„Manchmal find‘ ich Frieden im Leben:
Es tut gut, den Ball fliegen zu sehen.
Viele gehen in Museen,
um vor Gemälden zu stehen.
Und andere schauen lieber zu,
wenn jemand zaubert
so wie Zizou.“
(AMK: Kein Stern. 2022.)
Am Ende des ersten echten Abschlusstrainings vor Saisonbeginn, seit drei Jahren, fiel sogar das obligatorische Trainingsspiel flach. Alle waren okay damit, nicht noch mehr laufen und werfen zu müssen, die letzten zwei Stunden hatten den meisten mehr als gereicht. Zudem waren sie auch nur noch zu acht, angesichts der Überlänge ihres Trainingsfeldes keine schönen Aussichten. Noch dazu konnten sie sich sagen, in den letzten Wochen doch genug für ihre Fitness getan zu haben. Und außerdem waren nicht wenige jenseits der 40. Zu viel Gerenne ist da oft eher ungeliebt. „Ausreden“ lassen sich mit fortschreitendem Alter immer leichter finden.
Beim zweiten Abschlusstraining, am Abend vor dem ersten Spiel, waren sie zu viert, eigentlich nur zu dritt, ohne einen halb so alten Spieler aus der Herrenmannschaft hätten sie höchstens noch Two on One spielen können. Oder pures Wurftraining absolvieren; was sie dann auch eine Stunde lang taten: Irgendwo zwischen 500 und 700 mal (also im Durchschnitt alle zehn Sekunden) warf jeder auf einen der beiden Körbe des Hauptfeldes der Bodelandhalle, aus allen Positionen; Layups (mit langem und kurzem Anlauf), Jumpshots und Floater in the paint, from the side, from the elbows, Freethrows and from around the arc. Der Brillenträger traf insgesamt vielleicht die Hälfte, die anderen mehr. In den letzten Minuten liefen sie noch ein paar mal das System für morgen. Routine. Bekannte Laufwege, leicht variiert, die sich in den letzten fast 30 Jahren tief in das Bewusstsein des Brillenträgers gebrannt hatten. Und die im Spiel nur selten zu Ende gebracht wurden. Aber wenn, dann waren sich alle immer sofort einig: Das ist Basketball. Alles andere ist Zocken. Und darum ging es ja wohl.
Samstag Mittag saß der Brillenträger bereits am Schreibtisch, den Sonntag wollte er sich heute schon freischreiben, er brauchte die Zeit für seine Hausaufgaben, die Tests und Klassenarbeiten kamen routiniert in immer kürzeren Abständen. In zwei Wochen würden die Weihnachtsferien beginnen. Und in zwei Stunden würde er sich zu Fuß auf den Weg machen, quer durch das eingeschneite Quedlinburg und die dick eingemummten Touris, der Teambus würde am alten Bettenlager in der Magdeburger Straße abfahren, die Tour nach Dessau, über die glatten Straßen Sachsen-Anhalts gute 90 Minuten dauern. Dann würden sie sich im Philantropinum aufwärmen, einer Halle, die für ihre Kühle bekannt ist und die nur einen Katzensprung vom Landestheater entfernt liegt. Um 18 Uhr würde des Spiel angepfiffen. Und der Brillenträger würde …; der Brillenträger wusste es noch nicht. Laut der letzten Rückmeldung in der Teamchatgruppe wären sie zu acht. Seine Chancen auf die Starting Five waren ohne sein Zutun also schon ziemlich hoch. Leider auch die Chancen, mehr Spielzeit zu bekommen, als sein Körper bereit war, auf annehmbarem, also nicht teamschädlichem Level spielen zu können. Er biss schon mal die Zähne zusammen. Alles besser, als nur von der Bank aus zuzuschauen.
