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Rearviewmirror (S9b:Midseason Review)

von | 2023 | 9. Juli | Die Kurzgeschichten, Staffel 9b - Blister, Thalenser Kurzgeschichten

 

In Montana hatte er ihn gefunden. Den perfekten Ort. Es gab ihn tatsächlich. Er dachte darüber nach, wie viele solcher Orte es auf der Welt noch gab und darüber, ob es weniger oder mehr wurden, oder ob es eine Art Balance gab. Wurden es an der einen Stelle weniger, wurden es an einer anderen Stelle mehr. Nordamerika kam ihm, ohne dass er sich das vorgestellt hatte, wie einer der Orte vor, an denen das Leben in den kommenden Jahren noch schöner werden würde. Die Winter weniger hart, dafür die Sommer länger und wärmer. Die Gebirgsseen und Flüsse würden noch über viele, viele Jahrzehnte Energie und aufbereitetes Trinkwasser liefern. Die nördlichen Rocky Mountains waren das Skandinavien der USA, der perfekte Ort für den überall sonst zu heißen amerikanischen Sommer.
Am Sonntag Mittag saß er in seinem Campingstuhl auf einem kleinen Only Day Use Rastplatz am Ashley Lake, keine halbe Stunde von Kalispell entfernt. Der Ort war nicht perfekt, weil er hier etwa alleine gewesen wäre, links und rechts waren, in jeweils gut fünfhundert Fuß Abstand, und durch einen schmalen Pfad miteinander verbunden, Menschen (Familien, Angler, Kleinbootsfahrer*innen, die Boot fuhren, die schwammen, die angelten, grillten und sehr gedeckt oder wenig sprachen. Und auch hier saß er, wie überall, nicht weit entfernt von einer Straße. Mitten im Wald und unasphaltiert. Loose Gravel. Er würde das in Wellen kommen und gehende Knirschen langsam fahrender Mehrtonner auf hellen Schotterstraßen nie vergessen. Nein, der Ort war perfekt, weil einfach nichts davon störte, alles passte hierher. Sogar er selbst, irgendwie. Was dem Ganzen aber die absolute Krone aufsetzte: Ein perfekt blauer Himmel über perfekten, überraschend alten, dicken Fichten an einem glasklaren See, der durch den dicht grünen Wald ringsumher grün (Nadelbäume) und blau (Himmel) also türkis in unendlicher Ruhe da lag. Der Brillenträger versuchte etliche Male, diese völlig ungestörte Farbharmonie zu fotografieren. Aber die Kamera musste erst noch gebaut werden, die das hätte festhalten können. Anflüge von Wehmut überkamen ihn, und dieses Mal war es das erste Mal kein Heimweh. Vielmehr kündigte sich bereits jetzt ein zukünftiges Fernweh an, dass ihn heimsuchen würde, jedes Mal, wenn er in den Rückspiegel schaute und keine Berge in Montana mehr sah. Doch bis dahin waren es noch ein paar Tage Zeit, und ein letzter Gipfel wartete noch.
Und natürlich dachte er hier, in einem Wald, kurz vor dem Ende der westlichen Welt, viel an seine eigene Heimat. Er brauchte die sich aufdrängenden Debatten um diesen Begriff hier auch gar nicht erst verscheuchen, denn der für ihn am ehesten an eine Landschaft gekoppelte Begriff von Heimat war und blieb exakt dieser hier: Der Waldsee. Und hier saß er an der perfekten Version davon. In der Gegenwart und in der Wirklichkeit. Nicht nur perfekt für ihn, so kam es ihm vor, sondern für den Menschen überhaupt. Leben direkt an allen lebensnotwendigen Ressourcen: Energie (blauer Himmel all the time, Holz im Überfluss), Wasser (sehr sauber, weil Bergsee), Nahrung (Sammeln und Jagd) und totaler Frieden.

