … Und die Junken erst. Man, wir ham früher jeden Tag jespielt, neben dem Training noch. Du kannst mir nich erzählen, dass du dem auch was gutes abgewinnen kannst.“
Das konnte der Brillenträger natürlich nicht. Er überlegte kurz, ob er ein Gegenbeispiel bringen sollte, zum Beispiel wie viel schöner die Stadt doch ist, wenn die meisten Touristen ausblieben. Die Antwort konnte er sich aber bereits denken, schließlich müssten die ja auch alle irgendwohin mit ihrem Geld, ihrer Zeit und ihrem Interesse. Das Almänchen nahm ihm die Bürde des Schweigens ab: „Lass gut sein, ich hab‘ auch keine Lust, immer über das gleiche zu labern. Biste bereit?“
Sie hatten gerade den Kreisverkehr am Schiffbleek überquert und standen neben der Bode und dem Stiefelgraben am alten Wasserwerk. Der Brillenträger zog seine Laufhose zurecht: „Immer bereit! Laufen wir an der Bode lang, oder gerade durch zur Schafsbrücke? … Und: Ist Musik hören eigentlich auch verboten?“
„Mach wie du denkst.“ Das Almänchen hatte sein Handy schon wieder in die Tasche gesteckt, und es war still genug, um zu hören, was in seinen Ohren klang:

„You better lose yourself
in the music,
the moment.
You own it,
you better never let it go.
You only get one shot.
Do not miss your chance to blow.
This opportunity comes
once in a lifetime.“

(Eminem: Lose yourself. 2002.)

 

„Go!“, das Almänchen setzte, wie immer, zu seinem Startsprint an, am Klopstockdenkmal würde er dann, wie immer, ein bis zwei Minuten auf den Brillenträger warten. Als die letzten Takte in seinen Ohren verklungen waren, war er an der Bronzebüste des Dichters angekommen, hielt sich kurz an dessen Schulter fest und nahm dann die Kopfhörer raus. Er atmete tief ein und aus, der Bärlauchduft verlieh der kalten Morgenluft noch ein bis zwei Scoville mehr. Seine Sinne schärften sich, sein Denken klarte auf. Wie geplant. Das Almänchen liebte es, wenn ein Plan funktionierte, und war er auch noch so klein. Als er den Brillenträger hörte, bereitete er sich auf den nächsten Teil vor, ging die Worte ein letztes Mal im Kopf durch und lockerte seinen Kiefer: „Na, auch endlich da? Zur Feier des Tages hab ich was auswendig gelernt.“
Der Brillenträger war natürlich völlig außer Atem: „Du hast was?“
„Warte“, das Almänchen stellte sich kerzengerade hin und trug mit ausholender Gestik vor, während der Brillenträger vor ihm weiter keuchte, mit den Händen auf den Knien.

„O so bauten wir hier Hütten der Freundschaft uns!
Ewig wohnten wir hier, ewig! Der Schattenwald
Wandelt, uns sich in Tempe,
Jenes Tal in Elysium!

(Friedrich Gottlieb Klopstock: Zürchersee. 1750.)

 

Das Almänchen verbeugte sich, ohne den halbironischen Applaus des Brillenträgers abzuwarten: „Ich bin gerührt. … Wirklich. … Lass dich mal umarmen.“
„Aber bitte, bitte, nicht so empfindsam, der Herr. Es war doch nur aus eim Jedicht jewesn. … Außerdem: Abstandsgebot! Wir können hier nich einfach alles ignoriern.“
Er steckte sich die Kopfhörer wieder in die Ohren, und zusammen liefen sie das letzte Stück durch die hohen Bäume zur Hundewiese. Sie konnten weiter nicht umhin, den Bärlauchgeruch aufzusaugen, bis rechts neben ihnen wieder das dunkle Kopfsteinpflaster auftauchte. Sie sprachen kein Wort mehr, als sie an der Schafsbrücke das Flusswasser abfüllten und im Osten, über dem Brühl, das Schwarz der Nacht mehr und mehr aufhellte, als sie, jeder nur auf seinen Atem und seine Beine konzentriert, an der Bode entlang zurück zur Stadt liefen.

Fortsetzung folgt …

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