Egal in welchem Team der Brillenträger in den letzten Jahrzehnten gespielt hatte, zum Starting Pointguard hatte es meist nur bei Personalmangel gereicht. Back up for life! Auch damals, als es zwischen Quedlinburg und Thale zu den berüchtigsten Basketballderbys der Bezirksgeschichte gekommen war: Über eine Spanne von gut zehn Jahren wurde regelmäßig das Parkett der Gegner betreten, und regelmäßig ging es dabei hoch her: Quedlinburger Hochnäsigkeit gegen Thalenser Hitzköpfigkeit. Heute aber würden zwei Gegner von damals gemeinsam auflaufen. Der Coach des aktuellen Quedlinburger Oberligateams und der Brillenträger kannten sich seit über 25 Jahren und hatten am alten Ende dieser Bekanntschaft mehr gegeneinander gespielt, als sie es noch gemeinsam tun würden. Seniorenpunktspiele sind rar gesät. Basketball ist nun mal kein Volleyball.
Aber nicht nur deswegen würde das Spiel bis zum Anpfiff auf der Kippe stehen. Bereits gestern waren so gut wie alle Jugendspiele kurzfristig abgesagt worden; zu viele waren erkrankt. Den Brillenträger überraschte das nicht. Auch seine Schule war über die Woche immer leerer geworden. Und zu gerne hätte er darüber, also über die völlig überraschende Krankheitswelle, die den Kontinent gerade lahmlegte, in seinem Blog geschrieben, wie immer so halb ironisch, aber das Spiel war zu wichtig für ihn, jedes konnte in seinem Alter auch das letzte sein. Wie jung er sich bei diesem Gedanken doch noch fühlte.
4. Dezember
(Stand Samstag Mittag)
S8:Ep6(u) – Much More than the Three Ghosts
– US-Reise gebucht (Fears of my Family): T-200 Tage.
China
– bei der zweiten Gelegenheit (Sonntag): Festnahmen in China,
ein BBC-Reporter ist gehauen worden
– Montag: „Der chinesische Sicherheitsapparat funktioniert“
– blanke Schilder bei den Protesten
Krieg
– Selenskyji warnt am Montag schon vor der nächsten Raketenwelle
– landesweiter Beschuss nimmt täglich zu (Höhepunkt wieder gegen Mitte der Woche)
– Russland hat die NATO davor gewarnt, Patriot-Raketenabwehrsysteme an die Ukraine zu liefern. Medwedjew auf Telegram: Sollte die Allianz die „ukrainischen Fanatiker“ mit Patriots und NATO-Personal versorgen, würden diese sofort zum legitimen Ziel für die russischen Streitkräfte. Unklar ist, ob Medwedew sich auf die Patriot-Systeme, die ukrainischen Streitkräfte oder das NATO-Personal als potenzielles Ziel bezog.
– Do: 6 Millionen Menschen in der Ukraine komplett ohne Strom
– Briefbomben in Spanien bei militärischen Einrichtungen und Botschaften (US, Ukraine)
– Päckchen mit Tieraugen in mehreren ukrainischen Botschaften
– russisches Öl bei 60 Dollar/Barrel gedeckelt (EU und G7)
– BanskyBild aus der Wand geschnitten
– Bachmut vor der Einkesselung
– Exkurs 1: Holodomor-Anerkennung,
Politiker als Historiker
– Exkurs 2: keine Ruhe im Iran (Solidemo an der Uni Leipzig)
– Exkurs 3: Stephanie Frappart ist die erste(!) Frau,
die ein Männer-WM-Spiel leitet, das ist also 2022 immer noch etwas besonderes.
Dass Deutschland nach der Vorrunde ausscheidet, ist dagegen nichts besonderes mehr.
– Trumps Steuerunterlagen endlich beim Kongress eingetroffen
the week Covid came back (again)
– „Warum ist die Übersterblichkeit so hoch?“
– Wenn die Realität kickt:
am Montag waren von 26 Neuntklässlern 12 da,
am Dienstag noch weniger (Grippe + Erkältung + Covid + Unwohl),
am Donnerstag weniger als die Hälfte in allen Klassen,
davon hustet und niest eine weitere Hälfte
– massenhafte Krankmeldungen (flächendeckend, keine Hyperbel!)
– aber in den Heimen müssen schon noch Masken getragen werden?