 

Kriegsprotokoll. On the road. Going west. Alone. Woche 71.
Selenskyj ist heavy on tour. Streumunition ist auch okay. Montag: Kiew bezeichnet die Lage an der Front (besonders im Donbas) als „ziemlich kompliziert“. Die russische Militärführung sieht keinen Anlass für eine weitere Mobilisierung. Stattdessen werden die Drohnenangriffe fortgesetzt. Opferzahlen sind inzwischen keine Meldung mehr wert. Vor der Krim stehen russische Urlauber im Stau, die Brücke ist wieder repariert. Den Haag richtet ein Strafverfolgungszentrum ein. Der FSB (Russland) vereitelt einen Anschlag des SBU (Ukraine) auf den Gouverneur der Krim. Die „Wahlen“ im Donbas werden wohl verschoben. Scholz bekräftigt am Telefon „die fortwährende und unverbrüchliche Solidarität“ mit der Ukraine“. Dort wird Unilever auf die Liste mit den Kriegssponsoren gesetzt. Dienstag: Über Moskau werden Drohnen abgeschossen. In Cherson und Sumy sterben Zivilsiten nach russischem Artilleriebeschuss. Stoltenberg hängt noch ein Jahr als Nato-Genersalsekretär dran. Auch in Charkiw werden Zivilsten verletzt. Das brüchige Getreideabkommen scheint endgültig zu scheitern. Der Rubel rutscht erneut ab. Russland verzeichnet seit Jahresbeginn 185.000 neue Soldaten. Moskau und Kiew werfen sich gegenseitig die Planung eines Anschlags auf das AKW Saporischschija vor. Mittwoch: Die gegenseitigen Vorwürfe zum AKW bleiben das bestimmende Thema. Die Ukraine beschießt Makijiwa. In Bachmut kommt die ukrainische Armee nur noch an der Südflanke voran, im Norden gibt es schwere Verluste. Putin sagt ein kommendes Wirtschaftswachstum von 2% voraus. Kursk und Belgorod stehen unter ukrainischem Feuer. Die russische Nachrichtenagentur Tass hat einen neuen Chef: Andrei Kondraschow ist ein Vertrauter Putins. In Kiew explodiert es in einem Gerichtsgebäude. Der Granatenwerfer war bekannt, er soll für den Tod von vier Nationalgardisten im Jahr 2015 verantwortlich sein. Donnerstag: Lwiw wird in der Nacht mit Raketen beschossen, dabei wird ein Wohnblock getroffen, mindestens zehn Menschen sterben. Auch in Cherson schlägt es ein. Selenskyj ist in Bulgarien, weitere Munition beschaffen. Der Kreml weiß momentan nicht, wo Prigoschin ist. In Belgorod schlagen ebenfalls Raketen ein. Human Rights Watch fordert einen Stopp des Einsatzes von Streumunition. Die USA plant die Lieferung von Streumunition. Selenskyj reist nach Prag weiter und fordert nebenbei immer wieder, dass die Ukraine beim Nato-Gipfel nächste Woche endlich eine Einladung erhält. Freitag: Die USA beschließen die Lieferung von Streumunition. ACAB ist dagegen und erinnert ans Osloer Abkommen. Regierungssprecher Hebestreit sagt sinngemäß: Aber Russland hat doch auch… Auch die UN-Menschenrechtskonvention und das internationale Rote Kreuz haben dazu eine entsprechende Meinung. Die Luftabwehr für das Nato-Treffen steht. Russland verstärkt die Flotte im Aswoschen Meer. Wagner hat sein Lager in Belarus noch nicht bezogen. Die Schweiz und Österreich wollen sich dem europäischen „Sky Shield“ anschließen. Stoltenberg kündigt erneut die Schaffung eines Nato-Ukraine-Rats an und bezeichnet Streumunition als Verteidigungswaffe. Joe Biden nennt sie „Übergangslösung“. Selenskyj macht Halt in der Türkei, Vorgespräche zum Nato-Gipfel. Die Gegenoffensive ist, laut den USA, „am Anfang der Mitte“.
Samstag: Biden erklärt, die Ukraine sei noch nicht bereit für einen Nato-Beitritt. Sogar Andre Hofreiter ist gegen Streumunition. Selenskyj schickt ein Video von der Schlangeninsel. In Lyman sterben mindestens neun Menschen durch russischen Artilleriebeschuss. Russland will das NordStream2-Komplett vorm UN-Sicherheitsrat besprechen. Resnikow verspricht, dass die Streumunition nicht auf russischem Staatsgebiet angewendet wird. Wagner ist offiziell im Urlaub, erst danach geht es nach Belarus. Dann, große Überraschung: Selenskyj hat aus der Türkei einige Offiziere mitgebracht, die während der Schlacht um Asowstahl in Gefangenschaft geraten waren, dass es Asowkämpfer sind, wird sogar extra und unkommentiert in der Tagesschau erwähnt. Zurück in der Türkei ernennt er einen neuen Oberbefehlshaber der Nationalgarde. Sonntag: Die „russischen Paramilitärs“ geben dem „Observer“ ein Interview und kündigen weitere Überraschungen an. Duda und Selenskyj erinnern Luzk an die Opfer der Massaker in Ostgalizien vor 80 Jahren (Ukraine ermoderte in zwei Jahren 100.000 Polen). Über der Krim wird eine Rakete abgefangen. Kambodscha erinnert die Ukraine daran, dass Streumunition über Jahrzehnte Auswirkungen hat. Steinmeier sagt, man könne den USA in der gegenwärtigen Situation „nicht in den Arm fallen“. Bidens abschließendes Wort zum Sonntag: Die Ukraine ist das neue Israel.