– Donnerstag: Landkreis Lüchow-Dannenberg (Niedersachsen): 1.184 bei den über 80jährigen
– Samstag: Landkreis Uelzen (Niedersachsen): 1.057 bei den Bestagern
– Engpässe in Kinderkliniken, keine 100 Intensivbetten mehr frei,
telemedizinische Beratung für Eltern, RS-Viren schlagen zu
– Infektionszahlen Ende der Woche: sieht noch nach Plateau aus (knapp über 200 in D)
Energie/Inflation/etc.
– LNG Deal mit Katar (15 Jahre Laufzeit, ab 2026) – #boycotqatar?!
– Inflationsquote stabil
– Preise für Schmalzkuchen auf dem Weihnachtsmarkt nach 5 Tagen um 20% gestiegen
(Qualität gleich bis schlechter, offenbar Preisabsprachen)
– Topdebatte der Woche: Arbeitsimmigration wird deutlich erleichtert? (an die Zukunft denken),
„Opposition“ (alles, was nicht Ampel ist) verschleppt das Notwendige,
weil man das eben so macht…
– Lindner warnt vor Handelskrieg mit den USA
(weil die jetzt den Quadriplewumms vorhaben, still „america first“)
our planet not so blue anymore
– Mauna Lao ausgebrochen (größter Vulkan der Welt, Hawaii) – Unmengen an Lava
– 2022: das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen (Platz 2: 2020/2016)
– pünktlich zum meteorologischen Winteranfang: tagelanger Schneefall
– 308 Tonnen CO2 durch Regierungsflüge bei der Cop27
Luca Magic vs. NBA
– so lala, aber dann: 41/12/12/4 and the W over Golden State (aktuelle Champions)
– Boston dominant wie lange nicht (best record overall),
Jason Tatum neuer MVP-Frontrunner
– KingJames’ Crown Jewels: total points (season + playoffs) all time scoring leader,
Lakers wenigstens wieder Mittelmaß + Auswärtssieg in Milwaukee
Auswärtsspiele sind immer anders. Das ist keine Spielerplattitüde, sondern eine einfache Wahrheit. Sie sind natürlich anders als Heimspiele, aber sie sind auch miteinander verglichen anders. Jedes hat seine eigene Geschichte, und zwar die der Heimmannschaft.
Die Quedlinburger Panthers, die sich seit der Anreise selbstredend „Grey Panthers“ schimpften, obwohl noch nicht mal die Hälfte von sich behaupten konnte es auch zu sein, machten sich fast eine Stunde lang warm, die Gastgeber in Dessau ließen es deutlich ruhiger angehen. Es war schnell klar, wer sich hier seine Kräfte schonen musste. Der Brillenträger machte auch bald einen alten bekannten aus, einen Spieler vom unangenehmsten Typ: Aufbrausend, arrogant, egozentrisch, gerade gut genug für die Oberliga, im Herzen aber mindestens seit 20 Jahren bei den New York Knicks unter Vertrag. Beladen mit Komplexen, die sich im Alter leider nicht selbst ermüdeten, sondern bei Gelegenheit (zum Beispiel bei einem Seniorenpunktspiel) jedes Mal in noch hässlicherer Weise zu Tage traten. Kurz: Jemand, der sich so leicht provozieren ließ, dass es schon fast keinen Spaß mehr machte. Der Brillenträger hingegen hatte, wenn überhaupt, auf den Feldern von Sachsen-Anhalt (Mitte-West) den Ruf, einer der Spieler zu sein, die diese Schwäche bei anderen auszunutzen wissen. Mit nicht mal 1,80 m und bemitleidenswerter Athletik hatte er sich eben schnell was einfallen lassen müssen. Sein Gemüt kam ihm dabei zudem auch selten in die Quere. Ein Spiel, das er nicht mit einem technischen Foul beendete, war in den Jahren selten vorgekommen. Natürlich war er immer im Recht, aber Schiedsrichter sind nun mal unbelehrbar, und Basketballschiedsrichter bilden da keine Ausnahme. Und auch wenn er die Gewaltlosigkeit dieses Spiels mehr als vieles andere liebte, wusste er doch um die Macht eines „guten Fouls“. Seinen ganz eigenen Gameplan hatte er also bereits im Kopf, als der den wirklichen neben dem Coach auf der Bank liegen sah. Er brauchte kurz, bis er die Tabelle verstanden hatte: Starting Five! Aber schon nach drei Minuten wieder raus für einen der beiden besten Spieler des Teams, der sich das ganze bis dahin von der Bank aus ansehen konnte. Clever. Allerdings sollte er nicht als Point Guard, sondern als Shooting Guard spielen, was bedeutete: Drei Minuten reichten auch völlig, Blöcken auszuweichen ist anstrengender als es aussieht.