 

Er kramte in seinen Erinnerungen nach den letzten Augenblicken in seiner Heimat. Bald war es zwanzig Tage her, dass er sich in Thale, Quedlinburg und Berlin von den nähsten verabschiedet hatte. Die Erinnerungen waren bereits deutlich geschrumpft, das Heimweh aber nicht weniger geworden. Mit allen hielt er so gut wie täglich, und so gut es das Funknetz zuließ, Kontakt, schickte und postete Bilder und kleine verbale Schnappschüsse. In Gedanken war und wollte er bei ihnen allen sein. Bei seiner Mutter, die auf die härtere Tour lernte, wie sie gut alt und weise werden würde. An seine Schwester, die ihre Zukunft fest im Auge behielt. An die Brillenträgerin, die ihre Sonnenbrille gerade gerne und oft trug, und die weiterhin die stärkste Kraft des Universums blieb, a mother of three. An all die Freund*innen, die ebenfalls gerade den nächsten Umweg ins echte Leben fanden. Und an die frischen Eltern in Berlin, wo er die alte Welt verlassen hatte. Es hatte zwei Tage lang nur fantastisches Essen gegeben, die junge Familie tat sich schwer, ihr bisheriges Glück zu fassen, und die beiden Brillenträger waren endlich mal gemeinsam irgendwo angekommen; wenn auch nur unten, in der Vinylabteilung vom Dussmann. Später saßen sie bei bestem vietnamesischen Eiscafé und lasen sich im Schatten eines Innenhofs in Mitte aus dem letzten Berghain-Buch vor. Und noch später saßen sie im Park vor der alten Charité, die Gastgeberin forschte für wenige Stunden im Sinne der Heilung bisher unheilbarer Krankheiten und die anderen saßen auf der Wiese unter einem Baum, tranken Bier und diskutierten über Machtstrukturen, Missbrauch und Rammstein. Und darüber, wie sich Deutschland dann doch noch irgendwie aushalten lässt. Am letzten Abend in Berlin war es so schwül wie es im Sommer in Berlin nur sein kann. Das Gewitter jedoch ließ immer noch auf sich warten.
Der Brillenträger hatte dann am Berliner Flughafen gesessen und war wirklich bereit gewesen, sich sein ganz eigenes North America zu erschaffen. So viel wie möglich von dem (und mehr) zu tun, das er sich seit dreißig Jahren nur hinter schwarzen Spiegeln vorgestellt hatte. Und das maximal weit entfernt war von dem Nordamerika, das sein Vater sein eigen nannte. Cowboys und Indianer? Bis man lange zu alt dafür ist? Nein. Baseball, Seattle, Kalifornien! Kobe Bryant, Nirvana, Taylor Swift. 1st Amendment. 2nd Base. Home of the Brave.
Aber er wusste auch da schon, dass die Wochen in den USA ein sehr langsam ruhiger werdendes, aber immer noch aufregend panisches Zittern in der Zeit werden würden, von denen die Menschen in der Heimat sich nur wenig vorstellen konnten. Aber wie beschreibt man auch einen Moment, auf den man mehr als ein halbes Leben gewartet hat, und der sehr bald schon wieder nur im Rückblick zu erkennen bleibt,  der aber erst ab Übermorgen immer noch größer und weiter werden würde als er ihm jetzt schon, in diesem perfekten Moment erschien.
Weit nach Mittag fuhr er wieder zurück in die Stadt, sonst hätte er sich wohl doch noch vollständig in dieser Schönheit verloren. Er schaute dabei nicht ein Mal in den Rückspiegel.

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