Die Panthers lagen leicht zurück, als er das erste Mal am vorderen Ende der Bank Platz nahm. Das Spiel hielt bis jetzt, was es versprochen hatte zu werden. Langsam. Einige der Gastgeber waren bereits besorgniserregend rot angelaufen. Auch das war einer der Gründe, warum sich beide Mannschaften früh auf Distanzwürfe verlegten. Und diese fielen auf beiden Seiten plötzlich auffällig gut. Teilweise sogar in Folge; einer der schönsten Anblicke bei diesem Spiel ist die Flugkurve eines Dreipunktewurfes. Der bis zum höchsten Punkt an Geschwindigkeit zu verlieren scheint, um dann per Gravitation, langsam schneller werdend, sein Ziel zu finden. Der Brillenträger hatte dazu nur einmal die Gelegenheit, als er im zweiten Viertel das eine Mal frei stand, verfehlte aber knapp.
Sein hochgehyptes Gegenüber war heute besonders drüber. Im Guten wie im Schlechten. Der Egozentriker vom Dienst hatte bereits drei Dreier getroffen und strotzte nur so vor Überheblichkeit; die Panthers hatten einen Zehnpunktevorsprung verspielt. Nach einem Assist, einem Turnover, einem Fehlwurf und zwei (guten) Fouls, sowie null Punkten seines jeweiligen Gegenspielers, war der Brillenträger bereit, den Rest des Spieles von der Bank aus zu bewundern. Vorher aber musste er dem arroganten Fatzken noch mitteilen, was er für den Grund hielt, dass dieser heute so schlecht um die Nase herum aussah; ein technisches Foul, das niemand bemerken würde, und prompt den ersten Fehlwurf des anderen provozieren würde. Er nickte ihm zu und flüsterte fast: „Weniger Koks!“ Der verwirrte Blick und das Bellen des getroffenen Hundes zauberten dem Brillenträger ein Lächeln ins Gesicht.
Das Ende des Spiels war dann im Wortsinne historisch. So etwas hatte hier noch niemand erlebt. Höchstens einer der Schiedsrichter. Die letzten Punkte waren alles Freiwürfe; so weit so Seniorenliga. Mit einem Punkt Rückstand durften die Gastgeber zuerst. Beide drin. Die Panthers hatten noch 16 Sekunden. Das nächste Foul. Der Brillenträger stand, um die Flugkurve besser sehen zu können, und somit schon vor dem Zischen des Netzes zu wissen, ob der Ball drin sein würde. Der erste saß – wieder Ausgleich. Der zweite auch. Die Führung 4 Sekunden vor Schluss. Dann ein Pfiff, der Treffer zählte nicht. Der Schiedsrichter hatte ganz genau hingeschaut: Übertreten. Also wieder Gleichstand. Auszeit Dessau. Die Spannung war unerträglich schön, die Ansagen im Huddle klar: Kein Foul. Würfe schwer machen. Ruhe bewahren. Totaler Einsatz beim Rebound. Dann Einwurf, schnell irgendein Wurf, daneben, Rebound Quedlinburg, drei Spieler am Boden. Pfiff. Foul? Nein. Abfiff! Das Spiel war vorbei. Unentschieden? In der Seniorenliga gibt es erst beim Rückspiel eine Verlängerung. Kein Spiel für alte Männer, die es sich nochmal beweisen müssen. Denn sowas endet immer mit Verletzungen. Und davon hatte es in diesem Spiel nicht eine einzige gegeben. Nicht mal Blut auf dem Hallenboden. Fast schon Zauberei.

58:58 – ja dann macht ihr es halt im Rückspiel (Heimspiel!!!) klar.
Wer die Spannung liebt…
Das ist der Plan.